Faria, faria, ho

So lustig das Zigeunerleben auch ist, irgendwann sollten wir wieder zurück in die Zivilisation finden. Kärnten war da nun schon ein ganz guter Anfang. Jetzt wird es wirklich höchste Zeit, dass wir unsere Zelte endgültig abbrechen. Wieviel Zeit zwischen unserem Aufbruch vor fast fünf Wochen und unserem wehmütigen Abschied von diesem großen Abenteuer liegt, lässt sich mitunter an der Sonnenuhr ablesen, die längst ihre Sommerstunden gezählt hat und langsam aber sicher den Herbst einläutet. Die Zeit lässt sich auch ablesen an ein paar kleinen Ringen um die Hüftgegend (die hoffentlich und bei eiserner Disziplin bis zum Gehrenberglauf wieder gänzlich verschwunden sind 🙂 ), auch lässt sich die Zeit buchstäblich an den Haaren herbeiziehen. Und daran ließ sich so sehr ziehen, dass ich heute morgen die dringende Notwendigkeit empfunden habe, einen „Berber“, also einen Frisör in Millstatt aufzusuchen. Denn ansonsten würde die Gefahr bestehen, dass mich mit „langen“ strohblonden Haaren zuhause keiner mehr erkennt 🙂
Langsam heißt es also, wieder in den Alltagsmodus zu schalten. Den heutigen Tag allerdings haben wir noch einmal genutzt, um dieses mir nach wie vor suspekte Kärnten aus der Vogel- beziehungsweise Gipfelperspektive zu betrachten.

Nach dem gestrigen Vorgeschmack hat uns nun heute die geballte Wucht des touristischen Marketingkonzepts dieses alpenländischen Disneylands mit voller Breitseite getroffen. Und dabei wären sie so schön, diese Berge. Wenn sie nur nicht von den Menschen so malträtiert und mit Füßen getreten würden. Dass die Bergsteige längst und allesamt putzige Namen tragen, kennt man auch vom Bodensee. Dass so ein Versprechen stets zum Erlebnis werden soll, auch das ist nichts Neues. Kleine und große Tafeln in regelmäßigen Abständen verweisen andauernd auf irgendeines dieser Bergerlebnisse. „Ort der Kraft“, „Stein der Ruhe“, „Potenzwasser“ (ja, „Potenzwasser“ steht da an einem Bächlein, an dessen munterem Springquell ein Metallbecher angebracht ist, aus dem jeder(mann) trinken kann!). Sitzgelegenheiten, die in ihrem Design an futuristische Liegen beim Psychotherapeuten für großstadtmüde Geschäftsleute erinnern und Tische und Bänke an allen Ecken und Enden zur inneren Einkehr aufrufen. Denn wer sitzt heutzutage noch auf dem Boden, der nicht Yoga macht? So geht es auf diesem Kreuzweg weiter von Station zu Station. Bis das Gipfelkreuz erreicht ist, oder eben das Granattor anstelle dessen. Man kann übrigens nichts falsch machen auf diesen Steigen. Sie sind quasi idiotensicher. Denn Verlaufen ist völlig ausgeschlossen. Erstens, weil weit über der Baumgrenze ganze Schilderwälder es unmöglich machen, vom Weg abzukommen. Und zweitens, weil man vom Sog der Prozession einfach mitgezogen wird.

Jetzt denkt man – erst mal oben am Gipfel angekommen – an eine zünftige Brotzeit. Von wegen! Hier wird nicht gevespert, hier wird getafelt oder vielmehr diniert. Das scheint der letzte Schrei in der Vermarktung der Kärntner Bergwelt zu sein. „Tafeln“ an allen (un)erdenklichen Plätzen. Man muss sich das in etwa so vorstellen: Auf über 2.000 Meter Höhe werden gigantische Holztische und schicke Bänke aufgebaut, die zuvor mit gewaltigem Gefährt auf den Gipfel gebracht wurden. Dann wird eingedeckt. Leinene Tischtücher, weißes Porzellan, Silberbesteck, eine ganze Glasmenagerie … Und es wird dekoriert, was das Zeug hält. Von einer eigens dafür hochbestellten Dekorateurin. Die Speisen sind übrigens auch hochbestellt und werden pünktlich automobil angeliefert. Mitten in freier Wildbahn auf felsigem Grund. Ein Top-of-the-World-Dixieklo habe ich übrigens keines entdeckt. Aber auch dafür wird es eine Lösung geben …
„Die Gäste kommen um 14 Uhr“, erklärt uns die dauerdekorierende Dame freundlich, arrangiert dabei weiter ihre Teller mit geschliffenen Karfunkelsteinen, Preiselbeersträußchen, Herzen und Schildern mit der Inschrift „Alles Liebe“. Fraglos, es ist hübsch anzusehen. Und vor dieser Kulisse ist das gewiss ein gewaltiges Bild.
„Und die Gäste, wie kommen die hoch?“, frage ich.
Die würden unten an der Alm mit einem Gästeführer loswandern. Das darf durchaus mit einem Almauftrieb verglichen werden, was im Prinzip auch nichts anderes ist. Nur dass die Kühe in diesem Fall Touristen sind und der Geißenpeter ein Gästepaul ist. An diversen Stellen sind „Tränken“ und „Futterstationen“ aufgebaut, und die Fußlahmen werden natürlich mit dem Alm-Taxi auf den Gipfel gebracht. Endlich oben angekommen, ist dann tatsächlich immer lauter werdendes Läuten zu vernehmen. Nicht von den Kuhglocken und nicht von den Ziegen, denn die haben längst das Weite gesucht. Aber von den Handys.

Jörg regt sich immer auf, wenn ich mich so aufrege.
„So läuft das“, sagt er, „diese Region lebt fast ausschließlich vom Tourismus. Du tust das doch auch.“
Trotzdem … ich weiß nicht so recht … Wenn etwas keine Dekoration nötig hat, dann ist es diese Bergkulisse. Sie hat auch keine „Wanderer“ nötig, die nichts weiter wollen, als Urlaubserlebnisse und Events auf dem Silbertablett präsentiert zu bekommen. Vielleicht ist das aber einfach die falsche Urlaubsdestination für mich. Obwohl’s den Kindern unumwunden gefallen hat. Auch den Camping Burgstaller fanden sie im Vorbeifahren cool. Fast so cool, wie den Europapark.

Jetzt sind wir also am Einpacken. Die Vorräte gehen zwar immer noch nicht zur Neige, und auch die Klamotten würden noch lange reichen. Heute Abend habe ich endlich meinen Faserpelz wieder angezogen. In der Tasche habe ich das Kärtchen von Alexandar und seinem kleinen Camp „Evergreen“ in Pluzine in Montenegro gefunden. Das war der einzige Abend, an dem es kühl war und uns ein gewaltiges Gebirgsgewitter abends in den Wohnwagen gezwungen hatte.
Aber noch vieles mehr lässt sich nach so langer Zeit und so vielen bereisten Orten im Chaos unseres mobilen Heims finden. Hexenblut aus Albanien, Shampoo aus Bosnien, Olivenöl aus Montenegro, kroatische Kulen, österreichischer Bergkäse. Jedes dieser Fundstücke erzählt eine Geschichte und hinterlässt Erinnerungen. Manche dieser Fundstücke werden im Wohnwagen noch lange, oder gar für immer ihre Spuren hinterlassen. Wie etwa das kleine Bildchen von Gaga. Die Geschichten aber, welche die imaginären Bilder erzählen, bleiben auch dann bestehen, wenn dank des Hexenblutes über unzählige Wunden Gras gewachsen ist (wie übrigens auch über meinen „bosnischen Hinkefuß“, der immer noch nicht ganz genesen ist), das Shampoo den Wuchs beschleunigt hat, Öl, Wurst und Käse längst gegessen sind.

Das letzte mal im Wohnwagen schlafen – und die Kinder eine letzte Nacht unterm Sternenhimmel.
„Look at these iron girls“, zeigte sich gestern morgen unser dänischer Nachbar völlig ungläubig über das nächtliche nächtelange, tagelange, wochenlange Star-Watching der Kinder. Unser Münchner Urgestein hingegen war da wesentlich pragmatischer: „Aufgstond’n wiad! Do kennt’s a mia glai höf’n.“

Unsere beiden „eisernen Ladys“ hingegen freuen sich einfach nur auf daheim. Auf den Alltag. Auf das Ende dieses Zigeunerlebens und ja, sogar ein bisschen auf die Schule.
Faria, faria … farewell.