Schau, schau, Schoschonen!

Als morgens um sechs alles noch schlief und auch die Sonne selig in den ewigen Jagdgründen der noch nicht ganz in Vergessenheit geratenen Nacht ruhte, erwachte Schnarchender Schakal.
„Los, Tranige Tüte, lass uns aufbrechen. Der Tag ist noch jung, und unser Weg ist weit.“
„Och nee, Schakal, schnarch noch ein bisschen weiter. Oder lass uns den jungfräulichen Tag geruhsamer angehen und später das große Wasser überqueren.“
„Nein, kommt gar nicht in die Tüte, wir müssen aufbrechen, bevor es der Wind uns gleichtut, und du weißt, der Große Manitu ist unerbittlich, wenn jemand gegen die Naturgewalten aufbegehrt.“
Also schälten sich zwei zerknitterte Rothäute aus ihrem weißgetünchten windschiefen Tipi, schlüpften in ihr Kostüm, was aus Bikini und Badehose bestand, auf Kopfschmuck und Kriegsbemalung wurde großzügig verzichtet – schließlich waren sie in friedlicher Absicht unterwegs – sie machten den Transportsack mit der notwendigen Trinkwasserversorgung sowie die moderne Technik zwecks dokumentarischer Reproduktion startklar und stachen mit den beiden am Ufer vertäuten Kanus, die heutzutage auf den Namen „SUP“ hören, ins Novigrader Meer.
Es wehte bereits zu dieser frühen Stunde eine leichte Brise. Schlechtes Vorzeichen für solch verwegene Mission.
Aber langsam …

Wir haben uns von Gaga, der Buna und Bosnien verabschiedet; der Abschied fiel schwer, in jeglicher Hinsicht. Die Abschiedsgeschenke fielen größer aus, als der kleine Preis, den Gaga für die zwei Tage verlangte. Man kommt sich dabei fast beschämt vor, aber vielleicht sollten wir langsam anfangen, diese Gastfreundschaft einfach für bare Münze zu nehmen und ein bisschen was davon ins eigene Säckel stecken, um es bei Gelegenheit an andere – mir nichts, dir nichts – weiter zu geben. Den Raki in Teilen – oder Schlucken – in Marias Weihwasserfläschchen gefüllt, kann keiner behaupten, dass dieses „Feuerwasser“ nicht heilsame Wirkung bei gleichzeitig seherischen Kräften haben wird.
Jetzt sind wir also zurück in Kroatien. Fast vermissen wir die buckeligen Pisten, die unasphaltierten Pfade, das langsame Durch-die-Geged-Tuckern … Aber nach so langer Zeit abenteuerlichen Offroad-Reisens ist so eine kroatische Autobahn schon ganz schön geil.
Auf Höhe von Zadar am Novigrader Meer haben wir nun unsere Zelte aufgeschlagen. Dieses Meerstück ist so etwas wie eine fjordartige Aus- oder Einbuchtung, die in ein so phantastisches wie traumhaft schönes Meerchen mündet …

Es war einmal ein Indianer, Häuptling der Apachen. Und es wehte also eine leichte Brise.
„Sag mal, Schnarchender Schakal, glaubst du nicht, wir sollten dieses Vorhaben vertagen?“, fragte verunsichert Tranige Tüte.
„Ach was, der Große Manitu ist uns gut gesonnen, und schließlich wollen wir das Pueblo am Rio Pecos noch vor Mittag erreicht haben. Gieriger Durst wartet mit einem kühlen Karlovačko im Saloon auf uns.“
Viele Kilometer eines beschwerlichen Wasserweges lagen nun zu dieser frühen Morgenstunde vor den beiden Rothäuten. Die Sonne schickte sich langsam an, mit einem verhaltenen Gähnen zaghaft über die Berge zu blinzeln, ihre Strahlen blendeten die beiden Paddler auf eine Weise, die sie von göttlicher Eingebungen zu streifen schienen. Der Wind blies vom Land her. Sie kamen zügig voran. Nach gut einer Stunde den Canyon des Rio Pecos erreicht, frischte der Wind zunehmend auf; die Böen aus den Tiefen der Schlucht trieben tosende Wellen gegen ihre beiden SUPs. Entschlossen, das Pueblo bis Mittag zu erreichen, paddelten die emsigen Wetteiferer weiter flussaufwärts. Das Wasser peitschte gegen den Bug, das Paddeln wurde zusehends schwerer, der Wind immer stärker.
„Die Luft scheint mir etwas zu rein zu sein. Los, lass uns von hier verschwinden, Tranige Tüte. Wir trehen um!“, tönte Schnarchender Schakal, schon die Buchstaben verdrehend, so ohnmächtig taumelten seine Worte im Wind.
„Aber was ist mit Gieriger Durst, der unsere Ankunft erwartet?“, tutete Tüte ein markiges Seezeichen in seine Richtung.
„Dem schicken wir eine SMS, wir seien zurück im Tipi bei Dampfender Kaffee.“

Und so traten die beiden Rothäute kleinlaut und unverrichteter Dinge den Rückzug an und zogen flußabwärts wieder hinaus aufs weite Meer. Mit ihnen tat das auch der Wind, der frühmorgens noch für perfekte Rückendeckung sorgte.
„Wenigstens ist der Große Manitu auf unserer Seite“, stellte Schnarchender Schakal sachlich fest, jetzt aber alles andere als verschlafen, als aus dem Wind ein regelrechter Sturm wurde und mit peitschenden Hieben den beiden Rothäuten nun doch noch zu ihrer Kriegsbemalung verhalf. Der Schakal also, im weiteren Verlauf als Fuchtelnder Albatros bezeichnet und Tranige Tüte als Paddelnde Ente mit einem weitaus authentischeren Gefieder ausgestattet, nahmen die Fahrt mit dem Wind auf.

Auf dem Wasser spielten sich nun dramatische Szenen ab. So dramatisch, dass Karl May diese Einstellung unmittelbar abgebrochen und „Aus!“ gerufen hätte. Aber an Ausstieg war nicht zu denken. Während Fuchtelnder Albatros recht gut die Richtung halten konnte, trieb Paddelnde Ente immer weiter ab. Der Sturm blies von der Seite; das sichere Fort mit den heimischen Tipis befand sich auf der anderen. Das SUP samt Ente flog über die tosende See, Gischt schäumte um den Bug, wie Flocken von Schnee …
„Ich kann nicht mehr! Ich bin am Ente!“, schnatterte verzweifelt das Federvieh.
„Halt entlich den Schnabel, Ente! Und paddle!“, argumentierte Albatros völlig vergeblich gegen den Wind.
„Ich werde ertrinken, wenn mir der Sturm das Brett unter dem Hintern wegreißt!“
„Eine Ente ertrinkt nicht! Mime jetzt bloß nicht die Diva.“ Fuchtelnder Albatros war genervt aber so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er alle Nerven für sich und sein SUP in Anspruch nehmen musste.
Bis eben Paddelnde Ente ihre Waffen, ergo ihr Paddel streckte und direkt auf ein Riff aufprallte.
„Ich hab doch gesagt, du sollst Abstand halten, denn die scharfkantigen Felsen zerfetzen bei diesem Sturm und bei dieser Wucht sofort das Brett!“ Fuchtelnder Albatros war am Fuchteln. Vergeblich. Und auch die Ente war nicht mehr am Paddeln, sondern quakte – zwischen den Felsen hin und her gespült – nur noch um Hilfe.

Die beiden Rothäute Fuchtelnder Albatros mit Nicht-mehr-paddelnder-Ente im Schlepptau erreichten schließlich irgendwann und eher an zwei erschöpfte Bleichgesichter erinnernd das Fort mit Müh und Not.
Die Ente lebt! Pierre Brice ist tot.

Der Plot:
Ich wollte unbedingt in den Zrmanja-Canyon, der ins Novigrader Meer mündet und Schauplatz fast aller Winnetou-Filme war. Jörg wollte das zwar auch, aber bloß nicht mit einem dieser Touristen-Tucker-Kähne und schon gar nicht auf einer organisierten Kanu-Safari.
„Dann paddeln wir da frühmorgens hin, solange es noch keinen Wind hat“, war sein Vorschlag. Der sportliche Aspekt sollte dabei natürlich nicht zu kurz kommen.
Am Abend zuvor bei Meeresrauschen, Sternschnuppen und reichlich Wein, fand diese Idee durchaus Anklang bei mir … und ich kam mir sowas von sportlich vor …
„Wie weit ist das denn?“, wollte ich dann doch wissen.
„Vier Kilometer hin, vier zurück und vielleicht noch einen Kilometer rein und wieder raus.“ Ist machbar!
Bei optimalen Bedingungen. Und damit fing’s heute morgen schon an …

Jetzt begebe ich mich in den Liegestuhl und lecke meine Wunden. Die Blasen an den Füßen von den ripsenden Teva-Sandalen, die Schwielen an den Händen vom bis zur Erschöpfung betriebenen Paddeln, die gezerrte Schulter von der Schräglage, der hängende Arm von der einseitigen Überlastung …
Aber ich hör ja schon auf zu jammern … Denn ein Indianer kennt keinen Schmerz!

 

(Diese Mar beschreibt übrigens das Szenario verhältnismäßig beschönigt und harmlos …)

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Gegrüßet seist du, Maria …

Sonntagmorgen in der Herzegovina. Die Glocken wollen überhaupt nicht mehr aufhören zu läuten, viertelstündlich wird zur Messe gerufen, ganze Melodien elektronischer Hochgesänge fallen wie von Übelkeit geplagt bröckelnd vom Kirchturm herunter, die Massen strömen, die Menschen stehen vor geöffneten Türen, weil kein Platz mehr im Inneren ist …
Mostar und die Taten gottlosen Greuels haben wir bereits im vergangen Jahr besucht, heuer wollten wir uns ein bisschen esoterischer der Vergangenheit dieses Landes annähern. Die Frage, ob Gott überhaupt an irgendeinem Ort auf dieser Welt wohnt, wenn nicht in jedem Menschen selbst – und ganz gleich, ob Gott oder Allah Insasse der menschlichen Seele ist – lässt sich in diesem Land nur schwer beurteilen, geschweige denn, verifizieren. Es scheint längst ein Wettrüsten eingesetzt zu haben. Und da werden wirklich schwere Geschütze aufgefahren. Zahllose Minarette zeigen mit ihren spitzen Finger-Zinnen scheinbar spöttisch auf all die Kruzifixe, die in der Herzegovina haushoch den Halbmond-Lanzetten überlegen sind. Jeden Hügel ziert eines dieser gewaltigen Golgotha-Gedenk-Mäler; Kirchtürme schießen wie träge Geschosse kreuzfeuernder Katapulte meist sogar als Twin-Towers aus der glutheißen Erde. Überall wird an Gott, den Allmächtigen erinnert und in so kultischer wie kompromittierender Manier auf seiner Existenz beharrt, ja, geradezu jeden von dieser Tatsache überzeugt und zu dieser Meinung verdonnert. Mohammed scheint hier tatsächlich nur ein kleiner Prophet zu sein. Die Hosen an hat aber an einem ganz bestimmten Ort jemand ganz anderes: die Mutter Gottes höchstpersönlich.

„Medugorje müssen wir uns unbedingt anschauen, wenn wir schon einmal hier sind“, sagt Jörg mit einem leicht spöttischen Unterton. „Denn dieses Spektakel dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“ (Dazu muss gesagt sein, dass das „d“ in Medugorje bezeichnenderweise von einem Querstrich „gekreuzt“ ist, was dieses „d“ zu einem „dsch“ macht, aber meiner Tastatur reichlich egal ist. Tsss …)
Ich hab mich zuvor leider viel zu wenig mit diesem vermeintlich spirituellen Ort beschäftigt, wusste, dass dies in etwa dem „Lourdes des kleinen Mannes“ gleichkommt, dafür aber ein Riesen-Brimborium darum gemacht wird. Ganze Bus-Karawanen reisen Tag für Tag in dieses kleine Dorf in den bosnischen Bergen – anstatt den Zielort an der Windschutzscheibe deklariert, lediglich mit einem schmachtend dreinblickenden Marienbild versehen – vornehmlich Italiener, Polen und Kroaten. Aber selbst Araber sind uns gestern scharenweise begegnet, und klar, auch an vielen deutschen Autos prangt nach dem Erlebnis der Erscheinung nicht nur der geschwungene zweibögige Fisch am blechernen VW-Passat, sondern baumelt auch der Rosenkranz symbolschwanger vom Rückspiegel.
Rosenkränze und Aluminium-Marienamulette werden hier übrigens zum Kilopreis feilgeboten. Wie Erbsen im Supermarkt sind sie hübsch in Plastiktüten abgepackt; die Amulette dagegen kommen wie im Bioladen mit der Schaufelkelle in die Tüte. Dazu gibt es Plastikrosen, deren auf Knopfdruck zu öffnender „Kopf“ Maria und das Kreuz preisgibt. Mutter-Gottes-Bilder in einem Ausmaß, das den Louvre zum Platzen brächte und Kunststoff-Marien-Statuen, von denen Disney-Land nur träumen kann. Weihwasserflaschen „to go“ mit praktischer Spritz-Vorrichtung, heilige Hüte, geweihte Talare mit grauenhaft-kitschigen Stickereien für den heimlichen Hausgebrauch, Nippes, Nippes, Nippes … Weiß Gott wofür …

Weil sechs Kindern am 24. Juni 1981 auf einem Berg oberhalb des kleinen Kaffs inmitten der bosnischen Provinz abends um 18.40 Uhr die Heilige Maria in Fleisch und Blut erschienen sein soll. Auf einer Wolke schwebend, das Jesuskindlein auf dem Arm tragend. Fürderhin tat sie dies, also das tragende Erscheinen jeden Abend zur selben Stunde. Sprach weise Worte und wies von nun an den Weg. Und fürderhin ist das Dorf auf einem guten Weg, mitsamt des scheinschwangeren Marienkultes Jahr für Jahr zu expandieren.
Ein Wunder! Ein Wunder! Und so schnell wurde aus dem Ort eine ebenso verwunderliche Versammlungsstätte für noch wundersamere Gäste aus aller Welt. Und Hotels und Pensionen konnten sich vor deren Ansturm gar nicht retten. Die Elternpaare der vier „Vidioci“, der sogenannten Seher (der ersten Generation, später gabe es noch weitere…), waren fein raus – und mitten im Geschäft.
Längst wird hier gehuldigt, was das Zeug hält, und gebüßt, was die Knie aushalten. Aber Halt! Auch im Büßergeschäft hat der Fortschritt Einzug gehalten, und es lassen sich mittlerweile recht komfortable Kniekissen aus Schaumstoff erwerben. Ich kenne diese Dinger nur aus dem Gartencenter als Unkrautjäthilfe. Aber Unkraut vergeht nicht, und lustig ist der Anblick der ganzen Rucksacktouristen allemal, an deren Backpack diese Bußhilfen unbefangen im Wind baumeln, bevor es gilt, den Erscheinungs-Hügel knielings hochzurobben.

Bevor wir uns allerdings die Überspitzung des christlichen Gedankens vor Augen führen wollten, waren wir in der sommerlichen Hitze zunächst darauf aus, zum mittäglichen Picknick an den Kravnica-Wasserfällen ein so kühles Bad wie Bier zu nehmen. Alleine waren wir an diesem zauberhaften Ort gewiss nicht, und es schien, die Reise-Routen glichen sich alle. Den Meisten der „Wasserfall-Pilger“ war zwar nicht ins Gesicht, dafür auf ihre umgehängte Chipkarte geschrieben, dass sie zu irgendeiner dieser Medugorje-Reisegruppen zählten. Es hatte aber alles noch Zeit. Denn die Erscheinungszeit war erst auf 18.40 Uhr festgesetzt. Man muss sich das in etwa so vorstellen, wie eine Daily-Soap auf RTL. SZGZ auf Bosnisch. Schlechte Zeiten, gute Zeiten. Tag ein, Tag aus. Und alles floß. Nicht nur der Wasserfall, auch der Schweiß.

Die Kinder im Wasser, Jörg und ich „im Urlaub“ beim Mittagschlaf am Beach. Noch ein paar Fotos, bevor es galt, zusammenzupacken und weiterzufahren. Schließlich wollten wir die Maria nicht verpassen.
Dazu gesagt sein sollte, dass mein Foto seit Ulcinj und dem Strandleben mit ein paar Sandkörnern in seinem Getriebe mal mehr, mal weniger gut zurecht kam. In den letzten Tagen eher weniger. Aber nach Gut-Zureden ging’s dann immer wieder.
„Einmal noch Handstand im Wasser“, forderte ich Marlene dazu auf, vor der Kamera zu posieren und war positiv gestimmt, dass die Kamera kaum mehr Zicken machte.
„Auf die Plätze, fertig, los!“
„Mach, Mama! Ich kipp gleich um!“
Marlene kippte, aber es klickte nicht. Die Blende wollte sich partout nicht mehr öffnen. Auch nicht nach langem Probieren, Schrauben und Gut-Zureden.

Ich war nicht nur genervt, ich war verzweifelt. Was sollte ich jetzt tun ohne Fotoapparat? Wer glaubt mir schon, was ich hier so schreibe, ohne „Beweise“ dafür abliefern zu können. Und wie sollte ich um Gottes Willen den Moment festhalten?
Handy geht für mich gar nicht, denn das hat mit Fotografie rein gar nichts gemein. Denn wenn ich all die Handy-Knipser beobachte, frage ich mich, warum Orte besucht und bereist werden. Orte, wo von „erleben“ niemals die Rede sein kann. Code eingeben, idealerweise Fingerprint; wischen, tippen. „Klick“ als elektronisch generiertes Geräusch. Weiter geht’s. Der Rest lässt sich zuhause anschauen … Oder auf Facebook und Instagramm posten, damit auch die „Freunde“ dabei waren und ihren Kommentar dazu abgeben.

Ohne Fotoapparat (oder mit Fotoapparat in Verweigerungshaltung) also nach Medugorje.
„Bitte, bitte, liebe Maria, jetzt hast Du eine echte Chance, Deine Wunder zu beweisen. Und dann glaub ich auch an Dich“, murmelte ich mantramäßig vor mich hin. Immer wieder schaltete ich den Foto ein und wieder aus und vergewisserte mich, dass das Objektiv nicht (oder doch!) funktionierte.
„So läuft das nicht“, sagte Jörg schmunzelnd. „Die lässt sich nicht erpressen. Erst mal musst Du an sie glauben. Die macht nur auf Vorkasse.“
Mittlerweile glaube ich, dass sie eine ganz schöne Ulknudel ist, die Maria. Und mittlerweile glaube ich auch, dass die weiterhin geschlossene Blende an meinem Fotoapparat zu diesem Zeitpunkt zwar ein Zufall ist, mir diese Tatsacht aber dennoch die Augen geöffnet hat. Denn kann es nicht sein, dass man viele Dinge erst hinter geschlossenen Augen sieht und sie dadurch umso klarer und deutlicher wahrnimmt? Und somit erst zum wahren „Seher“ wird?

Die Maria um 18.40 Uhr haben wir verpasst. Es war einfach zu heiß mittags um drei. Wir wollten zum Baden. „Heim“ zum Wohnwagen, der im Schatten an der kühlen Buna stand.
Ich glaube, Gott und die Welt hat Verständnis dafür.

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Aufbauarbeiten

Viele werden sich bei unseren Erzählungen fragen: Wie hält man das aus; vor allem aber: Warum macht man so etwas? Etwas, das mit Urlaub aber auch rein gar nichts zu tun hat? Der Frage angeschlossen und nach dem Semikolon gleich die nächste Suche nach einer Antwort: Macht sowas denn Spaß, oder ist das nicht einfach Dauerstress auf fünf Wochen verteilt und der herbeigesehnte Alltag wohlverdiente Auszeit?
Klar gibt es diese Zauderer und Zögerer, die Reinen-Urlaub-Macher wie die All-Inclusive-Maker. Und ich werde einen Teufel tun, darüber in irgendeiner Weise zu urteilen. Denn in der Tat hat dieses Reisen, wie wir es praktizieren, mit Urlaub wenig gemein, wenngleich es für mich – und ich möchte mal behaupten auch für Jörg und die Kinder – zur expansiven Horizonterweiterung und intensiven Alltagsflucht mehr als förderlich ist.
Wir haben also in den vergangen drei Tagen zweimal ab- und einmal neu aufgebaut. Die „Küchenzeile“ ist seit Tagen dabei, sich selbstständig zu machen und mit gelösten Schrauben durch den Wohnwagen zu wandern, was aktuell einige „Bauarbeiten“ erfordert.

Irgendwie ist so ein Umzug jedes Mal ein bisschen, als ob man sein Haus an einer neuen Stelle errichtet. Man ist auf der Durchreise, wobei nicht die Fahrt und die daraus resultierende Destination, sondern immer der Weg das Ziel ist. Irgendwann beschließt man, just an dem Ort, wo’s einem gefällt, seine Zelte aufzuschlagen – oder eben an dieser Stelle ein Heim auf Zeit zu errichten. Alle paar Tage wieder. Und jedesmal ist Heimat ein anderer Ort.
So waren wir gestern ab Nachmittag und nach Überqueren der Bucht von Koter per Fähre bei Uroš und seiner Familie beheimatet, wo wir bereits im vergangenen Jahr zwei Tage verbracht hatten. Von diesen Tagen freilich hatte ich damals recht wenig mitbekommen, war ich doch von einer fiebrigen Angina außer Gefecht gesetzt. Jetzt wollte ich diesen Ort einfach nochmals besuchen.
Und was soll ich sagen? So, wie in meiner Erinnerung, trotz meines einstigen Fieber-Deliriums heute als Reinzeichnung wahrgenommen, hat dieser Platz nichts von seinem Charme verloren. Die Kai-Mauer an der so wuseligen wie familiären Strandpromenade ist für mich immer noch „Best Place to be“ am Abend, wenn die großen Kreuzfahrtschiffe die „Boka Kotorska“ verlassen und die kleinen Fischerdörfer, die längst keine mehr sind, sondern von einer großen Zukunft träumen, endlich wieder zur Ruhe kommen und zu sich selbst finden – und der Rotwein sein Übriges dazu tut.

„Hey, was macht denn ihr hier?“, ruft’s von unten am frühen Abend, wie wir oben auf unserem warmen Steinmäuerchen unter der Bougainvillea sitzen und dem munteren Treiben zuschauen.
Elisabeth ist heftig am Winken und freut sich sichtlich, uns wieder zu treffen. Ich hab sie noch nicht einmal gleich erkannt, beziehungsweise konnte ich sie nicht unmittelbar einem Ort und einer Begegnung zuordnen, so viele Begegnungen und Orte sind uns auf dieser Reise buchstäblich widerfahren oder wir ihnen.
„Ja klar, Lake Shkodra bei Nico!“, fällt es mir wieder ein. Und klar scheint sie zusammen mit ihrem Freund auf den Spuren unsere letztjährigen Reise zu sein. Viel weiter aber seien sie noch gereist. Ebenso wie wir bis nach Südalbanien. Ob sie auf den Spuren unserer diesjährigen Route waren, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Immerhin aber wussten sie von unserem neuen Blog …

Von Uroš heute morgen herzlich verabschiedet, sind war also zurück in Bosnien angekommen. Die Fahrt hinauf ins Orjen-Gebirge war atemberaubend schön, und hinter jeder Kurve habe ich mich ungläubig geäußert: „Sind wir nicht falsch? Oder hat das der alte Golf letztes Jahr tatsächlich geschafft?“
Jetzt schaffte es der Mitschuh, und zwar locker mit dem Wohnwagen im Schlepptau, wenngleich andere Strecken – selbst in neuen Bergschuhen – den Golf vor eine nicht bezwingbare Herausforderung gestellt hätten. Wie etwa der Llogara-Pass.
Der Grenzübertritt von Montenegro nach Bosnien verlief zum allerersten Mal erstaunlich flink, und die darauf folgende Bergstrecke wurde von nichts mehr unterbrochen als von Einsamkeit, Landschaft, Wildnis und Weite. Und diese Landschaft hält hier ihre Lieblingsrede: Ohne Menschen kein Müll! Reine Luft, reine Weite. Und lediglich verirrte Kühe lungern hier im Weg rum.
„Brauchen die auch einen Pass“, fragt Jörg.
Ich zucke die Schultern.
Wie ohnehin das Schulterzucken ob dieser Landschaft die trefflichste und gleichzeitig unterwürfigste Geste ist. Entweder man benötigt hier starke Nerven oder einen Jeep. Ich habe weder das eine, noch das andere. Was aber nichts ausmacht und irgendwie auch geht … weil Jörg starke Nerven hat und obendrein über Fahrkünste verfügt, die ich andauernd anzweifle. (Hier an dieser Stelle möchte ich mich einmal bedanken für seine Langmut, für seine Nerven, was hauptsächlich meine Anwesenheit anbelangt, vor allem aber für seine Gelassenheit auf dieser Reise.)
Der Süden Bosniens ist ein Landstrich, der mit einer faszinierenden Kulisse aufwartet. Weiße Berge, die suggerieren, trotz unbarmherziger Hitze Schnee auf ihrem Haupt zu tragen. „Bijelasnica“ ist nur ein Name dieser Bergriesen. Und „Bijela“ bedeutet „weiß“. Der Himmel blau, das Land mit staubtrockenem Ocker gepudert, trutzhafte Krüppelgewächse in steinerner Flanke kauernd in kräftiges Dunkelgrün getunkt, Felsausbrüche so weiß wie Schnee … Und die gelegentlichen Minen-Warnschilder so rot wie Blut.
Blut wurde in diesem Land genug vergossen, und dennoch herrscht immer noch nicht wirklich Frieden und Einigkeit auf Balkanien. Keiner weiß wirklich, warum. Auch nicht, worum es jemals ging. Alles scheint irgendwie im Aufbruch und immer noch im Neuaufbau zu sein.

Auch Gaga zeigt sich im Aufbaufieber. Aber nicht auf den ersten Blick. Denn auf den ersten Blick ist hier am River Camp kurz vor Mostar und kurz nach drei alles beim Alten. „Help yourself“ steht nach wie vor auf dem Schild am Eingang, und Gaga glänzt mit Abwesenheit. Auch scheint sich sonst nichts verändert zu haben. Wir helfen uns also selbst und installieren uns direkt am Ufer der Buna (eine andere Buna, als die albanische. Aber scheinbar hören hier viele Flüsse auf diesen Namen).
Die Zeltnachbarn nebenan erzählen von ihren Reisen, während wir erzählen, dass „Gaga“ bei uns so etwas wie „verrückt“ bedeutet.
„Oh yes, he’s such a crazy guy“, lacht der Belgier von Nebenan. Aber ebenso gastfreundlich sei er und seine Familie.
Deswegen sind wir hier. Kurze Zeit später, nachdem die Mama das gröbste „Wildcampen“ geregelt hat, taucht Gaga auf.
„We are back“, sagt Jörg.
„Welcome back“, sagt Gaga. Und lacht. Ein Lachen, das so tief von Herzen kommt, wie der Blick, der aus diesen unsäglich flauschigen Vogel-Strauß-Augen all seine Empathie für dieses „Camping-Geschäft“, vor allem aber für seine Gäste preis gibt.
Etwas verändern müsse er sich und den Platz nichtsdestotrotz, blinzelt er plüschig zwischen seinen ebenso tierischen Segelohren hindurch.
Das Wort „Tourismus“ scheint auch hier angekommen zu sein. Endlich. Denn dadurch erschließt sich ein neuer Wirtschaftszweig. Und das tut diesem Land gut. Anders als in Albanien, scheint Bosnien nach wie vor in einer Art Dornröschenschlaf zu schlummern. Dornenbewehrt, von Minen gespickt, von Vorurteilen gezeichnet. Gegen die Vorurteile ist anzukommen, die Dornen lassen sich roden; nur die Minen, die „bezeichnen“ dieses Land noch für viele, viele Jahre. Sagt Peter von der EUFOR.
Gott sei Dank gibt es exakte Minenverzeichnisse, und tatsächlich waren wir heute auf der Suche nach einem Minen-Warnschild für Marlenes Kinderzimmer.
Nur wenn zwei unmittelbar nebeneinder stünden und eines überflüssig erschiene, könnten wir eines mitnehmen. Auch das sagt Peter. Ansonsten läuft ein anderer Gefahr, buchstäblich aufzufliegen …
Demgemäß beließen wir alle Schilder an Ort und Stelle, und Marlenes Zimmer bleibt somit Zone innerfamiliärer Detonationen.

Der Wind bläst von der Neretva hoch. Das Wasser der Buna verströmt einen unvergleichlichen Sommerduft. Die Grillen zirpen. Die Kinder haben ihr „Flussbett“ aufgeschlagen.
Panta rhei.

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Urlaub auf Balkanien














































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Jetzt reicht’s! Gefühlt muss ich einem panierten Cevapčiči gleichen, braungebrannt, in Sand gerollt, gut gebraten und von einer gleichmäßigen Speckschicht durchzogen. An Ajvar fehlt es gewiss nicht, zumindest nicht optisch. Ich habe Sonnenbrand! Nur die mittlerweile fast schneeweißen Haaren mögen nicht so recht in dieses Balkanien-Bild passen …
Planschen im Meer war schön und gut, Liegen und Dösen am Strand noch besser, der Mini-Haushalt im Wohnwagen ist gemacht, die Betten vom Sande befreit, das Geschirr gespült, ein Buch eben mal angelesen, und ich bin fertig! Mit meinem Urlaub. Ein halber Tag muss genügen.
Und weil ich eben kein „Urlaubs-Mensch“ bin, habe ich heute – der Rundungen wegen – doch noch beschlossen, ein bissle mit meinem Allrad rumzukurven. Jörg und Helmut waren – des Windes wegen – noch einmal bei den coolen Jungs von Kite-Loop, wo sich einmal mehr auf dem Wasser Rang und Namen abgelaufen, ergo abgeflogen wurde. Und die Kinder sowieso glücklich über den Umstand, zusammen mit dem hiesigen Hunde-Quintett Herrinnen über das mobile Heim zu sein.

Was mir hier auf meinen Erkundungstouren letztes Jahr in meiner Bilanz noch fehlte, war der kleine Šasko Jezero kurz vor der Grenze zu Albanien. Verlässt man die Strände und die Küstenstraße und biegt ins Hinterland ab, ist nicht nur der Trubel schnurstracks vorbei, sondern auch Montenegro faktisch zu Ende; und nur eine einzige Straße schlägt diesen Weg ein, wo zu Zeiten der völligen Isolation des Nachbarstaates das Land in einer Sackgasse endete. Noch immer steht hier ein Sackgassenschild. Auch weist an dieser Stelle ein anderes Schild in allen möglichen Sprachen darauf hin, im hintersten Zipfel angekommen zu sein: „Achtung! Das grenzgebiet“. Achtung! Orthographie ist wo anders. Aber Ornitologie zumindest ist hier vorzufinden …
Ein kleiner Pfad führte dennoch weiter, und so kam ich in meiner Neugier nicht umhin, einfach noch ein Stück weiter zu radeln. Bereits auf dem Weg dorthin, als ich mich mehrmals verfahren hatte, fielen mir weitaus mehr entgeisterte Blicke zu als hilfreiche Hinweise. Ob ich mit dem Fahrrad nach Albanien wolle, wurde ich gefragt und für dieses vermeintliche Vorhaben fast für verrückt erklärt. Die Straße aber, nein, die war keinem bekannt. Ich solle doch gefälligst die große rote Hauptstraße der Küste entlang nehmen. Da fahren nämlich alle. Alle, die hier Urlaub machen.
Jetzt bin ich erstens nicht alle und zweitens mache ich auch nicht (mehr) Urlaub. Und drittens war ich endlich mutterseelenallein. Um mich herum Sumpflandschaft, Salinen, Wildnis, immer wieder mal ein bäuerliches Gehöft, Orangenplantagen, Granatapfelbäume und ganze Feigenwälder. Die letzte behauste Bastion in der montenegrinischen Grenzregion erreicht, war dann wirklich Schluss. Kein Weg mehr, nur noch ein Bergrücken vor mir, und der Grenzfluss Buna (oder Bojana, wie sie in Montenegro heißt) dazwischen. Den See „entdeckte“ ich auf diesem Wege nicht, dafür das Flussufer.
Dass hier unmittelbar an der Grenze zu Albanien längst nicht mehr scharf geschossen wird, davon ging ich jetzt einfach mal aus. Dass mich aber womöglich die albanische Grenzpolizei von irgendeiner Warte aus beobachtete, wie ich mit meinem Allrad und meinem großen Rucksack einen Trampelpfad an’s Wasser suchte, das konnte ich mir durchaus vorstellen.
Egal. Es war einfach zu schön, um umzukehren. Das gefrierfachkalte Nickšičko-Pivo am Ufer aus dem Rucksack ausgepackt, das zwar nach längerer Fahrt in größter Hitze seine allerletzten Eiskristalle schon lange zuvor eingebüßt hatte, war trotzdem an diesem Ort das Beste, was mir passieren konnte. Es passierte ja sonst nichts. Außer vielleicht die vielen Eisvögel, die sich so akrobatisch wie flink über die Wasseroberfläche katapultierten, oder die alligatorgroßen Eidechsen in ihrem giftgrünen Flecktarn, die regelmäßig über den Weg liefen.
Bis eine leere Patronenhülse im Wasser an mir vorbei trieb. Zeit, aufzubrechen. Man soll Fortuna nicht herausfordern …
Von Albanien trennten mich zirka 200 Meter Wasserweg durch langsam dahinströmendes klares Blau. Durch diesen Strom entleert sich der Liqeni i Shokdrës, der Shkodra-See, ins Meer, der unsere erste Station in diesem fremden Land war. Nun saß ich auf der anderen Seite, sah dem Fluss beim Fließen zu und fand, um es mal nicht zu pathetisch auszudrücken, dass auf dieser Reise bis jetzt alles ganz schön im Fluss war und sich hier an dieser Stelle der Kreis wieder schloss.

Albanien wird ab morgen nur noch eine ferne Ahnung sein. Wir werden weiter heimwärts ziehen und unsere Zelte in der Bucht von Kotor aufschlagen.

„Mama, gehen wir heute noch in die Stadt zum Shoppen?“, fragten mich die Kinder, als ich wieder zurück war.
„Oh nein. Ich bin ziemlich erledigt, das war für heute Nachmittag einfach zu viel“, räumte ich erschöpft ein.
Das kommt davon, wenn man mal einen halben Tag Urlaub macht …

 

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Bye, bye, Albania

Ein zweites Mal haben wir uns gestern Morgen von Heidi und Stephan verabschiedet. Vermutlich auf dieser Reise das letzte mal. Während die beiden noch ein bis zwei Tag in Berat verweilen wollen, haben wir uns auch endgültig, zumindest für diesen Sommer, von diesem Land verabschiedet. Es fällt schwer, dieses Land zu verlassen, obwohl sich langsam so etwas wie Heimweh einstellt. Und es fällt noch viel schwerer, diese Menschen zu verlassen. Es ist ein Land voller Gegensätze. Armut und Reichtum in einem unausgewogenen Verhältnis. Korruption immer noch an allen Ecken und Enden, obwohl eine großangelegte Kampagne zumindest darauf aufmerksam machen soll. Und an diesem buchstäblichen Brennpunkt stinkt immer noch und immer wieder etwas gewaltig zum Himmel. Und wenn es nur eine in Brand gesteckte „illegale“ Mülldeponie ist. Es ist ein Land, in dem nach wie vor politische Uneinigkeit herrscht, in dem noch vielerorts eigene Gesetze gelten. Wie etwa hoch oben im nördlichen Bergland der Kanun immer noch über allen Gesetzen steht und nichts und niemand dagegen ankommt. Auch ist dies ein Land, das nach wie vor großen Drogenproblemen gegenübergestellt ist. Es sei zwar nicht wirklich legal, Cannabis im großen Stil anzupflanzen, sagt Zhanisa, aber zumindest wird es nicht konsequent geahndet. Gerade das berüchtigte Dorf nur ein paar Kilometer weiter entfernt von ihrem Wohnhaus – Lazart – erlangte selbst in den deutschen Medien erschütternde Berühmtheit durch den von der internationalen Mafia kontrollierten Hanf-Anbau. Zwar sei dieses Dorf und seine dubiosen Machenschaft seit geraumer Zeit ausgehoben, fügt Zhanisa an, dennoch wird jeder Neugierige davor gewarnt, sich auch nur in die Nähe zu wagen. Es könne durchaus passieren, dass ohne Vorwarnung scharf geschossen würde.
„Ich wusste nicht so recht, wo ich mich gerade befinde“, sagt Jörg etwas konsterniert, als er vom Laufen zurück kam. „Ich hab dann ziemlich Gas gegeben.“ Denn den Namen des Dorfes hatte er vergessen, nur wusste er, dass es sich hier ganz in der Nähe befinden musste.
„Nein“, lacht Zhanisa. Lazart läge auf der anderen Tal-Seite. Hier sei er sicher. „Only the dogs are dangerous“, ergänzt sie und ist sichtlich erstaunt, dass es Menschen gibt, die hier durch diese Dörfer joggen.

Erstaunt ist das passende Wort, wenn man an die Dörfer denkt. Aber wenn man die Landschaft vor Augen hat, reicht dieses Wort nicht aus, um das Er-Staunen darüber zu beschreiben. So klein dieses Land ist, so gewaltigen ist seine landschaftliche Vielfalt. Den Norden dominieren die Albanischen Alpen mit ihren schroffen und nur beschwerlich zu erreichenden Hochebenen. Tiefebenen prägen die nördlichen Küstengebiete, die mit ausgedehnten Lagunen und einer Artenvielfalt an Tieren aufwarten, die mit der Arche Noah vergleichbar sind. Die südliche Küste wiederum übertrifft mit ihrer mediterranen Schönheit, mit den Stränden und dem türkisfarbenen Wasser alles, was ich bisher an Küsten gesehen habe. Zwischen den vielen Gebirgszügen befinden sich endlos scheinende, fast menschenleere Steppenlandschaften, durch welche die großen Flüsse wie Devoll, Drinos, Osum, Shkumbin, Vjosa ihr breites, zerwühltes Bett aufgeschlagen haben und sich darin ungestört und ungebändigt wälzen. Auch ist dies ein Land, das auf eine lange Geschichte zurück blickt. Die Illyrer, die Griechen, die Römer, die Osmanen, Slawen, Bulgaren, Aromuren, Walachen … Ali Pascha Teplena, König Zogu und natürlich der große Nationalheld Skanderbeg … Alle hatten ein bisschen mitgemischt und ihre Spuren hinterlassen. Spürbar ist das nicht nur an den imposanten Kulturschätzen dieses Landes, sondern eben auch an der Küche. Selten haben wir besser gegessen, nie sind wir fürstlicher bewirtet worden. Die Küche ist denkbar einfach und ungekünstelt. Ohne Schischi und ohne jegliche Arroganz (von was man in unseren Sterne-Restaurants oftmals und durchaus sprechen kann). Es wird das zubereitet, was die Erde bereithält. „Das Schwein ist vom Nachbar“, sagt Julian am Abend unseres Barbecues. Der verhängnisvolle Wein indes war der eigene. Das Gemüse kommt aus dem Garten, der Käse von den Schafen und Ziegen. Und die Sterne, die gibt’s gratis dazu in fünfmillionenfacher Ausführung am Himmel.
„Oh no! Never! The chicken are all the pride of my mother“, fügt er entsetzt an, als wir ihm beim abendlichen Zusammensitzen vorschlagen, den Hang hinter dem Haus als zusätzliche Zeltwiese zu nutzen. Aber dann könnte er doch wenigstens die Eier an seine Camping-Gäste verkaufen, denken wir uns gleich ein Marketingkonzept aus. Nein, die Eier würden sie alle selber verwenden. Aber selbstverständlich könnten wir jederzeit welche bekommen. Nicht für Geld. Einfach so.
Alles in allem bietet nicht nur die albanische Küche, sondern vor allem die unterschiedlichen Menschen eine wunderbare Mischung sämtlicher Kulturen und ihrer vielen Köche, die den Brei nicht verderben, sondern auf’s Allerbeste bereichern und verfeinern. So, wie unser Barbecue in dieser klaren Sternennacht.

Nun sind wir also hin und weg. Gut fünf Stunden haben wir für die knapp 200 Kilometer benötigt, bis wir den Grenzübergang Muriqan nach Montenegro erreicht hatten. Das klingt wenig an Strecke, ist aber ganz schön viel, wenn man mit Straßenverhältnissen und Fahrweise vertraut ist. Es kann sein, da läuft es mal ganz gut, bis dann abrupt der Straßenbelag wieder endet und es über eine holprige Schotterpiste nur noch im Schritttempo weitergeht. Auch ist das Fahren auf der sogenannten Autobahn ein echtes Erlebnis. Da wird alle paar Meter Gemüse angeboten, Mais gegrillt, da warten Menschen darauf, mitgenommen zu werden, während Eselskarren, Fahrräder und Ziegenherden gegen die Fahrtrichtung fahren, laufen, blöcken und im Weg rumstehen.

Auch wir standen gegen 14 Uhr im Weg rum. Nämlich an der Grenze. Mit dem wehmütigen Blick zurück, der übrigens sehr, sehr lange andauerte, waren wir nach einer Stunde Wartezeit zurück in Montenegro. Ein Stück näher Richtung Heimat. Wenngleich immer noch verdammt weit weg.
Das ist das Schöne daran, irgendwo anzukommen, wo man schon einmal war und sich auskennt. Das „Safari-Camp“ in Ulcinj ist also für die nächsten ein, zwei Tage unsere Heimat auf Zeit. Und ganz langsam wird es auch Zeit, dass ich einfach mal Urlaub mache. Ich kenne den Ort hier, kenne die Gegend und die Landschaft, habe im vergangen Jahr sowohl die Stadt, als auch die Umgebung mit dem Fahrrad erkundet. Jetzt stehen wir direkt am Strand, der Wind bläst. Jörg war gestern Abend zum ersten Mal mit dem Kite auf dem Wasser; der Trubel der vergangene Tage, begleitet von so vielen schönen Begegnung, gemeinsamen Abenden, spannenden Erzählungen und wundervollen Bekanntschaften verlangt nun in der Tat nach etwas Ruhe. Ich werde also jetzt damit beginnen, einmal nichts zu tun …

„Ich hab doch gleich den Kiteschirm und die Figur auf dem Surfbrett erkannt.“
Das gibt’s doch nicht! „Wo kommt ihr denn her?“
Wir sind völlig perplex, als Helmut und Tilli aus Fürstenfeld am frühen Abend vor uns stehen.
„Vor zwei Stunden sind wir hier angekommen“, lacht Helmut.
Aus mit der Ruhe! Letztes Jahr sind wir uns zufällig im Surfurlaub in der Toskana begegnet, dann haben die beiden sich uns angeschlossen und sind mit uns weiter zum Idrosee gezogen. Eine ganze Zeitlang war man noch über Windverhältnisse und Kitespots per Whats App in Kontakt. Der hat sich irgendwann in Luft aufgelöst.
Jetzt herrscht hier ganz schöne Bise, die Männer und auch Tilli sind zum nächsten Kitespot mit Rescue aufgebrochen (denn der Wind ist ablandig und das bedarf eventuell eines Rettungsbootes), und ich mache mich gleich mit meinem Allrad auf und fahre hinterher …
Der Urlaub muss warten!

 

… auch die Bilder. Vorbei die Zeiten des schnellen WLANS 🙁

 

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Anagrammatik im Neverland

„I need dringend a watercock!“. Man kann mit manch sprachlicher Verballhornung kokettieren, man kann sich aber auch den allergrößten Blödsinn angewöhnen. Wie eben den „ausdrücklichen“ Wasserhahn, den ich heute auf meiner Radtour ganz dringend benötigt hätte, oder die gestrigen Oliven, von denen „only a handvoll“ gelangt hätte. „Des langt“ klingt ziemlich albanisch, und „Deslangt“ hat die Marktfrau dann auch ganz schnell in ihren Sprachschatz aufgenommen. Wir waren uns also einig.
„Oh, he brings se after-table“, waren Stephans überraschte Worte, als Julian nach dem Barbecue eine Schüssel Melonenschnitze auf den Tisch stellte und nachdem es als „before-table“ „scrumbled eggs wiss Wurscht“ gab.
Man versteht sich. Und das, obwohl der eine die Sprache des anderen nicht versteht. Englisch ist der größte gemeinsame Nenner, aber unterm Strich bleibt dabei ganz schön viel auf der Strecke, was letzten Endes nur mit Händen und Füßen zu erklären ist.
Gestern Abend zum Beispiel war es der Imam in der Xhamia Mmbret, Berats Königsmoschee, der mir einmal den Koran rauf und runter erklärt hat, was ich anschließend an die Kinder genauso weitergegeben habe.
„Mama, was hat der eigentlich für eine Sprache gesprochen?“, fragte mich Ida.
„Ich glaube Italienisch.“
„Seit wann kannst du denn Italienisch?“
„Weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich Koran kann. Aber so viel habe ich verstanden, dass der Mufti in etwa das darstellt, was bei uns der Mini ist. Und dass es Großmuftis und Oberminis gibt.“

Es ist faszinierend, wie sich alle Sprachen, alle Kulturen und alle Religionen hier mischen. Und wie sich die Worte mischen. Sogar die Buchstaben mischen sich in diesem Land … zu einem neuen Begriff.
Lange habe ich nach diesen Bergen gesucht, in denen der Schriftzug „ENVER“ aus kommunistischer Zeit gleich einem riesigen Tattoo in einen gewaltigen Bergrücken eingraviert ist. Nichts Genaues wusste ich nicht, nur dass diese Berge sich irgendwo in der Nähe von Berat befinden mussten.
Zu Zeiten, als es galt, dem großen Diktator alle Ehre zu erweisen, wurde zu propagandistischen Zwecken sein Name in die Flanke des Berges Shpirag geschlagen. Immer noch dominieren die 100 Meter hohen und 60 Meter breiten Lettern die Skyline nördlich von Berat, Albaniens Ältester und geschichtsträchtigster Stadt. Nach dem endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus 1994 mit Napalm bombardiert, um die letzten Spuren dieser düsteren Vergangenheit völlig zu verwischen, ließen sich die imposanten Versalien dennoch nicht gänzlich ausradieren. Und somit wurde im Rahmen eines groß angelegten Projektes aus den beiden ersten Lettern mit Zuhilfenahme gewaltiger Weiß-Wasch-Pumpen und ganz gehörig viel Menpower ein symbolisches Anagramm geschaffen, das diese Berge, zumindest aber diese düstere Epoche der völligen Isolation unter der Diktatur Enver Hoxhas, in ein anderes Licht, ergo in eine andere Begrifflichkeit rückten. ENVER – NEVER.

„Schau mal, da steht es ja!“, rief Jörg gestern Abend begeistert, als wir auf der Kabelbrücke über dem Osum gestanden haben.
Wenn man wollte und nur genau hinschaute, konnte man den Schriftzug tatsächlich erkennen. Nur war das dämmrige Abendlicht dermaßen schlecht, dass selbst der beste Fotoapparat an seine Grenzen gestoßen wäre. Und der meinige war nicht nur an seine qualitativen Grenzen, sondern vor allem an seine „akkustischen“ Grenzen gestoßen. Also musste ich heute Mittag noch einmal los, nachdem der Akku frisch aufgeladen war. Frisch aufgeladen war auch die Sonne, und die tat ihr Bestes, damit ich mit meinem Centurion Allrad nach zirka 15 Kilometern Hauptstraße schweißgebadet und völlig dehydriert Berats Altstadt erreichte. Der „Watercock“ war nur das Wenigste, was ich benötigte. Auch benötigte ich einen Abstellplatz für mein Fahrrad …
Der dagegen war so schnell gefunden, wie ein launiges Gespräch über den Zaun gebrochen, welcher wiederum nicht die geringste Barriere darzustellen schien. Noch nicht einmal eine Sprachbarriere hielt mich von der Verständigung mit einem alten Mann ab, der nicht nur sein Gemüse vehement verteidigte und in seinem klitzekleinen Laden anpries, sondern fürderhin auch mein Fahrrad. „German?“, wollte er interessiert wissen. Als ich diese Frage bejahte, fing er unmittelbar damit an, mein Hightech-Vehikel genauer unter die Lupe zu nehmen. Strich über das Reifenprofil, kontrollierte den Luftdruck und war sichtlich beeindruckt von Schaltung und Technik. „German good!“
Selbstverständlich würde er dieses Gefährt bewachen, solange, bis ich wiederkäme. Würde ich erst morgen wieder kommen, bin ich mir sicher, würde er die ganze Nacht vor seinem Laden sitzen und aufpassen, damit dem Rad nichts passierte.

Noch etwas habe ich außer dieses Ehrenkodexes der Albaner heute auf meiner Expedition in Erfahrung gebracht. Hoch oben auf dem Berg außerhalb der Burgmauern: Eine kleine unscheinbare Scheunenkirche. Von Natursteinmauern umfriedet bin ich unter einem Zaun hindurchgeschlüpft. Vor mir stand, oder ich vor ihm, ein Gebäude, das so ganz und gar nicht an eine Kirche erinnerte. Nicht umsonst tragen diese Kirchen in allen Teilen der Welt den Namen „Scheunenkirche“. Nichts durfte jemals daran erinnern, dass Christus in dieses Haus eingezogen sein könnte. Nicht unter der Herrschaft der Osmanen, nicht im Zweiten Weltkrieg, nicht im Kommunismus. Und nichts durfte Hinweis darauf geben, dass all die Christen sich unter dem Deckmantel der vermeintlichen Scheune vor ihren Widersachern versteckten.
Als einen magischen Ort empfand ich diesen heimlichen Platz auf Berats höchster Höhe heute. Über der Kalaja gelegen, mit dem Tomorri, dem heiligen Berg der Bektaschi im Blick, den Osum zu Füßen und nichts über mir, außer das Blau des Himmels, das sich göttlich zu erkennen gab in den beiden Türen zu diesem vermeintlichen Stall.

Es ist wenig, was einen bewegen kann, um den Blickwinkel zu verändern. Ein Funken Hoffnung. Ein kleines Blau. Oder Big Blue.
Stephan und Heidi sind wieder hier!

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Das Husten der Ziegen

Heidi ist unbehelligt gestern Nacht aus Athen zurück gekehrt. Und wir sind gestern Morgen ein Stück weiter nordwärts gezogen. Denn schließlich sollten wir bis in zwei Wochen langsam wieder in unseren Heimathafen einlaufen. Die Hitze scheint mit uns gezogen zu sein, während „Big Blue“ und seine Besatzung noch einen Tag länger bei Zhanisa und Julian vor Anker bleiben wird.
Unpünktlich nachts um zwei Uhr erreichte der Athener Bus Gjirokastra und Heidi anschließend mit dem Taxi das Zentrum von „The middle of nowhere“, bis sie vor dem verschlossenen Tor des „Campingplatzes ohne Namen“ stand. Scheinbar kannte noch nicht einmal der Taxifahrer diesen zauberhaften Ort; aber gesucht – und gefunden …
Mitsamt Gepäck des nächtens über den Zaun geklettert, denn schlafende Hunde sollte man nicht wecken, und weder Lara, die Labradordame an Stephans Seite, noch Rex, der albanische Deutsche Schäferhund und Herr des Hauses, ließen sich aus der Nachtruhe bringen, als Heidi sich bei dieser Aktion obendrein die Hose zerriss.
Morgens um sieben, als die Welt noch in Ordnung war (was sie hier übrigens abends um sieben immer noch ist), hat sich Heidi uns vorgestellt. Und irgendwie schien es, als kannten wir uns schon lange …

Wie man sich hier scheinbar überall und selbstverständlich kennt. Am Abend zuvor etwa war es Elisa, die unmittelbar beim Anblick der Kinder beide Mädels einmal fest in die Arme schloss und uns mit einem herzlichen „Miresevine!“ begrüßte. Elisa war unsere „Fremdenführerin“ durch Gjirokastra. Eigentlich und im Alltag ist das zwar nicht so mein Ding, mich von anderen Menschen führen und leiten zu lassen. Aber das war hier genau das richtige Ding. Und an dieser Stelle möchte ich nur jedem an’s Herz legen, sich in einer völlig fremden und unvertrauten Stadt, die mit einer Geschichte und einer „Chronik“ aufwartet, die mal so auf die Schnelle einfach nicht erzählt oder im Reiseführer zu erlesen ist, an die Hand nehmen zu lassen und sich blindlings leiten und die Augen öffnen zu lassen. Dabei heraus kommen erstaunliche Einblicke und Ausblicke mit einer ganz anderen Sicht auf die Dinge, die einem ansonsten vermutlich immer verschlossen bleiben würden.
Elisa also war sozusagen unser Eye-Opener für diese Stadt, die nicht in Stein gemeißelt ist, sondern in der einfach das Leben stattfindet. Denn hier wird nicht für die Touristen gelebt (klar, zwar auch ein bisschen), aber hauptsächlich kommunizieren diese geschichtsträchtigen Mauern miteinander und mit ihren Bewohnern. So auch gestern Abend.
Auch war und ist Elisa gebürtige Gjirokastrin (ich glaube, das heißt nicht so, aber andere Modifizierungen dieses Namenswortes klängen irgendwie noch blöder 🙂 ). Elisa war auch nicht wirklich Fremdenführerin, sondern nur so aus der Not heraus. Hier in ihrer Heimatstadt hat sie studiert. Economy, wie sie sagt.
„Ich spreche fünf Sprachen“, sagt sie außerdem. Sie sagt auch, dass sich hier mit einem Wirtschaftsstudium kein Geld verdienen ließe und sie keine Arbeit fände.
„I do this for about six months. But in winter season there aren’t any tourists in Gjirokastër. It’s so cold as in summer hot. Because of the stones“, erklärt sie eher sich selbst den Job hier. Aus Tirana kämen die meisten Besucher mit Bussen professioneller Unternehmen, die das Komplettpaket anböten und am Abend wieder aus der Stadt verschwunden wären.
„There is not much money to earn, neither for the city, nor for the hotels“, fügt sie etwas resigniert hinzu. Aber diese Resignation ist auch gleich wieder aus ihrem Blick verschwunden. Spätestens dann, wenn sie zu erzählen beginnt von der Geschichte dieser Stadt, vor allem aber, wenn sie spüren lässt, dass sie mit dieser Geschichte tief verwurzelt ist.

Bester Beweis dafür war abends das traditionelle albanische Volksfest rund um die historische und allererste Schule Albaniens. Zunächst hatten wir sie noch nicht einmal erkannt, als sie in ihrer albanischen Tracht auf uns zu kam und die Kinder in die Arme schloss. Aber ihr Lachen war einfach unverkennbar. Und mitreißend: Elisa im echten Leben in einer Tracht, die ein Teil dieses Lebens ausmacht.
Wir alle (gut, Jörg und Stephan nicht) sind in albanischen Ringtänzen um den Obelisk getanzt, haben uns redlich oder vielmehr „beinlich“ bemüht, die Schrittfolge dieser traditionellen Tänze irgendwie „auf die Reihe“ zu kriegen. Elisa mit Ida an der Hand, Marlene im Schlepptau und ich mit irgendwelchen Menschen, die mich einfach mitgerissen haben …

„Mama, das klingt, wie wenn Ziegen husten“, waren Marlenes Worte, als einmal mehr die schneidigen Männer des albanischen Polyphonie-Chors in fescher Tracht zu einer weiteren Darbietung ansetzten.
Mag sein, dass diese Art von Musik nicht unmittelbar unserem Gehör schmeichelt. Aber sie schmeichelt unserem Herzen. Nicht im melodischen Sinne, im Gegenteil – und da ist der Vergleich mit den hustenden Ziegen gar nicht so weit her geholt. Aber Menschen, die so stolz sind auf ihre weit zurückliegende Vergangenheit und so sehr um den Erhalt ihrer Traditionen bemüht sind, trifft man selten an. So selten, wie man Menschen antrifft, die alles Neue und alles Unbekannte vorbehaltlos in ihrem Kreis auf- und an die Hand nehmen. So selten, wie hier in Albanien.

Wir hatten zu wenig Zeit, diesem Treiben und Feiern und Singen und Tanzen zuzuschauen und beizuwohnen, zuzuhören und mitzumachen. Julian wartete mit dem angekündigten Barbecue auf uns. Diese abendliche Verabredung war denkbar ungünstig. Für beides bleib zu wenig Zeit.
Das Volksfest hätte noch lange andauern können; das Barbecue tat es dann auch. Allerdings zu fortgeschrittener Stunde ohne mich. Denn irgendwie fühlte ich mich nach dem vorhergegangenen Abend immer noch rekonvaleszent …

Nach langer und tränendrüsenbelastender Verabschiedung von Zhanisa und Julian, von seinen Eltern und Verwandten, von Petra aus Rosenheim samt Familie und natürlich von Stephan und Heidi, sind wir also gestern Nachmittag am Caravan Camping Berat angekommen, und einmal mehr geht es auch hier darum, wer kennt hier wen? Scheinbar eben jeder jeden. Es ist schon lustig, wie sich alles rumspricht und wie sich immer wieder die Wege kreuzen. Auch Christel und Thomas aus Heidelberg, die mit uns in Ksamil waren, haben wir hier wieder getroffen. Oft sind es aber „Wiederholungstäter“, die man hier antrifft. Denn dieses Land einmal bereist und diese Menschen kennengelernt, kommt man immer wieder hier her.
„Seid ihr Max irgendwo begegnet? Würd mich interessieren, wo der sich gerade rumtreibt“, fragt uns der Vogtländer Rolf, der seit Mai mit Anita unterwegs ist, bei unserer Ankunft.
„Klar sind wir Max begegnet. Bei Deniz am Camping Kranea“, sagen wir. Denn wer kommt schon an Max vorbei mit seinem riesigen LKW und seinem gewaltigen Rauschebart.
„Wie? Ihr habt letztes Jahr Klaus und Rita getroffen?“, fragt Rolf belustigt weiter, als wir von unserem Durmitor-Dilemma berichteten. Klar hätten wir, und Klaus hat uns den Berg hochgezogen, als wir mit unserem alten Golf stecken geblieben sind.
„Ach, den Mercedes hat er immer noch?“
Aber nun hätten wir die letzten beiden Tage mit Stephan und „Big Blue“ verbracht, erzählen wir weiter.
„Ach, den kennen wir gut. Wir sind uns letzte Woche erst in Farma Sotira begegnet“, schmunzelt Rolf.
Farma Sotira ist ein recht alternatives Camp mitten in den Bergen und in der Nähe Albaniens höchstgelegener Stadt. Mühsam zu erreichen über eine teilweise unbefestigte Bergstrecke. Landschaftlich großartig, aber man benötigt viel, viel Zeit dafür. Diese Zeit geht uns erstens langsam aus, und ehrlich gesagt mit ihr auch langsam die Nerven. Petra und die Rosenheimer sind gestern mit ihrem geliehenen Allrad dorthin aufgebrochen. Nur wir werden diesen Ort in diesem Jahr mit unserem Wohnwagen nicht mehr erreichen. Ein Ort, wo die einen sich treffen, weil sie von den anderen davon gehört haben. Ein Ort, wo Menschen nach alten Traditionen leben und Gäste bewirten. Ein Ort, wo die Ziegen husten. Wir nennen das Flüsterpost 🙂

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Chronik in Stein

Es hämmert. In meinem Kopf. Und das ganz gewaltig. Wahrscheinlich tut es dies heute in noch mehreren Köpfen.
„Gestern Abend haben wir alle ein bisserl anders ausg’schaut“, sagt Gudrun nach dem Frühstück, als jeder dabei ist, sein Leiden zu beklagen. Die einen mehr, die anderen weniger. Jörg scheint’s überhaupt am Geringsten getroffen zu haben. Er ist der Einzige, der in der Frühe den verwegenen, wein- und schnapsseeligen nächtlich gefassten Beschluss, morgens gemeinsam Laufen zu gehen, in die Tat umgesetzt hat …

Wir sind also mal wieder umgezogen. Nach einer innigen Verabschiedung von Linda und Alexander haben wir es irgendwie geschafft, den Wohnwagen aus deren Garten zu befreien. Oder umgekehrt. Beziehungsweise Jörg hat es geschafft, während ich immerzu gerufen habe: „Es langt nicht! Es langt nicht!“
„Oh, he’s a perfect driver“, meint Linda.
„If you would like to know, if your are a perfect driver, come to Albania!“, lacht sie, als Jörg den Wohnwagen an ein paar Autos vorbei zum Gartentor hinausmanövriert. Wenn sich dabei noch ein Blatt Papier zwischen zwei Fahrzeuge schieben lässt, ist es perfekt. Diesen Papier-Test hat er längst bestanden.

Saranda irgendwie auf recht chaotische Weise durchschifft, sind wir Richtung Gjirokastra weiter gefahren. Mit der Route hatten wir uns zuvor nie beschäftigt, da eigentlich nicht eingeplant. Aber wie gesagt, Routen ändern sich auf so einer Reise ständig. Den Muzina-Pass zwar nicht locker, aber irgendwie gepackt (und man gewöhnt sich ja an alles), sind wir nun hier bei Zhanisa und Julian gelandet. Eigentlich wollten wir uns nur Gjirokastra, „die Stadt in Stein“ anschauen und morgen weiter in Richtung Berat fahren. Eigentlich …
„Dieser Platz ist sehr gefährlich“, meint Stephan (mit PH, worauf er großen Wert legt), als wir den Wohnwagen abstellen.
Warum dieser Platz denn so gefährlich sei, frage ich.
„Weil ihr hier erstens zu Alkoholikern werdet und zweitens nicht mehr von hier weg kommt“.

Und er sollte recht behalten. Dieser Platz strahlt einen Zauber aus, der einen unmittelbar bei der Ankunft umfängt. Und das, obwohl es hier rein gar nichts gibt. Kein Meer, keinen See, keinen Fluss, noch nicht mal ein richtiges Dorf. Wir befinden uns, umgeben von endlosen Gebirgszügen, mitten in der albanischen Pampa. Dass es hier überhaupt einen Campingplatz gäbe, davon sind wir gar nicht ausgegangen. Erwartet hatten wir gestern morgen bei Abfahrt, irgendwo in der Wildnis zu nächtigen. Jetzt stehen wir zwar auch in der Wildnis, aber betreut von dermaßen zuvorkommenden und herzlichen Gastgebern, wie wir sie zwar hier schon oft erlebt haben, uns diese Herzlichkeit aber immer wieder beinah die Sprache verschlägt. Somit gibt es von dieser Warte aus betrachtet, einfach alles. Sogar ein paar hundert Meter weiter ein Pishina, also ein Schwimmbad – direkt in the middle of nowhere.
Vor elf Tagen erst haben Zhanisa und Julian dieses „Camp“ ebenfalls in ihrem Garten eröffnet und wir sind damit sozusagen die Probanden. Wir hatten über diesen Platz noch keinerlei Info, auch gibt es aktuell keinerlei Beschilderung, die auf irgendetwas derartiges hinweisen könnte. Außer einer dahingekritzelten Skizze von Alexander und für den Notfall eine Telefonnummer, hatten wir nichts in der Hand.
Und tatsächlich haben wir diesen Platz bei Gjirokastra gefunden und uns nun hier unter Quitten- und Granatapfelbäumen auf jüngst ausgelegtem Rollrasen und umgeben von Weinbergen installiert.
Zhanisa und Julian wohnen hier zusammen mit Julians Eltern. Julian ist Geschäftsführer einer Bank in Gjirokastra, Zhanisa ist Ärztin, und der Vater ist Winzer und Schnapsbrenner. Und da liegt er also: der Hase im Pfeffer – oder im Rotwein.
Mit uns lagern hier Gudrun und Frank aus Franken, zwei nette Bayern aus Rosenheim, deren Namen ich nach zu viel Wein vergessen habe und eben Stephan mit PH, der noch bis morgen ohne Heidi ist, die für ein paar Tage in Griechenland war und ansonsten aus Hannover kommt. Stephan ist mittlerweile Rentner, hat bis vor kurzem zusammen mit Heidi eine Heidschnuckenschäferei in Nienburg und einen Bio-Bauernhof betrieben. Jetzt betreibt Stephan einen 7,5-Tonner, mit dem er und Heidi durch die Welt ziehen. „Big Blue“ nennt er seinen Wohn-LKW und dieses damit verbundene Abenteuer, das nicht nur tagesaktuell im Internet auf www.hofschwarzesmoor.de zu verfolgen ist, sondern bereits vom NDR dokumentiert wurde. Wie auch seine „Schäferidyllen“ in einer ZDF-Serie ausgestrahlt wurden.

Oberstes Gebot auf diesem Platz lautet: Am Abend wird zusammen gesessen auf ein Glas Wein. Stephan und Heidi wollten hier nur kurz Station machen auf ihrem Weg aus dem Hochgebirge an’s Meer. Auch Frank und Gudrun wollten eigentlich nur über Nacht bleiben. Aus dieser einen Nacht wurden fünf. Und aus dem Glas Wein gestern Abend wurden dann ziemlich schnell ziemlich viele. Darunter mischte sich immer wieder mal ein Raki, Zhanisa servierte von Zeit zu Zeit Albanische Köstlichkeiten, es wurde erzählt von den bestandenen Abenteuern, von Franks und Gudruns Wohnwagenreisen mit ihrem „hobbymäßig“ vergleichsweise riesigen Fendt und von kleinen wie größeren Pleiten und Pannen, vom neuen Reisen der beiden Bayern mit ihren zwei kleinen Kindern und einem alten ausgeliehen Allrad-Gefährt. Von unseren immer mal wieder Beinah-Katastophen, von meinen Panikausbrüchen und natürlich von Stephans Touren mit „Big Blue“, dem Pottwal auf Rädern.
Dass dabei das eine oder andere Glas zu viel dieses überaus süffigen Weines die erzählenden Kehlen hinunter rann, war wenig wunderlich. Der Krug war immer wieder wie von Zauberhand aufgefüllt … und wir alle langsam abgefüllt. Julian sorgte sich rührend um seine Gäste, und die Gäste sorgten dafür, das Verständnis für den Tourismus in Albanien zu sensibilisieren. Denn so geht das einfach nicht …
Dass die beiden, Julian und Zhanisa (wie aber auch beispielsweise Linda und Alexander) sich rund um die Uhr derart um das Wohl ihrer Gäste bemühen, sich pausenlos um das leibliche Wohl kümmern, morgens Brot und Marmelade vor den Wohnwagen stellen, mittags Obst vorbeibringen, den lieben langen Tag putzen und gießen und ständig nachfragen, ob es uns an irgendetwas mangele, ist das Eine – und das, was jeden, der hier herkommt, dazu verleitet, einfach zu bleiben. Dass sie dafür allerdings kein Geld, beziehungsweise viel zu wenig Geld verlangen, ist das Andere. 14 Euro haben Gudrun und Frank heute morgen für jeden Tag, den sie hier gestanden haben, bezahlt.
„Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte, als mir Zhanisa noch ein paar kleine Geschenke in die Hand drückte“, sagt Gudrun heute morgen vor der Abfahrt. „Mir fehlten einfach die Worte.“ Danke ist eigentlich viel zu wenig. Aber ein anderes Wort gibt des dafür (noch) nicht …

Dass mit dem Tourismus hier Geld zu verdienen ist, macht Hoffnung. Den Menschen und dem ganzen Land. Man sieht das an allen Ecken und man spürt das an jedem Einzelnen. Nur: solange es an der professionellen Vermarktung dieses Landes fehlt, ist etwas anderes auch zu spüren, das vermutlich etwas Einzigartiges ist. Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit, die unbezahlbar ist.

Heute Abend will Julian ein Barbecue veranstalten. Das erste für ihn und seine Gäste. Für uns, für Stephan, für die Rosenheimer und eben für alle, die am Abend noch ankommen werden. Für eine Nacht …
„Wir werden alle zusammen an der neuen Grillstelle kochen“, sagt er. Jeder würde etwas auf seine Weise zubereiten. Er und Zhansia auf traditionell albanische Art.
„Wie wär’s mit einem schwäbischen Kartoffelsalat?“, schlägt Jörg vor.
„Ich koch dann mal Kartoffeln …“ Was daraus wird, werden wir sehen …

Aber zuvor wollen wir in die Stadt radeln zu einem albanischen Volksfest. Nicht nur für die Touristen, sondern für die Menschen, die hier leben. Und ihre polyphonen Gesänge zum Besten geben, traditionelle Tänze aufführen und ihr Handwerk vorstellen.
„Och nee, nicht schon wieder“, maulen die Kinder, die schon gestern ihr Fahrrad die steilen Gassen hochgeschoben haben. Vermutlich ist dies die steilste Stadt der Welt. Eine Stadt, in der alle Gesetze der Architektur und des Städtebaus buchstäblich über den Haufen geworfen sind. Eine Stadt, in der die Mauern des einen Hauses auf das Dach eines anderen gebaut zu sein scheinen. Eine Stadt, wo man im Vorrübergehen den Arm ausstrecken und seine Mütze über den Kamin eines Hauses stülpen kann. Eine Stadt aus Stein, wo jeder dieser Steine eine lange, lange Geschichte erzählt. Geburtsstadt des albanischen Diktators Enver Hoxha sowie des weltberühmten Schriftstellers Ismail Kadare. Gjirokastra, eine Stadt wie im Märchen. Eine Stadt, die langsam zerfällt, wenn nicht endlich das UNESCO-Gesuch erhört wird. Eine Chronik in Stein, die hoffentlich noch lange weitergeschrieben wird.

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Fahr- und Geschichtsstunden

„Können wir das schaffen?“ „Jou! Wir schaffen das!“ Wie Baumeister Bob in der Geschichte, klingen Tag für Tag Jörg und die Kinder, wenn es darum geht, Engstellen durch- und steile Berge hochzufahren. Während ich stetig dazwischen rufe: „Das reicht nicht!“ und „Wir kommen da niemals hoch!“ Bislang kamen wir durch und hoch und auch wieder runter und haben es also tatsächlich geschafft! Auch wenn dieser „Baumeister“ einst ein recht exzentrischer Typ gewesen sein musste. Was hat der Kerl sich hier doch alles einfallen lassen? Stein auf Stein hat er geschichtet, Brocken auf Brocken gehievt, und wo das göttliche Werk noch nicht zur vollsten Zufriedenheit vollbracht war, haben die Menschen einfach nachgeholfen. Nur die Straßen, die wurden dabei nicht so recht berücksichtigt und ziemlich schluderig in dieses Landschaftszenario gesetzt …

Nach gut zweiwöchiger Reise sind wir trotz aller Unwägbarkeiten auf dieser abenteuerlichen Reise quer über Balkanien tatsächlich im südlichsten Zipfel Albaniens an der Griechischen Grenze angekommen. In Butrint. Nicht immer führte diese Reise auf geplanter Route, und das wird sie auch weiterhin nicht tun. Und nicht immer haben wir daran geglaubt, überhaupt jemals hier anzukommen. Jetzt ist der Scheitelpunkt erreicht, und ab morgen begeben wir uns somit auf die Heimreise.
Auch diese Route wird uns nicht unsere geplanten Wege entlang führen, und das ist das Schöne an dieser Art, zu reisen. Vielen Menschen sind wir bislang begegnet, viele Hände haben wir geschüttelt, Gastfreundschaft genossen, Freundlichkeit erfahren und jede Menge Tipps bekommen. Von Einheimischen sowie von anderen verrückten „Mitreisenden“.
Nach der gestrigen Etappe und der frühmorgendlich gemeisterten Hürde vom Camping Kranea die steilen Serpentinen hoch, gemütlich die Albanische Riviera entlang, beziehungsweise auf und ab getuckert, wollten wir auf halber Strecke den Wohnwagen sowie den Mitschuh einmal in den Genuss einer ordentlichen Lavazh kommen lassen. Denn erstens sahen beide aus wie Sau und zweitens hatte das Gespann eine gründliche Wäsche mehr als verdient. Während der Wohni von Hand schamponiert, geschrubbt und gefeudelt wurde, sahen wir bei Kaffee und Frühstück dem morgendlichen Dorf-Geschehen zu. Da schaut der Esel mal an der Kaffeetafel vorbei und blickt neugierig drein, dann linst die Kuh um’s Eck, während die Ziegen immer wieder die Straße kreuzen. Dazwischen Kinder, Hühner, Männer unterm Dorf-Rrapi, Mercedesse, Milchlaster, sprich schwer beladene Pferdefuhrwerke … Bis das Wasser versiegt ist. Dem Auto-, ergo Wohnwagenwäscher tat das schrecklich leid, aber es kam schlichtweg kein einziger Tropfen mehr aus seinem Gartenschlauch. Für den Hobby hat’s gereicht, und er polierte noch lange an den Fenstern rum; der Mitschuh hingegen ist immer noch mit der Patina des gesamten Balkans überzogen … Ich glaube, man nennt das Vintage-Look 🙂

Am frühen Nachmittag sind wir schließlich in Ksamil angekommen. Linda und Alexander haben uns nach meinem Anruf bereits erwartet, und wir konnten unseren Wohnwagen zu fünf weiteren Wohnmobilen in ihrem Garten abstellen. Was die beiden aus diesem Gärtchen auf steinigem, trockenem Boden unter dieser unbarmherzigen Sonne gemacht haben, ist zauberhaft. Da wachsen Sonnenblumen und blühen Rosen, und unter schattenspendenden Weintraubenpergolen lässt sich’s gut aushalten. Auch ist es rührend, wie sehr sie um ihre Gäste bemüht sind, stets bewirten sie und kümmern sich den ganzen Tag über.
„Den Wohnwagen stellen wir nachher gemeinsam auf, erst gibt’s mal Eiscafé und Milchshake“, lud Alexander uns ein und zeigte uns den Platz, den er für uns vorgesehen hatte. Platz hat’s hier zwar kaum, aber da ihr Wohnhaus nur aus Erdgeschoss besteht und immer noch ein Dach fehlt, und weil das in Albanien so üblich ist, immer wieder mal – wenn etwas Geld übrig ist – ein zusätzliches Geschoss auf’s Haus zu setzen, bietet das üppig mit Teppichen (es regnet hier ja nie!) ausgelegte „Oberdeck“ weiteren Platz für kleine und größere Zelte. Einem bunten und quirligen Lagerleben sozusagen „upside-down“ gleicht das hier, wenngleich der Ort selbst sich von einer dermaßen „bunten“ Seite präsentiert, dass uns der hiesige Sommerferien-Trubel der Albaner doch etwas zu turbulent ist und wir morgen weiter ziehen wollen.

Heute aber zu früher Morgenstunde haben wir das sechs Kilometer entfernte Butrint besucht. Ein magischer Ort – dieses antike Buthronum. Solange man noch fast alleine ist. Sobald aber all die Italiener, die Griechen und sämtliche Urlaubsgäste vom nahen Korfu die antiken Stadtmauern stürmen, ist’s ganz schnell vorbei mit der Ruhe. Und da kann es durchaus passieren, dass am Parkplatz die heißblütigen Italienierinnen sich im Wrestling mit den kaltschnäuzigen Griechinnen üben. Wir befanden uns also schon im Aufbruch, als sich hier der große Einbruch ereignete. Und wir das muntere Treiben und Schieben der Karossen mit Schmunzeln beobachteten. Nix wie weg hier!
Mit der kleinen Holzfähre, die eigentlich gar keine Fähre ist, sondern ein baufälliges Floß an Seilen, haben wir so schnell es eben ging in diesem Seilwinden-Tempo, das Weite, oder das nahe andere Ufer gesucht und glücklich angelandet einmal die Lagune von Butrint umrundet.

Sobald man sich von den touristischen Hotspots beziehungsweise von den Stränden entfernt, an denen der Mercedes des Albaners nicht parken kann, ist man allein auf weiter Flur. Und diese Fluren sind ganz schön weit. Schafe über Schafe, Kühe auf ihren Weidegründen, Macchia durchstreifende Ziegenherden. Und keine Menschenseele, die dieses zauberhafte Bild über die Lagune von Butrint und die umliegenden Berge stören könnte. „Et in arcadia ego“, wusste schon Goethe schmachtend zu stöhnen, und auch der Romantiker Claude Lorrain hatte seine dahingepinselten Schäferidyllen gleichermaßen schwülstig tituliert. Auch in Arkadien waren wir. Wenngleich dieses Arkadien weitaus heißer und trockener daher kommt. Da ist nichts mit lieblichen Auenwäldern, kein grünes Gras, kein kühler Schatten; da herrscht Dürre, und die unerbittliche Sonne hat hier das sommerlange Sagen.

Es ist dies ein erstaunliches Land. Von einer landschaftlichen Schönheit gezeichnet, die nicht mit „lieblich“ zu umschreiben ist. Eine Landschaft, die schier den Atem nimmt, oftmals aber auch der Hitze wegen. Eine Landschaft, die sich hinter jeder Kehre verändert. Und Kurven und Kehren gibt es hier mehr als genug. Eine Landschaft, vor deren Kulisse man ständig „Oh“ und „Ui“ und „Hach“ und „Boah!“ rufen möchte. Es ist dies auch ein Land, das mit einer Geschichte aufwartet, die weit, ganz weit in die Vergangenheit reicht und von guten, geradezu paradiesischen Zeiten kündet. Aber auch und gerade die schlechten Zeiten machen die Geschichte dieses Landes aus.
Und diese Geschichte(n) macht die Menschen aus. Wo Wahrheit und Wahrscheinlichkeit sich treffen, entstehen Mythen. Butrint etwa bewahrt diesen Mythos. Und das Land in heutiger Zeit behütet seine Geschichte mit dem zornlosen Blick auf seine jüngste Vergangenheit. Und der Blick auf die Zukunft macht Mut und ist vielversprechend.

 

Bilder hochzuladen scheint hier unmöglich. Schlechtestes WLAN ever …

Sobald wir wieder vernünftig mit der Welt verbunden sind, gibt’s uns „Live und in Farbe“ 🙂

 

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Der kleine Puck

Was dem Albaner fehlt, sind nicht allein vernünftige Straßen, auch ist das Defizit nicht mit ein paar mangelnden Verkehrsregularien zu benennen. Weder gilt die Infrastruktur als schwerwiegendes Manko noch das vermeintlich verbrecherische Klischee. Alles Fehlanzeige! Nein, es sind die Worte, die fehlen. Und das, obwohl diese Sprache mehr als blumig daherkommt und onomatopoetisch von recht leicht verständlichem Klang ist. Da heißt etwa „Autowäsche“ einfach „Lavazh“ (wobei das „zh“ als „sch“ ausgesprochen wird, unser Auto aber leider immer noch davor „verzhont“ blieb), „Plage“ (also Strand) heißt „Plazh“ und „Dusche“ heißt „Duzh“. Für manchen Ausdruck und manche Eigenschaft indes wurde bislang noch kein Wort gefunden. Wie eben auch für „Wandern“. Heute aber waren wir beim Schnorcheln. Also beim „Wasser-Wandern“ von Höhle zu Höhle.
Was diesen „Wasser-Wanderweg“ ausmacht, ist nicht nur seine badewannenwarme Temperatur, sondern vor allem seine Farbe. Eine Wasserfarbe, die ich nie zuvor in dieser Brillanz und Klarheit gesehen habe. Und auch nicht in so vielen chargierenden Farbtönen. Würde mich jemand nach einer Beschreibung für dieses Blau fragen, würde ich zunächst die Schultern zucken, wie sie auch Jörg gezuckt hat.
„Vermutlich ist es der Himmel“, mutmaßt der Physiker ins Blaue hinein. Denn der Himmel würde sich bekanntlich im Wasser spiegeln. Wer hätt’s gedacht …? 🙂
„Aber der Himmel ist anderswo auch so blau und spiegelt sich“, sage ich.
„Dann ist es halt die Klarheit des Wassers“, ergänzt er.
„Klar ist Wasser eigentlich immer“, kontere ich besserwisserisch.
„Dann ist es eben der Grund, der das Licht reflektiert“, gibt er zurück, langsam entnervt. Schließlich hat er Ferien, und damit hat das Wasser einfach gefälligst nur blau zu sein!
So habe ich die Frage nach dem Grund des blauen Wassers irgendwann aufgegeben und mir insgeheim Wörter dafür überlegt.
„Glestscherspalten-Blau“ am Rand, bevor’s tief wird. Mit einem Anflug von „Eisguetzle-Blau“. In etwa ein luzides 60-Cyan-15-Yellow-Blau. Schwimmt man weiter hinaus, verändert das Blau seine prozentualen Farbanteile, nimmt langsam an Tiefe und Sättigung zu. Heraus kommt dabei zunächst ein konzentriertes Spülmaschinen-Klarspüler-Blau, das – immer grundloser werdend – sich ins dunkle, durchsichtige WC-Reiniger-Domestos-Blau verwandelt … bis es sich schließlich in ein Tintenpatronen-im-Wasserglas-Blau ergießt.
Jetzt nenn dieses Blau mal beim Namen! Mir fällt keiner ein …
Der Plazh, an dem wir heute waren zumindest hatte einen: Gijepe-Plazh. Paradies ist nur ein anderes Wort für diesen Ort, um einmal so richtig Blau zu machen. Aber es gibt vermutlich noch tausende weitere. Und jeden Tag werden neue Worte für diesen Strand „grundlos“ geschöpft.

Was dem Albaner nicht fehlt, sind freundliche Worte, davon er mehr als genug hat. Und Hände hat er, die grüßen und welche die unseren schütteln. Eine Geste ist ihm eigen, die zum Bleiben auffordert, und eine Mimik ist ihm ins Gesicht geschrieben, die unmittelbare Resonanz erzeugt.
Wir sind also im Fluß mit dem hiesigen Leben.
„Langsam gewöhnt man sich an alles“, sinniert Jörg.
Und ja, wir gewöhnen uns an sämtliche Zustände. An die Aggregatzustände des Kühlschranks ebenso wie an die Verkehrszustände mittags um zwölf. An die Müllzustände um’s Eck wie an die Straßenzustände der „Nebenstrecken“. An die Gastfreundschaft so sehr wie an das Hierbleiben-Wollen. Auch an den schlechten Wein sowie an das gute Bier. An das einfache aber fantastische Essen zwar auch, wenngleich die unglaublich günstigen Preise niemals zur Gewohnheit werden. An die atemberaubenden Ausblicke auf’s Meer und die sich unmittelbar dahinter auftürmenden Berge; vor allem aber an dieses unbeschreiblich gelassene Easy-breasy-chilly-willy …

Was aber uns im Vergleich zum Mercedes-motorisierten Albaner fehlt, ist das locker-flockige Über-den-Berg-Kommen, ergo ein leichterer Wohnwagen. Und das wurde uns in den letzten paar Tagen erst klar. Den Ohridsee werden wir dieses Jahr wohl nicht mehr schaffen, was zwar auf der einen Seite daran liegen mag, dass wir hier an diesem paradiesischen Ort zu viel Zeit „vertrödelt“ haben, auf der anderen Seite aber ganz klar in die Kategorie „fehlender Mut hinsichtlich einer (zu) anspruchsvollen Bergetappe über eine unbefestigte Piste und zu erwartender „überhöhter“ Steigung“ einzuordnen ist. Mit unserem „Hobby“ stoßen wir hier einfach an unsere Grenzen. Auch wenn der Mitschuh sein Bestes gibt und morgen vor eine weitere Herausforderung gestellt wird.
Sämtliche Allradler mit Anhängerkupplung auf dem Campingplatz sind über unser Overload-Dilemma informiert; Handy-Nummern sind ausgetauscht, und der Berliner Landi-Fahrer meint: „Det is eene meiner leichtesten Übung und nich der erste Wohnwagen, den ick irjendwo hochjezogen hätte. Ick rechne morjn ab acht Uhr mit euch!“ Und wir können getrost mit ihm rechnen …

Plan P lautet also für die nächste Reise: „Eriba Puck“ als Zweit-Wohnwagen. Denn den „Hobby“ werden wir gewiss niemals aus unseren Händen geben, nachdem, was der alles mit uns mitgemacht hat, und sofern wir ihn wieder sicher nach Hause bringen. Also muss ein Balkanien-Sommerwohnwagen her. Dieser Klassiker von Hymer ist klitzeklein, wiegt „fast nix“, hat wenig Innenleben, aber immerhin Küche und Bett … und die Kinder schlafen ohnehin jede Nacht im Freien. Längst haben wir festgestellt, dass man zum Glück gar nicht so viel Ballast benötigt …

Mit was die Kinder aber für die nächste Reise rechnen, und auch sämtliche Bedingung daran knüpfen, um mit „diesen grauenhaften Eltern“ ein weiteres Mal nach Albanien zu reisen, ist ein Hund als treuer Weggefährte. Längst sind sie auf der Suche nach einem Namen für das neue Familienmitglied. Ich weiß noch nicht recht … Aber wie wär’s mit: „Der kleine Puck“?

 

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