Schau, schau, Schoschonen!

Als morgens um sechs alles noch schlief und auch die Sonne selig in den ewigen Jagdgründen der noch nicht ganz in Vergessenheit geratenen Nacht ruhte, erwachte Schnarchender Schakal.
„Los, Tranige Tüte, lass uns aufbrechen. Der Tag ist noch jung, und unser Weg ist weit.“
„Och nee, Schakal, schnarch noch ein bisschen weiter. Oder lass uns den jungfräulichen Tag geruhsamer angehen und später das große Wasser überqueren.“
„Nein, kommt gar nicht in die Tüte, wir müssen aufbrechen, bevor es der Wind uns gleichtut, und du weißt, der Große Manitu ist unerbittlich, wenn jemand gegen die Naturgewalten aufbegehrt.“
Also schälten sich zwei zerknitterte Rothäute aus ihrem weißgetünchten windschiefen Tipi, schlüpften in ihr Kostüm, was aus Bikini und Badehose bestand, auf Kopfschmuck und Kriegsbemalung wurde großzügig verzichtet – schließlich waren sie in friedlicher Absicht unterwegs – sie machten den Transportsack mit der notwendigen Trinkwasserversorgung sowie die moderne Technik zwecks dokumentarischer Reproduktion startklar und stachen mit den beiden am Ufer vertäuten Kanus, die heutzutage auf den Namen „SUP“ hören, ins Novigrader Meer.
Es wehte bereits zu dieser frühen Stunde eine leichte Brise. Schlechtes Vorzeichen für solch verwegene Mission.
Aber langsam …

Wir haben uns von Gaga, der Buna und Bosnien verabschiedet; der Abschied fiel schwer, in jeglicher Hinsicht. Die Abschiedsgeschenke fielen größer aus, als der kleine Preis, den Gaga für die zwei Tage verlangte. Man kommt sich dabei fast beschämt vor, aber vielleicht sollten wir langsam anfangen, diese Gastfreundschaft einfach für bare Münze zu nehmen und ein bisschen was davon ins eigene Säckel stecken, um es bei Gelegenheit an andere – mir nichts, dir nichts – weiter zu geben. Den Raki in Teilen – oder Schlucken – in Marias Weihwasserfläschchen gefüllt, kann keiner behaupten, dass dieses „Feuerwasser“ nicht heilsame Wirkung bei gleichzeitig seherischen Kräften haben wird.
Jetzt sind wir also zurück in Kroatien. Fast vermissen wir die buckeligen Pisten, die unasphaltierten Pfade, das langsame Durch-die-Geged-Tuckern … Aber nach so langer Zeit abenteuerlichen Offroad-Reisens ist so eine kroatische Autobahn schon ganz schön geil.
Auf Höhe von Zadar am Novigrader Meer haben wir nun unsere Zelte aufgeschlagen. Dieses Meerstück ist so etwas wie eine fjordartige Aus- oder Einbuchtung, die in ein so phantastisches wie traumhaft schönes Meerchen mündet …

Es war einmal ein Indianer, Häuptling der Apachen. Und es wehte also eine leichte Brise.
„Sag mal, Schnarchender Schakal, glaubst du nicht, wir sollten dieses Vorhaben vertagen?“, fragte verunsichert Tranige Tüte.
„Ach was, der Große Manitu ist uns gut gesonnen, und schließlich wollen wir das Pueblo am Rio Pecos noch vor Mittag erreicht haben. Gieriger Durst wartet mit einem kühlen Karlovačko im Saloon auf uns.“
Viele Kilometer eines beschwerlichen Wasserweges lagen nun zu dieser frühen Morgenstunde vor den beiden Rothäuten. Die Sonne schickte sich langsam an, mit einem verhaltenen Gähnen zaghaft über die Berge zu blinzeln, ihre Strahlen blendeten die beiden Paddler auf eine Weise, die sie von göttlicher Eingebungen zu streifen schienen. Der Wind blies vom Land her. Sie kamen zügig voran. Nach gut einer Stunde den Canyon des Rio Pecos erreicht, frischte der Wind zunehmend auf; die Böen aus den Tiefen der Schlucht trieben tosende Wellen gegen ihre beiden SUPs. Entschlossen, das Pueblo bis Mittag zu erreichen, paddelten die emsigen Wetteiferer weiter flussaufwärts. Das Wasser peitschte gegen den Bug, das Paddeln wurde zusehends schwerer, der Wind immer stärker.
„Die Luft scheint mir etwas zu rein zu sein. Los, lass uns von hier verschwinden, Tranige Tüte. Wir trehen um!“, tönte Schnarchender Schakal, schon die Buchstaben verdrehend, so ohnmächtig taumelten seine Worte im Wind.
„Aber was ist mit Gieriger Durst, der unsere Ankunft erwartet?“, tutete Tüte ein markiges Seezeichen in seine Richtung.
„Dem schicken wir eine SMS, wir seien zurück im Tipi bei Dampfender Kaffee.“

Und so traten die beiden Rothäute kleinlaut und unverrichteter Dinge den Rückzug an und zogen flußabwärts wieder hinaus aufs weite Meer. Mit ihnen tat das auch der Wind, der frühmorgens noch für perfekte Rückendeckung sorgte.
„Wenigstens ist der Große Manitu auf unserer Seite“, stellte Schnarchender Schakal sachlich fest, jetzt aber alles andere als verschlafen, als aus dem Wind ein regelrechter Sturm wurde und mit peitschenden Hieben den beiden Rothäuten nun doch noch zu ihrer Kriegsbemalung verhalf. Der Schakal also, im weiteren Verlauf als Fuchtelnder Albatros bezeichnet und Tranige Tüte als Paddelnde Ente mit einem weitaus authentischeren Gefieder ausgestattet, nahmen die Fahrt mit dem Wind auf.

Auf dem Wasser spielten sich nun dramatische Szenen ab. So dramatisch, dass Karl May diese Einstellung unmittelbar abgebrochen und „Aus!“ gerufen hätte. Aber an Ausstieg war nicht zu denken. Während Fuchtelnder Albatros recht gut die Richtung halten konnte, trieb Paddelnde Ente immer weiter ab. Der Sturm blies von der Seite; das sichere Fort mit den heimischen Tipis befand sich auf der anderen. Das SUP samt Ente flog über die tosende See, Gischt schäumte um den Bug, wie Flocken von Schnee …
„Ich kann nicht mehr! Ich bin am Ente!“, schnatterte verzweifelt das Federvieh.
„Halt entlich den Schnabel, Ente! Und paddle!“, argumentierte Albatros völlig vergeblich gegen den Wind.
„Ich werde ertrinken, wenn mir der Sturm das Brett unter dem Hintern wegreißt!“
„Eine Ente ertrinkt nicht! Mime jetzt bloß nicht die Diva.“ Fuchtelnder Albatros war genervt aber so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er alle Nerven für sich und sein SUP in Anspruch nehmen musste.
Bis eben Paddelnde Ente ihre Waffen, ergo ihr Paddel streckte und direkt auf ein Riff aufprallte.
„Ich hab doch gesagt, du sollst Abstand halten, denn die scharfkantigen Felsen zerfetzen bei diesem Sturm und bei dieser Wucht sofort das Brett!“ Fuchtelnder Albatros war am Fuchteln. Vergeblich. Und auch die Ente war nicht mehr am Paddeln, sondern quakte – zwischen den Felsen hin und her gespült – nur noch um Hilfe.

Die beiden Rothäute Fuchtelnder Albatros mit Nicht-mehr-paddelnder-Ente im Schlepptau erreichten schließlich irgendwann und eher an zwei erschöpfte Bleichgesichter erinnernd das Fort mit Müh und Not.
Die Ente lebt! Pierre Brice ist tot.

Der Plot:
Ich wollte unbedingt in den Zrmanja-Canyon, der ins Novigrader Meer mündet und Schauplatz fast aller Winnetou-Filme war. Jörg wollte das zwar auch, aber bloß nicht mit einem dieser Touristen-Tucker-Kähne und schon gar nicht auf einer organisierten Kanu-Safari.
„Dann paddeln wir da frühmorgens hin, solange es noch keinen Wind hat“, war sein Vorschlag. Der sportliche Aspekt sollte dabei natürlich nicht zu kurz kommen.
Am Abend zuvor bei Meeresrauschen, Sternschnuppen und reichlich Wein, fand diese Idee durchaus Anklang bei mir … und ich kam mir sowas von sportlich vor …
„Wie weit ist das denn?“, wollte ich dann doch wissen.
„Vier Kilometer hin, vier zurück und vielleicht noch einen Kilometer rein und wieder raus.“ Ist machbar!
Bei optimalen Bedingungen. Und damit fing’s heute morgen schon an …

Jetzt begebe ich mich in den Liegestuhl und lecke meine Wunden. Die Blasen an den Füßen von den ripsenden Teva-Sandalen, die Schwielen an den Händen vom bis zur Erschöpfung betriebenen Paddeln, die gezerrte Schulter von der Schräglage, der hängende Arm von der einseitigen Überlastung …
Aber ich hör ja schon auf zu jammern … Denn ein Indianer kennt keinen Schmerz!

 

(Diese Mar beschreibt übrigens das Szenario verhältnismäßig beschönigt und harmlos …)

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Gegrüßet seist du, Maria …

Sonntagmorgen in der Herzegovina. Die Glocken wollen überhaupt nicht mehr aufhören zu läuten, viertelstündlich wird zur Messe gerufen, ganze Melodien elektronischer Hochgesänge fallen wie von Übelkeit geplagt bröckelnd vom Kirchturm herunter, die Massen strömen, die Menschen stehen vor geöffneten Türen, weil kein Platz mehr im Inneren ist …
Mostar und die Taten gottlosen Greuels haben wir bereits im vergangen Jahr besucht, heuer wollten wir uns ein bisschen esoterischer der Vergangenheit dieses Landes annähern. Die Frage, ob Gott überhaupt an irgendeinem Ort auf dieser Welt wohnt, wenn nicht in jedem Menschen selbst – und ganz gleich, ob Gott oder Allah Insasse der menschlichen Seele ist – lässt sich in diesem Land nur schwer beurteilen, geschweige denn, verifizieren. Es scheint längst ein Wettrüsten eingesetzt zu haben. Und da werden wirklich schwere Geschütze aufgefahren. Zahllose Minarette zeigen mit ihren spitzen Finger-Zinnen scheinbar spöttisch auf all die Kruzifixe, die in der Herzegovina haushoch den Halbmond-Lanzetten überlegen sind. Jeden Hügel ziert eines dieser gewaltigen Golgotha-Gedenk-Mäler; Kirchtürme schießen wie träge Geschosse kreuzfeuernder Katapulte meist sogar als Twin-Towers aus der glutheißen Erde. Überall wird an Gott, den Allmächtigen erinnert und in so kultischer wie kompromittierender Manier auf seiner Existenz beharrt, ja, geradezu jeden von dieser Tatsache überzeugt und zu dieser Meinung verdonnert. Mohammed scheint hier tatsächlich nur ein kleiner Prophet zu sein. Die Hosen an hat aber an einem ganz bestimmten Ort jemand ganz anderes: die Mutter Gottes höchstpersönlich.

„Medugorje müssen wir uns unbedingt anschauen, wenn wir schon einmal hier sind“, sagt Jörg mit einem leicht spöttischen Unterton. „Denn dieses Spektakel dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“ (Dazu muss gesagt sein, dass das „d“ in Medugorje bezeichnenderweise von einem Querstrich „gekreuzt“ ist, was dieses „d“ zu einem „dsch“ macht, aber meiner Tastatur reichlich egal ist. Tsss …)
Ich hab mich zuvor leider viel zu wenig mit diesem vermeintlich spirituellen Ort beschäftigt, wusste, dass dies in etwa dem „Lourdes des kleinen Mannes“ gleichkommt, dafür aber ein Riesen-Brimborium darum gemacht wird. Ganze Bus-Karawanen reisen Tag für Tag in dieses kleine Dorf in den bosnischen Bergen – anstatt den Zielort an der Windschutzscheibe deklariert, lediglich mit einem schmachtend dreinblickenden Marienbild versehen – vornehmlich Italiener, Polen und Kroaten. Aber selbst Araber sind uns gestern scharenweise begegnet, und klar, auch an vielen deutschen Autos prangt nach dem Erlebnis der Erscheinung nicht nur der geschwungene zweibögige Fisch am blechernen VW-Passat, sondern baumelt auch der Rosenkranz symbolschwanger vom Rückspiegel.
Rosenkränze und Aluminium-Marienamulette werden hier übrigens zum Kilopreis feilgeboten. Wie Erbsen im Supermarkt sind sie hübsch in Plastiktüten abgepackt; die Amulette dagegen kommen wie im Bioladen mit der Schaufelkelle in die Tüte. Dazu gibt es Plastikrosen, deren auf Knopfdruck zu öffnender „Kopf“ Maria und das Kreuz preisgibt. Mutter-Gottes-Bilder in einem Ausmaß, das den Louvre zum Platzen brächte und Kunststoff-Marien-Statuen, von denen Disney-Land nur träumen kann. Weihwasserflaschen „to go“ mit praktischer Spritz-Vorrichtung, heilige Hüte, geweihte Talare mit grauenhaft-kitschigen Stickereien für den heimlichen Hausgebrauch, Nippes, Nippes, Nippes … Weiß Gott wofür …

Weil sechs Kindern am 24. Juni 1981 auf einem Berg oberhalb des kleinen Kaffs inmitten der bosnischen Provinz abends um 18.40 Uhr die Heilige Maria in Fleisch und Blut erschienen sein soll. Auf einer Wolke schwebend, das Jesuskindlein auf dem Arm tragend. Fürderhin tat sie dies, also das tragende Erscheinen jeden Abend zur selben Stunde. Sprach weise Worte und wies von nun an den Weg. Und fürderhin ist das Dorf auf einem guten Weg, mitsamt des scheinschwangeren Marienkultes Jahr für Jahr zu expandieren.
Ein Wunder! Ein Wunder! Und so schnell wurde aus dem Ort eine ebenso verwunderliche Versammlungsstätte für noch wundersamere Gäste aus aller Welt. Und Hotels und Pensionen konnten sich vor deren Ansturm gar nicht retten. Die Elternpaare der vier „Vidioci“, der sogenannten Seher (der ersten Generation, später gabe es noch weitere…), waren fein raus – und mitten im Geschäft.
Längst wird hier gehuldigt, was das Zeug hält, und gebüßt, was die Knie aushalten. Aber Halt! Auch im Büßergeschäft hat der Fortschritt Einzug gehalten, und es lassen sich mittlerweile recht komfortable Kniekissen aus Schaumstoff erwerben. Ich kenne diese Dinger nur aus dem Gartencenter als Unkrautjäthilfe. Aber Unkraut vergeht nicht, und lustig ist der Anblick der ganzen Rucksacktouristen allemal, an deren Backpack diese Bußhilfen unbefangen im Wind baumeln, bevor es gilt, den Erscheinungs-Hügel knielings hochzurobben.

Bevor wir uns allerdings die Überspitzung des christlichen Gedankens vor Augen führen wollten, waren wir in der sommerlichen Hitze zunächst darauf aus, zum mittäglichen Picknick an den Kravnica-Wasserfällen ein so kühles Bad wie Bier zu nehmen. Alleine waren wir an diesem zauberhaften Ort gewiss nicht, und es schien, die Reise-Routen glichen sich alle. Den Meisten der „Wasserfall-Pilger“ war zwar nicht ins Gesicht, dafür auf ihre umgehängte Chipkarte geschrieben, dass sie zu irgendeiner dieser Medugorje-Reisegruppen zählten. Es hatte aber alles noch Zeit. Denn die Erscheinungszeit war erst auf 18.40 Uhr festgesetzt. Man muss sich das in etwa so vorstellen, wie eine Daily-Soap auf RTL. SZGZ auf Bosnisch. Schlechte Zeiten, gute Zeiten. Tag ein, Tag aus. Und alles floß. Nicht nur der Wasserfall, auch der Schweiß.

Die Kinder im Wasser, Jörg und ich „im Urlaub“ beim Mittagschlaf am Beach. Noch ein paar Fotos, bevor es galt, zusammenzupacken und weiterzufahren. Schließlich wollten wir die Maria nicht verpassen.
Dazu gesagt sein sollte, dass mein Foto seit Ulcinj und dem Strandleben mit ein paar Sandkörnern in seinem Getriebe mal mehr, mal weniger gut zurecht kam. In den letzten Tagen eher weniger. Aber nach Gut-Zureden ging’s dann immer wieder.
„Einmal noch Handstand im Wasser“, forderte ich Marlene dazu auf, vor der Kamera zu posieren und war positiv gestimmt, dass die Kamera kaum mehr Zicken machte.
„Auf die Plätze, fertig, los!“
„Mach, Mama! Ich kipp gleich um!“
Marlene kippte, aber es klickte nicht. Die Blende wollte sich partout nicht mehr öffnen. Auch nicht nach langem Probieren, Schrauben und Gut-Zureden.

Ich war nicht nur genervt, ich war verzweifelt. Was sollte ich jetzt tun ohne Fotoapparat? Wer glaubt mir schon, was ich hier so schreibe, ohne „Beweise“ dafür abliefern zu können. Und wie sollte ich um Gottes Willen den Moment festhalten?
Handy geht für mich gar nicht, denn das hat mit Fotografie rein gar nichts gemein. Denn wenn ich all die Handy-Knipser beobachte, frage ich mich, warum Orte besucht und bereist werden. Orte, wo von „erleben“ niemals die Rede sein kann. Code eingeben, idealerweise Fingerprint; wischen, tippen. „Klick“ als elektronisch generiertes Geräusch. Weiter geht’s. Der Rest lässt sich zuhause anschauen … Oder auf Facebook und Instagramm posten, damit auch die „Freunde“ dabei waren und ihren Kommentar dazu abgeben.

Ohne Fotoapparat (oder mit Fotoapparat in Verweigerungshaltung) also nach Medugorje.
„Bitte, bitte, liebe Maria, jetzt hast Du eine echte Chance, Deine Wunder zu beweisen. Und dann glaub ich auch an Dich“, murmelte ich mantramäßig vor mich hin. Immer wieder schaltete ich den Foto ein und wieder aus und vergewisserte mich, dass das Objektiv nicht (oder doch!) funktionierte.
„So läuft das nicht“, sagte Jörg schmunzelnd. „Die lässt sich nicht erpressen. Erst mal musst Du an sie glauben. Die macht nur auf Vorkasse.“
Mittlerweile glaube ich, dass sie eine ganz schöne Ulknudel ist, die Maria. Und mittlerweile glaube ich auch, dass die weiterhin geschlossene Blende an meinem Fotoapparat zu diesem Zeitpunkt zwar ein Zufall ist, mir diese Tatsacht aber dennoch die Augen geöffnet hat. Denn kann es nicht sein, dass man viele Dinge erst hinter geschlossenen Augen sieht und sie dadurch umso klarer und deutlicher wahrnimmt? Und somit erst zum wahren „Seher“ wird?

Die Maria um 18.40 Uhr haben wir verpasst. Es war einfach zu heiß mittags um drei. Wir wollten zum Baden. „Heim“ zum Wohnwagen, der im Schatten an der kühlen Buna stand.
Ich glaube, Gott und die Welt hat Verständnis dafür.

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Aufbauarbeiten

Viele werden sich bei unseren Erzählungen fragen: Wie hält man das aus; vor allem aber: Warum macht man so etwas? Etwas, das mit Urlaub aber auch rein gar nichts zu tun hat? Der Frage angeschlossen und nach dem Semikolon gleich die nächste Suche nach einer Antwort: Macht sowas denn Spaß, oder ist das nicht einfach Dauerstress auf fünf Wochen verteilt und der herbeigesehnte Alltag wohlverdiente Auszeit?
Klar gibt es diese Zauderer und Zögerer, die Reinen-Urlaub-Macher wie die All-Inclusive-Maker. Und ich werde einen Teufel tun, darüber in irgendeiner Weise zu urteilen. Denn in der Tat hat dieses Reisen, wie wir es praktizieren, mit Urlaub wenig gemein, wenngleich es für mich – und ich möchte mal behaupten auch für Jörg und die Kinder – zur expansiven Horizonterweiterung und intensiven Alltagsflucht mehr als förderlich ist.
Wir haben also in den vergangen drei Tagen zweimal ab- und einmal neu aufgebaut. Die „Küchenzeile“ ist seit Tagen dabei, sich selbstständig zu machen und mit gelösten Schrauben durch den Wohnwagen zu wandern, was aktuell einige „Bauarbeiten“ erfordert.

Irgendwie ist so ein Umzug jedes Mal ein bisschen, als ob man sein Haus an einer neuen Stelle errichtet. Man ist auf der Durchreise, wobei nicht die Fahrt und die daraus resultierende Destination, sondern immer der Weg das Ziel ist. Irgendwann beschließt man, just an dem Ort, wo’s einem gefällt, seine Zelte aufzuschlagen – oder eben an dieser Stelle ein Heim auf Zeit zu errichten. Alle paar Tage wieder. Und jedesmal ist Heimat ein anderer Ort.
So waren wir gestern ab Nachmittag und nach Überqueren der Bucht von Koter per Fähre bei Uroš und seiner Familie beheimatet, wo wir bereits im vergangenen Jahr zwei Tage verbracht hatten. Von diesen Tagen freilich hatte ich damals recht wenig mitbekommen, war ich doch von einer fiebrigen Angina außer Gefecht gesetzt. Jetzt wollte ich diesen Ort einfach nochmals besuchen.
Und was soll ich sagen? So, wie in meiner Erinnerung, trotz meines einstigen Fieber-Deliriums heute als Reinzeichnung wahrgenommen, hat dieser Platz nichts von seinem Charme verloren. Die Kai-Mauer an der so wuseligen wie familiären Strandpromenade ist für mich immer noch „Best Place to be“ am Abend, wenn die großen Kreuzfahrtschiffe die „Boka Kotorska“ verlassen und die kleinen Fischerdörfer, die längst keine mehr sind, sondern von einer großen Zukunft träumen, endlich wieder zur Ruhe kommen und zu sich selbst finden – und der Rotwein sein Übriges dazu tut.

„Hey, was macht denn ihr hier?“, ruft’s von unten am frühen Abend, wie wir oben auf unserem warmen Steinmäuerchen unter der Bougainvillea sitzen und dem munteren Treiben zuschauen.
Elisabeth ist heftig am Winken und freut sich sichtlich, uns wieder zu treffen. Ich hab sie noch nicht einmal gleich erkannt, beziehungsweise konnte ich sie nicht unmittelbar einem Ort und einer Begegnung zuordnen, so viele Begegnungen und Orte sind uns auf dieser Reise buchstäblich widerfahren oder wir ihnen.
„Ja klar, Lake Shkodra bei Nico!“, fällt es mir wieder ein. Und klar scheint sie zusammen mit ihrem Freund auf den Spuren unsere letztjährigen Reise zu sein. Viel weiter aber seien sie noch gereist. Ebenso wie wir bis nach Südalbanien. Ob sie auf den Spuren unserer diesjährigen Route waren, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Immerhin aber wussten sie von unserem neuen Blog …

Von Uroš heute morgen herzlich verabschiedet, sind war also zurück in Bosnien angekommen. Die Fahrt hinauf ins Orjen-Gebirge war atemberaubend schön, und hinter jeder Kurve habe ich mich ungläubig geäußert: „Sind wir nicht falsch? Oder hat das der alte Golf letztes Jahr tatsächlich geschafft?“
Jetzt schaffte es der Mitschuh, und zwar locker mit dem Wohnwagen im Schlepptau, wenngleich andere Strecken – selbst in neuen Bergschuhen – den Golf vor eine nicht bezwingbare Herausforderung gestellt hätten. Wie etwa der Llogara-Pass.
Der Grenzübertritt von Montenegro nach Bosnien verlief zum allerersten Mal erstaunlich flink, und die darauf folgende Bergstrecke wurde von nichts mehr unterbrochen als von Einsamkeit, Landschaft, Wildnis und Weite. Und diese Landschaft hält hier ihre Lieblingsrede: Ohne Menschen kein Müll! Reine Luft, reine Weite. Und lediglich verirrte Kühe lungern hier im Weg rum.
„Brauchen die auch einen Pass“, fragt Jörg.
Ich zucke die Schultern.
Wie ohnehin das Schulterzucken ob dieser Landschaft die trefflichste und gleichzeitig unterwürfigste Geste ist. Entweder man benötigt hier starke Nerven oder einen Jeep. Ich habe weder das eine, noch das andere. Was aber nichts ausmacht und irgendwie auch geht … weil Jörg starke Nerven hat und obendrein über Fahrkünste verfügt, die ich andauernd anzweifle. (Hier an dieser Stelle möchte ich mich einmal bedanken für seine Langmut, für seine Nerven, was hauptsächlich meine Anwesenheit anbelangt, vor allem aber für seine Gelassenheit auf dieser Reise.)
Der Süden Bosniens ist ein Landstrich, der mit einer faszinierenden Kulisse aufwartet. Weiße Berge, die suggerieren, trotz unbarmherziger Hitze Schnee auf ihrem Haupt zu tragen. „Bijelasnica“ ist nur ein Name dieser Bergriesen. Und „Bijela“ bedeutet „weiß“. Der Himmel blau, das Land mit staubtrockenem Ocker gepudert, trutzhafte Krüppelgewächse in steinerner Flanke kauernd in kräftiges Dunkelgrün getunkt, Felsausbrüche so weiß wie Schnee … Und die gelegentlichen Minen-Warnschilder so rot wie Blut.
Blut wurde in diesem Land genug vergossen, und dennoch herrscht immer noch nicht wirklich Frieden und Einigkeit auf Balkanien. Keiner weiß wirklich, warum. Auch nicht, worum es jemals ging. Alles scheint irgendwie im Aufbruch und immer noch im Neuaufbau zu sein.

Auch Gaga zeigt sich im Aufbaufieber. Aber nicht auf den ersten Blick. Denn auf den ersten Blick ist hier am River Camp kurz vor Mostar und kurz nach drei alles beim Alten. „Help yourself“ steht nach wie vor auf dem Schild am Eingang, und Gaga glänzt mit Abwesenheit. Auch scheint sich sonst nichts verändert zu haben. Wir helfen uns also selbst und installieren uns direkt am Ufer der Buna (eine andere Buna, als die albanische. Aber scheinbar hören hier viele Flüsse auf diesen Namen).
Die Zeltnachbarn nebenan erzählen von ihren Reisen, während wir erzählen, dass „Gaga“ bei uns so etwas wie „verrückt“ bedeutet.
„Oh yes, he’s such a crazy guy“, lacht der Belgier von Nebenan. Aber ebenso gastfreundlich sei er und seine Familie.
Deswegen sind wir hier. Kurze Zeit später, nachdem die Mama das gröbste „Wildcampen“ geregelt hat, taucht Gaga auf.
„We are back“, sagt Jörg.
„Welcome back“, sagt Gaga. Und lacht. Ein Lachen, das so tief von Herzen kommt, wie der Blick, der aus diesen unsäglich flauschigen Vogel-Strauß-Augen all seine Empathie für dieses „Camping-Geschäft“, vor allem aber für seine Gäste preis gibt.
Etwas verändern müsse er sich und den Platz nichtsdestotrotz, blinzelt er plüschig zwischen seinen ebenso tierischen Segelohren hindurch.
Das Wort „Tourismus“ scheint auch hier angekommen zu sein. Endlich. Denn dadurch erschließt sich ein neuer Wirtschaftszweig. Und das tut diesem Land gut. Anders als in Albanien, scheint Bosnien nach wie vor in einer Art Dornröschenschlaf zu schlummern. Dornenbewehrt, von Minen gespickt, von Vorurteilen gezeichnet. Gegen die Vorurteile ist anzukommen, die Dornen lassen sich roden; nur die Minen, die „bezeichnen“ dieses Land noch für viele, viele Jahre. Sagt Peter von der EUFOR.
Gott sei Dank gibt es exakte Minenverzeichnisse, und tatsächlich waren wir heute auf der Suche nach einem Minen-Warnschild für Marlenes Kinderzimmer.
Nur wenn zwei unmittelbar nebeneinder stünden und eines überflüssig erschiene, könnten wir eines mitnehmen. Auch das sagt Peter. Ansonsten läuft ein anderer Gefahr, buchstäblich aufzufliegen …
Demgemäß beließen wir alle Schilder an Ort und Stelle, und Marlenes Zimmer bleibt somit Zone innerfamiliärer Detonationen.

Der Wind bläst von der Neretva hoch. Das Wasser der Buna verströmt einen unvergleichlichen Sommerduft. Die Grillen zirpen. Die Kinder haben ihr „Flussbett“ aufgeschlagen.
Panta rhei.

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150 Pferde und ein Glücksschwein

Gut, dass es immer schlimmer kommen kann. Denn dann ist das vermeintlich Schlimmste gar nicht mehr so schlimm. Wie unsere gestrige Etappe durch die bosnische und später montenegrinische Bergwelt.
Nach der Nachricht von Verena und Hendrik stand für uns also endgültig fest, dass wir den langen Weg über die Treskavica nicht nehmen würden. Als Alternative blieb die Bergetappe zurück über Konjic nach Sarajevo. Die Route „sicherheitshalber“ einmal ohne Wohnwagen abgefahren und jede Ausweichbucht und sämtliche Steigungen gecheckt, waren wir immerhin zuversichtlich, dass dieses Unterfangen nicht ganz hoffnungslos sei.
„Fahrt morgens ganz früh oder abends ganz spät“, war der Rat der beiden Tramper, die wir Tags zuvor mit runter ins Tal genommen haben. Dass Samstag morgens um sieben nicht mehr ganz früh sein sollte, stellten wir schnell fest. Denn es gab vor uns frühere Vögel …
Während Marlene noch schlief, hing Ida ziemlich in den Seilen. Das Gute daran, in den Seilen zu hängen, ist, dass man in diesem Fall einfach den Kopf aus der Hängematte recken muss, wenn einem zum Kotzen ist. Ida war zum Kotzen. Und das schon die ganze Nacht. Entsprechend sah es unter der Hängematte aus … Und entsprechend groß war meine Sorge, dass das Kind ernsthaft krank sein könnte. Das Kraxelmanöver mit dem Wohnwagen über dieser Sorge beinahe vergessen, tuckerten wir also morgens um sieben am Boracko Jezero los.
Kind gut im Wohnwagen gebettet und mit einer großen Spuckschüssel ausgestattet, lief es ganz gut an. Die 150 Pferde unter der Motorhaube ackerten auf Hochtouren, während das Glücksschwein in seinem Blechdösle sein Übriges tat. Es kamen nur wenige Autos entgegen, und wir kamen nicht aus dem Schwung. Nichtsdestotrotz: Ich war ein Nervenbündel. Und ergo nervte ich wohl gewaltig. „Sei endlich still!“, herrschte Jörg mich an. „Du hast jetzt nur eine einzige Aufgabe: nämlich als Gewicht auf der Vorderachse zu dienen.“ Klar, dazu war ich mal wieder recht … 🙂
„Ich muss kotzen“, winselte eine verzweifelte Ida von der Rückbank. „Halt sofort an, sonst verleert sie die Schüssel im Auto“, zeigte ich mich etwas überreizt. Irgendwie haben wir den Scheitelpunkt noch erreicht und auch eine Haltebucht gefunden. Die ganze Fahrerei ließ mich plötzlich ziemlich kalt.
Serpentine um Serpentine wieder bergabwärts dann ein noch größeres Dilemma, das mit dem Magen-Darm-Infekt einherging und einen unplanmäßigen Waschtag auf halber Höhe erforderte, wo eine Quelle aus dem Berg floss …
Irgendwie sind wir unten in Konjic angekommen. Ziemlich fertig, aber gar nicht so sehr wegen der Steigung und der einspurigen Straße. Wir hatten ja genügend Pferde … Und viel Glück.
Es konnte also weitergehen, nur Sarajevo wurde aufgrund des Regens als Besichtigungs-Hotspot ersatzlos gekürzt. Die Stadt mussten wir dennoch passieren, was relativ unkompliziert war, und so haben wir uns Kilometer um Kilometer dem bosnischen Grenzübergang und somit Montenegro von seinem hintersten Zipfel genähert.
Gut zu wissen, dass das „Monte“ in Montenegro nicht von ungefähr kommt. Denn es herrschen überwiegend Berge vor. Und diese Berge lassen kein Bergsportlerauge trocken. Alle anderen heulen vor Glück über diese Naturschönheit. So fürstlich erigiert wie einsam stehen diese Berge da. Sieht man einmal vom Durmitor ab, denn da ist mächtig was los. Bis wir allerdings in diese einsamen Berge gelangen sollten, bedurfte es an Geduld. An sehr viel Geduld.
An Foça im Südosten Bosniens vorbei, waren es „eigentlich“ nur noch zirka zwanzig Kilometer an der Drina entlang bis zur Grenze. Die Landschaft zeigte sich trotz des Regens von ihrer eindrucksvollsten Seite, und die Drina … ja, die Drina, die erzählt voller Anmut ihre eigenen Geschichten und kann ein Lied von Krieg und Frieden singen. Längst reingewachsen fließt sie türkisblau dahin, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte. Dennoch lässt sie die vielen Toten, die einst von Visegrads Brücke in den Fluss gestoßen wurden und sanft gebettet von ihrem Strom davon getragen wurden, zu Wort kommen, um sie niemals in Vergessenheit geraten zu lassen.
„Das können die doch nicht machen!“, bin ich aus meinem Gedankenfluss erwacht. „Was können die nicht machen?“, fragte Jörg. „Die können doch nicht so eine Straße auf der Landkarte als eine rote kennzeichnen, und jetzt hat die noch nicht mal mehr einen Fahrbahnbelag!“
Doch, das können die. Sehr gut sogar. So, wie die noch viel mehr können. Oder eben nicht. Denn von Fahrbahn konnte längst nicht mehr die Rede sein. Ich wurde mal wieder leicht panisch. Zwar wurde ich das leicht, aber irgendwann fassten die Kinder den Beschluss, mir in der nächsten Apotheke Valium zu besorgen. „Halt jetzt die Klappe und halte einfach die Kamera zum Fenster raus, um das hier zu filmen. Das glaubt uns sonst keiner“, kommandierte Jörg mich ab. Ach, war doch eh grad alles egal, denn ein Zurück gab es nicht. Wohin denn auch? Und ich war wenigstens beschäftigt. Solange, bis schließlich gar nichts mehr ging. Und das ging ziemlich lange. Mindestens zwei Stunden am Grenzübergang Sçepan Polje gewartet, bis wir endlich an der Reihe waren, stellten wir fest, dass die einzige Möglichkeit, nach Montenegro zu gelangen, über eine zirka drei Meter breite, recht baufällig wirkende Holzbrücke führte. Alle Mann im Einsatz, wurden wir direkt ab Zollstation irgendwie auf diese Brücke raufbugsiert. Glücklicherweise hielt sie auch, und so erreichten wir völlig entnervt und ziemlich adrenalingeladen des montenegrinische Bergland.
Wo die vielen Autos geblieben waren, die mit uns an der Grenze auf die Abfertigung warten, wusste keiner. Denn außer uns war scheinbar niemand mehr unterwegs. „Ich glaub’s ja nicht, da kommt ein Wohnwagen!“, zeigte sich Jörg ziemlich entgeistert. „Es gibt also noch mehr, die nicht ganz dicht sind.“ Die Fenster runtergekurbelt, ein großes Hallo … Die Sprache? Egal. Es waren andere Menschen genauso unterwegs wie wir. Die beiden älteren Polen strahlten übers ganze Gesicht. „No problem!“ sagte er und zeigte mit dem Daumen nach oben. „A lot of serpentines“, sagte sie und beschrieb eine verwegenen Kurvenlinie. „Good luck and good journey“, wünschten wir zurück.
Bis nach Albanien würden wir es heute wohl nicht mehr schaffen, und ein weiterer Grenzübertritt kam nicht in Frage. Pluzine am Piva-Stausee sollte also unser Übernachtungssplatz werden. Eine gute Idee, eine grandiose Kulisse, ein fantastisches und unglaublich billiges Abendessen in der Konoba nebenan, ein gewaltiges Gebirgsgewitter und ein äußerst gemütlicher Film-Abend im Wohnwagen …

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Eyes without a Face

Der Song von Billy Idol lief im Radio, als wir heute Nachmittag an der Beachbar gesessen haben. Irgendwie scheint mir dieser Text mehr als passend für die zunehmende Islamisierung dieses Landes. Sagt übrigens auch Peter aus Graz vom EUFOR-Bataillon aus Sarajevo. Denn es ist eben nicht nur Jajce, wie wir längst festgestellt haben, sondern das ganze Land, in dem sich der Islam immer mehr und immer schneller ausbreitet. Was aber nicht auf die innerpolitischen Strukturen zurück zu führen ist, sondern vielmehr auf die Einflüsse von außen. Und außen heißt: Arabien. Von außen heißt auch: finanzielle Mittel. Und weil ich immer alles genau wissen will und mir Mutmaßungen und falsche Urteile nicht genügen, frage ich einfach nach.
„Nein Mama! Nicht schon wieder. Lass jetzt! Geh da nicht hin, die verstehen dich sowieso nicht!“ So klingt meist Marlene, weil ihr das alles hier einfach viel zu fremd ist. Sie war übrigens auch die Erste, die bemerkt hatte, wie sehr sich die vollverschleierte Frau in Jajce echauffierte, als ich sie heimlich fotografiert hatte. „Los, renn! Die gehen sonst auf uns los!“
Auf jemanden los geht hier ganz gewiss keiner, zumindest nicht, wenn es an touristischen Hotspots ist. Und so bin ich einfach auf die Menschen auf „unserer“ Badeplattform zugegangen oder vielmehr zugeschwommen und über die Leiter aus dem Wasser hochgeklettert.
„Hi! Where are you from?“, fragte ich die Männer, die sich zum abendlichen Kaffee niedergelassen hatten. Von Kuwait seien sie, erklärte der Pascha, dessen eindeutiger Status schon auf den ersten Blick ersichtlich war. Er stellte mir seine beiden Söhne vor, ebenso die beiden Freunde der Söhne. (Töchter sind übrigens nie anzutreffen.) Die Frauen indes seien zu Hause, während sie selbst hier ihre Ferien verbrächten. Das vierte Jahr bereits flögen sie regelmäßig von Dubai nach Sarajevo, hätten ein Haus am Jablanico Jezero gekauft. Sofort wurde mir Kaffee und Schokolade angeboten und Jörg dazu gerufen. Gastfreundschaft scheint selbstverständlich zu sein, und zum ersten Mal dachte ich darüber nach, dass meine „leichte Badebekleidung“ und meine tropfnasse Erscheinung in deren Augen ein ähnlicher Affront darstellen musste, wie in unseren Augen eine gesichtslose Frau in einer Burka mit lediglich zwei engen Gucklöchern. Aber irgendwie halt doch anders …

Peter sagt auch, dass sich der Islam hier ausbreiten würde, wie ein Geschwür. Schnell und gefährlich. Das spüre man an der ganzen Stimmung im Land. Auch für den Unkundigen ist das übrigens spürbar. Zum Beispiel an den Ortschildern in den serbischen Gebieten, auf denen der lateinische Ortsname überall unkenntlich gemacht ist. Dabei ist es den Serben gar nicht zu verübeln, dass sie um ihr Land „kämpfen“. Denn sie fühlen sich schlichtweg überrannt und aus ihrer Heimat vertrieben und wollen doch nichts, als das Erbe Jugoslawiens verteidigen.
Gegen diesen Zustrom ist kaum noch anzukommen. Es entstehen immer mehr Moscheen mit Geldern und Zuschüssen aus dem Nahen Osten, aus Saudi-Arabien, aus Kuwait, aus den Emiraten. Sarajevo beispielsweise ist mittlerweile überwiegend muslimisch. Damit kaufen sich die Saudis und all die anderen regelrecht in dieses Land ein.
Auf die Frage, was denn die EUFOR in Bosnien noch zu tun hätte, gibt Peter nur ein kurzes Statement ab: „Dia konnst no long ned allän loss’n. Denn dia derschlong sich sonst boid wieder.“
Schuld daran seinen mitunter die politischen Verhältnisse, ergänzt er. „Do stinkt äniges gewoidig zum Hümmä.“ Korruption und vieles mehr, worüber keiner Bescheid weiß, was nie an die Öffentlichkeit gelangt und was man auch gar nicht wissen will. So, wie man auch nicht wissen will, wie es tatsächlich zu den Dayton-Verträgen gekommen ist. Der Jugoslawienkrieg kümmert keinen mehr wirklich, auch das sagt er. „Denn jetzt hom mer jo an Därror. Des is der naiche Kriag.“ Und unter den Kriegsführern befänden sich vorneweg die Medien – Twitter, Facebook, Bild und Co auf Feldzug im Quotenkampf. Da geht es heutzutage nur noch um Klicks und um Likes, um Headlines und eben um die Quote. Und jede Bombe, die irgendwo hochgeht, kommt gerade recht. Wer der erste ist am Hotspot, der hat die Story. Und derjenige, der sie hochgehen lässt, wird auf einen Klick weltberühmt. Um es mal bitterböse und ganz krass auszudrücken …
„Wuist a Bier?“, fragt er mich, drückt mir eine Dose Gösser in die Hand und versucht, von der Politik und dem Weltenlauf abzulenken. Als Antwort erhält er von mir eine Gegenfrage. „Wie verkraftet man solche Einsätze auf Dauer, und was macht das mit einem?“ Denn auch im Kosovo war er zu Kriegszeiten im Einsatz. Jeweils für acht Monate, dann geht es bis zum nächsten Einsatz für vier Monate zurück nach Österreich. „Des wuist net wiakle wüss’n“, sagt er knapp, und seine Stimme wie auch seine Stimmung verändert sich unmittelbar.
Wie überhaupt den acht Jungs dieses Bataillons an diesem Nachmittag am Boracko Jezero nicht anzumerken ist, dass sie eigentlich einen Tag Freizeit verbringen sollten; von Easy Going ist rein gar nichts zu spüren. Das ganze schwere Geschütz gut gesichert in drei Autos verteilt, die neben unserem Wohnwagen stehen, kann keiner wirklich entspannen. Ständig sind sie in Habacht-Stellung, und ständig ist der Blick in alle Richtung gerichtet. Ob es nach solchen Einsätzen jemals wieder möglich sein wird, ins Leben zurückzufinden?

Kommt keiner!

Am Abend kamen Verena und Hendrik. Beide waren sie junge 19 Jahre alt und mit dem kleinen Bus von Verenas Papa unterwegs, den sie auch immer wieder telefonisch konsultieren mussten, wenn’s mal wieder eine kleine Delle gab. „Nee! Ne?“, zeigte sich Hendrik auf westfälische Weise völlig entgeistert. „Ihr seid mit dem Wohnwagen echt hier hoch und wieder runter gefahren? Das hatten wir ja schon mit dem Bus schier nicht geschafft. Voll krass!“ Wie wir weiter kommen werden, wollte er wissen. Die Frage ist durchaus berechtigt, denn noch sind wir hier, weil das erstens soooo ein schöner Platz ist und weil wir einfach noch keinen Plan haben. Auf jeden Fall wollen wir die Strecke nicht mehr zurück, wäre doch die Steigung in die andere Richtung vermutlich nicht besser fahrbar. Die Alternative ist eine gelbe sehr enge Schlangenlinie auf der Landkarte, die sich über sehr viele Höhenlinien windet und eine Länge von geschätzten 70 Kilometer zu haben scheint.
„Die nehmen wir! Alles ist besser als der Rückweg“, war sich Jörg heute sicher. Ich mir nicht so. Aber immerhin besser, eine Route erst gar nicht zu kennen und einfach auf gut Glück loszufahren, als zu wissen, was auf einen zukommt. Damit das Unterfangen nicht gänzlich zum Himmelfahrtskommando werden würde, sind Verena und Hendrik heute schon mal vorausgefahren. Denn auch sie wollen über Foca nach Montenegro in den Durmitor. Die beiden haben unsere Handy-Nummern, und jetzt warten wir darauf, dass sie grünes Licht geben.
Sicherheitshalber die Strecke heute Vormittag die ersten 15 Kilometer abgeradelt, haben wir tatsächlich festgestellt, dass die Straße erstens breit genug ist, und zweitens hier fast keiner fährt. Denn das geht hier mitten durch die Berge und eine sehr dünn besiedelte Gegend zwischen Neretva und Hochgebirge.
Nach mittäglichem Badestopp am Ufer der zirka zwölf Grad kalten grünen Schönen haben wir das auffordernde Angebot der kleinen Bar In The Middle of Nowhere durstig angenommen. „Kann ich euch helfen?“, fragte der Wirt, nachdem er schon länger unsere eifrigen Versuche der Kartenauslegung beobachtet hatte. Oh ja, und wie er konnte. Und er konnte auch hervorragendes Deutsch. In Oberhausen sei er aufgewachsen. „Aber irgendwann hat es mich nach Hause gezogen“, sagt er und macht trotz der recht aussichtslosen Lage (sieht man einmal vom grandiosen Blick auf die Neretva ab) einen sehr zufriedenen Eindruck. „Nein, es verirrt sich nur selten einer hier her“, sagt er. „Aber ich will auch nicht reich werden. Fünfzig bis hundert Mark am Tag genügen.“ Mit seiner Frau lebt er hier oben in den Bergen. „Die ist grad unten im Dorf“, erzählt er weiter. Und wenn heute einer kommen würde und etwas zu essen bestellen würde, könnte er zumindest den Stromausfall vorschieben, der seit zwei Stunden mal wieder alles lahm legt – nur um nichts kochen zu müssen. „Ich kann nur Spiegeleier“, gibt er schmunzelnd zu. Aber es kommt ja eh keiner. Gut, dass wir nur ein Bier bestellen.
Die Straße, ja, die sei gut befahrbar. „Solange die gelb ist auf der Landkarte, hat die wohl Asphalt.“ Sagt der Wirt, ist sich aber auch nicht ganz sicher, denn soweit kommt er hier gar nicht weg. Zumindest aber die Steigung sei seines Wissens nach geringer, als jene von Konjic hoch. Und Verkehr gibt’s hier eh kaum.
So sitzen wir noch eine ganze Weile, betrachten verträumt die grüne Neretva, lauschen den unverständlichen Gesprächen zwischen Wirt und seinem einzigen Gast, was ohnehin die perfekte Symbiose abzugeben scheint und nach viel mehr nicht verlangt. Wir starren auf die Straße, die flimmernde Hitze auf dem welligen Asphalt und sind einfach glücklich, dass sich hier kaum ein Auto her verirrt.
„Kommt keiner.“ Sagt Jörg nach einer Weile in fast philosophischem Tonfall. „Ja, kommt keiner.“ High Noon im Hochgebirge … Und auch ich bin mir langsam sicher, dass wir zumindest den Versuch wagen sollten, den Weg über die Berge nach Foca zu nehmen. Mal gespannt, was Verena und Hendrik sagen …

Die SMS kam gerade eben. „Zirka 20 Kilometer mittendrin unbefestigte Piste, obendrein eine stark einsturzgefährdete Holzbrücke. Das packt ihr mit dem Wohnwagen niemals! Wir sind endlich im Durmitor. Viele Grüße und eine gute Weiterreise, Vreni und Hendrik“

Entsprechend ist die Ernüchterung und auch eine gewisse Panik ist momentan nicht zu leugnen. Wie kommen wir hier jemals wieder weg? ADAC ist Marlenes Vorschlag, was ich übrigens noch nicht mal als den schlechtesten Einfall erachte (lohnt sich diese Mitgliedschaft dann endlich!). Jörg meint, das käme ungefähr einer Kapitulation gleich und ist dafür, entweder die Strecke morgen mit dem Auto abfahren und Lage checken (hey, das geht einmal komplett über die Treskavica, also Mountain Adventure!), oder mit dem Auto die 15 Kilometer zurück und sich jede Serpentine einprägen, um im entsprechenden Moment bloß nicht stehen zu bleiben. Peter, der Bataillonsführer der EUFOR-Truppe aus Sarajevo, die uns heute den ganzen Nachmittag an unserem Platz unmittelbar am See Gesellschaft geleistet und uns mit österreichischem Gösser-Bier versorgt haben, meint, man könne den Wohnwagen durchaus per Hubschrauber ausfliegen, aber 1.400 Kilo seien einfach zu schwer. Und einen größeren Hubschrauber hätten sie nicht mehr zur Verfügung, denn auch hier würde längst eingespart. Aber das ist eine andere Geschichte … Jetzt bin ich erst mal gespannt, wie diese Geschichte hier ausgeht.

 

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Another Hero?

Gestern sind wir ein Stück weiter südwärts gezogen, was unseren Wohnwagen beziehungsweise den Mitschuh zum ersten Mal an seine Grenzen gebracht hat. Die Fahrt verlief zunächst völlig reibungslos, denn mit einem langsamen Vorankommen war bereits vor Abfahrt zu rechnen. So tuckerten wir gemütlich über die bosnische Landstraße in Richtung Sarajevo. Verkehr gab es wenig, staunende und winkende Menschen viele, so, wie sie uns im vergangenen Jahr bereits begegnet waren.
Manche Dinge bemerkt man auf solchen Fahrten erst auf den zweiten Blick, wenn man ihn abwendet von der Landschaft und den Menschen, die hier leben. Zum ersten Mal fielen uns die unzähligen Friedhöfe auf, die fast flächendeckend das ganze Land überziehen. Am Eindrücklichsten sind davon gewiss die muslimischen „Gottes“äcker, denn die nehmen gewaltige Ausmaße in Anspruch. Fast kommt es einem vor, als würden hier Flächennutzungspläne unter einem ganz anderen Aspekt betrachtet. Diese Felder ziehen sich hügelan, hügelab über’s ganze Land hinweg. Immer wieder unterbrochen von christlichen oder orthodoxen Friedhöfen. Aber in der Summe überwiegen ganz klar die muslimischen Gräberfelder.
„Was hier für ein Totenkult betreiben wird, ist schon gewaltig“, fasst Jörg das sich daraus ergebende Flickwerk in der Landschaft zusammen. „In diesem Land wird für die Toten mehr getan als für die Lebenden.“ Das kann man wohl so auf den Punkt bringen. Und diese Friedhöfe werden auch nie wieder aus diesem Bild verschwinden. Sie wachsen und wachsen und wachsen. Wie die Moscheen auch. Da gilt es scheinbar vor allem, Zeichen zu setzen, was in der Summe irgendwie ein erschreckendes Bild abgibt. Einen Liegeplatz hat man hier auf „Lebzeiten“ im Reich der Toten. Da wird nicht etwa nach 100 Jahren das Feld geräumt, um dem Nächsten Platz zu machen …

So führte unsere Route weiter durch Dörfer, vorbei an Flüssen und Seen und vielen, vielen Poljes. Bis sich die Straße aufbäumte und zu einer ersten sportlichen Bergetappe über den Makljen aufforderte. Locker die Serpentinen gepackt, denn Mitschuh als auch Wohnwagen hatten beide neue Schuhe bekommen, offenbarte sich oben auf der Passhöhe ein gewaltiger Blick über das Land.
„Los, wir halten hier an, irgendwo wird das schon möglich sein. Ich möchte ein Foto machen“, war meine befehlende Bitte 🙂
„Ne, Mama, echt nicht, wir wollen heute noch ankommen und endlich zum Baden“, maulten die Kinder aus der hinteren Reihe. „Das kannst du dir alles nachher auf Google Earth anschauen“, war Marlenes ernst gemeinter Vorschlag.
Ja, und ich muss zugeben, das tue ich auch oft. Aber jetzt wollte ich das Panorama halt Live und in Echtzeit haben. Also Stühle raus und Picknick gerichtet!
Etwas abenteuerlicher gestaltete sich dann die Abfahrt. Wo letztes Jahr noch Straße war, war dieses Jahr keine mehr. Dafür jede Menge Schotter, erdrutschgezeichnetes Gelände und Bagger, Laster, Bauarbeiter. Irgendwie kamen wir durch, oder vielmehr hüpften wir mit unserem Gespann über Stock und Stein, wichen herabkrachenden Felsbrocken aus, befanden uns aber bald schon wieder auf dem Asphalt. (Gruß an Bine und Dreas: Die stibitzten langstieligen Campari-Gläser aus der Maremma haben’s übrigens überlebt ;-))
War ja halb so schlimm! Ganz schlimm sollte es nämlich erst noch kommen …

Konjic war unser Ziel, zumindest jenes, welches das Navi noch verstanden hatte. Denn für die letzte Etappe waren keine Karten mehr verfügbar.
„Kinder, jetzt sind wir gleich da! Es sind gerade mal noch 15 Kilometer.“ Und mit der grandiosen Kulisse, dem grün-blauen Wasser der Neretva, dem Anblick des herrlichen Jablanicko-Jezeros und des blitzblauen Himmels stieg auch meine Vorfreude auf den Boracko Jezero. Dass sich dieser See nicht umsonst als einer der schönsten Bergseen Bosniens bezeichnet, hat wohl einen Grund, und dieser Grund heißt schlichtweg: Berg!
Ich will jetzt gar nicht mehr weiter ausführen, wie sich diese letzten „kurzen“ 15 Kilometer nicht nur in die Länge, sondern vor allem in die Höhe gezogen haben … Am Anfang war’s kein Problem. Auch die kleine Fußgängerzone unten im Dorf ließ sich locker durchkreuzen. Das Lastwagenverbots-Schild gab zum Einen Beruhigung, zum Anderen aber warf es doch die heimliche Frage auf, weshalb hier Lastwagen nicht fahren dürfen … Aber ach was. Es ging ja! „Gell, da kommt jetzt keiner, wenn da ein Verbots-Schild steht?“, richtete ich mehr verzweifelt und mich an einen dünnen Strohhalm klammernd meine Frage an Jörg, so, wie wenn man ein Kind fragen würde „Gell, du isst nichts von der Schokolade auf dem Tisch, wenn ich nicht hingucke?“ Oder so ähnlich …
Noch war Jörg guter Dinge. Schmunzelte über meine Panik und kurbelte Kurve um Kurve die Serpetinen hoch. Auch noch, als die Straße enger und enger wurde und schließlich in einen Singletrail überging, ließ seine Zuversicht nicht nach. „Das ist schon mal ein guter Vorgeschmack für den Llogara-Pass. Du wolltest doch noch ganz andere Straßen fahren“, kamen immer wieder kleine, süffisante Seitenhiebe.
„Da kommt einer!!!!“, brüllte ich wie vom Blitz getroffen. „Nein, gleich zwei!!!!“
Jetzt wurde es nicht nur saueng, sondern auch Jörg ziemlich blass. Zwei große Lastwagen von oben, zirka zehn Autos hinter uns und eine einspurige Piste mit geschätzten 15 Prozent Steigung vor uns. Die Notlage war schnell erkannt, die beiden Lastwagen mussten nach oben zurücksetzen. Was uns dazu brachte, in einer geschotterten Ausweichstelle erst einmal kurz Luft zu holen, um nach dem Passieren der beiden LKWs im Geröll anfahren zu müssen. Vorbelastet vom letzten Jahr, steckte uns immer noch das Durmitor-Desaster in den Knochen … Ein Scharren der Räder, ein Fauchen, ein Qualmen, viel Gummi … „Ich dreh jetzt gleich durch!“, waren meine verzweifelten Töne, die ich halb wimmernd, halb schreiend von mir gab. Die Reifen taten es mir gleich! Bis der Mitschuh gerade noch die Kurve gekriegt hat und mit dem Wohnwagen im Schlepptau ins Rollen kam.
Irgendwie haben wir es mit viel Glück ohne ein weiteres Mal anhalten zu müssen nach oben geschafft. Puh!
„Hätte man sich das nicht mal auf Google Earth anschauen können, bevor man so eine Strecke fährt?“ Klar, hätte „man“, Frau hat’s eben nicht getan. Ich laß mich doch nicht von Google Earth dominieren!
Jörg zeigte sich zum ersten Mal und mit Schweißperlen auf der Stirn etwas angesäuert, während Tina Turner aus dem Radio röhrte: „all the children say: we don’t need another hero!“ Wie recht sie doch hatte: Denn wir hatten ja einen 🙂
„Boah, ist das ein toller Blick nach unten“, fand ich schnell meine Worte wieder. „Siehst du da unten den See?“ Klar sah Jörg den See und zeigte sich auch wenig verwundert, dass der sich nicht ganz oben auf dem Pass befand. Wie’s weiter ging, will keiner wirklich wissen, sowenig, wie wir wissen wollen, wie wir hier jemals wieder weg kommen werden.
Den zauberhaften Platz am noch zauberhafteren Boracko Jezero nach den längsten 15 Kilometer unseres Lebens erreicht, schien sich auch der Wirt dieses „Eko Selos“ zu wundern, wie wir hier überhaupt her gekommen sind. Zumindest war er völlig konsterniert, als es darum ging, eine Rechnung für Auto UND Wohnwagen ausstellen zu müssen.

 

 

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Die Pinguine von Jajce

Diejenigen, die sich an die „Höllenhunde von Jajce“ erinnern, erwarten hier bestimmt eine Neuauflage der nächtlichen Gefechte sämtlicher bosnischer Straßenköter. Aber ganz falsch gedacht: Die Hunde sind weg, dafür sind die Pinguine da! Und viel mehr noch ist da. Über das ich in der Kürze der Zeit gar nicht berichten kann. So vieles haben wir in diesen heutigen Tag gepackt. Also müssen ein paar Stichworte genügen, um euch davon überzeugen zu können, dass wir wohlauf sind 🙂
1.

Vielen Dank für die vielen herzlichen Geburtstagsgrüße. Schön, aus der Ferne über so viel Nähe zu wissen …

 

2.

Das Glücksschwein von Bine und Dreas kann ich sowas von gut gebrauchen und gibt mir ein Grundvertrauen und eine gewisse Sicherheit, die mich nach meinem gestrigen Zaudern und Zögern einfach Lügen straft. Heute übrigens hatte es seinen ersten Einsatz. (Aber nicht nur das Schwein allein, sondern auch das legendäre Notfallbüchle ist mit an Bord, samt den 20 Euro, die im Buchrücken verstaut sind und über den allergrößten Notfall hinweg helfen sollen …

 

3.

Abenteuerliche Radtour durch das bäuerliche Bosnien mit diversen Badepausen.

 

4.

Besichtigungsmarathon am Nachmittag mit dem gefassten Beschluss, die nächsten Tage ruhig anzugehen.

 

5.

Die aufgeworfene Frage: Woher kommen all die Pinguine? (Mit den Pinguinen seien die unzähligen voll verschleierten Frauen in langen Burkas gemeint, die, begleitet und bewacht von ihren Männern und dem Rest der Familie ein mehr oder weniger isoliertes Dasein unter dieser Art Tarnmantel fristen. Stellt sich eine weitere Frage: Weshalb sind die alle hier? Jörg ist der Meinung, weil Bosnien das nördlichste muslimische Land sei und weil sie in christlich geprägten Ländern wenig Ansehen unter diesen furchteinflößenden und menschenunwürdigen Gewändern genießen würden. Und weil Jajce so eine Art Pinguine-Hochburg darzustellen scheint. Die Balkan-Eisscholle sozusagen. Und ich frage mich: Wo kommen sie her? Aus aller Herren Länder, in denen die Frauen nichts zu sagen haben. Aber die Sippen sehr wohlhabend sind, was man an deren (Männer)Kleidung und dem ausgeprägten Markenbewusstsein sieht. Oftmals ist das ein erschütterndes Bild, wenn einer dieser Pinguine beim Essen sitzt und Gabel für Gabel unter einem Ganzkörperschleier mit integriertem Gesichtsschutzlappen verschwinden lässt (und ja, wir haben tatsächlich damit begonnen, im Maskulin von diesen Gestalten zu sprechen, ist ihnen doch dadurch jegliche Weiblichkeit abhanden gekommen).

 

6.

Hier mit der Policija in Clinch zu geraten, ist nicht unbedingt lustig, aber irgendwie war es das doch. Direkt aus der Bar („In der Bar, in der Bar, was machen die da?“ Klar! Biertrinkern! :-)) mit dem Auto unmittelbar auf den Polizeiposten am Stadtausgang zugesteuert, war Jörg noch bemüht, rasch einen Kaugummi einzuwerfen und in der Kürze der ihm verbleibenden Zeit bis zur Beinah-Inhaftierung darauf herumzukauen wie eine Allgäuer Kuh auf einer Portion aufgestoßenen Huflattichs. Es war aber auch zum Kotzen. Da waren wir mal grad zwölf Minuten über der Zeit, den Stadtkern automobil zu räumen, und schwupp-di-wupp hatten sie uns an der Kandare. Die Bierfahne indes spielte dabei gar keine Rolle, das gehörte wohl zum guten Ton. Beide sprangen wir aus dem Auto, damit sich unsere Ausdünstungen schnell in Luft auflösen konnten, andere Dinge dies aber nicht taten. Im Gegenteil wurde die Luft immer dicker! Es sei bereits nach 18 Uhr und somit dürften hier keine Autos mehr fahren. Gut, das hatten wir am Nachmittag schon den Schildern entnommen, bloß jetzt blöderweise vergessen. Und obwohl sich Täter wie Richter nicht nur hervorragend verstanden hatten ohne auch nur ein einziges Wort der jeweiligen Sprache zu sprechen oder zu verstehen, sondern auch den allergrößten Spaß miteinander hatten – Strafe musste sein! Da wollte der doch glatt Jörgs Führerschein einbehalten und uns „bitten“, morgen früh bei ihm auf der Polizeiwache vorbeizukommen, um zehn Mark Wechselgeld abzuholen. Die Buße betrug nämlich exakt 20 Euro. Oder eben 40 Bosnische Mark. Und wir hatten nur einen 50-Mark-Schein … 🙂 Irgendwo kramte er dann noch ein bisschen Münzgeld in seiner Hosentasche hervor … Der Rest war dann Trinkgeld!

„Da fliegt dir doch das Blech weg …“ 🙂

 

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Picknick am Autoput

Wer kennt ihn nicht, den berühmt berüchtigten Autoput von Zagreb nach Belgrad. Eigentlich wollten wir diese Route nie und nimmer fahren, waren wir doch eher auf Gemütlichkeit und Beschaulichkeit aus. Aber so lässt sich’s einfach nicht in der Zeit so weit kommen, wie wir uns das vorgenommen haben. Also Augen zu und durch und erst mal Strecke machen! Oder erst mal rein nach Zagreb. Denn bislang lief’s verdammt gut und der Hauptstrom floss Richtung Meer und Split ab.
Zagreb war Hölle unter der diesigen Dunstglocke; immer wieder Nieselregen und ständig Dieselabgase irgendwelcher „nostalgischer“ Autos und Lastwagen der Marke „Yugo uralt“.
Dann endlich durch, verlief die Fahrt eigentlich locker flockig. Oder einfach deprimierend, dröge und langweilig?
„Polje“ heißt „Feld“, und „Feld“ bedeutet bekanntlich „flach“. Oder einfach topfeben. Und jedes dieser Felder um Zagreb und Umgebung hat einen Vornamen. Wie bei Kißlegg das Hasenfeld eben (das hier Zec Polje heißen würde). So tuckerten wir also durch sämtliche Poljes des serbokroatischen Wortschatzes und Tierreiches und waren einfach nur desillusioniert ob dieser Ödnis. Denn unsere Reise im vergangenen Jahr war weder von Regen begleitet, noch von solcher Hässlichkeit. ABER! Und darüber waren wir informiert! Der Autoput hat rein gar nix mit Road-Movie-Romantik zu tun, noch könnte Sonnenschein von all seiner schäbigen Tristesse ablenken. Vielmehr war das für die längste Zeit die allergrößte Ganovenmeile über den Balkan. Von dem her gab es also gar nicht so vieles zu beanstanden. Und der reinwaschende Regen war sozusagen der passende Begleiter auf dieser Etappe.
„Ey Läudde, da steig ich jetzt echt nicht aus!“ Jawoll, das waren die Worte einer unserer Töchter, die längst zu jener Generation gehören, welche alle Menschen (vormals auch als Mama und Papa bekannt) nicht mehr mit „Altahh“ (geschlechtsneutral!) ansprechen, sondern neuerdings zu „Läudde“ machen. (Und wem kümmert dabei schon der Akkusativ? 🙂
Als neue „alte“ Eltern haben wir also den Rastplatz mit dem abgefackelten Restaurant, der runtergekommenen Tankstelle, dem versifften und von besseren Zeiten (oder noch schlechteren?) träumenden Klöhäusle, dem komplett zugemüllten Parkplatz sowie dem beißenden Odeur von Urin, das beim Aussteigen unmittelbar die Nasenschleimhäute zu verätzend drohte, abgesehen und haben den nächst besseren angefahren …

Der aber kam nicht …

Jörg hatte recht. Es könnte von nun an wirklich nur noch besser werden. Allerdings nicht unmittelbar. Bevor uns der Autoput so richtig in seinen Bann zog, schafften wir es, die Kurve Richtung Banja Luka zu kriegen. Und siehe da! Autobahn runter – Landstraße rauf, verlief das Reisen wieder in erstaunlich geregelten Bahnen. Den Wohnwagen im Schlepptau, steuerte ich unser Gespann einmal quer„polje“ein, und wir konnten sogar dem „großen Feld“ etwas Schönes abgewinnen. Die Sava, der Grenzfluss zu Bosnien, ist zumindest so eine Landmarke, die einen doch tatsächlich mit ihrer Anmut in ihren Bann zieht.
Aber dann, apropos Bann: Der Fluss war auf einen Schlag gebannt. Zumindest der Autofluss, und das durch den Schlagbaum. Unvermittelt standen wir zirka zwei Kilometer vor der Grenze zu Bosnien und damit vor zirka zwei Stunden Wartezeit.
„Nein, schön finde ich die Sava jetzt echt nicht mehr, wenn die so einen Aufruhr verursacht“, war es Jörg, der ansonsten recht ruhig alles zur Kenntnis nimmt und eigentlich immer das Beste daraus macht – aber jetzt Vergleiche zum Ruhrgebiet zieht (denn der Grenzort Nova Gradiska hatte durchaus vergleichbares Potenzial). Jetzt aber gab es keine Wahl mehr zwischen Bestem und Zweitbestem. Es war einfach richtig besch … Wir standen in der Schlange, dann waren wir endlich an der Reihe und nach 118 weiteren Kilometern über Banja Luka schließlich durch den zauberhaften Vrbas-Canyon, der auch bei Regen seinen Zauber nicht verliert, ziemlich erschöpft im bosnischen Jajce angelangt. Unserem ersten richtigen Etappenziel, das wir bereits im vergangen Jahr mit seinen vielen Hunden kennengelernt haben … Aber das war eine andere Geschichte.

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