Leichtes Gepäck

Wie gesagt, man gewöhnt sich an alles. Und da ist der Mensch zum Glück recht einfach gestrickt. Nach dem gestrigen zu erwartenden Culture Clash haben wir uns bereits heute in der Zivilisation des Kärntner Komödienstadls recht gut akklimatisiert. Wir nehmen also wieder Teil am regen Leben alltäglicher Absonderlichkeiten. Mit dem kleinen Unterschied, dass man nach einiger Zeit in der versorgungstechnisch dezentralen Diaspora einen anderen Blick auf die Dinge entwickelt hat. Und von diesen Dingen kann man eben auf ganz schön viele verzichten, von denen man immer geglaubt hat, sie dringend zu benötigen.
Mit leichtem Gepäck sind wir vor fast fünf Wochen aufgebrochen und haben recht bald festgestellt, dass wir immer noch viel zu viel Ballast mit uns rumschleppen. Klamotten, von denen zwei Drittel ungebraucht im Schrank schlummern; Geschirr, wovon mindestens die Hälfte nie verwendet wurde; Lebensmittel, die wir zum Teil wieder mit nach Hause tragen, weil wir erstens nicht in Äthiopien unterwegs waren, weil es zweitens überall etwas zu kaufen gab, weil drittens aus so wenig so viel gemacht werden kann, weil viertens die Gastfreundschaft alles übertrifft, was wir je erlebt haben und hungrige Gäste für den „Gastgeber“ unvorstellbar sind und weil fünftens Sauerkraut mit bayerischen Weißwürsten oder Berner Rösti mit Speck einfach nicht so recht passen wollten.
Jetzt aber passt hier auch nix so recht, zumindest nicht, was das marketenderische Überangebot an Lebensmitteln als auch die touristische Vermarktungen anbelangt, und irgendwie scheint von allem viel zu viel angeboten zu sein.
„Golfplatz“ war das erste Wort, das gestern nach Abfahrt von der Autobahn vor uns aufgetaucht ist. Und dann wollte es überhaupt nicht mehr abtauchen. Scheinbar führten alle Straßen nach Golfplatz.
„Braucht die Welt Orte, die sich Golfplatz nennen?“, fragte ich Jörg.
Er war sich auch nicht ganz sicher. Womöglich aber stieg uns einfach das grüne Grün im Übermaß zu Kopf.
„Braucht die Welt Vegan-Magazine?“, fragte ich noch viel verwunderter im Billa-Supermarkt weiter. Am Allerverwunderlichsten fand ich aber den Teaser des Magazin-Titels, der Lust auf den Inhalt dieses Printproduktes machen sollte: „Veganes Leder aus Ananas“. Jetzt fragt sich natürlich der Nicht-Veganer, was erstens der Energieaufwand ist, um solch ein Pseudo-Leder herzustellen, zweitens, was es bedeutet, ganze Ananasplantagen zu kultivieren, um schließlich Schuhe daraus zu produzieren, drittens, was es für eine Umweltsauerei wäre, die vermeintlichen Rohlederlieferanten zu importieren und last but not least, wo darin überhaupt der Sinn zu sehen ist, wenn rein gar nichts an tierische Herkunft erinnern sollte. So, wie mir auch der Sinn von Sojawürsten, Sojaschnitzel, Sojamilch und artifiziellem Eiersatz verschlossen bleibt. Müssen denn Ersatzprodukten sein, die so tun, als seien sie „das Original“ höchst (un)persönlich, aber in Herstellung und Energieaufwand um ein Vielfaches größer sind, als das Natürliche?
Das ist natürlich eine ebenso müßige wie leidige Diskussion. Aber auch hierbei lassen sich neue, andere Blickwinkel erschließen. Gerade auf so einer Reise in Regionen, die nichts weiter zu bieten haben, als das, was die Menschen mit ihren Händen selbst kultivieren, anbauen und artgerecht halten, erscheinen solche Luxustrends und -Probleme tatsächlich recht dekadent. (Ich weiß, ich werde hier an vielen Stellen anecken, aber selbst von unseren Kindern, die im Umgang mit Tieren sehr kritisch und bedacht sind, wurde ein Tier, sei es eine Kuh, ein Schwein, ein Schaf, eine Ziege oder ein Huhn mit großem Respekt und hinsichtlich seines Lebens in freier Natur mit ebenso großem Genuss gegessen. Nie durfte etwas davon übrig bleiben, geschweige denn, weggeschmissen werden. „Denn das bin ich dem Tier schuldig“, sagt Marlene.)

Was also is(s)t der Veganer, wenn nicht Fisch, nicht Fleisch? Gleich am Eingang im Billa-Markt steht ein hübsch dekoriertes Gemüseregal. Vom Hochglanz-Plakat lächelt ein smarter Südamerikaner herunter, das Branding der feilgebotenen Trendgemüsen verweist auf den imaginären Herkunftsort „San Lucar“. Aus „San Lucar“ kommen klitzekleine Tomätchen in Rot, Gelb, Grün, Orange, ja, sogar in Lila. Alle in Einheitsgröße und Einheits-Eierform. Aus „San Lucar“ kommen auch Gürkchen, die mit einer frischen Gartengurke nicht nur geschmacklich nichts mehr gemein haben, außer höchstens ihre phallische Form, wobei hier das kleine Gürkchen groteskerweise dem großen laut Werbung vorzuziehen ist. In diesem Land der Wundergemüsen wachsen obendrein Paprikaschötchen in allen erdenklichen Farben; von wachsig-weicher Anmut, formvollendet, eines wie das andere; haltbar vermutlich bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Auch birgt dieses Vegetabel-Wonderland eine unüberschaubare Vielzahl an Plastikbechern mit „praktischer Spendevorrichtung“ in einer Größe, die jedes dieser konfektionierten Gemüschen, eins ums andere, entweder in die Hand oder idealerweise direkt in den Mund befördern. „Vegetables to go“ in der stylischen „Green-Box“, nennt sich dieser Trend, und auch die To-Go-Vorrichtung (also der Plasitk-Becher mit Loch im Deckel) ist ein Produkt von „San Lucar“.
Was weiß so eine scheinbare Tomate schon von einer unscheinbaren echten? Von der jede eine andere Form hat, mal etwas angemackelt ist, mal klein, mal groß, aber einfach nach Tomate schmeckt? So ergeht es auch der Gurke und dem Paprika. Vermutlich noch nie die Sonne gesehen einem Gewächshaus entwachsen, welches reines Hors-Sol-Gemüse produziert. Nicht in San Lucar. Aber in Holland, in Spanien, in Südafrika. Und der lächelnde Südamerikaner ist in Wahrheit ein ganz armes Schwein, das aufgefressen wird von der Industrie.

Was man übriges auch nicht braucht, sind Heumilch-Schokolebkuchen, nicht Anfang September, noch nicht einmal im tiefsten Winter. Und ich persönlich brauche auch nicht den Heu- und Bauernhof- und Alm- und Volksmusik-Zauber. Aber ich kenne diesen Zauber nur allzu gut. Denn die Bilder gleichen sich alle. Ob hier oder dort, in Kärnten, in Tirol, in Vorarlberg, Liechtenstein oder am Bodensee. Glückselige Paare, die vierhändig Landkarten halten und sich dabei schmachtend in die Augen blicken. Liederlich geschnürte Bergschuhe an den Füßen, die Freudensprünge über Stock und Stein vollführen. Kinder, die auf Ziegen starren, dabei verzückt lächeln und immer erst im Rudel nicht nur niedlich und authentisch, sondern formatfüllend die Magazine, Broschüren und Homepages dekorieren. Stereotypen über Stereotypen … In der „Zeit“ – die bislang unsere einzige Schnittstelle zur Außenwelt war – war diese Woche ein schöner Artikel: „Keine Burka für Heidi“. Das ist nur eine Art von Sittenstrenge. Premiumwanderwege sind die andere.

Der Kärnter Hochglanzflyer suggeriert „See- und Berg-Berührungen“ (leider fehlt meiner IPad-Tastatur das eingekringelte „R“ für „Registered Trade Mark“). Es wird also vermarktet und rechtlich geschützt, was das Zeug hält. Alm-Taxis brausen durchs Gebirg, bringen schlappe Wanderer von A nach B; die Wanderwege tragen so lustige Namen wie „Deomir-Erzählweg“, „Krebswandermeile“, „Weg der Liebe – Sentiro del Amore“, „Granattorsteig“.
Ich brauche weder den Krebs auf dem Berg noch das Granattor zur Liebe. Mir ist einfach nach Gipfelkreuz und Almwirtschaft zu Mute. Und nach ein bisschen Wildnis und Einsamkeit in den Nockbergen.

Nachdem wir heute den ganzen Tag geradelt sind und sämtliche touristischen Hotspots, samt des grauenhaftesten und verrücktesten Campingplatzes vermutlich weltweit – Camping Burgstaller – auf unserer Radtour abgeklappert haben, wandern wir morgen los. Ohne Weg und ohne Ziel. Ohne Prospekt, ohne Anleitung. Dafür mit Luft nach oben. Vor allem aber mit leichtem Gepäck.

One thought on “Leichtes Gepäck

  1. wc sitz sagt:

    Mein Mann und ich wandern auch ziemlich gerne und sind immer auf der Suche nach neuen Wanderrouten. Vielen dank für die tollen Informationen.

    Lg Karin

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