Griaß di, Gallusstraß!

Am Sonntag, den 31. Juli sind wir gegen 16 Uhr Ortszeit für fünf Wochen aufgebrochen in das Abenteuer Balkanien 2.0. Mit geringfügiger Verspätung sind wir also nun am 4. September um 18 Uhr 02 allesamt wieder wohlbehalten in Markdorf in der Unteren Gallusstraße in den sicheren Hafen der Heimat eingelaufen. Mit dem neuen Glücksschwein war natürlich auch das alte „Notfall-Büchle für Albanien-Reisen“ mit an Bord. Das Glücksschwein hat uns treue Dienste geleistet und uns viel Zuversicht und Freude beschert. Und auch das Notfall-Büchle hatte am letzten Tag tatsächlich seinen ersten wirklichen Einsatz. Ein echter Notfall, die Mautstation vor dem Tauerntunnel! Alles Geld bis auf den letzten Cent, Lek, Fening, Kuna aufgebraucht. Schreckschock! „Wir können den Tunnel nicht bezahlen“, ruft Jörg entsetzt. „Doch! Hinten im Notfallbüchle stecken immer noch die zwanzig Euro von Bine“, fällt es mir wieder ein! Elf Euro achtzig hat der Tunnel gekostet. Bleibt sogar noch was übrig für weitere Notfälle …

Und jetzt?
Jetzt fragt man sich erst mal, was man alles vermisst hat in dieser langen Zeit. Fragt man die Kinder, sind es zunächst die Freunde und die buchstäbliche „Freizeit“; es ist aber auch der Garten, die Erbsen, der Salat, der See, die Katzen, das Grün der Wiesen, der stetige Wechsel des Wetters. Vor allem aber ist es das Vertraute, das Heimische, das Gewohnte, das Liebgewonnene, das in weiter Ferne hinterm Horizont verschwunden ist und gedanklich doch so nah war.
Fragt man mich, muss ich mich den Kindern in manchen Vermissens-Angelegenheiten anschließen. Fragt man aber weiter, was wir auf dieser Reise gewonnen haben, so erstrahlt nicht nur das Grün der Wiesen durch diese neuen Welt- wie Weitblicke grüner, ist nicht nur der See blauer und das Wetter niemals mehr schlecht (denn nur des Regens wegen sind die Wiesen so grün), und dem Liebgewonnenen und Vertrauten gedeiht eine ganz neue, beinah sakrosankte Bedeutung an.
Wir haben die Fremde und die Weite kennengelernt. Und Nähe „erfahren“. Im wahrsten Sinne des Wortes. Je weiter wir uns Kilometer um Kilometer von Zuhause entfernt haben, waren wir angewiesen auf andere Menschen, auf deren Hilfe und deren Gastfreundschaft. Denn so autark, wie wir immer taten, waren wir gar nicht. Auch wenn uns der Wohnwagen immer ein Dach über dem Kopf geboten hat und uns stets ein Stück Heimat war, war es nichtsdestotrotz ein gutes Gefühl, unter dem Schutz und dem behütenden Auge fremder Menschen zu stehen. Klar, der Mitschuh hat Höchstleistungen vollbracht und sich echt einen Orden verdient, denn mit dem alten Golf wäre diese Reise zum regelrechten Himmelfahrtskommando geworden. Dennoch sind wir hin und wieder an unsere Grenzen geraten. Sei es auf einer bosnischen Gebirgsstraße mit „überhöhter“ Steigung, zu vielen zu engen Kurven und einem fetten LKW gewesen; sei es die beinah unüberwindbare Hürde des Llogara-Passes gewesen; vor allem aber war es mit dem Erreichen unseres Zieles, der Lagune von Butrint, das Gefühl, verdammt weit weg von daheim zu sein. Nicht, dass sich diese Distanz mit dem Flieger nicht gut überbrücken ließe, aber mit dem Wohnwagen im Schlepptau und den verkehrstechnischen Herausforderungen war mit einer mehrtägigen oder auch mehrwöchigen Reise durchaus zu rechnen. Manchmal lag es aber einfach an meinen Selbstzweifeln. Und da muss ich immer wieder an die beiden Polen zurückdenken, die uns am hanebüchenen Holzbrücken-Grenzübergang von Bosnien nach Montenegro mit ihrem Wohnwagen entgegengekommen sind. Da war ich mal kurzzeitig und hinsichtlich der Straßen-, Steigungs-, Brücken- und Zollverhältnisse ziemlich am Ende meiner nervlichen Belastbarkeit (denn kein Mensch fährt hier mit einem Wohnwagen entlang!). Daumen hoch, Lachen im Gesicht, Optimismus und Zuversicht ausstrahlend zogen sie an uns vorbei, winkten aus den offenen Fenstern: „No problem!“ In diesem Moment tat das ganz schön gut! Anything goes. Panta rhei. Sogar im zähfließenden Grenzübergangsverkehr. Und die Brücke? Die wird schon halten und breit genug sein! Schließlich kamen die beiden da auch rüber …

Von der Sprache verstanden wir reichlich wenig, was aber gar nichts ausmachte. Denn Albanisch unterscheidet sich so ganz und gar vom Slawischen, wozu wir hierzulande ja bereits jahrzehntelange Gelegenheit hatten, dieses weiche Zungenstoßen in unseren touristisch-relevanten Sprachschatz aufzunehmen. Die Grammatik des Albanischen indes erschloss sich mir erst nach und nach beim Studieren der Ortsschilder und Landkarten bezüglich seiner bestimmten und unbestimmten Form, vor allem aber durch Nachfragen, was wie heißt und weshalb was so oder so geschrieben wird. Kommunikation war selbstredend, Englisch der kleinste gemeinsame Nenner. Die wichtigsten Begriffe waren mir besonders wichtig: Guten Tag. Auf Wiedersehen. Bitte. Danke. Alles andere ergab sich von allein. Was sich mir aber nicht erschloss, war das Verkehrsverhalten der Albaner. Nicht, dass dies ein aggressives Verkehrsverhalten gewesen war, ganz im Gegenteil. Es war und ist dies von einem selbstverständlichen Chaos geprägt, dass es schon wieder seiner eigenen Ordnung gehorcht und auf das jeder mit ebenso großem Selbstverständnis reagiert. Mein verkehrsregelnder „Einsatz“ am Llogra-Pass sei da nur als ein Beispiel angeführt. Wie schnell man sich solche Gepflogenheiten doch aneignet … Warnblinker an, Motor aus. Egal wo man steht und fährt. Aussteigen. Alle anhalten. Das läuft immer! Jeder fährt drum rum oder wartet stoisch ab, keiner hupt (höchstens zum Überholen, was übrigens eine gute Sache ist). Den Vogel übrigens zeigt auch keiner, einzig vielleicht in den 24 Federn des Wappentieres am Wimpel, auf den die Albaner besonders stolz sind und der für die 24 geschlagenen Schlachten Gjergj Kastriot Skanderbegs gegen die Osmanen allerorts im Winde weht.
Kastrio heißt auch jede zweite Tankstelle und versucht namentlich auf ätherische Weise dem Nationalhelden nahe zu kommen. Wenig heldenhaft, denn der Verbrauch war mit Wohnwagen ziemlich hoch, haben wir haufen-, ja hektoliterweise Benzin verfahren und in den Städten die Abgase der alten Mercedesse eingeatmet. Der Mathematiker unter uns hat noch Urlaub, ich dagegen kann’s nicht mal grob umreißen. Was ich ungefähr abschätzen kann, ist eine gefahrene Strecke von knapp 5.000 Kilometern.
Auf 5.000 Kilometern passiert viel, und man passiert viel. Keinen Kilometer davon möchte ich missen. Nicht jene zäh dahinfließenden auf dem Autoput und auch nicht jene „kurzen“ 15 zum Boracko Jezero, welche gefühlt die längsten Kilometer meines Lebens waren. Denn das gehört zu einer Reise so sehr dazu, wie zum ganzen Leben. Gute wie schlechte Zeiten. Höhen und Tiefen und manche Steigung, die es zu überwinden gilt.
So vieles möchte ich nicht missen, das mir unser Leben hier im mäßig begünstigten Sommer dadurch umso wertvoller erscheinen lässt. Aber einiges werde ich vermutlich mein Leben lang vermissen. Sofern ich dieses Land Albanien, überhaupt ganz Balkanien, nicht wieder bereisen werde(n würde …)
Vermissen würde ich vor allem die vielen unerwarteten und zufälligen Begegnungen. Von solchen Begegnung bleibt ganz schön viel hängen. Auch wenn man sich vielleicht nie wieder im Leben begegnen wird. Mit Stephan und Heidi werden wir vielleicht über unsere Blogs in Verbindung bleiben; Gudrun und Frank sind ein wunderbarer Beweis, dass man auch mit einem großen, schweren Fendt-Wohnwagen so eine Reise wagen kann; Verena und Hendrick sind wir ewig in Dankbarkeit verbunden, da sie uns die einsturzgefährdete Brücke erspart und uns vielleicht vor einer Katastrophe bewahrt haben. Elisabeth und ihr Freund aus Nürnberg „verfolgen“ uns weiterhin und werden im Winter vielleicht auf das neue Buch stoßen, und auch mit Zhanisa und Julian bleibe ich über Facebook in Kontakt. Man sollte sich aber niemals vornehmen, sich wieder zu treffen oder Kontakte zwanghaft aufrechtzuerhalten. Aus Erfahrung klappt so etwas nie! Umso größer ist dann die Freude, wenn man sich irgendwann zufällig an einem völlig unerwarteten Ort über den Weg läuft. Wie Helmut und Tilli aus Fürstenfeld in Ulcinj …

Was haben wir noch gelernt?
Außer einem erweiterten Wortschatz und einem daraus resultierenden lustigen Kauderwelsch haben wir einige Buchstaben aus einem imaginären verstaubten Scrabble-Säckchen herausgekramt und zu zwei in Vergessenheit geratenen Wörtern zusammengestückelt. „Demut“ und „Dankbarkeit“ kam dabei heraus. Das ist zunächst gar nicht so einfach, diese beiden Begriffe in unseren Sprachschatz zu integrieren. Denn diese Twin-Terms haben wir längst ersetzt durch „Geschäft“ und „Kaufkraft“ oder „Leistung“ und „Gegenleistung“. Bezahlt wird mit barer Münze oder Kreditkarte, der Deal besteht in einem angemessenen Produkt oder einer entsprechenden Dienstleistung. Da ist ein „Danke“ nicht vonnöten, handelt es sich doch lediglich um einen wirtschaftlichen Handel. „Ich gebe dir Geld, du bietest mir Nachtquartier und Logis.“ Wenn hierbei nun aber etwas ins Ungleichgewicht gerät, geraten wir schnell an die Grenzen unseres Sprachschatzes. Es fehlen uns schlichtweg die Worte. „Das können wir nicht annehmen“, stammeln wir beschämt ein paar Phrasen und wollen unmittelbar ein monetäres Gegengeschäft abschließen. Man würde sich dadurch gleich besser fühlen, denn so viel Gastfreundschaft und so viel unvoreingenommene Herzlichkeit sind wir nicht gewohnt.
Für den Albaner indes wäre es beschämend, wenn wir diese Gastfreundschaft nicht annehmen würden oder für all die aufgetragenen Speisen und Getränke mit Geld bezahlen wollten. Manche Dinge sind schlichtweg unbezahlbar. Und dann ist mit einem einfachen „Danke!“ mehr gesagt als mit tausend Worten. Faleminderit!

Und zuhause?
Die Tomaten sind von den Nachbarn gegessen (zum Glück der Kinder), der Zuckermais ist reif (Yippiehh!), die Karotten sind in diesem Jahr (mal wieder) klein und krumm geraten, aber lecker; die beiden Kater Karle und Konrad laufen sich vor dem Sofa Rang und Namen ab; der Wohnwagen ist geputzt, der „wandernde Küchenblock“ wieder fixiert und auch sonst einige gelöste Schrauben nachgezogen; der Beschluss ist gefasst, der Hobby packt das nochmals; der Mitschuh wird noch diese Woche gewaschen, damit er wieder aussieht, wie ein ordentlicher Mensch; das Gras ist gewachsen … So hoch, dass der Rasenmäher an seine Grenzen gerät und so viel, um über der ganzen düsteren Geschichte Albaniens einem gesunden Flor auf einem fruchtbaren Nährboden beim Wachsen zuhören zu können.

Idas Freundin Nina hat für unser Haus ein Plakat gemalt: „H  E  R  Z   L  I  C  H    W  I  L  L  K  OmmeninderUnterenGallusstraße!“ (Der Platz wurde knapp!) Auf albanisch heißt das „Miresevini“ (also nicht: „Der Platz wurde knapp!“, sondern „Herzlich willkommen!“)
Denn Platz für „Willkommen!“ ist an jedem Ort und in jedem Haus.

Faria, faria, ho

So lustig das Zigeunerleben auch ist, irgendwann sollten wir wieder zurück in die Zivilisation finden. Kärnten war da nun schon ein ganz guter Anfang. Jetzt wird es wirklich höchste Zeit, dass wir unsere Zelte endgültig abbrechen. Wieviel Zeit zwischen unserem Aufbruch vor fast fünf Wochen und unserem wehmütigen Abschied von diesem großen Abenteuer liegt, lässt sich mitunter an der Sonnenuhr ablesen, die längst ihre Sommerstunden gezählt hat und langsam aber sicher den Herbst einläutet. Die Zeit lässt sich auch ablesen an ein paar kleinen Ringen um die Hüftgegend (die hoffentlich und bei eiserner Disziplin bis zum Gehrenberglauf wieder gänzlich verschwunden sind 🙂 ), auch lässt sich die Zeit buchstäblich an den Haaren herbeiziehen. Und daran ließ sich so sehr ziehen, dass ich heute morgen die dringende Notwendigkeit empfunden habe, einen „Berber“, also einen Frisör in Millstatt aufzusuchen. Denn ansonsten würde die Gefahr bestehen, dass mich mit „langen“ strohblonden Haaren zuhause keiner mehr erkennt 🙂
Langsam heißt es also, wieder in den Alltagsmodus zu schalten. Den heutigen Tag allerdings haben wir noch einmal genutzt, um dieses mir nach wie vor suspekte Kärnten aus der Vogel- beziehungsweise Gipfelperspektive zu betrachten.

Nach dem gestrigen Vorgeschmack hat uns nun heute die geballte Wucht des touristischen Marketingkonzepts dieses alpenländischen Disneylands mit voller Breitseite getroffen. Und dabei wären sie so schön, diese Berge. Wenn sie nur nicht von den Menschen so malträtiert und mit Füßen getreten würden. Dass die Bergsteige längst und allesamt putzige Namen tragen, kennt man auch vom Bodensee. Dass so ein Versprechen stets zum Erlebnis werden soll, auch das ist nichts Neues. Kleine und große Tafeln in regelmäßigen Abständen verweisen andauernd auf irgendeines dieser Bergerlebnisse. „Ort der Kraft“, „Stein der Ruhe“, „Potenzwasser“ (ja, „Potenzwasser“ steht da an einem Bächlein, an dessen munterem Springquell ein Metallbecher angebracht ist, aus dem jeder(mann) trinken kann!). Sitzgelegenheiten, die in ihrem Design an futuristische Liegen beim Psychotherapeuten für großstadtmüde Geschäftsleute erinnern und Tische und Bänke an allen Ecken und Enden zur inneren Einkehr aufrufen. Denn wer sitzt heutzutage noch auf dem Boden, der nicht Yoga macht? So geht es auf diesem Kreuzweg weiter von Station zu Station. Bis das Gipfelkreuz erreicht ist, oder eben das Granattor anstelle dessen. Man kann übrigens nichts falsch machen auf diesen Steigen. Sie sind quasi idiotensicher. Denn Verlaufen ist völlig ausgeschlossen. Erstens, weil weit über der Baumgrenze ganze Schilderwälder es unmöglich machen, vom Weg abzukommen. Und zweitens, weil man vom Sog der Prozession einfach mitgezogen wird.

Jetzt denkt man – erst mal oben am Gipfel angekommen – an eine zünftige Brotzeit. Von wegen! Hier wird nicht gevespert, hier wird getafelt oder vielmehr diniert. Das scheint der letzte Schrei in der Vermarktung der Kärntner Bergwelt zu sein. „Tafeln“ an allen (un)erdenklichen Plätzen. Man muss sich das in etwa so vorstellen: Auf über 2.000 Meter Höhe werden gigantische Holztische und schicke Bänke aufgebaut, die zuvor mit gewaltigem Gefährt auf den Gipfel gebracht wurden. Dann wird eingedeckt. Leinene Tischtücher, weißes Porzellan, Silberbesteck, eine ganze Glasmenagerie … Und es wird dekoriert, was das Zeug hält. Von einer eigens dafür hochbestellten Dekorateurin. Die Speisen sind übrigens auch hochbestellt und werden pünktlich automobil angeliefert. Mitten in freier Wildbahn auf felsigem Grund. Ein Top-of-the-World-Dixieklo habe ich übrigens keines entdeckt. Aber auch dafür wird es eine Lösung geben …
„Die Gäste kommen um 14 Uhr“, erklärt uns die dauerdekorierende Dame freundlich, arrangiert dabei weiter ihre Teller mit geschliffenen Karfunkelsteinen, Preiselbeersträußchen, Herzen und Schildern mit der Inschrift „Alles Liebe“. Fraglos, es ist hübsch anzusehen. Und vor dieser Kulisse ist das gewiss ein gewaltiges Bild.
„Und die Gäste, wie kommen die hoch?“, frage ich.
Die würden unten an der Alm mit einem Gästeführer loswandern. Das darf durchaus mit einem Almauftrieb verglichen werden, was im Prinzip auch nichts anderes ist. Nur dass die Kühe in diesem Fall Touristen sind und der Geißenpeter ein Gästepaul ist. An diversen Stellen sind „Tränken“ und „Futterstationen“ aufgebaut, und die Fußlahmen werden natürlich mit dem Alm-Taxi auf den Gipfel gebracht. Endlich oben angekommen, ist dann tatsächlich immer lauter werdendes Läuten zu vernehmen. Nicht von den Kuhglocken und nicht von den Ziegen, denn die haben längst das Weite gesucht. Aber von den Handys.

Jörg regt sich immer auf, wenn ich mich so aufrege.
„So läuft das“, sagt er, „diese Region lebt fast ausschließlich vom Tourismus. Du tust das doch auch.“
Trotzdem … ich weiß nicht so recht … Wenn etwas keine Dekoration nötig hat, dann ist es diese Bergkulisse. Sie hat auch keine „Wanderer“ nötig, die nichts weiter wollen, als Urlaubserlebnisse und Events auf dem Silbertablett präsentiert zu bekommen. Vielleicht ist das aber einfach die falsche Urlaubsdestination für mich. Obwohl’s den Kindern unumwunden gefallen hat. Auch den Camping Burgstaller fanden sie im Vorbeifahren cool. Fast so cool, wie den Europapark.

Jetzt sind wir also am Einpacken. Die Vorräte gehen zwar immer noch nicht zur Neige, und auch die Klamotten würden noch lange reichen. Heute Abend habe ich endlich meinen Faserpelz wieder angezogen. In der Tasche habe ich das Kärtchen von Alexandar und seinem kleinen Camp „Evergreen“ in Pluzine in Montenegro gefunden. Das war der einzige Abend, an dem es kühl war und uns ein gewaltiges Gebirgsgewitter abends in den Wohnwagen gezwungen hatte.
Aber noch vieles mehr lässt sich nach so langer Zeit und so vielen bereisten Orten im Chaos unseres mobilen Heims finden. Hexenblut aus Albanien, Shampoo aus Bosnien, Olivenöl aus Montenegro, kroatische Kulen, österreichischer Bergkäse. Jedes dieser Fundstücke erzählt eine Geschichte und hinterlässt Erinnerungen. Manche dieser Fundstücke werden im Wohnwagen noch lange, oder gar für immer ihre Spuren hinterlassen. Wie etwa das kleine Bildchen von Gaga. Die Geschichten aber, welche die imaginären Bilder erzählen, bleiben auch dann bestehen, wenn dank des Hexenblutes über unzählige Wunden Gras gewachsen ist (wie übrigens auch über meinen „bosnischen Hinkefuß“, der immer noch nicht ganz genesen ist), das Shampoo den Wuchs beschleunigt hat, Öl, Wurst und Käse längst gegessen sind.

Das letzte mal im Wohnwagen schlafen – und die Kinder eine letzte Nacht unterm Sternenhimmel.
„Look at these iron girls“, zeigte sich gestern morgen unser dänischer Nachbar völlig ungläubig über das nächtliche nächtelange, tagelange, wochenlange Star-Watching der Kinder. Unser Münchner Urgestein hingegen war da wesentlich pragmatischer: „Aufgstond’n wiad! Do kennt’s a mia glai höf’n.“

Unsere beiden „eisernen Ladys“ hingegen freuen sich einfach nur auf daheim. Auf den Alltag. Auf das Ende dieses Zigeunerlebens und ja, sogar ein bisschen auf die Schule.
Faria, faria … farewell.

Leichtes Gepäck

Wie gesagt, man gewöhnt sich an alles. Und da ist der Mensch zum Glück recht einfach gestrickt. Nach dem gestrigen zu erwartenden Culture Clash haben wir uns bereits heute in der Zivilisation des Kärntner Komödienstadls recht gut akklimatisiert. Wir nehmen also wieder Teil am regen Leben alltäglicher Absonderlichkeiten. Mit dem kleinen Unterschied, dass man nach einiger Zeit in der versorgungstechnisch dezentralen Diaspora einen anderen Blick auf die Dinge entwickelt hat. Und von diesen Dingen kann man eben auf ganz schön viele verzichten, von denen man immer geglaubt hat, sie dringend zu benötigen.
Mit leichtem Gepäck sind wir vor fast fünf Wochen aufgebrochen und haben recht bald festgestellt, dass wir immer noch viel zu viel Ballast mit uns rumschleppen. Klamotten, von denen zwei Drittel ungebraucht im Schrank schlummern; Geschirr, wovon mindestens die Hälfte nie verwendet wurde; Lebensmittel, die wir zum Teil wieder mit nach Hause tragen, weil wir erstens nicht in Äthiopien unterwegs waren, weil es zweitens überall etwas zu kaufen gab, weil drittens aus so wenig so viel gemacht werden kann, weil viertens die Gastfreundschaft alles übertrifft, was wir je erlebt haben und hungrige Gäste für den „Gastgeber“ unvorstellbar sind und weil fünftens Sauerkraut mit bayerischen Weißwürsten oder Berner Rösti mit Speck einfach nicht so recht passen wollten.
Jetzt aber passt hier auch nix so recht, zumindest nicht, was das marketenderische Überangebot an Lebensmitteln als auch die touristische Vermarktungen anbelangt, und irgendwie scheint von allem viel zu viel angeboten zu sein.
„Golfplatz“ war das erste Wort, das gestern nach Abfahrt von der Autobahn vor uns aufgetaucht ist. Und dann wollte es überhaupt nicht mehr abtauchen. Scheinbar führten alle Straßen nach Golfplatz.
„Braucht die Welt Orte, die sich Golfplatz nennen?“, fragte ich Jörg.
Er war sich auch nicht ganz sicher. Womöglich aber stieg uns einfach das grüne Grün im Übermaß zu Kopf.
„Braucht die Welt Vegan-Magazine?“, fragte ich noch viel verwunderter im Billa-Supermarkt weiter. Am Allerverwunderlichsten fand ich aber den Teaser des Magazin-Titels, der Lust auf den Inhalt dieses Printproduktes machen sollte: „Veganes Leder aus Ananas“. Jetzt fragt sich natürlich der Nicht-Veganer, was erstens der Energieaufwand ist, um solch ein Pseudo-Leder herzustellen, zweitens, was es bedeutet, ganze Ananasplantagen zu kultivieren, um schließlich Schuhe daraus zu produzieren, drittens, was es für eine Umweltsauerei wäre, die vermeintlichen Rohlederlieferanten zu importieren und last but not least, wo darin überhaupt der Sinn zu sehen ist, wenn rein gar nichts an tierische Herkunft erinnern sollte. So, wie mir auch der Sinn von Sojawürsten, Sojaschnitzel, Sojamilch und artifiziellem Eiersatz verschlossen bleibt. Müssen denn Ersatzprodukten sein, die so tun, als seien sie „das Original“ höchst (un)persönlich, aber in Herstellung und Energieaufwand um ein Vielfaches größer sind, als das Natürliche?
Das ist natürlich eine ebenso müßige wie leidige Diskussion. Aber auch hierbei lassen sich neue, andere Blickwinkel erschließen. Gerade auf so einer Reise in Regionen, die nichts weiter zu bieten haben, als das, was die Menschen mit ihren Händen selbst kultivieren, anbauen und artgerecht halten, erscheinen solche Luxustrends und -Probleme tatsächlich recht dekadent. (Ich weiß, ich werde hier an vielen Stellen anecken, aber selbst von unseren Kindern, die im Umgang mit Tieren sehr kritisch und bedacht sind, wurde ein Tier, sei es eine Kuh, ein Schwein, ein Schaf, eine Ziege oder ein Huhn mit großem Respekt und hinsichtlich seines Lebens in freier Natur mit ebenso großem Genuss gegessen. Nie durfte etwas davon übrig bleiben, geschweige denn, weggeschmissen werden. „Denn das bin ich dem Tier schuldig“, sagt Marlene.)

Was also is(s)t der Veganer, wenn nicht Fisch, nicht Fleisch? Gleich am Eingang im Billa-Markt steht ein hübsch dekoriertes Gemüseregal. Vom Hochglanz-Plakat lächelt ein smarter Südamerikaner herunter, das Branding der feilgebotenen Trendgemüsen verweist auf den imaginären Herkunftsort „San Lucar“. Aus „San Lucar“ kommen klitzekleine Tomätchen in Rot, Gelb, Grün, Orange, ja, sogar in Lila. Alle in Einheitsgröße und Einheits-Eierform. Aus „San Lucar“ kommen auch Gürkchen, die mit einer frischen Gartengurke nicht nur geschmacklich nichts mehr gemein haben, außer höchstens ihre phallische Form, wobei hier das kleine Gürkchen groteskerweise dem großen laut Werbung vorzuziehen ist. In diesem Land der Wundergemüsen wachsen obendrein Paprikaschötchen in allen erdenklichen Farben; von wachsig-weicher Anmut, formvollendet, eines wie das andere; haltbar vermutlich bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Auch birgt dieses Vegetabel-Wonderland eine unüberschaubare Vielzahl an Plastikbechern mit „praktischer Spendevorrichtung“ in einer Größe, die jedes dieser konfektionierten Gemüschen, eins ums andere, entweder in die Hand oder idealerweise direkt in den Mund befördern. „Vegetables to go“ in der stylischen „Green-Box“, nennt sich dieser Trend, und auch die To-Go-Vorrichtung (also der Plasitk-Becher mit Loch im Deckel) ist ein Produkt von „San Lucar“.
Was weiß so eine scheinbare Tomate schon von einer unscheinbaren echten? Von der jede eine andere Form hat, mal etwas angemackelt ist, mal klein, mal groß, aber einfach nach Tomate schmeckt? So ergeht es auch der Gurke und dem Paprika. Vermutlich noch nie die Sonne gesehen einem Gewächshaus entwachsen, welches reines Hors-Sol-Gemüse produziert. Nicht in San Lucar. Aber in Holland, in Spanien, in Südafrika. Und der lächelnde Südamerikaner ist in Wahrheit ein ganz armes Schwein, das aufgefressen wird von der Industrie.

Was man übriges auch nicht braucht, sind Heumilch-Schokolebkuchen, nicht Anfang September, noch nicht einmal im tiefsten Winter. Und ich persönlich brauche auch nicht den Heu- und Bauernhof- und Alm- und Volksmusik-Zauber. Aber ich kenne diesen Zauber nur allzu gut. Denn die Bilder gleichen sich alle. Ob hier oder dort, in Kärnten, in Tirol, in Vorarlberg, Liechtenstein oder am Bodensee. Glückselige Paare, die vierhändig Landkarten halten und sich dabei schmachtend in die Augen blicken. Liederlich geschnürte Bergschuhe an den Füßen, die Freudensprünge über Stock und Stein vollführen. Kinder, die auf Ziegen starren, dabei verzückt lächeln und immer erst im Rudel nicht nur niedlich und authentisch, sondern formatfüllend die Magazine, Broschüren und Homepages dekorieren. Stereotypen über Stereotypen … In der „Zeit“ – die bislang unsere einzige Schnittstelle zur Außenwelt war – war diese Woche ein schöner Artikel: „Keine Burka für Heidi“. Das ist nur eine Art von Sittenstrenge. Premiumwanderwege sind die andere.

Der Kärnter Hochglanzflyer suggeriert „See- und Berg-Berührungen“ (leider fehlt meiner IPad-Tastatur das eingekringelte „R“ für „Registered Trade Mark“). Es wird also vermarktet und rechtlich geschützt, was das Zeug hält. Alm-Taxis brausen durchs Gebirg, bringen schlappe Wanderer von A nach B; die Wanderwege tragen so lustige Namen wie „Deomir-Erzählweg“, „Krebswandermeile“, „Weg der Liebe – Sentiro del Amore“, „Granattorsteig“.
Ich brauche weder den Krebs auf dem Berg noch das Granattor zur Liebe. Mir ist einfach nach Gipfelkreuz und Almwirtschaft zu Mute. Und nach ein bisschen Wildnis und Einsamkeit in den Nockbergen.

Nachdem wir heute den ganzen Tag geradelt sind und sämtliche touristischen Hotspots, samt des grauenhaftesten und verrücktesten Campingplatzes vermutlich weltweit – Camping Burgstaller – auf unserer Radtour abgeklappert haben, wandern wir morgen los. Ohne Weg und ohne Ziel. Ohne Prospekt, ohne Anleitung. Dafür mit Luft nach oben. Vor allem aber mit leichtem Gepäck.

„Du, entschuldige, i kenn di …“

„Gott gebe allen, die mich kennen, noch zehn mal mehr als sie mir gönnen.“ Mit dieser Inschrift am Hof der Familie Neubauer sind wir heute am späten Nachmittag in Kärnten begrüßt worden.
Wir haben also endgültig Abschied genommen von Balkanien. Nach fast fünf Wochen wurde das auch langsam Zeit. Denn nicht nur das Heimweh hat in den letzten Tagen an uns gezehrt. Auch fingen wir schon an, im staubigen Hitze-Delirium von gemähten Wiesen, grünen Almen, alpenländischer Gemütlichkeit und Allgäuer Kühen zu phantasieren. Tomaten, Paprika, Gurken, Weißkraut, Zwiebeln, Cevapcici … irgendwann hat man genug davon und ist vermutlich noch lange am Widerkäuen. Dann sehnt man sich nach Gewittern und Regen, nach Spätzle mit Soß, nach kühlen Abenden nicht im Bikini, sondern in Rumlümmel-Jogginghosen und Daheimrum-Socken, nach fallenden Blättern und fallendem Obst.

Der Herbst scheint hier eingekehrt zu sein. Nicht auf den ersten Blick, denn tagsüber hat immer noch die Sonne Oberwasser. Aber die Abende sind gekennzeichnet vom ermatteten Sommer mit seinem müden Blick zurück auf ausgelassene Zeiten unbeschwerten Easy Goings.
Jetzt sitze ich hier an den Gestaaden des Millstätter Sees unter einem imposanten Apfelbaum, ständig schweben rotbraun-gefärbte Blätter auf meine Tastatur, und hin und wieder purzelt ein Apfel auf meinen Kopf.
„Autsch!“
Marlene lacht und freut sich: „Das fühlt sich hier wieder an, wie daheim. Ob wohl unser Mais reif ist und alles, was sonst noch im Garten wächst?“

Vieles fühlt sich wieder an wie daheim. Da empfinde ich die Inschrift am Neubauer-Hof nur als eine symbolische Geste, die das Leben hier ausdrückt und dennoch so ganz und gar nicht in den Kontext der imaginären Inschrift eines jeden albanischen Hauses passt. Irgendwie umfängt mich ein befremdliches Gefühl, denn in dieser Fremde habe ich tatsächlich ein Stück Heimat erfahren. In all den Begegnungen auf unserer weiten Reise in den tiefen Süden Albaniens hatte das Wort „Gönnen“ zu keiner Zeit jedwede Bedeutung. Ich bin mir sicher – und so sehr die Albaner in ihrer wortarmen Diaspora noch als Entwicklungsland gelten – existiert dieses Wort überhaupt nicht im albanischen Wortschatz. Denn dem Wort „Gönnen“ gehört – um es überhaupt zur Geltung zu bringen – ein anderes Wort entgegen gesetzt, nämlich „Neiden“. Und Neid ist in Albanien buchstäblich ein Fremdwort. Grundsätzlich und in allen Sprachen.

„Ihr hobt’s viellächt Nöavn, den Wohnwogn offen steng loss’n!“
Unser Münchner Wohnwagennachbar (die bayerische Flagge übrigens über dem Sulzemoos-Aufkleber stolz gehisst) tritt zu uns an den Tisch, als wir nach fünf Wochen nichts weiter wollen, als uns demütig einem kalten „Sturz-Wäßbia“ in der Wirtschaft hinzugeben.
„I hob bä äch ois drum rum zua gmocht.“
„Warum? Der Wohnwagen und auch das Auto standen die letzen fünf Wochen Tag und Nacht offen?“, versuchen wir unsere innere Gesinnung auf das Vertrauen und die Gastfreundschaft der Menschen setzend unsere Gewohnheit zu erklären.
„Ihr hobt’s vergess’n, ihr säd’s zruck in Österreich“, fügte er mit der Attitüde eines Franz Josef Wanningers samt seiner unlauteren Methoden hinzu.
Eins zu Null.
Wir sind also zurück in Österreich.

Ich hasse aufgesetzte Freundlichkeit. Ich hasse österreichische Gemütlichkeit. Zumindest dann, wenn sie ein Alleinunterhalter immer nur donnerstags zum Besten gibt. Ein blöder Tag, um anzureisen …

„Du, entschuldige, i kenn di …“
Zum Glück ist nicht jeden Tag Donnerstag, und zum Glück herrscht hier am Campingplatz ein tägliches Kommen und Gehen …