Griaß di, Gallusstraß!

Am Sonntag, den 31. Juli sind wir gegen 16 Uhr Ortszeit für fünf Wochen aufgebrochen in das Abenteuer Balkanien 2.0. Mit geringfügiger Verspätung sind wir also nun am 4. September um 18 Uhr 02 allesamt wieder wohlbehalten in Markdorf in der Unteren Gallusstraße in den sicheren Hafen der Heimat eingelaufen. Mit dem neuen Glücksschwein war natürlich auch das alte „Notfall-Büchle für Albanien-Reisen“ mit an Bord. Das Glücksschwein hat uns treue Dienste geleistet und uns viel Zuversicht und Freude beschert. Und auch das Notfall-Büchle hatte am letzten Tag tatsächlich seinen ersten wirklichen Einsatz. Ein echter Notfall, die Mautstation vor dem Tauerntunnel! Alles Geld bis auf den letzten Cent, Lek, Fening, Kuna aufgebraucht. Schreckschock! „Wir können den Tunnel nicht bezahlen“, ruft Jörg entsetzt. „Doch! Hinten im Notfallbüchle stecken immer noch die zwanzig Euro von Bine“, fällt es mir wieder ein! Elf Euro achtzig hat der Tunnel gekostet. Bleibt sogar noch was übrig für weitere Notfälle …

Und jetzt?
Jetzt fragt man sich erst mal, was man alles vermisst hat in dieser langen Zeit. Fragt man die Kinder, sind es zunächst die Freunde und die buchstäbliche „Freizeit“; es ist aber auch der Garten, die Erbsen, der Salat, der See, die Katzen, das Grün der Wiesen, der stetige Wechsel des Wetters. Vor allem aber ist es das Vertraute, das Heimische, das Gewohnte, das Liebgewonnene, das in weiter Ferne hinterm Horizont verschwunden ist und gedanklich doch so nah war.
Fragt man mich, muss ich mich den Kindern in manchen Vermissens-Angelegenheiten anschließen. Fragt man aber weiter, was wir auf dieser Reise gewonnen haben, so erstrahlt nicht nur das Grün der Wiesen durch diese neuen Welt- wie Weitblicke grüner, ist nicht nur der See blauer und das Wetter niemals mehr schlecht (denn nur des Regens wegen sind die Wiesen so grün), und dem Liebgewonnenen und Vertrauten gedeiht eine ganz neue, beinah sakrosankte Bedeutung an.
Wir haben die Fremde und die Weite kennengelernt. Und Nähe „erfahren“. Im wahrsten Sinne des Wortes. Je weiter wir uns Kilometer um Kilometer von Zuhause entfernt haben, waren wir angewiesen auf andere Menschen, auf deren Hilfe und deren Gastfreundschaft. Denn so autark, wie wir immer taten, waren wir gar nicht. Auch wenn uns der Wohnwagen immer ein Dach über dem Kopf geboten hat und uns stets ein Stück Heimat war, war es nichtsdestotrotz ein gutes Gefühl, unter dem Schutz und dem behütenden Auge fremder Menschen zu stehen. Klar, der Mitschuh hat Höchstleistungen vollbracht und sich echt einen Orden verdient, denn mit dem alten Golf wäre diese Reise zum regelrechten Himmelfahrtskommando geworden. Dennoch sind wir hin und wieder an unsere Grenzen geraten. Sei es auf einer bosnischen Gebirgsstraße mit „überhöhter“ Steigung, zu vielen zu engen Kurven und einem fetten LKW gewesen; sei es die beinah unüberwindbare Hürde des Llogara-Passes gewesen; vor allem aber war es mit dem Erreichen unseres Zieles, der Lagune von Butrint, das Gefühl, verdammt weit weg von daheim zu sein. Nicht, dass sich diese Distanz mit dem Flieger nicht gut überbrücken ließe, aber mit dem Wohnwagen im Schlepptau und den verkehrstechnischen Herausforderungen war mit einer mehrtägigen oder auch mehrwöchigen Reise durchaus zu rechnen. Manchmal lag es aber einfach an meinen Selbstzweifeln. Und da muss ich immer wieder an die beiden Polen zurückdenken, die uns am hanebüchenen Holzbrücken-Grenzübergang von Bosnien nach Montenegro mit ihrem Wohnwagen entgegengekommen sind. Da war ich mal kurzzeitig und hinsichtlich der Straßen-, Steigungs-, Brücken- und Zollverhältnisse ziemlich am Ende meiner nervlichen Belastbarkeit (denn kein Mensch fährt hier mit einem Wohnwagen entlang!). Daumen hoch, Lachen im Gesicht, Optimismus und Zuversicht ausstrahlend zogen sie an uns vorbei, winkten aus den offenen Fenstern: „No problem!“ In diesem Moment tat das ganz schön gut! Anything goes. Panta rhei. Sogar im zähfließenden Grenzübergangsverkehr. Und die Brücke? Die wird schon halten und breit genug sein! Schließlich kamen die beiden da auch rüber …

Von der Sprache verstanden wir reichlich wenig, was aber gar nichts ausmachte. Denn Albanisch unterscheidet sich so ganz und gar vom Slawischen, wozu wir hierzulande ja bereits jahrzehntelange Gelegenheit hatten, dieses weiche Zungenstoßen in unseren touristisch-relevanten Sprachschatz aufzunehmen. Die Grammatik des Albanischen indes erschloss sich mir erst nach und nach beim Studieren der Ortsschilder und Landkarten bezüglich seiner bestimmten und unbestimmten Form, vor allem aber durch Nachfragen, was wie heißt und weshalb was so oder so geschrieben wird. Kommunikation war selbstredend, Englisch der kleinste gemeinsame Nenner. Die wichtigsten Begriffe waren mir besonders wichtig: Guten Tag. Auf Wiedersehen. Bitte. Danke. Alles andere ergab sich von allein. Was sich mir aber nicht erschloss, war das Verkehrsverhalten der Albaner. Nicht, dass dies ein aggressives Verkehrsverhalten gewesen war, ganz im Gegenteil. Es war und ist dies von einem selbstverständlichen Chaos geprägt, dass es schon wieder seiner eigenen Ordnung gehorcht und auf das jeder mit ebenso großem Selbstverständnis reagiert. Mein verkehrsregelnder „Einsatz“ am Llogra-Pass sei da nur als ein Beispiel angeführt. Wie schnell man sich solche Gepflogenheiten doch aneignet … Warnblinker an, Motor aus. Egal wo man steht und fährt. Aussteigen. Alle anhalten. Das läuft immer! Jeder fährt drum rum oder wartet stoisch ab, keiner hupt (höchstens zum Überholen, was übrigens eine gute Sache ist). Den Vogel übrigens zeigt auch keiner, einzig vielleicht in den 24 Federn des Wappentieres am Wimpel, auf den die Albaner besonders stolz sind und der für die 24 geschlagenen Schlachten Gjergj Kastriot Skanderbegs gegen die Osmanen allerorts im Winde weht.
Kastrio heißt auch jede zweite Tankstelle und versucht namentlich auf ätherische Weise dem Nationalhelden nahe zu kommen. Wenig heldenhaft, denn der Verbrauch war mit Wohnwagen ziemlich hoch, haben wir haufen-, ja hektoliterweise Benzin verfahren und in den Städten die Abgase der alten Mercedesse eingeatmet. Der Mathematiker unter uns hat noch Urlaub, ich dagegen kann’s nicht mal grob umreißen. Was ich ungefähr abschätzen kann, ist eine gefahrene Strecke von knapp 5.000 Kilometern.
Auf 5.000 Kilometern passiert viel, und man passiert viel. Keinen Kilometer davon möchte ich missen. Nicht jene zäh dahinfließenden auf dem Autoput und auch nicht jene „kurzen“ 15 zum Boracko Jezero, welche gefühlt die längsten Kilometer meines Lebens waren. Denn das gehört zu einer Reise so sehr dazu, wie zum ganzen Leben. Gute wie schlechte Zeiten. Höhen und Tiefen und manche Steigung, die es zu überwinden gilt.
So vieles möchte ich nicht missen, das mir unser Leben hier im mäßig begünstigten Sommer dadurch umso wertvoller erscheinen lässt. Aber einiges werde ich vermutlich mein Leben lang vermissen. Sofern ich dieses Land Albanien, überhaupt ganz Balkanien, nicht wieder bereisen werde(n würde …)
Vermissen würde ich vor allem die vielen unerwarteten und zufälligen Begegnungen. Von solchen Begegnung bleibt ganz schön viel hängen. Auch wenn man sich vielleicht nie wieder im Leben begegnen wird. Mit Stephan und Heidi werden wir vielleicht über unsere Blogs in Verbindung bleiben; Gudrun und Frank sind ein wunderbarer Beweis, dass man auch mit einem großen, schweren Fendt-Wohnwagen so eine Reise wagen kann; Verena und Hendrick sind wir ewig in Dankbarkeit verbunden, da sie uns die einsturzgefährdete Brücke erspart und uns vielleicht vor einer Katastrophe bewahrt haben. Elisabeth und ihr Freund aus Nürnberg „verfolgen“ uns weiterhin und werden im Winter vielleicht auf das neue Buch stoßen, und auch mit Zhanisa und Julian bleibe ich über Facebook in Kontakt. Man sollte sich aber niemals vornehmen, sich wieder zu treffen oder Kontakte zwanghaft aufrechtzuerhalten. Aus Erfahrung klappt so etwas nie! Umso größer ist dann die Freude, wenn man sich irgendwann zufällig an einem völlig unerwarteten Ort über den Weg läuft. Wie Helmut und Tilli aus Fürstenfeld in Ulcinj …

Was haben wir noch gelernt?
Außer einem erweiterten Wortschatz und einem daraus resultierenden lustigen Kauderwelsch haben wir einige Buchstaben aus einem imaginären verstaubten Scrabble-Säckchen herausgekramt und zu zwei in Vergessenheit geratenen Wörtern zusammengestückelt. „Demut“ und „Dankbarkeit“ kam dabei heraus. Das ist zunächst gar nicht so einfach, diese beiden Begriffe in unseren Sprachschatz zu integrieren. Denn diese Twin-Terms haben wir längst ersetzt durch „Geschäft“ und „Kaufkraft“ oder „Leistung“ und „Gegenleistung“. Bezahlt wird mit barer Münze oder Kreditkarte, der Deal besteht in einem angemessenen Produkt oder einer entsprechenden Dienstleistung. Da ist ein „Danke“ nicht vonnöten, handelt es sich doch lediglich um einen wirtschaftlichen Handel. „Ich gebe dir Geld, du bietest mir Nachtquartier und Logis.“ Wenn hierbei nun aber etwas ins Ungleichgewicht gerät, geraten wir schnell an die Grenzen unseres Sprachschatzes. Es fehlen uns schlichtweg die Worte. „Das können wir nicht annehmen“, stammeln wir beschämt ein paar Phrasen und wollen unmittelbar ein monetäres Gegengeschäft abschließen. Man würde sich dadurch gleich besser fühlen, denn so viel Gastfreundschaft und so viel unvoreingenommene Herzlichkeit sind wir nicht gewohnt.
Für den Albaner indes wäre es beschämend, wenn wir diese Gastfreundschaft nicht annehmen würden oder für all die aufgetragenen Speisen und Getränke mit Geld bezahlen wollten. Manche Dinge sind schlichtweg unbezahlbar. Und dann ist mit einem einfachen „Danke!“ mehr gesagt als mit tausend Worten. Faleminderit!

Und zuhause?
Die Tomaten sind von den Nachbarn gegessen (zum Glück der Kinder), der Zuckermais ist reif (Yippiehh!), die Karotten sind in diesem Jahr (mal wieder) klein und krumm geraten, aber lecker; die beiden Kater Karle und Konrad laufen sich vor dem Sofa Rang und Namen ab; der Wohnwagen ist geputzt, der „wandernde Küchenblock“ wieder fixiert und auch sonst einige gelöste Schrauben nachgezogen; der Beschluss ist gefasst, der Hobby packt das nochmals; der Mitschuh wird noch diese Woche gewaschen, damit er wieder aussieht, wie ein ordentlicher Mensch; das Gras ist gewachsen … So hoch, dass der Rasenmäher an seine Grenzen gerät und so viel, um über der ganzen düsteren Geschichte Albaniens einem gesunden Flor auf einem fruchtbaren Nährboden beim Wachsen zuhören zu können.

Idas Freundin Nina hat für unser Haus ein Plakat gemalt: „H  E  R  Z   L  I  C  H    W  I  L  L  K  OmmeninderUnterenGallusstraße!“ (Der Platz wurde knapp!) Auf albanisch heißt das „Miresevini“ (also nicht: „Der Platz wurde knapp!“, sondern „Herzlich willkommen!“)
Denn Platz für „Willkommen!“ ist an jedem Ort und in jedem Haus.

Faria, faria, ho

So lustig das Zigeunerleben auch ist, irgendwann sollten wir wieder zurück in die Zivilisation finden. Kärnten war da nun schon ein ganz guter Anfang. Jetzt wird es wirklich höchste Zeit, dass wir unsere Zelte endgültig abbrechen. Wieviel Zeit zwischen unserem Aufbruch vor fast fünf Wochen und unserem wehmütigen Abschied von diesem großen Abenteuer liegt, lässt sich mitunter an der Sonnenuhr ablesen, die längst ihre Sommerstunden gezählt hat und langsam aber sicher den Herbst einläutet. Die Zeit lässt sich auch ablesen an ein paar kleinen Ringen um die Hüftgegend (die hoffentlich und bei eiserner Disziplin bis zum Gehrenberglauf wieder gänzlich verschwunden sind 🙂 ), auch lässt sich die Zeit buchstäblich an den Haaren herbeiziehen. Und daran ließ sich so sehr ziehen, dass ich heute morgen die dringende Notwendigkeit empfunden habe, einen „Berber“, also einen Frisör in Millstatt aufzusuchen. Denn ansonsten würde die Gefahr bestehen, dass mich mit „langen“ strohblonden Haaren zuhause keiner mehr erkennt 🙂
Langsam heißt es also, wieder in den Alltagsmodus zu schalten. Den heutigen Tag allerdings haben wir noch einmal genutzt, um dieses mir nach wie vor suspekte Kärnten aus der Vogel- beziehungsweise Gipfelperspektive zu betrachten.

Nach dem gestrigen Vorgeschmack hat uns nun heute die geballte Wucht des touristischen Marketingkonzepts dieses alpenländischen Disneylands mit voller Breitseite getroffen. Und dabei wären sie so schön, diese Berge. Wenn sie nur nicht von den Menschen so malträtiert und mit Füßen getreten würden. Dass die Bergsteige längst und allesamt putzige Namen tragen, kennt man auch vom Bodensee. Dass so ein Versprechen stets zum Erlebnis werden soll, auch das ist nichts Neues. Kleine und große Tafeln in regelmäßigen Abständen verweisen andauernd auf irgendeines dieser Bergerlebnisse. „Ort der Kraft“, „Stein der Ruhe“, „Potenzwasser“ (ja, „Potenzwasser“ steht da an einem Bächlein, an dessen munterem Springquell ein Metallbecher angebracht ist, aus dem jeder(mann) trinken kann!). Sitzgelegenheiten, die in ihrem Design an futuristische Liegen beim Psychotherapeuten für großstadtmüde Geschäftsleute erinnern und Tische und Bänke an allen Ecken und Enden zur inneren Einkehr aufrufen. Denn wer sitzt heutzutage noch auf dem Boden, der nicht Yoga macht? So geht es auf diesem Kreuzweg weiter von Station zu Station. Bis das Gipfelkreuz erreicht ist, oder eben das Granattor anstelle dessen. Man kann übrigens nichts falsch machen auf diesen Steigen. Sie sind quasi idiotensicher. Denn Verlaufen ist völlig ausgeschlossen. Erstens, weil weit über der Baumgrenze ganze Schilderwälder es unmöglich machen, vom Weg abzukommen. Und zweitens, weil man vom Sog der Prozession einfach mitgezogen wird.

Jetzt denkt man – erst mal oben am Gipfel angekommen – an eine zünftige Brotzeit. Von wegen! Hier wird nicht gevespert, hier wird getafelt oder vielmehr diniert. Das scheint der letzte Schrei in der Vermarktung der Kärntner Bergwelt zu sein. „Tafeln“ an allen (un)erdenklichen Plätzen. Man muss sich das in etwa so vorstellen: Auf über 2.000 Meter Höhe werden gigantische Holztische und schicke Bänke aufgebaut, die zuvor mit gewaltigem Gefährt auf den Gipfel gebracht wurden. Dann wird eingedeckt. Leinene Tischtücher, weißes Porzellan, Silberbesteck, eine ganze Glasmenagerie … Und es wird dekoriert, was das Zeug hält. Von einer eigens dafür hochbestellten Dekorateurin. Die Speisen sind übrigens auch hochbestellt und werden pünktlich automobil angeliefert. Mitten in freier Wildbahn auf felsigem Grund. Ein Top-of-the-World-Dixieklo habe ich übrigens keines entdeckt. Aber auch dafür wird es eine Lösung geben …
„Die Gäste kommen um 14 Uhr“, erklärt uns die dauerdekorierende Dame freundlich, arrangiert dabei weiter ihre Teller mit geschliffenen Karfunkelsteinen, Preiselbeersträußchen, Herzen und Schildern mit der Inschrift „Alles Liebe“. Fraglos, es ist hübsch anzusehen. Und vor dieser Kulisse ist das gewiss ein gewaltiges Bild.
„Und die Gäste, wie kommen die hoch?“, frage ich.
Die würden unten an der Alm mit einem Gästeführer loswandern. Das darf durchaus mit einem Almauftrieb verglichen werden, was im Prinzip auch nichts anderes ist. Nur dass die Kühe in diesem Fall Touristen sind und der Geißenpeter ein Gästepaul ist. An diversen Stellen sind „Tränken“ und „Futterstationen“ aufgebaut, und die Fußlahmen werden natürlich mit dem Alm-Taxi auf den Gipfel gebracht. Endlich oben angekommen, ist dann tatsächlich immer lauter werdendes Läuten zu vernehmen. Nicht von den Kuhglocken und nicht von den Ziegen, denn die haben längst das Weite gesucht. Aber von den Handys.

Jörg regt sich immer auf, wenn ich mich so aufrege.
„So läuft das“, sagt er, „diese Region lebt fast ausschließlich vom Tourismus. Du tust das doch auch.“
Trotzdem … ich weiß nicht so recht … Wenn etwas keine Dekoration nötig hat, dann ist es diese Bergkulisse. Sie hat auch keine „Wanderer“ nötig, die nichts weiter wollen, als Urlaubserlebnisse und Events auf dem Silbertablett präsentiert zu bekommen. Vielleicht ist das aber einfach die falsche Urlaubsdestination für mich. Obwohl’s den Kindern unumwunden gefallen hat. Auch den Camping Burgstaller fanden sie im Vorbeifahren cool. Fast so cool, wie den Europapark.

Jetzt sind wir also am Einpacken. Die Vorräte gehen zwar immer noch nicht zur Neige, und auch die Klamotten würden noch lange reichen. Heute Abend habe ich endlich meinen Faserpelz wieder angezogen. In der Tasche habe ich das Kärtchen von Alexandar und seinem kleinen Camp „Evergreen“ in Pluzine in Montenegro gefunden. Das war der einzige Abend, an dem es kühl war und uns ein gewaltiges Gebirgsgewitter abends in den Wohnwagen gezwungen hatte.
Aber noch vieles mehr lässt sich nach so langer Zeit und so vielen bereisten Orten im Chaos unseres mobilen Heims finden. Hexenblut aus Albanien, Shampoo aus Bosnien, Olivenöl aus Montenegro, kroatische Kulen, österreichischer Bergkäse. Jedes dieser Fundstücke erzählt eine Geschichte und hinterlässt Erinnerungen. Manche dieser Fundstücke werden im Wohnwagen noch lange, oder gar für immer ihre Spuren hinterlassen. Wie etwa das kleine Bildchen von Gaga. Die Geschichten aber, welche die imaginären Bilder erzählen, bleiben auch dann bestehen, wenn dank des Hexenblutes über unzählige Wunden Gras gewachsen ist (wie übrigens auch über meinen „bosnischen Hinkefuß“, der immer noch nicht ganz genesen ist), das Shampoo den Wuchs beschleunigt hat, Öl, Wurst und Käse längst gegessen sind.

Das letzte mal im Wohnwagen schlafen – und die Kinder eine letzte Nacht unterm Sternenhimmel.
„Look at these iron girls“, zeigte sich gestern morgen unser dänischer Nachbar völlig ungläubig über das nächtliche nächtelange, tagelange, wochenlange Star-Watching der Kinder. Unser Münchner Urgestein hingegen war da wesentlich pragmatischer: „Aufgstond’n wiad! Do kennt’s a mia glai höf’n.“

Unsere beiden „eisernen Ladys“ hingegen freuen sich einfach nur auf daheim. Auf den Alltag. Auf das Ende dieses Zigeunerlebens und ja, sogar ein bisschen auf die Schule.
Faria, faria … farewell.

Leichtes Gepäck

Wie gesagt, man gewöhnt sich an alles. Und da ist der Mensch zum Glück recht einfach gestrickt. Nach dem gestrigen zu erwartenden Culture Clash haben wir uns bereits heute in der Zivilisation des Kärntner Komödienstadls recht gut akklimatisiert. Wir nehmen also wieder Teil am regen Leben alltäglicher Absonderlichkeiten. Mit dem kleinen Unterschied, dass man nach einiger Zeit in der versorgungstechnisch dezentralen Diaspora einen anderen Blick auf die Dinge entwickelt hat. Und von diesen Dingen kann man eben auf ganz schön viele verzichten, von denen man immer geglaubt hat, sie dringend zu benötigen.
Mit leichtem Gepäck sind wir vor fast fünf Wochen aufgebrochen und haben recht bald festgestellt, dass wir immer noch viel zu viel Ballast mit uns rumschleppen. Klamotten, von denen zwei Drittel ungebraucht im Schrank schlummern; Geschirr, wovon mindestens die Hälfte nie verwendet wurde; Lebensmittel, die wir zum Teil wieder mit nach Hause tragen, weil wir erstens nicht in Äthiopien unterwegs waren, weil es zweitens überall etwas zu kaufen gab, weil drittens aus so wenig so viel gemacht werden kann, weil viertens die Gastfreundschaft alles übertrifft, was wir je erlebt haben und hungrige Gäste für den „Gastgeber“ unvorstellbar sind und weil fünftens Sauerkraut mit bayerischen Weißwürsten oder Berner Rösti mit Speck einfach nicht so recht passen wollten.
Jetzt aber passt hier auch nix so recht, zumindest nicht, was das marketenderische Überangebot an Lebensmitteln als auch die touristische Vermarktungen anbelangt, und irgendwie scheint von allem viel zu viel angeboten zu sein.
„Golfplatz“ war das erste Wort, das gestern nach Abfahrt von der Autobahn vor uns aufgetaucht ist. Und dann wollte es überhaupt nicht mehr abtauchen. Scheinbar führten alle Straßen nach Golfplatz.
„Braucht die Welt Orte, die sich Golfplatz nennen?“, fragte ich Jörg.
Er war sich auch nicht ganz sicher. Womöglich aber stieg uns einfach das grüne Grün im Übermaß zu Kopf.
„Braucht die Welt Vegan-Magazine?“, fragte ich noch viel verwunderter im Billa-Supermarkt weiter. Am Allerverwunderlichsten fand ich aber den Teaser des Magazin-Titels, der Lust auf den Inhalt dieses Printproduktes machen sollte: „Veganes Leder aus Ananas“. Jetzt fragt sich natürlich der Nicht-Veganer, was erstens der Energieaufwand ist, um solch ein Pseudo-Leder herzustellen, zweitens, was es bedeutet, ganze Ananasplantagen zu kultivieren, um schließlich Schuhe daraus zu produzieren, drittens, was es für eine Umweltsauerei wäre, die vermeintlichen Rohlederlieferanten zu importieren und last but not least, wo darin überhaupt der Sinn zu sehen ist, wenn rein gar nichts an tierische Herkunft erinnern sollte. So, wie mir auch der Sinn von Sojawürsten, Sojaschnitzel, Sojamilch und artifiziellem Eiersatz verschlossen bleibt. Müssen denn Ersatzprodukten sein, die so tun, als seien sie „das Original“ höchst (un)persönlich, aber in Herstellung und Energieaufwand um ein Vielfaches größer sind, als das Natürliche?
Das ist natürlich eine ebenso müßige wie leidige Diskussion. Aber auch hierbei lassen sich neue, andere Blickwinkel erschließen. Gerade auf so einer Reise in Regionen, die nichts weiter zu bieten haben, als das, was die Menschen mit ihren Händen selbst kultivieren, anbauen und artgerecht halten, erscheinen solche Luxustrends und -Probleme tatsächlich recht dekadent. (Ich weiß, ich werde hier an vielen Stellen anecken, aber selbst von unseren Kindern, die im Umgang mit Tieren sehr kritisch und bedacht sind, wurde ein Tier, sei es eine Kuh, ein Schwein, ein Schaf, eine Ziege oder ein Huhn mit großem Respekt und hinsichtlich seines Lebens in freier Natur mit ebenso großem Genuss gegessen. Nie durfte etwas davon übrig bleiben, geschweige denn, weggeschmissen werden. „Denn das bin ich dem Tier schuldig“, sagt Marlene.)

Was also is(s)t der Veganer, wenn nicht Fisch, nicht Fleisch? Gleich am Eingang im Billa-Markt steht ein hübsch dekoriertes Gemüseregal. Vom Hochglanz-Plakat lächelt ein smarter Südamerikaner herunter, das Branding der feilgebotenen Trendgemüsen verweist auf den imaginären Herkunftsort „San Lucar“. Aus „San Lucar“ kommen klitzekleine Tomätchen in Rot, Gelb, Grün, Orange, ja, sogar in Lila. Alle in Einheitsgröße und Einheits-Eierform. Aus „San Lucar“ kommen auch Gürkchen, die mit einer frischen Gartengurke nicht nur geschmacklich nichts mehr gemein haben, außer höchstens ihre phallische Form, wobei hier das kleine Gürkchen groteskerweise dem großen laut Werbung vorzuziehen ist. In diesem Land der Wundergemüsen wachsen obendrein Paprikaschötchen in allen erdenklichen Farben; von wachsig-weicher Anmut, formvollendet, eines wie das andere; haltbar vermutlich bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Auch birgt dieses Vegetabel-Wonderland eine unüberschaubare Vielzahl an Plastikbechern mit „praktischer Spendevorrichtung“ in einer Größe, die jedes dieser konfektionierten Gemüschen, eins ums andere, entweder in die Hand oder idealerweise direkt in den Mund befördern. „Vegetables to go“ in der stylischen „Green-Box“, nennt sich dieser Trend, und auch die To-Go-Vorrichtung (also der Plasitk-Becher mit Loch im Deckel) ist ein Produkt von „San Lucar“.
Was weiß so eine scheinbare Tomate schon von einer unscheinbaren echten? Von der jede eine andere Form hat, mal etwas angemackelt ist, mal klein, mal groß, aber einfach nach Tomate schmeckt? So ergeht es auch der Gurke und dem Paprika. Vermutlich noch nie die Sonne gesehen einem Gewächshaus entwachsen, welches reines Hors-Sol-Gemüse produziert. Nicht in San Lucar. Aber in Holland, in Spanien, in Südafrika. Und der lächelnde Südamerikaner ist in Wahrheit ein ganz armes Schwein, das aufgefressen wird von der Industrie.

Was man übriges auch nicht braucht, sind Heumilch-Schokolebkuchen, nicht Anfang September, noch nicht einmal im tiefsten Winter. Und ich persönlich brauche auch nicht den Heu- und Bauernhof- und Alm- und Volksmusik-Zauber. Aber ich kenne diesen Zauber nur allzu gut. Denn die Bilder gleichen sich alle. Ob hier oder dort, in Kärnten, in Tirol, in Vorarlberg, Liechtenstein oder am Bodensee. Glückselige Paare, die vierhändig Landkarten halten und sich dabei schmachtend in die Augen blicken. Liederlich geschnürte Bergschuhe an den Füßen, die Freudensprünge über Stock und Stein vollführen. Kinder, die auf Ziegen starren, dabei verzückt lächeln und immer erst im Rudel nicht nur niedlich und authentisch, sondern formatfüllend die Magazine, Broschüren und Homepages dekorieren. Stereotypen über Stereotypen … In der „Zeit“ – die bislang unsere einzige Schnittstelle zur Außenwelt war – war diese Woche ein schöner Artikel: „Keine Burka für Heidi“. Das ist nur eine Art von Sittenstrenge. Premiumwanderwege sind die andere.

Der Kärnter Hochglanzflyer suggeriert „See- und Berg-Berührungen“ (leider fehlt meiner IPad-Tastatur das eingekringelte „R“ für „Registered Trade Mark“). Es wird also vermarktet und rechtlich geschützt, was das Zeug hält. Alm-Taxis brausen durchs Gebirg, bringen schlappe Wanderer von A nach B; die Wanderwege tragen so lustige Namen wie „Deomir-Erzählweg“, „Krebswandermeile“, „Weg der Liebe – Sentiro del Amore“, „Granattorsteig“.
Ich brauche weder den Krebs auf dem Berg noch das Granattor zur Liebe. Mir ist einfach nach Gipfelkreuz und Almwirtschaft zu Mute. Und nach ein bisschen Wildnis und Einsamkeit in den Nockbergen.

Nachdem wir heute den ganzen Tag geradelt sind und sämtliche touristischen Hotspots, samt des grauenhaftesten und verrücktesten Campingplatzes vermutlich weltweit – Camping Burgstaller – auf unserer Radtour abgeklappert haben, wandern wir morgen los. Ohne Weg und ohne Ziel. Ohne Prospekt, ohne Anleitung. Dafür mit Luft nach oben. Vor allem aber mit leichtem Gepäck.

„Du, entschuldige, i kenn di …“

„Gott gebe allen, die mich kennen, noch zehn mal mehr als sie mir gönnen.“ Mit dieser Inschrift am Hof der Familie Neubauer sind wir heute am späten Nachmittag in Kärnten begrüßt worden.
Wir haben also endgültig Abschied genommen von Balkanien. Nach fast fünf Wochen wurde das auch langsam Zeit. Denn nicht nur das Heimweh hat in den letzten Tagen an uns gezehrt. Auch fingen wir schon an, im staubigen Hitze-Delirium von gemähten Wiesen, grünen Almen, alpenländischer Gemütlichkeit und Allgäuer Kühen zu phantasieren. Tomaten, Paprika, Gurken, Weißkraut, Zwiebeln, Cevapcici … irgendwann hat man genug davon und ist vermutlich noch lange am Widerkäuen. Dann sehnt man sich nach Gewittern und Regen, nach Spätzle mit Soß, nach kühlen Abenden nicht im Bikini, sondern in Rumlümmel-Jogginghosen und Daheimrum-Socken, nach fallenden Blättern und fallendem Obst.

Der Herbst scheint hier eingekehrt zu sein. Nicht auf den ersten Blick, denn tagsüber hat immer noch die Sonne Oberwasser. Aber die Abende sind gekennzeichnet vom ermatteten Sommer mit seinem müden Blick zurück auf ausgelassene Zeiten unbeschwerten Easy Goings.
Jetzt sitze ich hier an den Gestaaden des Millstätter Sees unter einem imposanten Apfelbaum, ständig schweben rotbraun-gefärbte Blätter auf meine Tastatur, und hin und wieder purzelt ein Apfel auf meinen Kopf.
„Autsch!“
Marlene lacht und freut sich: „Das fühlt sich hier wieder an, wie daheim. Ob wohl unser Mais reif ist und alles, was sonst noch im Garten wächst?“

Vieles fühlt sich wieder an wie daheim. Da empfinde ich die Inschrift am Neubauer-Hof nur als eine symbolische Geste, die das Leben hier ausdrückt und dennoch so ganz und gar nicht in den Kontext der imaginären Inschrift eines jeden albanischen Hauses passt. Irgendwie umfängt mich ein befremdliches Gefühl, denn in dieser Fremde habe ich tatsächlich ein Stück Heimat erfahren. In all den Begegnungen auf unserer weiten Reise in den tiefen Süden Albaniens hatte das Wort „Gönnen“ zu keiner Zeit jedwede Bedeutung. Ich bin mir sicher – und so sehr die Albaner in ihrer wortarmen Diaspora noch als Entwicklungsland gelten – existiert dieses Wort überhaupt nicht im albanischen Wortschatz. Denn dem Wort „Gönnen“ gehört – um es überhaupt zur Geltung zu bringen – ein anderes Wort entgegen gesetzt, nämlich „Neiden“. Und Neid ist in Albanien buchstäblich ein Fremdwort. Grundsätzlich und in allen Sprachen.

„Ihr hobt’s viellächt Nöavn, den Wohnwogn offen steng loss’n!“
Unser Münchner Wohnwagennachbar (die bayerische Flagge übrigens über dem Sulzemoos-Aufkleber stolz gehisst) tritt zu uns an den Tisch, als wir nach fünf Wochen nichts weiter wollen, als uns demütig einem kalten „Sturz-Wäßbia“ in der Wirtschaft hinzugeben.
„I hob bä äch ois drum rum zua gmocht.“
„Warum? Der Wohnwagen und auch das Auto standen die letzen fünf Wochen Tag und Nacht offen?“, versuchen wir unsere innere Gesinnung auf das Vertrauen und die Gastfreundschaft der Menschen setzend unsere Gewohnheit zu erklären.
„Ihr hobt’s vergess’n, ihr säd’s zruck in Österreich“, fügte er mit der Attitüde eines Franz Josef Wanningers samt seiner unlauteren Methoden hinzu.
Eins zu Null.
Wir sind also zurück in Österreich.

Ich hasse aufgesetzte Freundlichkeit. Ich hasse österreichische Gemütlichkeit. Zumindest dann, wenn sie ein Alleinunterhalter immer nur donnerstags zum Besten gibt. Ein blöder Tag, um anzureisen …

„Du, entschuldige, i kenn di …“
Zum Glück ist nicht jeden Tag Donnerstag, und zum Glück herrscht hier am Campingplatz ein tägliches Kommen und Gehen …

Schau, schau, Schoschonen!

Als morgens um sechs alles noch schlief und auch die Sonne selig in den ewigen Jagdgründen der noch nicht ganz in Vergessenheit geratenen Nacht ruhte, erwachte Schnarchender Schakal.
„Los, Tranige Tüte, lass uns aufbrechen. Der Tag ist noch jung, und unser Weg ist weit.“
„Och nee, Schakal, schnarch noch ein bisschen weiter. Oder lass uns den jungfräulichen Tag geruhsamer angehen und später das große Wasser überqueren.“
„Nein, kommt gar nicht in die Tüte, wir müssen aufbrechen, bevor es der Wind uns gleichtut, und du weißt, der Große Manitu ist unerbittlich, wenn jemand gegen die Naturgewalten aufbegehrt.“
Also schälten sich zwei zerknitterte Rothäute aus ihrem weißgetünchten windschiefen Tipi, schlüpften in ihr Kostüm, was aus Bikini und Badehose bestand, auf Kopfschmuck und Kriegsbemalung wurde großzügig verzichtet – schließlich waren sie in friedlicher Absicht unterwegs – sie machten den Transportsack mit der notwendigen Trinkwasserversorgung sowie die moderne Technik zwecks dokumentarischer Reproduktion startklar und stachen mit den beiden am Ufer vertäuten Kanus, die heutzutage auf den Namen „SUP“ hören, ins Novigrader Meer.
Es wehte bereits zu dieser frühen Stunde eine leichte Brise. Schlechtes Vorzeichen für solch verwegene Mission.
Aber langsam …

Wir haben uns von Gaga, der Buna und Bosnien verabschiedet; der Abschied fiel schwer, in jeglicher Hinsicht. Die Abschiedsgeschenke fielen größer aus, als der kleine Preis, den Gaga für die zwei Tage verlangte. Man kommt sich dabei fast beschämt vor, aber vielleicht sollten wir langsam anfangen, diese Gastfreundschaft einfach für bare Münze zu nehmen und ein bisschen was davon ins eigene Säckel stecken, um es bei Gelegenheit an andere – mir nichts, dir nichts – weiter zu geben. Den Raki in Teilen – oder Schlucken – in Marias Weihwasserfläschchen gefüllt, kann keiner behaupten, dass dieses „Feuerwasser“ nicht heilsame Wirkung bei gleichzeitig seherischen Kräften haben wird.
Jetzt sind wir also zurück in Kroatien. Fast vermissen wir die buckeligen Pisten, die unasphaltierten Pfade, das langsame Durch-die-Geged-Tuckern … Aber nach so langer Zeit abenteuerlichen Offroad-Reisens ist so eine kroatische Autobahn schon ganz schön geil.
Auf Höhe von Zadar am Novigrader Meer haben wir nun unsere Zelte aufgeschlagen. Dieses Meerstück ist so etwas wie eine fjordartige Aus- oder Einbuchtung, die in ein so phantastisches wie traumhaft schönes Meerchen mündet …

Es war einmal ein Indianer, Häuptling der Apachen. Und es wehte also eine leichte Brise.
„Sag mal, Schnarchender Schakal, glaubst du nicht, wir sollten dieses Vorhaben vertagen?“, fragte verunsichert Tranige Tüte.
„Ach was, der Große Manitu ist uns gut gesonnen, und schließlich wollen wir das Pueblo am Rio Pecos noch vor Mittag erreicht haben. Gieriger Durst wartet mit einem kühlen Karlovačko im Saloon auf uns.“
Viele Kilometer eines beschwerlichen Wasserweges lagen nun zu dieser frühen Morgenstunde vor den beiden Rothäuten. Die Sonne schickte sich langsam an, mit einem verhaltenen Gähnen zaghaft über die Berge zu blinzeln, ihre Strahlen blendeten die beiden Paddler auf eine Weise, die sie von göttlicher Eingebungen zu streifen schienen. Der Wind blies vom Land her. Sie kamen zügig voran. Nach gut einer Stunde den Canyon des Rio Pecos erreicht, frischte der Wind zunehmend auf; die Böen aus den Tiefen der Schlucht trieben tosende Wellen gegen ihre beiden SUPs. Entschlossen, das Pueblo bis Mittag zu erreichen, paddelten die emsigen Wetteiferer weiter flussaufwärts. Das Wasser peitschte gegen den Bug, das Paddeln wurde zusehends schwerer, der Wind immer stärker.
„Die Luft scheint mir etwas zu rein zu sein. Los, lass uns von hier verschwinden, Tranige Tüte. Wir trehen um!“, tönte Schnarchender Schakal, schon die Buchstaben verdrehend, so ohnmächtig taumelten seine Worte im Wind.
„Aber was ist mit Gieriger Durst, der unsere Ankunft erwartet?“, tutete Tüte ein markiges Seezeichen in seine Richtung.
„Dem schicken wir eine SMS, wir seien zurück im Tipi bei Dampfender Kaffee.“

Und so traten die beiden Rothäute kleinlaut und unverrichteter Dinge den Rückzug an und zogen flußabwärts wieder hinaus aufs weite Meer. Mit ihnen tat das auch der Wind, der frühmorgens noch für perfekte Rückendeckung sorgte.
„Wenigstens ist der Große Manitu auf unserer Seite“, stellte Schnarchender Schakal sachlich fest, jetzt aber alles andere als verschlafen, als aus dem Wind ein regelrechter Sturm wurde und mit peitschenden Hieben den beiden Rothäuten nun doch noch zu ihrer Kriegsbemalung verhalf. Der Schakal also, im weiteren Verlauf als Fuchtelnder Albatros bezeichnet und Tranige Tüte als Paddelnde Ente mit einem weitaus authentischeren Gefieder ausgestattet, nahmen die Fahrt mit dem Wind auf.

Auf dem Wasser spielten sich nun dramatische Szenen ab. So dramatisch, dass Karl May diese Einstellung unmittelbar abgebrochen und „Aus!“ gerufen hätte. Aber an Ausstieg war nicht zu denken. Während Fuchtelnder Albatros recht gut die Richtung halten konnte, trieb Paddelnde Ente immer weiter ab. Der Sturm blies von der Seite; das sichere Fort mit den heimischen Tipis befand sich auf der anderen. Das SUP samt Ente flog über die tosende See, Gischt schäumte um den Bug, wie Flocken von Schnee …
„Ich kann nicht mehr! Ich bin am Ente!“, schnatterte verzweifelt das Federvieh.
„Halt entlich den Schnabel, Ente! Und paddle!“, argumentierte Albatros völlig vergeblich gegen den Wind.
„Ich werde ertrinken, wenn mir der Sturm das Brett unter dem Hintern wegreißt!“
„Eine Ente ertrinkt nicht! Mime jetzt bloß nicht die Diva.“ Fuchtelnder Albatros war genervt aber so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er alle Nerven für sich und sein SUP in Anspruch nehmen musste.
Bis eben Paddelnde Ente ihre Waffen, ergo ihr Paddel streckte und direkt auf ein Riff aufprallte.
„Ich hab doch gesagt, du sollst Abstand halten, denn die scharfkantigen Felsen zerfetzen bei diesem Sturm und bei dieser Wucht sofort das Brett!“ Fuchtelnder Albatros war am Fuchteln. Vergeblich. Und auch die Ente war nicht mehr am Paddeln, sondern quakte – zwischen den Felsen hin und her gespült – nur noch um Hilfe.

Die beiden Rothäute Fuchtelnder Albatros mit Nicht-mehr-paddelnder-Ente im Schlepptau erreichten schließlich irgendwann und eher an zwei erschöpfte Bleichgesichter erinnernd das Fort mit Müh und Not.
Die Ente lebt! Pierre Brice ist tot.

Der Plot:
Ich wollte unbedingt in den Zrmanja-Canyon, der ins Novigrader Meer mündet und Schauplatz fast aller Winnetou-Filme war. Jörg wollte das zwar auch, aber bloß nicht mit einem dieser Touristen-Tucker-Kähne und schon gar nicht auf einer organisierten Kanu-Safari.
„Dann paddeln wir da frühmorgens hin, solange es noch keinen Wind hat“, war sein Vorschlag. Der sportliche Aspekt sollte dabei natürlich nicht zu kurz kommen.
Am Abend zuvor bei Meeresrauschen, Sternschnuppen und reichlich Wein, fand diese Idee durchaus Anklang bei mir … und ich kam mir sowas von sportlich vor …
„Wie weit ist das denn?“, wollte ich dann doch wissen.
„Vier Kilometer hin, vier zurück und vielleicht noch einen Kilometer rein und wieder raus.“ Ist machbar!
Bei optimalen Bedingungen. Und damit fing’s heute morgen schon an …

Jetzt begebe ich mich in den Liegestuhl und lecke meine Wunden. Die Blasen an den Füßen von den ripsenden Teva-Sandalen, die Schwielen an den Händen vom bis zur Erschöpfung betriebenen Paddeln, die gezerrte Schulter von der Schräglage, der hängende Arm von der einseitigen Überlastung …
Aber ich hör ja schon auf zu jammern … Denn ein Indianer kennt keinen Schmerz!

 

(Diese Mar beschreibt übrigens das Szenario verhältnismäßig beschönigt und harmlos …)

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Gegrüßet seist du, Maria …

Sonntagmorgen in der Herzegovina. Die Glocken wollen überhaupt nicht mehr aufhören zu läuten, viertelstündlich wird zur Messe gerufen, ganze Melodien elektronischer Hochgesänge fallen wie von Übelkeit geplagt bröckelnd vom Kirchturm herunter, die Massen strömen, die Menschen stehen vor geöffneten Türen, weil kein Platz mehr im Inneren ist …
Mostar und die Taten gottlosen Greuels haben wir bereits im vergangen Jahr besucht, heuer wollten wir uns ein bisschen esoterischer der Vergangenheit dieses Landes annähern. Die Frage, ob Gott überhaupt an irgendeinem Ort auf dieser Welt wohnt, wenn nicht in jedem Menschen selbst – und ganz gleich, ob Gott oder Allah Insasse der menschlichen Seele ist – lässt sich in diesem Land nur schwer beurteilen, geschweige denn, verifizieren. Es scheint längst ein Wettrüsten eingesetzt zu haben. Und da werden wirklich schwere Geschütze aufgefahren. Zahllose Minarette zeigen mit ihren spitzen Finger-Zinnen scheinbar spöttisch auf all die Kruzifixe, die in der Herzegovina haushoch den Halbmond-Lanzetten überlegen sind. Jeden Hügel ziert eines dieser gewaltigen Golgotha-Gedenk-Mäler; Kirchtürme schießen wie träge Geschosse kreuzfeuernder Katapulte meist sogar als Twin-Towers aus der glutheißen Erde. Überall wird an Gott, den Allmächtigen erinnert und in so kultischer wie kompromittierender Manier auf seiner Existenz beharrt, ja, geradezu jeden von dieser Tatsache überzeugt und zu dieser Meinung verdonnert. Mohammed scheint hier tatsächlich nur ein kleiner Prophet zu sein. Die Hosen an hat aber an einem ganz bestimmten Ort jemand ganz anderes: die Mutter Gottes höchstpersönlich.

„Medugorje müssen wir uns unbedingt anschauen, wenn wir schon einmal hier sind“, sagt Jörg mit einem leicht spöttischen Unterton. „Denn dieses Spektakel dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“ (Dazu muss gesagt sein, dass das „d“ in Medugorje bezeichnenderweise von einem Querstrich „gekreuzt“ ist, was dieses „d“ zu einem „dsch“ macht, aber meiner Tastatur reichlich egal ist. Tsss …)
Ich hab mich zuvor leider viel zu wenig mit diesem vermeintlich spirituellen Ort beschäftigt, wusste, dass dies in etwa dem „Lourdes des kleinen Mannes“ gleichkommt, dafür aber ein Riesen-Brimborium darum gemacht wird. Ganze Bus-Karawanen reisen Tag für Tag in dieses kleine Dorf in den bosnischen Bergen – anstatt den Zielort an der Windschutzscheibe deklariert, lediglich mit einem schmachtend dreinblickenden Marienbild versehen – vornehmlich Italiener, Polen und Kroaten. Aber selbst Araber sind uns gestern scharenweise begegnet, und klar, auch an vielen deutschen Autos prangt nach dem Erlebnis der Erscheinung nicht nur der geschwungene zweibögige Fisch am blechernen VW-Passat, sondern baumelt auch der Rosenkranz symbolschwanger vom Rückspiegel.
Rosenkränze und Aluminium-Marienamulette werden hier übrigens zum Kilopreis feilgeboten. Wie Erbsen im Supermarkt sind sie hübsch in Plastiktüten abgepackt; die Amulette dagegen kommen wie im Bioladen mit der Schaufelkelle in die Tüte. Dazu gibt es Plastikrosen, deren auf Knopfdruck zu öffnender „Kopf“ Maria und das Kreuz preisgibt. Mutter-Gottes-Bilder in einem Ausmaß, das den Louvre zum Platzen brächte und Kunststoff-Marien-Statuen, von denen Disney-Land nur träumen kann. Weihwasserflaschen „to go“ mit praktischer Spritz-Vorrichtung, heilige Hüte, geweihte Talare mit grauenhaft-kitschigen Stickereien für den heimlichen Hausgebrauch, Nippes, Nippes, Nippes … Weiß Gott wofür …

Weil sechs Kindern am 24. Juni 1981 auf einem Berg oberhalb des kleinen Kaffs inmitten der bosnischen Provinz abends um 18.40 Uhr die Heilige Maria in Fleisch und Blut erschienen sein soll. Auf einer Wolke schwebend, das Jesuskindlein auf dem Arm tragend. Fürderhin tat sie dies, also das tragende Erscheinen jeden Abend zur selben Stunde. Sprach weise Worte und wies von nun an den Weg. Und fürderhin ist das Dorf auf einem guten Weg, mitsamt des scheinschwangeren Marienkultes Jahr für Jahr zu expandieren.
Ein Wunder! Ein Wunder! Und so schnell wurde aus dem Ort eine ebenso verwunderliche Versammlungsstätte für noch wundersamere Gäste aus aller Welt. Und Hotels und Pensionen konnten sich vor deren Ansturm gar nicht retten. Die Elternpaare der vier „Vidioci“, der sogenannten Seher (der ersten Generation, später gabe es noch weitere…), waren fein raus – und mitten im Geschäft.
Längst wird hier gehuldigt, was das Zeug hält, und gebüßt, was die Knie aushalten. Aber Halt! Auch im Büßergeschäft hat der Fortschritt Einzug gehalten, und es lassen sich mittlerweile recht komfortable Kniekissen aus Schaumstoff erwerben. Ich kenne diese Dinger nur aus dem Gartencenter als Unkrautjäthilfe. Aber Unkraut vergeht nicht, und lustig ist der Anblick der ganzen Rucksacktouristen allemal, an deren Backpack diese Bußhilfen unbefangen im Wind baumeln, bevor es gilt, den Erscheinungs-Hügel knielings hochzurobben.

Bevor wir uns allerdings die Überspitzung des christlichen Gedankens vor Augen führen wollten, waren wir in der sommerlichen Hitze zunächst darauf aus, zum mittäglichen Picknick an den Kravnica-Wasserfällen ein so kühles Bad wie Bier zu nehmen. Alleine waren wir an diesem zauberhaften Ort gewiss nicht, und es schien, die Reise-Routen glichen sich alle. Den Meisten der „Wasserfall-Pilger“ war zwar nicht ins Gesicht, dafür auf ihre umgehängte Chipkarte geschrieben, dass sie zu irgendeiner dieser Medugorje-Reisegruppen zählten. Es hatte aber alles noch Zeit. Denn die Erscheinungszeit war erst auf 18.40 Uhr festgesetzt. Man muss sich das in etwa so vorstellen, wie eine Daily-Soap auf RTL. SZGZ auf Bosnisch. Schlechte Zeiten, gute Zeiten. Tag ein, Tag aus. Und alles floß. Nicht nur der Wasserfall, auch der Schweiß.

Die Kinder im Wasser, Jörg und ich „im Urlaub“ beim Mittagschlaf am Beach. Noch ein paar Fotos, bevor es galt, zusammenzupacken und weiterzufahren. Schließlich wollten wir die Maria nicht verpassen.
Dazu gesagt sein sollte, dass mein Foto seit Ulcinj und dem Strandleben mit ein paar Sandkörnern in seinem Getriebe mal mehr, mal weniger gut zurecht kam. In den letzten Tagen eher weniger. Aber nach Gut-Zureden ging’s dann immer wieder.
„Einmal noch Handstand im Wasser“, forderte ich Marlene dazu auf, vor der Kamera zu posieren und war positiv gestimmt, dass die Kamera kaum mehr Zicken machte.
„Auf die Plätze, fertig, los!“
„Mach, Mama! Ich kipp gleich um!“
Marlene kippte, aber es klickte nicht. Die Blende wollte sich partout nicht mehr öffnen. Auch nicht nach langem Probieren, Schrauben und Gut-Zureden.

Ich war nicht nur genervt, ich war verzweifelt. Was sollte ich jetzt tun ohne Fotoapparat? Wer glaubt mir schon, was ich hier so schreibe, ohne „Beweise“ dafür abliefern zu können. Und wie sollte ich um Gottes Willen den Moment festhalten?
Handy geht für mich gar nicht, denn das hat mit Fotografie rein gar nichts gemein. Denn wenn ich all die Handy-Knipser beobachte, frage ich mich, warum Orte besucht und bereist werden. Orte, wo von „erleben“ niemals die Rede sein kann. Code eingeben, idealerweise Fingerprint; wischen, tippen. „Klick“ als elektronisch generiertes Geräusch. Weiter geht’s. Der Rest lässt sich zuhause anschauen … Oder auf Facebook und Instagramm posten, damit auch die „Freunde“ dabei waren und ihren Kommentar dazu abgeben.

Ohne Fotoapparat (oder mit Fotoapparat in Verweigerungshaltung) also nach Medugorje.
„Bitte, bitte, liebe Maria, jetzt hast Du eine echte Chance, Deine Wunder zu beweisen. Und dann glaub ich auch an Dich“, murmelte ich mantramäßig vor mich hin. Immer wieder schaltete ich den Foto ein und wieder aus und vergewisserte mich, dass das Objektiv nicht (oder doch!) funktionierte.
„So läuft das nicht“, sagte Jörg schmunzelnd. „Die lässt sich nicht erpressen. Erst mal musst Du an sie glauben. Die macht nur auf Vorkasse.“
Mittlerweile glaube ich, dass sie eine ganz schöne Ulknudel ist, die Maria. Und mittlerweile glaube ich auch, dass die weiterhin geschlossene Blende an meinem Fotoapparat zu diesem Zeitpunkt zwar ein Zufall ist, mir diese Tatsacht aber dennoch die Augen geöffnet hat. Denn kann es nicht sein, dass man viele Dinge erst hinter geschlossenen Augen sieht und sie dadurch umso klarer und deutlicher wahrnimmt? Und somit erst zum wahren „Seher“ wird?

Die Maria um 18.40 Uhr haben wir verpasst. Es war einfach zu heiß mittags um drei. Wir wollten zum Baden. „Heim“ zum Wohnwagen, der im Schatten an der kühlen Buna stand.
Ich glaube, Gott und die Welt hat Verständnis dafür.

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Aufbauarbeiten

Viele werden sich bei unseren Erzählungen fragen: Wie hält man das aus; vor allem aber: Warum macht man so etwas? Etwas, das mit Urlaub aber auch rein gar nichts zu tun hat? Der Frage angeschlossen und nach dem Semikolon gleich die nächste Suche nach einer Antwort: Macht sowas denn Spaß, oder ist das nicht einfach Dauerstress auf fünf Wochen verteilt und der herbeigesehnte Alltag wohlverdiente Auszeit?
Klar gibt es diese Zauderer und Zögerer, die Reinen-Urlaub-Macher wie die All-Inclusive-Maker. Und ich werde einen Teufel tun, darüber in irgendeiner Weise zu urteilen. Denn in der Tat hat dieses Reisen, wie wir es praktizieren, mit Urlaub wenig gemein, wenngleich es für mich – und ich möchte mal behaupten auch für Jörg und die Kinder – zur expansiven Horizonterweiterung und intensiven Alltagsflucht mehr als förderlich ist.
Wir haben also in den vergangen drei Tagen zweimal ab- und einmal neu aufgebaut. Die „Küchenzeile“ ist seit Tagen dabei, sich selbstständig zu machen und mit gelösten Schrauben durch den Wohnwagen zu wandern, was aktuell einige „Bauarbeiten“ erfordert.

Irgendwie ist so ein Umzug jedes Mal ein bisschen, als ob man sein Haus an einer neuen Stelle errichtet. Man ist auf der Durchreise, wobei nicht die Fahrt und die daraus resultierende Destination, sondern immer der Weg das Ziel ist. Irgendwann beschließt man, just an dem Ort, wo’s einem gefällt, seine Zelte aufzuschlagen – oder eben an dieser Stelle ein Heim auf Zeit zu errichten. Alle paar Tage wieder. Und jedesmal ist Heimat ein anderer Ort.
So waren wir gestern ab Nachmittag und nach Überqueren der Bucht von Koter per Fähre bei Uroš und seiner Familie beheimatet, wo wir bereits im vergangenen Jahr zwei Tage verbracht hatten. Von diesen Tagen freilich hatte ich damals recht wenig mitbekommen, war ich doch von einer fiebrigen Angina außer Gefecht gesetzt. Jetzt wollte ich diesen Ort einfach nochmals besuchen.
Und was soll ich sagen? So, wie in meiner Erinnerung, trotz meines einstigen Fieber-Deliriums heute als Reinzeichnung wahrgenommen, hat dieser Platz nichts von seinem Charme verloren. Die Kai-Mauer an der so wuseligen wie familiären Strandpromenade ist für mich immer noch „Best Place to be“ am Abend, wenn die großen Kreuzfahrtschiffe die „Boka Kotorska“ verlassen und die kleinen Fischerdörfer, die längst keine mehr sind, sondern von einer großen Zukunft träumen, endlich wieder zur Ruhe kommen und zu sich selbst finden – und der Rotwein sein Übriges dazu tut.

„Hey, was macht denn ihr hier?“, ruft’s von unten am frühen Abend, wie wir oben auf unserem warmen Steinmäuerchen unter der Bougainvillea sitzen und dem munteren Treiben zuschauen.
Elisabeth ist heftig am Winken und freut sich sichtlich, uns wieder zu treffen. Ich hab sie noch nicht einmal gleich erkannt, beziehungsweise konnte ich sie nicht unmittelbar einem Ort und einer Begegnung zuordnen, so viele Begegnungen und Orte sind uns auf dieser Reise buchstäblich widerfahren oder wir ihnen.
„Ja klar, Lake Shkodra bei Nico!“, fällt es mir wieder ein. Und klar scheint sie zusammen mit ihrem Freund auf den Spuren unsere letztjährigen Reise zu sein. Viel weiter aber seien sie noch gereist. Ebenso wie wir bis nach Südalbanien. Ob sie auf den Spuren unserer diesjährigen Route waren, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Immerhin aber wussten sie von unserem neuen Blog …

Von Uroš heute morgen herzlich verabschiedet, sind war also zurück in Bosnien angekommen. Die Fahrt hinauf ins Orjen-Gebirge war atemberaubend schön, und hinter jeder Kurve habe ich mich ungläubig geäußert: „Sind wir nicht falsch? Oder hat das der alte Golf letztes Jahr tatsächlich geschafft?“
Jetzt schaffte es der Mitschuh, und zwar locker mit dem Wohnwagen im Schlepptau, wenngleich andere Strecken – selbst in neuen Bergschuhen – den Golf vor eine nicht bezwingbare Herausforderung gestellt hätten. Wie etwa der Llogara-Pass.
Der Grenzübertritt von Montenegro nach Bosnien verlief zum allerersten Mal erstaunlich flink, und die darauf folgende Bergstrecke wurde von nichts mehr unterbrochen als von Einsamkeit, Landschaft, Wildnis und Weite. Und diese Landschaft hält hier ihre Lieblingsrede: Ohne Menschen kein Müll! Reine Luft, reine Weite. Und lediglich verirrte Kühe lungern hier im Weg rum.
„Brauchen die auch einen Pass“, fragt Jörg.
Ich zucke die Schultern.
Wie ohnehin das Schulterzucken ob dieser Landschaft die trefflichste und gleichzeitig unterwürfigste Geste ist. Entweder man benötigt hier starke Nerven oder einen Jeep. Ich habe weder das eine, noch das andere. Was aber nichts ausmacht und irgendwie auch geht … weil Jörg starke Nerven hat und obendrein über Fahrkünste verfügt, die ich andauernd anzweifle. (Hier an dieser Stelle möchte ich mich einmal bedanken für seine Langmut, für seine Nerven, was hauptsächlich meine Anwesenheit anbelangt, vor allem aber für seine Gelassenheit auf dieser Reise.)
Der Süden Bosniens ist ein Landstrich, der mit einer faszinierenden Kulisse aufwartet. Weiße Berge, die suggerieren, trotz unbarmherziger Hitze Schnee auf ihrem Haupt zu tragen. „Bijelasnica“ ist nur ein Name dieser Bergriesen. Und „Bijela“ bedeutet „weiß“. Der Himmel blau, das Land mit staubtrockenem Ocker gepudert, trutzhafte Krüppelgewächse in steinerner Flanke kauernd in kräftiges Dunkelgrün getunkt, Felsausbrüche so weiß wie Schnee … Und die gelegentlichen Minen-Warnschilder so rot wie Blut.
Blut wurde in diesem Land genug vergossen, und dennoch herrscht immer noch nicht wirklich Frieden und Einigkeit auf Balkanien. Keiner weiß wirklich, warum. Auch nicht, worum es jemals ging. Alles scheint irgendwie im Aufbruch und immer noch im Neuaufbau zu sein.

Auch Gaga zeigt sich im Aufbaufieber. Aber nicht auf den ersten Blick. Denn auf den ersten Blick ist hier am River Camp kurz vor Mostar und kurz nach drei alles beim Alten. „Help yourself“ steht nach wie vor auf dem Schild am Eingang, und Gaga glänzt mit Abwesenheit. Auch scheint sich sonst nichts verändert zu haben. Wir helfen uns also selbst und installieren uns direkt am Ufer der Buna (eine andere Buna, als die albanische. Aber scheinbar hören hier viele Flüsse auf diesen Namen).
Die Zeltnachbarn nebenan erzählen von ihren Reisen, während wir erzählen, dass „Gaga“ bei uns so etwas wie „verrückt“ bedeutet.
„Oh yes, he’s such a crazy guy“, lacht der Belgier von Nebenan. Aber ebenso gastfreundlich sei er und seine Familie.
Deswegen sind wir hier. Kurze Zeit später, nachdem die Mama das gröbste „Wildcampen“ geregelt hat, taucht Gaga auf.
„We are back“, sagt Jörg.
„Welcome back“, sagt Gaga. Und lacht. Ein Lachen, das so tief von Herzen kommt, wie der Blick, der aus diesen unsäglich flauschigen Vogel-Strauß-Augen all seine Empathie für dieses „Camping-Geschäft“, vor allem aber für seine Gäste preis gibt.
Etwas verändern müsse er sich und den Platz nichtsdestotrotz, blinzelt er plüschig zwischen seinen ebenso tierischen Segelohren hindurch.
Das Wort „Tourismus“ scheint auch hier angekommen zu sein. Endlich. Denn dadurch erschließt sich ein neuer Wirtschaftszweig. Und das tut diesem Land gut. Anders als in Albanien, scheint Bosnien nach wie vor in einer Art Dornröschenschlaf zu schlummern. Dornenbewehrt, von Minen gespickt, von Vorurteilen gezeichnet. Gegen die Vorurteile ist anzukommen, die Dornen lassen sich roden; nur die Minen, die „bezeichnen“ dieses Land noch für viele, viele Jahre. Sagt Peter von der EUFOR.
Gott sei Dank gibt es exakte Minenverzeichnisse, und tatsächlich waren wir heute auf der Suche nach einem Minen-Warnschild für Marlenes Kinderzimmer.
Nur wenn zwei unmittelbar nebeneinder stünden und eines überflüssig erschiene, könnten wir eines mitnehmen. Auch das sagt Peter. Ansonsten läuft ein anderer Gefahr, buchstäblich aufzufliegen …
Demgemäß beließen wir alle Schilder an Ort und Stelle, und Marlenes Zimmer bleibt somit Zone innerfamiliärer Detonationen.

Der Wind bläst von der Neretva hoch. Das Wasser der Buna verströmt einen unvergleichlichen Sommerduft. Die Grillen zirpen. Die Kinder haben ihr „Flussbett“ aufgeschlagen.
Panta rhei.

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Urlaub auf Balkanien














































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Jetzt reicht’s! Gefühlt muss ich einem panierten Cevapčiči gleichen, braungebrannt, in Sand gerollt, gut gebraten und von einer gleichmäßigen Speckschicht durchzogen. An Ajvar fehlt es gewiss nicht, zumindest nicht optisch. Ich habe Sonnenbrand! Nur die mittlerweile fast schneeweißen Haaren mögen nicht so recht in dieses Balkanien-Bild passen …
Planschen im Meer war schön und gut, Liegen und Dösen am Strand noch besser, der Mini-Haushalt im Wohnwagen ist gemacht, die Betten vom Sande befreit, das Geschirr gespült, ein Buch eben mal angelesen, und ich bin fertig! Mit meinem Urlaub. Ein halber Tag muss genügen.
Und weil ich eben kein „Urlaubs-Mensch“ bin, habe ich heute – der Rundungen wegen – doch noch beschlossen, ein bissle mit meinem Allrad rumzukurven. Jörg und Helmut waren – des Windes wegen – noch einmal bei den coolen Jungs von Kite-Loop, wo sich einmal mehr auf dem Wasser Rang und Namen abgelaufen, ergo abgeflogen wurde. Und die Kinder sowieso glücklich über den Umstand, zusammen mit dem hiesigen Hunde-Quintett Herrinnen über das mobile Heim zu sein.

Was mir hier auf meinen Erkundungstouren letztes Jahr in meiner Bilanz noch fehlte, war der kleine Šasko Jezero kurz vor der Grenze zu Albanien. Verlässt man die Strände und die Küstenstraße und biegt ins Hinterland ab, ist nicht nur der Trubel schnurstracks vorbei, sondern auch Montenegro faktisch zu Ende; und nur eine einzige Straße schlägt diesen Weg ein, wo zu Zeiten der völligen Isolation des Nachbarstaates das Land in einer Sackgasse endete. Noch immer steht hier ein Sackgassenschild. Auch weist an dieser Stelle ein anderes Schild in allen möglichen Sprachen darauf hin, im hintersten Zipfel angekommen zu sein: „Achtung! Das grenzgebiet“. Achtung! Orthographie ist wo anders. Aber Ornitologie zumindest ist hier vorzufinden …
Ein kleiner Pfad führte dennoch weiter, und so kam ich in meiner Neugier nicht umhin, einfach noch ein Stück weiter zu radeln. Bereits auf dem Weg dorthin, als ich mich mehrmals verfahren hatte, fielen mir weitaus mehr entgeisterte Blicke zu als hilfreiche Hinweise. Ob ich mit dem Fahrrad nach Albanien wolle, wurde ich gefragt und für dieses vermeintliche Vorhaben fast für verrückt erklärt. Die Straße aber, nein, die war keinem bekannt. Ich solle doch gefälligst die große rote Hauptstraße der Küste entlang nehmen. Da fahren nämlich alle. Alle, die hier Urlaub machen.
Jetzt bin ich erstens nicht alle und zweitens mache ich auch nicht (mehr) Urlaub. Und drittens war ich endlich mutterseelenallein. Um mich herum Sumpflandschaft, Salinen, Wildnis, immer wieder mal ein bäuerliches Gehöft, Orangenplantagen, Granatapfelbäume und ganze Feigenwälder. Die letzte behauste Bastion in der montenegrinischen Grenzregion erreicht, war dann wirklich Schluss. Kein Weg mehr, nur noch ein Bergrücken vor mir, und der Grenzfluss Buna (oder Bojana, wie sie in Montenegro heißt) dazwischen. Den See „entdeckte“ ich auf diesem Wege nicht, dafür das Flussufer.
Dass hier unmittelbar an der Grenze zu Albanien längst nicht mehr scharf geschossen wird, davon ging ich jetzt einfach mal aus. Dass mich aber womöglich die albanische Grenzpolizei von irgendeiner Warte aus beobachtete, wie ich mit meinem Allrad und meinem großen Rucksack einen Trampelpfad an’s Wasser suchte, das konnte ich mir durchaus vorstellen.
Egal. Es war einfach zu schön, um umzukehren. Das gefrierfachkalte Nickšičko-Pivo am Ufer aus dem Rucksack ausgepackt, das zwar nach längerer Fahrt in größter Hitze seine allerletzten Eiskristalle schon lange zuvor eingebüßt hatte, war trotzdem an diesem Ort das Beste, was mir passieren konnte. Es passierte ja sonst nichts. Außer vielleicht die vielen Eisvögel, die sich so akrobatisch wie flink über die Wasseroberfläche katapultierten, oder die alligatorgroßen Eidechsen in ihrem giftgrünen Flecktarn, die regelmäßig über den Weg liefen.
Bis eine leere Patronenhülse im Wasser an mir vorbei trieb. Zeit, aufzubrechen. Man soll Fortuna nicht herausfordern …
Von Albanien trennten mich zirka 200 Meter Wasserweg durch langsam dahinströmendes klares Blau. Durch diesen Strom entleert sich der Liqeni i Shokdrës, der Shkodra-See, ins Meer, der unsere erste Station in diesem fremden Land war. Nun saß ich auf der anderen Seite, sah dem Fluss beim Fließen zu und fand, um es mal nicht zu pathetisch auszudrücken, dass auf dieser Reise bis jetzt alles ganz schön im Fluss war und sich hier an dieser Stelle der Kreis wieder schloss.

Albanien wird ab morgen nur noch eine ferne Ahnung sein. Wir werden weiter heimwärts ziehen und unsere Zelte in der Bucht von Kotor aufschlagen.

„Mama, gehen wir heute noch in die Stadt zum Shoppen?“, fragten mich die Kinder, als ich wieder zurück war.
„Oh nein. Ich bin ziemlich erledigt, das war für heute Nachmittag einfach zu viel“, räumte ich erschöpft ein.
Das kommt davon, wenn man mal einen halben Tag Urlaub macht …

 

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Bye, bye, Albania

Ein zweites Mal haben wir uns gestern Morgen von Heidi und Stephan verabschiedet. Vermutlich auf dieser Reise das letzte mal. Während die beiden noch ein bis zwei Tag in Berat verweilen wollen, haben wir uns auch endgültig, zumindest für diesen Sommer, von diesem Land verabschiedet. Es fällt schwer, dieses Land zu verlassen, obwohl sich langsam so etwas wie Heimweh einstellt. Und es fällt noch viel schwerer, diese Menschen zu verlassen. Es ist ein Land voller Gegensätze. Armut und Reichtum in einem unausgewogenen Verhältnis. Korruption immer noch an allen Ecken und Enden, obwohl eine großangelegte Kampagne zumindest darauf aufmerksam machen soll. Und an diesem buchstäblichen Brennpunkt stinkt immer noch und immer wieder etwas gewaltig zum Himmel. Und wenn es nur eine in Brand gesteckte „illegale“ Mülldeponie ist. Es ist ein Land, in dem nach wie vor politische Uneinigkeit herrscht, in dem noch vielerorts eigene Gesetze gelten. Wie etwa hoch oben im nördlichen Bergland der Kanun immer noch über allen Gesetzen steht und nichts und niemand dagegen ankommt. Auch ist dies ein Land, das nach wie vor großen Drogenproblemen gegenübergestellt ist. Es sei zwar nicht wirklich legal, Cannabis im großen Stil anzupflanzen, sagt Zhanisa, aber zumindest wird es nicht konsequent geahndet. Gerade das berüchtigte Dorf nur ein paar Kilometer weiter entfernt von ihrem Wohnhaus – Lazart – erlangte selbst in den deutschen Medien erschütternde Berühmtheit durch den von der internationalen Mafia kontrollierten Hanf-Anbau. Zwar sei dieses Dorf und seine dubiosen Machenschaft seit geraumer Zeit ausgehoben, fügt Zhanisa an, dennoch wird jeder Neugierige davor gewarnt, sich auch nur in die Nähe zu wagen. Es könne durchaus passieren, dass ohne Vorwarnung scharf geschossen würde.
„Ich wusste nicht so recht, wo ich mich gerade befinde“, sagt Jörg etwas konsterniert, als er vom Laufen zurück kam. „Ich hab dann ziemlich Gas gegeben.“ Denn den Namen des Dorfes hatte er vergessen, nur wusste er, dass es sich hier ganz in der Nähe befinden musste.
„Nein“, lacht Zhanisa. Lazart läge auf der anderen Tal-Seite. Hier sei er sicher. „Only the dogs are dangerous“, ergänzt sie und ist sichtlich erstaunt, dass es Menschen gibt, die hier durch diese Dörfer joggen.

Erstaunt ist das passende Wort, wenn man an die Dörfer denkt. Aber wenn man die Landschaft vor Augen hat, reicht dieses Wort nicht aus, um das Er-Staunen darüber zu beschreiben. So klein dieses Land ist, so gewaltigen ist seine landschaftliche Vielfalt. Den Norden dominieren die Albanischen Alpen mit ihren schroffen und nur beschwerlich zu erreichenden Hochebenen. Tiefebenen prägen die nördlichen Küstengebiete, die mit ausgedehnten Lagunen und einer Artenvielfalt an Tieren aufwarten, die mit der Arche Noah vergleichbar sind. Die südliche Küste wiederum übertrifft mit ihrer mediterranen Schönheit, mit den Stränden und dem türkisfarbenen Wasser alles, was ich bisher an Küsten gesehen habe. Zwischen den vielen Gebirgszügen befinden sich endlos scheinende, fast menschenleere Steppenlandschaften, durch welche die großen Flüsse wie Devoll, Drinos, Osum, Shkumbin, Vjosa ihr breites, zerwühltes Bett aufgeschlagen haben und sich darin ungestört und ungebändigt wälzen. Auch ist dies ein Land, das auf eine lange Geschichte zurück blickt. Die Illyrer, die Griechen, die Römer, die Osmanen, Slawen, Bulgaren, Aromuren, Walachen … Ali Pascha Teplena, König Zogu und natürlich der große Nationalheld Skanderbeg … Alle hatten ein bisschen mitgemischt und ihre Spuren hinterlassen. Spürbar ist das nicht nur an den imposanten Kulturschätzen dieses Landes, sondern eben auch an der Küche. Selten haben wir besser gegessen, nie sind wir fürstlicher bewirtet worden. Die Küche ist denkbar einfach und ungekünstelt. Ohne Schischi und ohne jegliche Arroganz (von was man in unseren Sterne-Restaurants oftmals und durchaus sprechen kann). Es wird das zubereitet, was die Erde bereithält. „Das Schwein ist vom Nachbar“, sagt Julian am Abend unseres Barbecues. Der verhängnisvolle Wein indes war der eigene. Das Gemüse kommt aus dem Garten, der Käse von den Schafen und Ziegen. Und die Sterne, die gibt’s gratis dazu in fünfmillionenfacher Ausführung am Himmel.
„Oh no! Never! The chicken are all the pride of my mother“, fügt er entsetzt an, als wir ihm beim abendlichen Zusammensitzen vorschlagen, den Hang hinter dem Haus als zusätzliche Zeltwiese zu nutzen. Aber dann könnte er doch wenigstens die Eier an seine Camping-Gäste verkaufen, denken wir uns gleich ein Marketingkonzept aus. Nein, die Eier würden sie alle selber verwenden. Aber selbstverständlich könnten wir jederzeit welche bekommen. Nicht für Geld. Einfach so.
Alles in allem bietet nicht nur die albanische Küche, sondern vor allem die unterschiedlichen Menschen eine wunderbare Mischung sämtlicher Kulturen und ihrer vielen Köche, die den Brei nicht verderben, sondern auf’s Allerbeste bereichern und verfeinern. So, wie unser Barbecue in dieser klaren Sternennacht.

Nun sind wir also hin und weg. Gut fünf Stunden haben wir für die knapp 200 Kilometer benötigt, bis wir den Grenzübergang Muriqan nach Montenegro erreicht hatten. Das klingt wenig an Strecke, ist aber ganz schön viel, wenn man mit Straßenverhältnissen und Fahrweise vertraut ist. Es kann sein, da läuft es mal ganz gut, bis dann abrupt der Straßenbelag wieder endet und es über eine holprige Schotterpiste nur noch im Schritttempo weitergeht. Auch ist das Fahren auf der sogenannten Autobahn ein echtes Erlebnis. Da wird alle paar Meter Gemüse angeboten, Mais gegrillt, da warten Menschen darauf, mitgenommen zu werden, während Eselskarren, Fahrräder und Ziegenherden gegen die Fahrtrichtung fahren, laufen, blöcken und im Weg rumstehen.

Auch wir standen gegen 14 Uhr im Weg rum. Nämlich an der Grenze. Mit dem wehmütigen Blick zurück, der übrigens sehr, sehr lange andauerte, waren wir nach einer Stunde Wartezeit zurück in Montenegro. Ein Stück näher Richtung Heimat. Wenngleich immer noch verdammt weit weg.
Das ist das Schöne daran, irgendwo anzukommen, wo man schon einmal war und sich auskennt. Das „Safari-Camp“ in Ulcinj ist also für die nächsten ein, zwei Tage unsere Heimat auf Zeit. Und ganz langsam wird es auch Zeit, dass ich einfach mal Urlaub mache. Ich kenne den Ort hier, kenne die Gegend und die Landschaft, habe im vergangen Jahr sowohl die Stadt, als auch die Umgebung mit dem Fahrrad erkundet. Jetzt stehen wir direkt am Strand, der Wind bläst. Jörg war gestern Abend zum ersten Mal mit dem Kite auf dem Wasser; der Trubel der vergangene Tage, begleitet von so vielen schönen Begegnung, gemeinsamen Abenden, spannenden Erzählungen und wundervollen Bekanntschaften verlangt nun in der Tat nach etwas Ruhe. Ich werde also jetzt damit beginnen, einmal nichts zu tun …

„Ich hab doch gleich den Kiteschirm und die Figur auf dem Surfbrett erkannt.“
Das gibt’s doch nicht! „Wo kommt ihr denn her?“
Wir sind völlig perplex, als Helmut und Tilli aus Fürstenfeld am frühen Abend vor uns stehen.
„Vor zwei Stunden sind wir hier angekommen“, lacht Helmut.
Aus mit der Ruhe! Letztes Jahr sind wir uns zufällig im Surfurlaub in der Toskana begegnet, dann haben die beiden sich uns angeschlossen und sind mit uns weiter zum Idrosee gezogen. Eine ganze Zeitlang war man noch über Windverhältnisse und Kitespots per Whats App in Kontakt. Der hat sich irgendwann in Luft aufgelöst.
Jetzt herrscht hier ganz schöne Bise, die Männer und auch Tilli sind zum nächsten Kitespot mit Rescue aufgebrochen (denn der Wind ist ablandig und das bedarf eventuell eines Rettungsbootes), und ich mache mich gleich mit meinem Allrad auf und fahre hinterher …
Der Urlaub muss warten!

 

… auch die Bilder. Vorbei die Zeiten des schnellen WLANS 🙁

 

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Anagrammatik im Neverland

„I need dringend a watercock!“. Man kann mit manch sprachlicher Verballhornung kokettieren, man kann sich aber auch den allergrößten Blödsinn angewöhnen. Wie eben den „ausdrücklichen“ Wasserhahn, den ich heute auf meiner Radtour ganz dringend benötigt hätte, oder die gestrigen Oliven, von denen „only a handvoll“ gelangt hätte. „Des langt“ klingt ziemlich albanisch, und „Deslangt“ hat die Marktfrau dann auch ganz schnell in ihren Sprachschatz aufgenommen. Wir waren uns also einig.
„Oh, he brings se after-table“, waren Stephans überraschte Worte, als Julian nach dem Barbecue eine Schüssel Melonenschnitze auf den Tisch stellte und nachdem es als „before-table“ „scrumbled eggs wiss Wurscht“ gab.
Man versteht sich. Und das, obwohl der eine die Sprache des anderen nicht versteht. Englisch ist der größte gemeinsame Nenner, aber unterm Strich bleibt dabei ganz schön viel auf der Strecke, was letzten Endes nur mit Händen und Füßen zu erklären ist.
Gestern Abend zum Beispiel war es der Imam in der Xhamia Mmbret, Berats Königsmoschee, der mir einmal den Koran rauf und runter erklärt hat, was ich anschließend an die Kinder genauso weitergegeben habe.
„Mama, was hat der eigentlich für eine Sprache gesprochen?“, fragte mich Ida.
„Ich glaube Italienisch.“
„Seit wann kannst du denn Italienisch?“
„Weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich Koran kann. Aber so viel habe ich verstanden, dass der Mufti in etwa das darstellt, was bei uns der Mini ist. Und dass es Großmuftis und Oberminis gibt.“

Es ist faszinierend, wie sich alle Sprachen, alle Kulturen und alle Religionen hier mischen. Und wie sich die Worte mischen. Sogar die Buchstaben mischen sich in diesem Land … zu einem neuen Begriff.
Lange habe ich nach diesen Bergen gesucht, in denen der Schriftzug „ENVER“ aus kommunistischer Zeit gleich einem riesigen Tattoo in einen gewaltigen Bergrücken eingraviert ist. Nichts Genaues wusste ich nicht, nur dass diese Berge sich irgendwo in der Nähe von Berat befinden mussten.
Zu Zeiten, als es galt, dem großen Diktator alle Ehre zu erweisen, wurde zu propagandistischen Zwecken sein Name in die Flanke des Berges Shpirag geschlagen. Immer noch dominieren die 100 Meter hohen und 60 Meter breiten Lettern die Skyline nördlich von Berat, Albaniens Ältester und geschichtsträchtigster Stadt. Nach dem endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus 1994 mit Napalm bombardiert, um die letzten Spuren dieser düsteren Vergangenheit völlig zu verwischen, ließen sich die imposanten Versalien dennoch nicht gänzlich ausradieren. Und somit wurde im Rahmen eines groß angelegten Projektes aus den beiden ersten Lettern mit Zuhilfenahme gewaltiger Weiß-Wasch-Pumpen und ganz gehörig viel Menpower ein symbolisches Anagramm geschaffen, das diese Berge, zumindest aber diese düstere Epoche der völligen Isolation unter der Diktatur Enver Hoxhas, in ein anderes Licht, ergo in eine andere Begrifflichkeit rückten. ENVER – NEVER.

„Schau mal, da steht es ja!“, rief Jörg gestern Abend begeistert, als wir auf der Kabelbrücke über dem Osum gestanden haben.
Wenn man wollte und nur genau hinschaute, konnte man den Schriftzug tatsächlich erkennen. Nur war das dämmrige Abendlicht dermaßen schlecht, dass selbst der beste Fotoapparat an seine Grenzen gestoßen wäre. Und der meinige war nicht nur an seine qualitativen Grenzen, sondern vor allem an seine „akkustischen“ Grenzen gestoßen. Also musste ich heute Mittag noch einmal los, nachdem der Akku frisch aufgeladen war. Frisch aufgeladen war auch die Sonne, und die tat ihr Bestes, damit ich mit meinem Centurion Allrad nach zirka 15 Kilometern Hauptstraße schweißgebadet und völlig dehydriert Berats Altstadt erreichte. Der „Watercock“ war nur das Wenigste, was ich benötigte. Auch benötigte ich einen Abstellplatz für mein Fahrrad …
Der dagegen war so schnell gefunden, wie ein launiges Gespräch über den Zaun gebrochen, welcher wiederum nicht die geringste Barriere darzustellen schien. Noch nicht einmal eine Sprachbarriere hielt mich von der Verständigung mit einem alten Mann ab, der nicht nur sein Gemüse vehement verteidigte und in seinem klitzekleinen Laden anpries, sondern fürderhin auch mein Fahrrad. „German?“, wollte er interessiert wissen. Als ich diese Frage bejahte, fing er unmittelbar damit an, mein Hightech-Vehikel genauer unter die Lupe zu nehmen. Strich über das Reifenprofil, kontrollierte den Luftdruck und war sichtlich beeindruckt von Schaltung und Technik. „German good!“
Selbstverständlich würde er dieses Gefährt bewachen, solange, bis ich wiederkäme. Würde ich erst morgen wieder kommen, bin ich mir sicher, würde er die ganze Nacht vor seinem Laden sitzen und aufpassen, damit dem Rad nichts passierte.

Noch etwas habe ich außer dieses Ehrenkodexes der Albaner heute auf meiner Expedition in Erfahrung gebracht. Hoch oben auf dem Berg außerhalb der Burgmauern: Eine kleine unscheinbare Scheunenkirche. Von Natursteinmauern umfriedet bin ich unter einem Zaun hindurchgeschlüpft. Vor mir stand, oder ich vor ihm, ein Gebäude, das so ganz und gar nicht an eine Kirche erinnerte. Nicht umsonst tragen diese Kirchen in allen Teilen der Welt den Namen „Scheunenkirche“. Nichts durfte jemals daran erinnern, dass Christus in dieses Haus eingezogen sein könnte. Nicht unter der Herrschaft der Osmanen, nicht im Zweiten Weltkrieg, nicht im Kommunismus. Und nichts durfte Hinweis darauf geben, dass all die Christen sich unter dem Deckmantel der vermeintlichen Scheune vor ihren Widersachern versteckten.
Als einen magischen Ort empfand ich diesen heimlichen Platz auf Berats höchster Höhe heute. Über der Kalaja gelegen, mit dem Tomorri, dem heiligen Berg der Bektaschi im Blick, den Osum zu Füßen und nichts über mir, außer das Blau des Himmels, das sich göttlich zu erkennen gab in den beiden Türen zu diesem vermeintlichen Stall.

Es ist wenig, was einen bewegen kann, um den Blickwinkel zu verändern. Ein Funken Hoffnung. Ein kleines Blau. Oder Big Blue.
Stephan und Heidi sind wieder hier!

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