Bye, bye, Albania

Ein zweites Mal haben wir uns gestern Morgen von Heidi und Stephan verabschiedet. Vermutlich auf dieser Reise das letzte mal. Während die beiden noch ein bis zwei Tag in Berat verweilen wollen, haben wir uns auch endgültig, zumindest für diesen Sommer, von diesem Land verabschiedet. Es fällt schwer, dieses Land zu verlassen, obwohl sich langsam so etwas wie Heimweh einstellt. Und es fällt noch viel schwerer, diese Menschen zu verlassen. Es ist ein Land voller Gegensätze. Armut und Reichtum in einem unausgewogenen Verhältnis. Korruption immer noch an allen Ecken und Enden, obwohl eine großangelegte Kampagne zumindest darauf aufmerksam machen soll. Und an diesem buchstäblichen Brennpunkt stinkt immer noch und immer wieder etwas gewaltig zum Himmel. Und wenn es nur eine in Brand gesteckte „illegale“ Mülldeponie ist. Es ist ein Land, in dem nach wie vor politische Uneinigkeit herrscht, in dem noch vielerorts eigene Gesetze gelten. Wie etwa hoch oben im nördlichen Bergland der Kanun immer noch über allen Gesetzen steht und nichts und niemand dagegen ankommt. Auch ist dies ein Land, das nach wie vor großen Drogenproblemen gegenübergestellt ist. Es sei zwar nicht wirklich legal, Cannabis im großen Stil anzupflanzen, sagt Zhanisa, aber zumindest wird es nicht konsequent geahndet. Gerade das berüchtigte Dorf nur ein paar Kilometer weiter entfernt von ihrem Wohnhaus – Lazart – erlangte selbst in den deutschen Medien erschütternde Berühmtheit durch den von der internationalen Mafia kontrollierten Hanf-Anbau. Zwar sei dieses Dorf und seine dubiosen Machenschaft seit geraumer Zeit ausgehoben, fügt Zhanisa an, dennoch wird jeder Neugierige davor gewarnt, sich auch nur in die Nähe zu wagen. Es könne durchaus passieren, dass ohne Vorwarnung scharf geschossen würde.
„Ich wusste nicht so recht, wo ich mich gerade befinde“, sagt Jörg etwas konsterniert, als er vom Laufen zurück kam. „Ich hab dann ziemlich Gas gegeben.“ Denn den Namen des Dorfes hatte er vergessen, nur wusste er, dass es sich hier ganz in der Nähe befinden musste.
„Nein“, lacht Zhanisa. Lazart läge auf der anderen Tal-Seite. Hier sei er sicher. „Only the dogs are dangerous“, ergänzt sie und ist sichtlich erstaunt, dass es Menschen gibt, die hier durch diese Dörfer joggen.

Erstaunt ist das passende Wort, wenn man an die Dörfer denkt. Aber wenn man die Landschaft vor Augen hat, reicht dieses Wort nicht aus, um das Er-Staunen darüber zu beschreiben. So klein dieses Land ist, so gewaltigen ist seine landschaftliche Vielfalt. Den Norden dominieren die Albanischen Alpen mit ihren schroffen und nur beschwerlich zu erreichenden Hochebenen. Tiefebenen prägen die nördlichen Küstengebiete, die mit ausgedehnten Lagunen und einer Artenvielfalt an Tieren aufwarten, die mit der Arche Noah vergleichbar sind. Die südliche Küste wiederum übertrifft mit ihrer mediterranen Schönheit, mit den Stränden und dem türkisfarbenen Wasser alles, was ich bisher an Küsten gesehen habe. Zwischen den vielen Gebirgszügen befinden sich endlos scheinende, fast menschenleere Steppenlandschaften, durch welche die großen Flüsse wie Devoll, Drinos, Osum, Shkumbin, Vjosa ihr breites, zerwühltes Bett aufgeschlagen haben und sich darin ungestört und ungebändigt wälzen. Auch ist dies ein Land, das auf eine lange Geschichte zurück blickt. Die Illyrer, die Griechen, die Römer, die Osmanen, Slawen, Bulgaren, Aromuren, Walachen … Ali Pascha Teplena, König Zogu und natürlich der große Nationalheld Skanderbeg … Alle hatten ein bisschen mitgemischt und ihre Spuren hinterlassen. Spürbar ist das nicht nur an den imposanten Kulturschätzen dieses Landes, sondern eben auch an der Küche. Selten haben wir besser gegessen, nie sind wir fürstlicher bewirtet worden. Die Küche ist denkbar einfach und ungekünstelt. Ohne Schischi und ohne jegliche Arroganz (von was man in unseren Sterne-Restaurants oftmals und durchaus sprechen kann). Es wird das zubereitet, was die Erde bereithält. „Das Schwein ist vom Nachbar“, sagt Julian am Abend unseres Barbecues. Der verhängnisvolle Wein indes war der eigene. Das Gemüse kommt aus dem Garten, der Käse von den Schafen und Ziegen. Und die Sterne, die gibt’s gratis dazu in fünfmillionenfacher Ausführung am Himmel.
„Oh no! Never! The chicken are all the pride of my mother“, fügt er entsetzt an, als wir ihm beim abendlichen Zusammensitzen vorschlagen, den Hang hinter dem Haus als zusätzliche Zeltwiese zu nutzen. Aber dann könnte er doch wenigstens die Eier an seine Camping-Gäste verkaufen, denken wir uns gleich ein Marketingkonzept aus. Nein, die Eier würden sie alle selber verwenden. Aber selbstverständlich könnten wir jederzeit welche bekommen. Nicht für Geld. Einfach so.
Alles in allem bietet nicht nur die albanische Küche, sondern vor allem die unterschiedlichen Menschen eine wunderbare Mischung sämtlicher Kulturen und ihrer vielen Köche, die den Brei nicht verderben, sondern auf’s Allerbeste bereichern und verfeinern. So, wie unser Barbecue in dieser klaren Sternennacht.

Nun sind wir also hin und weg. Gut fünf Stunden haben wir für die knapp 200 Kilometer benötigt, bis wir den Grenzübergang Muriqan nach Montenegro erreicht hatten. Das klingt wenig an Strecke, ist aber ganz schön viel, wenn man mit Straßenverhältnissen und Fahrweise vertraut ist. Es kann sein, da läuft es mal ganz gut, bis dann abrupt der Straßenbelag wieder endet und es über eine holprige Schotterpiste nur noch im Schritttempo weitergeht. Auch ist das Fahren auf der sogenannten Autobahn ein echtes Erlebnis. Da wird alle paar Meter Gemüse angeboten, Mais gegrillt, da warten Menschen darauf, mitgenommen zu werden, während Eselskarren, Fahrräder und Ziegenherden gegen die Fahrtrichtung fahren, laufen, blöcken und im Weg rumstehen.

Auch wir standen gegen 14 Uhr im Weg rum. Nämlich an der Grenze. Mit dem wehmütigen Blick zurück, der übrigens sehr, sehr lange andauerte, waren wir nach einer Stunde Wartezeit zurück in Montenegro. Ein Stück näher Richtung Heimat. Wenngleich immer noch verdammt weit weg.
Das ist das Schöne daran, irgendwo anzukommen, wo man schon einmal war und sich auskennt. Das „Safari-Camp“ in Ulcinj ist also für die nächsten ein, zwei Tage unsere Heimat auf Zeit. Und ganz langsam wird es auch Zeit, dass ich einfach mal Urlaub mache. Ich kenne den Ort hier, kenne die Gegend und die Landschaft, habe im vergangen Jahr sowohl die Stadt, als auch die Umgebung mit dem Fahrrad erkundet. Jetzt stehen wir direkt am Strand, der Wind bläst. Jörg war gestern Abend zum ersten Mal mit dem Kite auf dem Wasser; der Trubel der vergangene Tage, begleitet von so vielen schönen Begegnung, gemeinsamen Abenden, spannenden Erzählungen und wundervollen Bekanntschaften verlangt nun in der Tat nach etwas Ruhe. Ich werde also jetzt damit beginnen, einmal nichts zu tun …

„Ich hab doch gleich den Kiteschirm und die Figur auf dem Surfbrett erkannt.“
Das gibt’s doch nicht! „Wo kommt ihr denn her?“
Wir sind völlig perplex, als Helmut und Tilli aus Fürstenfeld am frühen Abend vor uns stehen.
„Vor zwei Stunden sind wir hier angekommen“, lacht Helmut.
Aus mit der Ruhe! Letztes Jahr sind wir uns zufällig im Surfurlaub in der Toskana begegnet, dann haben die beiden sich uns angeschlossen und sind mit uns weiter zum Idrosee gezogen. Eine ganze Zeitlang war man noch über Windverhältnisse und Kitespots per Whats App in Kontakt. Der hat sich irgendwann in Luft aufgelöst.
Jetzt herrscht hier ganz schöne Bise, die Männer und auch Tilli sind zum nächsten Kitespot mit Rescue aufgebrochen (denn der Wind ist ablandig und das bedarf eventuell eines Rettungsbootes), und ich mache mich gleich mit meinem Allrad auf und fahre hinterher …
Der Urlaub muss warten!

 

… auch die Bilder. Vorbei die Zeiten des schnellen WLANS 🙁

 

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Anagrammatik im Neverland

„I need dringend a watercock!“. Man kann mit manch sprachlicher Verballhornung kokettieren, man kann sich aber auch den allergrößten Blödsinn angewöhnen. Wie eben den „ausdrücklichen“ Wasserhahn, den ich heute auf meiner Radtour ganz dringend benötigt hätte, oder die gestrigen Oliven, von denen „only a handvoll“ gelangt hätte. „Des langt“ klingt ziemlich albanisch, und „Deslangt“ hat die Marktfrau dann auch ganz schnell in ihren Sprachschatz aufgenommen. Wir waren uns also einig.
„Oh, he brings se after-table“, waren Stephans überraschte Worte, als Julian nach dem Barbecue eine Schüssel Melonenschnitze auf den Tisch stellte und nachdem es als „before-table“ „scrumbled eggs wiss Wurscht“ gab.
Man versteht sich. Und das, obwohl der eine die Sprache des anderen nicht versteht. Englisch ist der größte gemeinsame Nenner, aber unterm Strich bleibt dabei ganz schön viel auf der Strecke, was letzten Endes nur mit Händen und Füßen zu erklären ist.
Gestern Abend zum Beispiel war es der Imam in der Xhamia Mmbret, Berats Königsmoschee, der mir einmal den Koran rauf und runter erklärt hat, was ich anschließend an die Kinder genauso weitergegeben habe.
„Mama, was hat der eigentlich für eine Sprache gesprochen?“, fragte mich Ida.
„Ich glaube Italienisch.“
„Seit wann kannst du denn Italienisch?“
„Weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich Koran kann. Aber so viel habe ich verstanden, dass der Mufti in etwa das darstellt, was bei uns der Mini ist. Und dass es Großmuftis und Oberminis gibt.“

Es ist faszinierend, wie sich alle Sprachen, alle Kulturen und alle Religionen hier mischen. Und wie sich die Worte mischen. Sogar die Buchstaben mischen sich in diesem Land … zu einem neuen Begriff.
Lange habe ich nach diesen Bergen gesucht, in denen der Schriftzug „ENVER“ aus kommunistischer Zeit gleich einem riesigen Tattoo in einen gewaltigen Bergrücken eingraviert ist. Nichts Genaues wusste ich nicht, nur dass diese Berge sich irgendwo in der Nähe von Berat befinden mussten.
Zu Zeiten, als es galt, dem großen Diktator alle Ehre zu erweisen, wurde zu propagandistischen Zwecken sein Name in die Flanke des Berges Shpirag geschlagen. Immer noch dominieren die 100 Meter hohen und 60 Meter breiten Lettern die Skyline nördlich von Berat, Albaniens Ältester und geschichtsträchtigster Stadt. Nach dem endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus 1994 mit Napalm bombardiert, um die letzten Spuren dieser düsteren Vergangenheit völlig zu verwischen, ließen sich die imposanten Versalien dennoch nicht gänzlich ausradieren. Und somit wurde im Rahmen eines groß angelegten Projektes aus den beiden ersten Lettern mit Zuhilfenahme gewaltiger Weiß-Wasch-Pumpen und ganz gehörig viel Menpower ein symbolisches Anagramm geschaffen, das diese Berge, zumindest aber diese düstere Epoche der völligen Isolation unter der Diktatur Enver Hoxhas, in ein anderes Licht, ergo in eine andere Begrifflichkeit rückten. ENVER – NEVER.

„Schau mal, da steht es ja!“, rief Jörg gestern Abend begeistert, als wir auf der Kabelbrücke über dem Osum gestanden haben.
Wenn man wollte und nur genau hinschaute, konnte man den Schriftzug tatsächlich erkennen. Nur war das dämmrige Abendlicht dermaßen schlecht, dass selbst der beste Fotoapparat an seine Grenzen gestoßen wäre. Und der meinige war nicht nur an seine qualitativen Grenzen, sondern vor allem an seine „akkustischen“ Grenzen gestoßen. Also musste ich heute Mittag noch einmal los, nachdem der Akku frisch aufgeladen war. Frisch aufgeladen war auch die Sonne, und die tat ihr Bestes, damit ich mit meinem Centurion Allrad nach zirka 15 Kilometern Hauptstraße schweißgebadet und völlig dehydriert Berats Altstadt erreichte. Der „Watercock“ war nur das Wenigste, was ich benötigte. Auch benötigte ich einen Abstellplatz für mein Fahrrad …
Der dagegen war so schnell gefunden, wie ein launiges Gespräch über den Zaun gebrochen, welcher wiederum nicht die geringste Barriere darzustellen schien. Noch nicht einmal eine Sprachbarriere hielt mich von der Verständigung mit einem alten Mann ab, der nicht nur sein Gemüse vehement verteidigte und in seinem klitzekleinen Laden anpries, sondern fürderhin auch mein Fahrrad. „German?“, wollte er interessiert wissen. Als ich diese Frage bejahte, fing er unmittelbar damit an, mein Hightech-Vehikel genauer unter die Lupe zu nehmen. Strich über das Reifenprofil, kontrollierte den Luftdruck und war sichtlich beeindruckt von Schaltung und Technik. „German good!“
Selbstverständlich würde er dieses Gefährt bewachen, solange, bis ich wiederkäme. Würde ich erst morgen wieder kommen, bin ich mir sicher, würde er die ganze Nacht vor seinem Laden sitzen und aufpassen, damit dem Rad nichts passierte.

Noch etwas habe ich außer dieses Ehrenkodexes der Albaner heute auf meiner Expedition in Erfahrung gebracht. Hoch oben auf dem Berg außerhalb der Burgmauern: Eine kleine unscheinbare Scheunenkirche. Von Natursteinmauern umfriedet bin ich unter einem Zaun hindurchgeschlüpft. Vor mir stand, oder ich vor ihm, ein Gebäude, das so ganz und gar nicht an eine Kirche erinnerte. Nicht umsonst tragen diese Kirchen in allen Teilen der Welt den Namen „Scheunenkirche“. Nichts durfte jemals daran erinnern, dass Christus in dieses Haus eingezogen sein könnte. Nicht unter der Herrschaft der Osmanen, nicht im Zweiten Weltkrieg, nicht im Kommunismus. Und nichts durfte Hinweis darauf geben, dass all die Christen sich unter dem Deckmantel der vermeintlichen Scheune vor ihren Widersachern versteckten.
Als einen magischen Ort empfand ich diesen heimlichen Platz auf Berats höchster Höhe heute. Über der Kalaja gelegen, mit dem Tomorri, dem heiligen Berg der Bektaschi im Blick, den Osum zu Füßen und nichts über mir, außer das Blau des Himmels, das sich göttlich zu erkennen gab in den beiden Türen zu diesem vermeintlichen Stall.

Es ist wenig, was einen bewegen kann, um den Blickwinkel zu verändern. Ein Funken Hoffnung. Ein kleines Blau. Oder Big Blue.
Stephan und Heidi sind wieder hier!

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Das Husten der Ziegen

Heidi ist unbehelligt gestern Nacht aus Athen zurück gekehrt. Und wir sind gestern Morgen ein Stück weiter nordwärts gezogen. Denn schließlich sollten wir bis in zwei Wochen langsam wieder in unseren Heimathafen einlaufen. Die Hitze scheint mit uns gezogen zu sein, während „Big Blue“ und seine Besatzung noch einen Tag länger bei Zhanisa und Julian vor Anker bleiben wird.
Unpünktlich nachts um zwei Uhr erreichte der Athener Bus Gjirokastra und Heidi anschließend mit dem Taxi das Zentrum von „The middle of nowhere“, bis sie vor dem verschlossenen Tor des „Campingplatzes ohne Namen“ stand. Scheinbar kannte noch nicht einmal der Taxifahrer diesen zauberhaften Ort; aber gesucht – und gefunden …
Mitsamt Gepäck des nächtens über den Zaun geklettert, denn schlafende Hunde sollte man nicht wecken, und weder Lara, die Labradordame an Stephans Seite, noch Rex, der albanische Deutsche Schäferhund und Herr des Hauses, ließen sich aus der Nachtruhe bringen, als Heidi sich bei dieser Aktion obendrein die Hose zerriss.
Morgens um sieben, als die Welt noch in Ordnung war (was sie hier übrigens abends um sieben immer noch ist), hat sich Heidi uns vorgestellt. Und irgendwie schien es, als kannten wir uns schon lange …

Wie man sich hier scheinbar überall und selbstverständlich kennt. Am Abend zuvor etwa war es Elisa, die unmittelbar beim Anblick der Kinder beide Mädels einmal fest in die Arme schloss und uns mit einem herzlichen „Miresevine!“ begrüßte. Elisa war unsere „Fremdenführerin“ durch Gjirokastra. Eigentlich und im Alltag ist das zwar nicht so mein Ding, mich von anderen Menschen führen und leiten zu lassen. Aber das war hier genau das richtige Ding. Und an dieser Stelle möchte ich nur jedem an’s Herz legen, sich in einer völlig fremden und unvertrauten Stadt, die mit einer Geschichte und einer „Chronik“ aufwartet, die mal so auf die Schnelle einfach nicht erzählt oder im Reiseführer zu erlesen ist, an die Hand nehmen zu lassen und sich blindlings leiten und die Augen öffnen zu lassen. Dabei heraus kommen erstaunliche Einblicke und Ausblicke mit einer ganz anderen Sicht auf die Dinge, die einem ansonsten vermutlich immer verschlossen bleiben würden.
Elisa also war sozusagen unser Eye-Opener für diese Stadt, die nicht in Stein gemeißelt ist, sondern in der einfach das Leben stattfindet. Denn hier wird nicht für die Touristen gelebt (klar, zwar auch ein bisschen), aber hauptsächlich kommunizieren diese geschichtsträchtigen Mauern miteinander und mit ihren Bewohnern. So auch gestern Abend.
Auch war und ist Elisa gebürtige Gjirokastrin (ich glaube, das heißt nicht so, aber andere Modifizierungen dieses Namenswortes klängen irgendwie noch blöder 🙂 ). Elisa war auch nicht wirklich Fremdenführerin, sondern nur so aus der Not heraus. Hier in ihrer Heimatstadt hat sie studiert. Economy, wie sie sagt.
„Ich spreche fünf Sprachen“, sagt sie außerdem. Sie sagt auch, dass sich hier mit einem Wirtschaftsstudium kein Geld verdienen ließe und sie keine Arbeit fände.
„I do this for about six months. But in winter season there aren’t any tourists in Gjirokastër. It’s so cold as in summer hot. Because of the stones“, erklärt sie eher sich selbst den Job hier. Aus Tirana kämen die meisten Besucher mit Bussen professioneller Unternehmen, die das Komplettpaket anböten und am Abend wieder aus der Stadt verschwunden wären.
„There is not much money to earn, neither for the city, nor for the hotels“, fügt sie etwas resigniert hinzu. Aber diese Resignation ist auch gleich wieder aus ihrem Blick verschwunden. Spätestens dann, wenn sie zu erzählen beginnt von der Geschichte dieser Stadt, vor allem aber, wenn sie spüren lässt, dass sie mit dieser Geschichte tief verwurzelt ist.

Bester Beweis dafür war abends das traditionelle albanische Volksfest rund um die historische und allererste Schule Albaniens. Zunächst hatten wir sie noch nicht einmal erkannt, als sie in ihrer albanischen Tracht auf uns zu kam und die Kinder in die Arme schloss. Aber ihr Lachen war einfach unverkennbar. Und mitreißend: Elisa im echten Leben in einer Tracht, die ein Teil dieses Lebens ausmacht.
Wir alle (gut, Jörg und Stephan nicht) sind in albanischen Ringtänzen um den Obelisk getanzt, haben uns redlich oder vielmehr „beinlich“ bemüht, die Schrittfolge dieser traditionellen Tänze irgendwie „auf die Reihe“ zu kriegen. Elisa mit Ida an der Hand, Marlene im Schlepptau und ich mit irgendwelchen Menschen, die mich einfach mitgerissen haben …

„Mama, das klingt, wie wenn Ziegen husten“, waren Marlenes Worte, als einmal mehr die schneidigen Männer des albanischen Polyphonie-Chors in fescher Tracht zu einer weiteren Darbietung ansetzten.
Mag sein, dass diese Art von Musik nicht unmittelbar unserem Gehör schmeichelt. Aber sie schmeichelt unserem Herzen. Nicht im melodischen Sinne, im Gegenteil – und da ist der Vergleich mit den hustenden Ziegen gar nicht so weit her geholt. Aber Menschen, die so stolz sind auf ihre weit zurückliegende Vergangenheit und so sehr um den Erhalt ihrer Traditionen bemüht sind, trifft man selten an. So selten, wie man Menschen antrifft, die alles Neue und alles Unbekannte vorbehaltlos in ihrem Kreis auf- und an die Hand nehmen. So selten, wie hier in Albanien.

Wir hatten zu wenig Zeit, diesem Treiben und Feiern und Singen und Tanzen zuzuschauen und beizuwohnen, zuzuhören und mitzumachen. Julian wartete mit dem angekündigten Barbecue auf uns. Diese abendliche Verabredung war denkbar ungünstig. Für beides bleib zu wenig Zeit.
Das Volksfest hätte noch lange andauern können; das Barbecue tat es dann auch. Allerdings zu fortgeschrittener Stunde ohne mich. Denn irgendwie fühlte ich mich nach dem vorhergegangenen Abend immer noch rekonvaleszent …

Nach langer und tränendrüsenbelastender Verabschiedung von Zhanisa und Julian, von seinen Eltern und Verwandten, von Petra aus Rosenheim samt Familie und natürlich von Stephan und Heidi, sind wir also gestern Nachmittag am Caravan Camping Berat angekommen, und einmal mehr geht es auch hier darum, wer kennt hier wen? Scheinbar eben jeder jeden. Es ist schon lustig, wie sich alles rumspricht und wie sich immer wieder die Wege kreuzen. Auch Christel und Thomas aus Heidelberg, die mit uns in Ksamil waren, haben wir hier wieder getroffen. Oft sind es aber „Wiederholungstäter“, die man hier antrifft. Denn dieses Land einmal bereist und diese Menschen kennengelernt, kommt man immer wieder hier her.
„Seid ihr Max irgendwo begegnet? Würd mich interessieren, wo der sich gerade rumtreibt“, fragt uns der Vogtländer Rolf, der seit Mai mit Anita unterwegs ist, bei unserer Ankunft.
„Klar sind wir Max begegnet. Bei Deniz am Camping Kranea“, sagen wir. Denn wer kommt schon an Max vorbei mit seinem riesigen LKW und seinem gewaltigen Rauschebart.
„Wie? Ihr habt letztes Jahr Klaus und Rita getroffen?“, fragt Rolf belustigt weiter, als wir von unserem Durmitor-Dilemma berichteten. Klar hätten wir, und Klaus hat uns den Berg hochgezogen, als wir mit unserem alten Golf stecken geblieben sind.
„Ach, den Mercedes hat er immer noch?“
Aber nun hätten wir die letzten beiden Tage mit Stephan und „Big Blue“ verbracht, erzählen wir weiter.
„Ach, den kennen wir gut. Wir sind uns letzte Woche erst in Farma Sotira begegnet“, schmunzelt Rolf.
Farma Sotira ist ein recht alternatives Camp mitten in den Bergen und in der Nähe Albaniens höchstgelegener Stadt. Mühsam zu erreichen über eine teilweise unbefestigte Bergstrecke. Landschaftlich großartig, aber man benötigt viel, viel Zeit dafür. Diese Zeit geht uns erstens langsam aus, und ehrlich gesagt mit ihr auch langsam die Nerven. Petra und die Rosenheimer sind gestern mit ihrem geliehenen Allrad dorthin aufgebrochen. Nur wir werden diesen Ort in diesem Jahr mit unserem Wohnwagen nicht mehr erreichen. Ein Ort, wo die einen sich treffen, weil sie von den anderen davon gehört haben. Ein Ort, wo Menschen nach alten Traditionen leben und Gäste bewirten. Ein Ort, wo die Ziegen husten. Wir nennen das Flüsterpost 🙂

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Chronik in Stein

Es hämmert. In meinem Kopf. Und das ganz gewaltig. Wahrscheinlich tut es dies heute in noch mehreren Köpfen.
„Gestern Abend haben wir alle ein bisserl anders ausg’schaut“, sagt Gudrun nach dem Frühstück, als jeder dabei ist, sein Leiden zu beklagen. Die einen mehr, die anderen weniger. Jörg scheint’s überhaupt am Geringsten getroffen zu haben. Er ist der Einzige, der in der Frühe den verwegenen, wein- und schnapsseeligen nächtlich gefassten Beschluss, morgens gemeinsam Laufen zu gehen, in die Tat umgesetzt hat …

Wir sind also mal wieder umgezogen. Nach einer innigen Verabschiedung von Linda und Alexander haben wir es irgendwie geschafft, den Wohnwagen aus deren Garten zu befreien. Oder umgekehrt. Beziehungsweise Jörg hat es geschafft, während ich immerzu gerufen habe: „Es langt nicht! Es langt nicht!“
„Oh, he’s a perfect driver“, meint Linda.
„If you would like to know, if your are a perfect driver, come to Albania!“, lacht sie, als Jörg den Wohnwagen an ein paar Autos vorbei zum Gartentor hinausmanövriert. Wenn sich dabei noch ein Blatt Papier zwischen zwei Fahrzeuge schieben lässt, ist es perfekt. Diesen Papier-Test hat er längst bestanden.

Saranda irgendwie auf recht chaotische Weise durchschifft, sind wir Richtung Gjirokastra weiter gefahren. Mit der Route hatten wir uns zuvor nie beschäftigt, da eigentlich nicht eingeplant. Aber wie gesagt, Routen ändern sich auf so einer Reise ständig. Den Muzina-Pass zwar nicht locker, aber irgendwie gepackt (und man gewöhnt sich ja an alles), sind wir nun hier bei Zhanisa und Julian gelandet. Eigentlich wollten wir uns nur Gjirokastra, „die Stadt in Stein“ anschauen und morgen weiter in Richtung Berat fahren. Eigentlich …
„Dieser Platz ist sehr gefährlich“, meint Stephan (mit PH, worauf er großen Wert legt), als wir den Wohnwagen abstellen.
Warum dieser Platz denn so gefährlich sei, frage ich.
„Weil ihr hier erstens zu Alkoholikern werdet und zweitens nicht mehr von hier weg kommt“.

Und er sollte recht behalten. Dieser Platz strahlt einen Zauber aus, der einen unmittelbar bei der Ankunft umfängt. Und das, obwohl es hier rein gar nichts gibt. Kein Meer, keinen See, keinen Fluss, noch nicht mal ein richtiges Dorf. Wir befinden uns, umgeben von endlosen Gebirgszügen, mitten in der albanischen Pampa. Dass es hier überhaupt einen Campingplatz gäbe, davon sind wir gar nicht ausgegangen. Erwartet hatten wir gestern morgen bei Abfahrt, irgendwo in der Wildnis zu nächtigen. Jetzt stehen wir zwar auch in der Wildnis, aber betreut von dermaßen zuvorkommenden und herzlichen Gastgebern, wie wir sie zwar hier schon oft erlebt haben, uns diese Herzlichkeit aber immer wieder beinah die Sprache verschlägt. Somit gibt es von dieser Warte aus betrachtet, einfach alles. Sogar ein paar hundert Meter weiter ein Pishina, also ein Schwimmbad – direkt in the middle of nowhere.
Vor elf Tagen erst haben Zhanisa und Julian dieses „Camp“ ebenfalls in ihrem Garten eröffnet und wir sind damit sozusagen die Probanden. Wir hatten über diesen Platz noch keinerlei Info, auch gibt es aktuell keinerlei Beschilderung, die auf irgendetwas derartiges hinweisen könnte. Außer einer dahingekritzelten Skizze von Alexander und für den Notfall eine Telefonnummer, hatten wir nichts in der Hand.
Und tatsächlich haben wir diesen Platz bei Gjirokastra gefunden und uns nun hier unter Quitten- und Granatapfelbäumen auf jüngst ausgelegtem Rollrasen und umgeben von Weinbergen installiert.
Zhanisa und Julian wohnen hier zusammen mit Julians Eltern. Julian ist Geschäftsführer einer Bank in Gjirokastra, Zhanisa ist Ärztin, und der Vater ist Winzer und Schnapsbrenner. Und da liegt er also: der Hase im Pfeffer – oder im Rotwein.
Mit uns lagern hier Gudrun und Frank aus Franken, zwei nette Bayern aus Rosenheim, deren Namen ich nach zu viel Wein vergessen habe und eben Stephan mit PH, der noch bis morgen ohne Heidi ist, die für ein paar Tage in Griechenland war und ansonsten aus Hannover kommt. Stephan ist mittlerweile Rentner, hat bis vor kurzem zusammen mit Heidi eine Heidschnuckenschäferei in Nienburg und einen Bio-Bauernhof betrieben. Jetzt betreibt Stephan einen 7,5-Tonner, mit dem er und Heidi durch die Welt ziehen. „Big Blue“ nennt er seinen Wohn-LKW und dieses damit verbundene Abenteuer, das nicht nur tagesaktuell im Internet auf www.hofschwarzesmoor.de zu verfolgen ist, sondern bereits vom NDR dokumentiert wurde. Wie auch seine „Schäferidyllen“ in einer ZDF-Serie ausgestrahlt wurden.

Oberstes Gebot auf diesem Platz lautet: Am Abend wird zusammen gesessen auf ein Glas Wein. Stephan und Heidi wollten hier nur kurz Station machen auf ihrem Weg aus dem Hochgebirge an’s Meer. Auch Frank und Gudrun wollten eigentlich nur über Nacht bleiben. Aus dieser einen Nacht wurden fünf. Und aus dem Glas Wein gestern Abend wurden dann ziemlich schnell ziemlich viele. Darunter mischte sich immer wieder mal ein Raki, Zhanisa servierte von Zeit zu Zeit Albanische Köstlichkeiten, es wurde erzählt von den bestandenen Abenteuern, von Franks und Gudruns Wohnwagenreisen mit ihrem „hobbymäßig“ vergleichsweise riesigen Fendt und von kleinen wie größeren Pleiten und Pannen, vom neuen Reisen der beiden Bayern mit ihren zwei kleinen Kindern und einem alten ausgeliehen Allrad-Gefährt. Von unseren immer mal wieder Beinah-Katastophen, von meinen Panikausbrüchen und natürlich von Stephans Touren mit „Big Blue“, dem Pottwal auf Rädern.
Dass dabei das eine oder andere Glas zu viel dieses überaus süffigen Weines die erzählenden Kehlen hinunter rann, war wenig wunderlich. Der Krug war immer wieder wie von Zauberhand aufgefüllt … und wir alle langsam abgefüllt. Julian sorgte sich rührend um seine Gäste, und die Gäste sorgten dafür, das Verständnis für den Tourismus in Albanien zu sensibilisieren. Denn so geht das einfach nicht …
Dass die beiden, Julian und Zhanisa (wie aber auch beispielsweise Linda und Alexander) sich rund um die Uhr derart um das Wohl ihrer Gäste bemühen, sich pausenlos um das leibliche Wohl kümmern, morgens Brot und Marmelade vor den Wohnwagen stellen, mittags Obst vorbeibringen, den lieben langen Tag putzen und gießen und ständig nachfragen, ob es uns an irgendetwas mangele, ist das Eine – und das, was jeden, der hier herkommt, dazu verleitet, einfach zu bleiben. Dass sie dafür allerdings kein Geld, beziehungsweise viel zu wenig Geld verlangen, ist das Andere. 14 Euro haben Gudrun und Frank heute morgen für jeden Tag, den sie hier gestanden haben, bezahlt.
„Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte, als mir Zhanisa noch ein paar kleine Geschenke in die Hand drückte“, sagt Gudrun heute morgen vor der Abfahrt. „Mir fehlten einfach die Worte.“ Danke ist eigentlich viel zu wenig. Aber ein anderes Wort gibt des dafür (noch) nicht …

Dass mit dem Tourismus hier Geld zu verdienen ist, macht Hoffnung. Den Menschen und dem ganzen Land. Man sieht das an allen Ecken und man spürt das an jedem Einzelnen. Nur: solange es an der professionellen Vermarktung dieses Landes fehlt, ist etwas anderes auch zu spüren, das vermutlich etwas Einzigartiges ist. Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit, die unbezahlbar ist.

Heute Abend will Julian ein Barbecue veranstalten. Das erste für ihn und seine Gäste. Für uns, für Stephan, für die Rosenheimer und eben für alle, die am Abend noch ankommen werden. Für eine Nacht …
„Wir werden alle zusammen an der neuen Grillstelle kochen“, sagt er. Jeder würde etwas auf seine Weise zubereiten. Er und Zhansia auf traditionell albanische Art.
„Wie wär’s mit einem schwäbischen Kartoffelsalat?“, schlägt Jörg vor.
„Ich koch dann mal Kartoffeln …“ Was daraus wird, werden wir sehen …

Aber zuvor wollen wir in die Stadt radeln zu einem albanischen Volksfest. Nicht nur für die Touristen, sondern für die Menschen, die hier leben. Und ihre polyphonen Gesänge zum Besten geben, traditionelle Tänze aufführen und ihr Handwerk vorstellen.
„Och nee, nicht schon wieder“, maulen die Kinder, die schon gestern ihr Fahrrad die steilen Gassen hochgeschoben haben. Vermutlich ist dies die steilste Stadt der Welt. Eine Stadt, in der alle Gesetze der Architektur und des Städtebaus buchstäblich über den Haufen geworfen sind. Eine Stadt, in der die Mauern des einen Hauses auf das Dach eines anderen gebaut zu sein scheinen. Eine Stadt, wo man im Vorrübergehen den Arm ausstrecken und seine Mütze über den Kamin eines Hauses stülpen kann. Eine Stadt aus Stein, wo jeder dieser Steine eine lange, lange Geschichte erzählt. Geburtsstadt des albanischen Diktators Enver Hoxha sowie des weltberühmten Schriftstellers Ismail Kadare. Gjirokastra, eine Stadt wie im Märchen. Eine Stadt, die langsam zerfällt, wenn nicht endlich das UNESCO-Gesuch erhört wird. Eine Chronik in Stein, die hoffentlich noch lange weitergeschrieben wird.

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Fahr- und Geschichtsstunden

„Können wir das schaffen?“ „Jou! Wir schaffen das!“ Wie Baumeister Bob in der Geschichte, klingen Tag für Tag Jörg und die Kinder, wenn es darum geht, Engstellen durch- und steile Berge hochzufahren. Während ich stetig dazwischen rufe: „Das reicht nicht!“ und „Wir kommen da niemals hoch!“ Bislang kamen wir durch und hoch und auch wieder runter und haben es also tatsächlich geschafft! Auch wenn dieser „Baumeister“ einst ein recht exzentrischer Typ gewesen sein musste. Was hat der Kerl sich hier doch alles einfallen lassen? Stein auf Stein hat er geschichtet, Brocken auf Brocken gehievt, und wo das göttliche Werk noch nicht zur vollsten Zufriedenheit vollbracht war, haben die Menschen einfach nachgeholfen. Nur die Straßen, die wurden dabei nicht so recht berücksichtigt und ziemlich schluderig in dieses Landschaftszenario gesetzt …

Nach gut zweiwöchiger Reise sind wir trotz aller Unwägbarkeiten auf dieser abenteuerlichen Reise quer über Balkanien tatsächlich im südlichsten Zipfel Albaniens an der Griechischen Grenze angekommen. In Butrint. Nicht immer führte diese Reise auf geplanter Route, und das wird sie auch weiterhin nicht tun. Und nicht immer haben wir daran geglaubt, überhaupt jemals hier anzukommen. Jetzt ist der Scheitelpunkt erreicht, und ab morgen begeben wir uns somit auf die Heimreise.
Auch diese Route wird uns nicht unsere geplanten Wege entlang führen, und das ist das Schöne an dieser Art, zu reisen. Vielen Menschen sind wir bislang begegnet, viele Hände haben wir geschüttelt, Gastfreundschaft genossen, Freundlichkeit erfahren und jede Menge Tipps bekommen. Von Einheimischen sowie von anderen verrückten „Mitreisenden“.
Nach der gestrigen Etappe und der frühmorgendlich gemeisterten Hürde vom Camping Kranea die steilen Serpentinen hoch, gemütlich die Albanische Riviera entlang, beziehungsweise auf und ab getuckert, wollten wir auf halber Strecke den Wohnwagen sowie den Mitschuh einmal in den Genuss einer ordentlichen Lavazh kommen lassen. Denn erstens sahen beide aus wie Sau und zweitens hatte das Gespann eine gründliche Wäsche mehr als verdient. Während der Wohni von Hand schamponiert, geschrubbt und gefeudelt wurde, sahen wir bei Kaffee und Frühstück dem morgendlichen Dorf-Geschehen zu. Da schaut der Esel mal an der Kaffeetafel vorbei und blickt neugierig drein, dann linst die Kuh um’s Eck, während die Ziegen immer wieder die Straße kreuzen. Dazwischen Kinder, Hühner, Männer unterm Dorf-Rrapi, Mercedesse, Milchlaster, sprich schwer beladene Pferdefuhrwerke … Bis das Wasser versiegt ist. Dem Auto-, ergo Wohnwagenwäscher tat das schrecklich leid, aber es kam schlichtweg kein einziger Tropfen mehr aus seinem Gartenschlauch. Für den Hobby hat’s gereicht, und er polierte noch lange an den Fenstern rum; der Mitschuh hingegen ist immer noch mit der Patina des gesamten Balkans überzogen … Ich glaube, man nennt das Vintage-Look 🙂

Am frühen Nachmittag sind wir schließlich in Ksamil angekommen. Linda und Alexander haben uns nach meinem Anruf bereits erwartet, und wir konnten unseren Wohnwagen zu fünf weiteren Wohnmobilen in ihrem Garten abstellen. Was die beiden aus diesem Gärtchen auf steinigem, trockenem Boden unter dieser unbarmherzigen Sonne gemacht haben, ist zauberhaft. Da wachsen Sonnenblumen und blühen Rosen, und unter schattenspendenden Weintraubenpergolen lässt sich’s gut aushalten. Auch ist es rührend, wie sehr sie um ihre Gäste bemüht sind, stets bewirten sie und kümmern sich den ganzen Tag über.
„Den Wohnwagen stellen wir nachher gemeinsam auf, erst gibt’s mal Eiscafé und Milchshake“, lud Alexander uns ein und zeigte uns den Platz, den er für uns vorgesehen hatte. Platz hat’s hier zwar kaum, aber da ihr Wohnhaus nur aus Erdgeschoss besteht und immer noch ein Dach fehlt, und weil das in Albanien so üblich ist, immer wieder mal – wenn etwas Geld übrig ist – ein zusätzliches Geschoss auf’s Haus zu setzen, bietet das üppig mit Teppichen (es regnet hier ja nie!) ausgelegte „Oberdeck“ weiteren Platz für kleine und größere Zelte. Einem bunten und quirligen Lagerleben sozusagen „upside-down“ gleicht das hier, wenngleich der Ort selbst sich von einer dermaßen „bunten“ Seite präsentiert, dass uns der hiesige Sommerferien-Trubel der Albaner doch etwas zu turbulent ist und wir morgen weiter ziehen wollen.

Heute aber zu früher Morgenstunde haben wir das sechs Kilometer entfernte Butrint besucht. Ein magischer Ort – dieses antike Buthronum. Solange man noch fast alleine ist. Sobald aber all die Italiener, die Griechen und sämtliche Urlaubsgäste vom nahen Korfu die antiken Stadtmauern stürmen, ist’s ganz schnell vorbei mit der Ruhe. Und da kann es durchaus passieren, dass am Parkplatz die heißblütigen Italienierinnen sich im Wrestling mit den kaltschnäuzigen Griechinnen üben. Wir befanden uns also schon im Aufbruch, als sich hier der große Einbruch ereignete. Und wir das muntere Treiben und Schieben der Karossen mit Schmunzeln beobachteten. Nix wie weg hier!
Mit der kleinen Holzfähre, die eigentlich gar keine Fähre ist, sondern ein baufälliges Floß an Seilen, haben wir so schnell es eben ging in diesem Seilwinden-Tempo, das Weite, oder das nahe andere Ufer gesucht und glücklich angelandet einmal die Lagune von Butrint umrundet.

Sobald man sich von den touristischen Hotspots beziehungsweise von den Stränden entfernt, an denen der Mercedes des Albaners nicht parken kann, ist man allein auf weiter Flur. Und diese Fluren sind ganz schön weit. Schafe über Schafe, Kühe auf ihren Weidegründen, Macchia durchstreifende Ziegenherden. Und keine Menschenseele, die dieses zauberhafte Bild über die Lagune von Butrint und die umliegenden Berge stören könnte. „Et in arcadia ego“, wusste schon Goethe schmachtend zu stöhnen, und auch der Romantiker Claude Lorrain hatte seine dahingepinselten Schäferidyllen gleichermaßen schwülstig tituliert. Auch in Arkadien waren wir. Wenngleich dieses Arkadien weitaus heißer und trockener daher kommt. Da ist nichts mit lieblichen Auenwäldern, kein grünes Gras, kein kühler Schatten; da herrscht Dürre, und die unerbittliche Sonne hat hier das sommerlange Sagen.

Es ist dies ein erstaunliches Land. Von einer landschaftlichen Schönheit gezeichnet, die nicht mit „lieblich“ zu umschreiben ist. Eine Landschaft, die schier den Atem nimmt, oftmals aber auch der Hitze wegen. Eine Landschaft, die sich hinter jeder Kehre verändert. Und Kurven und Kehren gibt es hier mehr als genug. Eine Landschaft, vor deren Kulisse man ständig „Oh“ und „Ui“ und „Hach“ und „Boah!“ rufen möchte. Es ist dies auch ein Land, das mit einer Geschichte aufwartet, die weit, ganz weit in die Vergangenheit reicht und von guten, geradezu paradiesischen Zeiten kündet. Aber auch und gerade die schlechten Zeiten machen die Geschichte dieses Landes aus.
Und diese Geschichte(n) macht die Menschen aus. Wo Wahrheit und Wahrscheinlichkeit sich treffen, entstehen Mythen. Butrint etwa bewahrt diesen Mythos. Und das Land in heutiger Zeit behütet seine Geschichte mit dem zornlosen Blick auf seine jüngste Vergangenheit. Und der Blick auf die Zukunft macht Mut und ist vielversprechend.

 

Bilder hochzuladen scheint hier unmöglich. Schlechtestes WLAN ever …

Sobald wir wieder vernünftig mit der Welt verbunden sind, gibt’s uns „Live und in Farbe“ 🙂

 

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Der kleine Puck

Was dem Albaner fehlt, sind nicht allein vernünftige Straßen, auch ist das Defizit nicht mit ein paar mangelnden Verkehrsregularien zu benennen. Weder gilt die Infrastruktur als schwerwiegendes Manko noch das vermeintlich verbrecherische Klischee. Alles Fehlanzeige! Nein, es sind die Worte, die fehlen. Und das, obwohl diese Sprache mehr als blumig daherkommt und onomatopoetisch von recht leicht verständlichem Klang ist. Da heißt etwa „Autowäsche“ einfach „Lavazh“ (wobei das „zh“ als „sch“ ausgesprochen wird, unser Auto aber leider immer noch davor „verzhont“ blieb), „Plage“ (also Strand) heißt „Plazh“ und „Dusche“ heißt „Duzh“. Für manchen Ausdruck und manche Eigenschaft indes wurde bislang noch kein Wort gefunden. Wie eben auch für „Wandern“. Heute aber waren wir beim Schnorcheln. Also beim „Wasser-Wandern“ von Höhle zu Höhle.
Was diesen „Wasser-Wanderweg“ ausmacht, ist nicht nur seine badewannenwarme Temperatur, sondern vor allem seine Farbe. Eine Wasserfarbe, die ich nie zuvor in dieser Brillanz und Klarheit gesehen habe. Und auch nicht in so vielen chargierenden Farbtönen. Würde mich jemand nach einer Beschreibung für dieses Blau fragen, würde ich zunächst die Schultern zucken, wie sie auch Jörg gezuckt hat.
„Vermutlich ist es der Himmel“, mutmaßt der Physiker ins Blaue hinein. Denn der Himmel würde sich bekanntlich im Wasser spiegeln. Wer hätt’s gedacht …? 🙂
„Aber der Himmel ist anderswo auch so blau und spiegelt sich“, sage ich.
„Dann ist es halt die Klarheit des Wassers“, ergänzt er.
„Klar ist Wasser eigentlich immer“, kontere ich besserwisserisch.
„Dann ist es eben der Grund, der das Licht reflektiert“, gibt er zurück, langsam entnervt. Schließlich hat er Ferien, und damit hat das Wasser einfach gefälligst nur blau zu sein!
So habe ich die Frage nach dem Grund des blauen Wassers irgendwann aufgegeben und mir insgeheim Wörter dafür überlegt.
„Glestscherspalten-Blau“ am Rand, bevor’s tief wird. Mit einem Anflug von „Eisguetzle-Blau“. In etwa ein luzides 60-Cyan-15-Yellow-Blau. Schwimmt man weiter hinaus, verändert das Blau seine prozentualen Farbanteile, nimmt langsam an Tiefe und Sättigung zu. Heraus kommt dabei zunächst ein konzentriertes Spülmaschinen-Klarspüler-Blau, das – immer grundloser werdend – sich ins dunkle, durchsichtige WC-Reiniger-Domestos-Blau verwandelt … bis es sich schließlich in ein Tintenpatronen-im-Wasserglas-Blau ergießt.
Jetzt nenn dieses Blau mal beim Namen! Mir fällt keiner ein …
Der Plazh, an dem wir heute waren zumindest hatte einen: Gijepe-Plazh. Paradies ist nur ein anderes Wort für diesen Ort, um einmal so richtig Blau zu machen. Aber es gibt vermutlich noch tausende weitere. Und jeden Tag werden neue Worte für diesen Strand „grundlos“ geschöpft.

Was dem Albaner nicht fehlt, sind freundliche Worte, davon er mehr als genug hat. Und Hände hat er, die grüßen und welche die unseren schütteln. Eine Geste ist ihm eigen, die zum Bleiben auffordert, und eine Mimik ist ihm ins Gesicht geschrieben, die unmittelbare Resonanz erzeugt.
Wir sind also im Fluß mit dem hiesigen Leben.
„Langsam gewöhnt man sich an alles“, sinniert Jörg.
Und ja, wir gewöhnen uns an sämtliche Zustände. An die Aggregatzustände des Kühlschranks ebenso wie an die Verkehrszustände mittags um zwölf. An die Müllzustände um’s Eck wie an die Straßenzustände der „Nebenstrecken“. An die Gastfreundschaft so sehr wie an das Hierbleiben-Wollen. Auch an den schlechten Wein sowie an das gute Bier. An das einfache aber fantastische Essen zwar auch, wenngleich die unglaublich günstigen Preise niemals zur Gewohnheit werden. An die atemberaubenden Ausblicke auf’s Meer und die sich unmittelbar dahinter auftürmenden Berge; vor allem aber an dieses unbeschreiblich gelassene Easy-breasy-chilly-willy …

Was aber uns im Vergleich zum Mercedes-motorisierten Albaner fehlt, ist das locker-flockige Über-den-Berg-Kommen, ergo ein leichterer Wohnwagen. Und das wurde uns in den letzten paar Tagen erst klar. Den Ohridsee werden wir dieses Jahr wohl nicht mehr schaffen, was zwar auf der einen Seite daran liegen mag, dass wir hier an diesem paradiesischen Ort zu viel Zeit „vertrödelt“ haben, auf der anderen Seite aber ganz klar in die Kategorie „fehlender Mut hinsichtlich einer (zu) anspruchsvollen Bergetappe über eine unbefestigte Piste und zu erwartender „überhöhter“ Steigung“ einzuordnen ist. Mit unserem „Hobby“ stoßen wir hier einfach an unsere Grenzen. Auch wenn der Mitschuh sein Bestes gibt und morgen vor eine weitere Herausforderung gestellt wird.
Sämtliche Allradler mit Anhängerkupplung auf dem Campingplatz sind über unser Overload-Dilemma informiert; Handy-Nummern sind ausgetauscht, und der Berliner Landi-Fahrer meint: „Det is eene meiner leichtesten Übung und nich der erste Wohnwagen, den ick irjendwo hochjezogen hätte. Ick rechne morjn ab acht Uhr mit euch!“ Und wir können getrost mit ihm rechnen …

Plan P lautet also für die nächste Reise: „Eriba Puck“ als Zweit-Wohnwagen. Denn den „Hobby“ werden wir gewiss niemals aus unseren Händen geben, nachdem, was der alles mit uns mitgemacht hat, und sofern wir ihn wieder sicher nach Hause bringen. Also muss ein Balkanien-Sommerwohnwagen her. Dieser Klassiker von Hymer ist klitzeklein, wiegt „fast nix“, hat wenig Innenleben, aber immerhin Küche und Bett … und die Kinder schlafen ohnehin jede Nacht im Freien. Längst haben wir festgestellt, dass man zum Glück gar nicht so viel Ballast benötigt …

Mit was die Kinder aber für die nächste Reise rechnen, und auch sämtliche Bedingung daran knüpfen, um mit „diesen grauenhaften Eltern“ ein weiteres Mal nach Albanien zu reisen, ist ein Hund als treuer Weggefährte. Längst sind sie auf der Suche nach einem Namen für das neue Familienmitglied. Ich weiß noch nicht recht … Aber wie wär’s mit: „Der kleine Puck“?

 

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Kleine Bunkerkunde

Ein paranoider Diktator, vier geklaute russische U-Boote, siebenhundertfünfzigtausend kleine und mittelgroße sowie ein riesiger U-Boot-Bunker. Alle davon freilich konnten wir in den letzten zwei Tagen nicht zu Gesicht bekommen; den einen nicht, weil der seit 1984 tot ist, die hunderttausend nicht, weil die gegen Ende des kommunistischen Regimes unter Enver Hoxha nicht mehr fertiggestellt wurden. Aber unmittelbar vor dem Eingang des größten und schauderhaftesten sind wir gestern gestanden; und unzählige putzige kleine haben wir heute beäugt, besessen und belagert.

Die Albaner nennen sie liebevoll „Bunkeri“, und längst wird sich auch der letzte zur Sentimentalität neigende Retro-Kommunist, der noch einen winzigen Funken Sympathie für den gescheiterten Arbeiter- und Bauernstaat hegte, mit der im Keim erstickten Tatsache abgefunden haben, dass diese kleinen Pilzköpfe in der Landschaft zu nichts anderem mehr dienen, als dem Land irgendwie ein pickeliges Gesicht zu verleihen. Aber ach was – sie hatten noch nie zu etwas anderem gedient. Denn der Feind, vor dem man sich fürchtete, kam einfach nicht. Vielmehr war man erst mal gut Freund. Zunächst mit der UdSSR, dann mit China … bis das „Spiel“ eben kippte und man nicht mehr miteinander „spielen“ und partizipieren wollte. Und Albanien in völliger Isolation und einer Art Steinzeitkommunismus gestrandet ist und wirtschaftlich am Abgrund stand.

In Zeiten der Freundschaft indes baute das kommunistische Regime mit Hilfe der Russen Porto Palermo zu einem geheimen U-Boot-Hafen aus. Bis eben der Freund zum vermeintlichen Feind wurde, dem noch schnell vier U-Boot geklaut und sicher im neuen Bunker verwahrt wurden …

Wir haben uns also gestern und heute mit der albanischen Vergangenheit beschäftigt. Zunächst war diese Vergangenheit weit, weit zurückliegend. Nämlich in der Zeit der schillerndsten aller albanischen Herrscherfiguren: Ali Pascha und seine Burg in Porto Palermo. In selbigem „Porto“, der seit der Belagerung der Italiener im 2. Weltkrieg diesen Namen trägt und einen so gewaltigen wie tiefen Naturhafen in einer geschützten Bucht darstellt, entstand in den 1970er Jahren dieser geheime U-Boot-Bunker. Ein 650 Meter tief in den meerseitigen Berg gesprengter Schlund sollte Platz bieten für diese vier U-Boote, die somit unbehelligt verschwinden konnten. Das ganze Gelände ringsum war bis 1997 weitläufig als militärisches Sperrgebiet ausgewiesen. Die „Straße“, führte im großen Bogen über die Berge, die umliegenden Gebirgshänge waren und sind immer noch von zahllosen kleinen „Pickelchen“ übersät. Mal global betrachtet …

Wie es heute innerhalb dieses Höllenschlundes aussieht, darüber lässt sich rein gar nichts erfahren (auch nicht im Internet), und scheinbar wird das auch immer noch geheim gehalten.
„Wir könnten eigentlich unten rein tauchen“, war Jörgs Vorschlag, als wir direkt vor dem martialischen Portal standen. Wieso wir da überhaupt standen, mag sich Mancher fragen; und wir uns im Nachhinein auch.
„Komm, wir klettern da runter, da kommt man irgendwie hin“, forderte ich zu dieser Expedition auf, als wir von oben auf den fast menschenleeren Strand blickten.
„Warum hat’s hier keine Touristen? Das ist ja doch ein ziemliches Spektakel“, warf ich die verwunderte Frage auf. Am Strand unten lagerten ein paar Männer, die uns recht interessiert musterten, als wir schnurstracks losmarschierten, bis wir vor dem gewaltigen Gate standen davor zwei Boote der Albanischen Navy „parkten“. Alles in allem war die Atmosphäre so schaurig-gruselig wie faszinierend-fesselnd zugleich.
„Ui, schau mal, hier ist Fotografieren strengstens verboten“, entdeckte Jörg eine Tafel (nachdem die Speicherkarte schon am Dampfen war).
„Pfffff, das haben wir einfach nicht gesehen …“ Klick, klick, klick …

Auf dem Rückweg kamen uns zwei dieser „Beachboys“ entgegen, die sich recht schnell zum Albanischen Militär zugehörig erwiesen und uns überaus freundlich darauf aufmerksam machten, dass dies hier eine Militär-Basis sei.
Wir würden uns sofort vom Acker machen, sagte ich erschrocken.
„Oh, it’s not a problem, don’t hurry“, hielten sie uns von einem übereilten Aufbruch ab …

Deshalb also keine Menschen, die diesen Ort besichtigen wollten 🙂
Heute gingen wir die Bunker-Erkundung etwas gezielter an, vor allem aber im Kleineren. Um nicht zu sagen, im ganz Kleinen. Der Bunker des kleinen Mannes misst gerade mal eine Höhe von 1,80 Meter und sieht in der Landschaft aus wie ein Schildkrötenpanzer. Das Standard-Modell, behauptet Jörg, sei der schlichte Ein-Mann-Bunker. Reihenweise liegen diese „Schildkröten“ in der Landschaft herum, und waren doch einfach für die Katz. Vornehmlich exponierte Gebirgshänge gelten als „Lebensraum“ dieser Spezies an Kriechtieren; aber auch direkt am Meer, am Strand, in der Stadt, einfach überall sind diese Betonmonster zu finden. Wir suchten sie heute in den Bergen. Und dieser Weg führte uns über die alte „Umgehungsstraße“ hinter Porto Palermo mitten in die albanische Gebirgswelt.
Grundsätzlich wandert der Albaner nicht, noch nicht einmal gibt es im albanischen Wortschatz einen Ausdruck dafür. Wir mussten tatsächlich ein merkwürdiges Bild abgegeben haben, als wir nach sehr abenteuerlicher Fahrt über Stock in Stein in dem klitzekleinen Bergdorf am Dorfplatz das Auto abgestellt haben. Die Männer um den Dorf-Rrapi grüßten uns neugierig, freuten sich, dass wir den Weg hier hochgefunden haben.
Ob uns ihr Dorf denn gefiele, fragten sie interessiert, und waren sichtlich glücklich darüber, dass wir ihrem Anger, den sie gerade im Begriff waren, zu pflastern, unsere Ehre erwiesen. Rucksackbewehrt und mit schwerem Schuhwerk wanderten wir los über eine zauberhafte Hochebene voll archaischer Anmut. Schafherden, wilde Macchia, Salbei, Eisenkraut, ausgedehnte Farnwälder, Kork- und Steineichen, Olivenhaine, Ackerflächen, immer wieder tief ins Erdreich gemauerte Zisternen, die von einer jahrhundertealten Kulturlandschaft zeugen. Und dazwischen Bunker, Bunker und nochmals Bunker. Als ob sie über die Jahrhunderte der Siedlungsgeschichte einfach so mitgewachsen wären …

Den obersten mit der schönsten Aussicht weit über Korfu hinaus auf all die kleinen griechischen Insel-Trabanten wählten wir aus, um unser Lager aufzuschlagen – und damit eine neue Seite in unserem Lehrbuch über dieses Land, das mit einer landschaftlichen Schönheit aufwartet, wie wir sie noch nie gesehen haben, uns mit einer Geschichte und Kultur konfrontiert, die uns bislang völlig verschlossen war und von Menschen bewohnt ist, die unvoreingenommen jeden mit „Miresevini!“ begrüßen. „Herzlich willkommen!“

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Shën Dyshek Kashte

„Shën“ heißt auf albanisch heilig, und die ganze Litanei aller mir bekannten Heiligen habe ich gestern zitiert und flehentlich um Hilfe gebeten. Der meist gerufene unter meinen gestrigen Heiligen war „Shën Dyshek Kashte“, auch als „Heiliger Strohsack!“ bekannt. Mein heimlicher Lieblingsheiliger aber war ganz klar „Shën Christophoro“, der Heilige Christophorus. Denn mit jedem Höhenmeter, den wir zurückgelegt haben, wurde der Wohnwagen schwerer und schwerer, und der Mitschuh ist ganz schön in die Knie gegangen. Bis er eben (beinah) nicht mehr konnte …

Als morgens um sieben die Welt noch in Ordnung war und wir damit begonnen hatten, unseren ganzen Kruscht und Krempel wieder reisefest zu machen, wussten wir zwar, dass es diese Etappe in sich haben würde, aber wir wussten nicht, wie sehr. Zugegeben, es war dies die Königsdisziplin im Wohnwagenreisen … wenn da mal nicht noch die kaiserliche Variante folgen wird …

180 Kilometer schienen zunächst nichts Außergewöhnliches an sich zu haben. Eigentlich ein Klacks bei unserem gewohnten Reiseverhalten. Drei, vier Stunden, den Straßenzuständen zufolge nochmals eine Stunde Zugabe eingeräumt.
„Albanien ist so ein kleines Land, da kommt man locker in zwei Tagen durch“, sagte ich tags zuvor noch launisch zu Jörg. Das sagt aber nur derjenige, der dieses Land lediglich auf der Landkarte abgefahren ist. Teilstücke indes immerhin auf Google Earth. In Echt ist das nur dummerweise (oder zum Glück!) anders.
Folgt man Tourismus-Studien und -Umfragen, „erkundet“ die Mehrzahl der potentiellen Gäste eine Urlaubsdestination zunächst aus der Luft, sprich: auf Google Earth. Verbringt der „Gast“ zu viel Zeit in diesem vermeintlichen „Holiday-Cyberspace“, erliegt er der Illusion, diesen Ort bereits bereist zu haben. Und hakt ihn ab unter der Kategorie: „Gesehen und erlebt“.
Auch mir passiert das. Zwangsläufig. Aber weder der Llogara-Pass noch der ganze albanische Süden ist topografisch noch geografisch eruierbar. Straßenverläufe auf der Karte lassen sich zwar „nachvollziehen“, aber niemals wirklich nachvollführen. Zumindest nicht für ein Wohnwagengespann. Und so sind wir also fern jeglichen touristischen „Sachverstands” losgezogen, um das Serpentinenfahren zu lehren.
Es fing harmlos, oder vielmehr sehr zäh an …

Nach Fier, was zumindest als verkehrsstrategisches Vorzimmer zum Fegefeuer gelten konnte, erreichte mit dem zähen Lavastrom erhitzter albanischer Karossen der Verkehrsfluss die wahre Wirkungsstätte des trafik-terministischen albanischen Beelzebubs: Vlora. Gut, ich hab’s geschwollen formuliert 🙂 Wolfgang Petri würde populistisch grölen: Hölle! Hölle! Hölle!
So was habe ich echt noch nie erlebt! Chaos ist gelinde ausgedrückt, aber alles floss. Was mitunter den unzähligen Verkehrsreglern und Polizisten geschuldet und gedankt sein musste. Erstaunlich, wie es das konnte. Dreispurig, vierspurig, dann instantan wieder einspurig; durch Baustellen, innerstädtisches Gewusel, Engpässe, Kreisverkehre … Hupen, pfeifen, winken, fuchteln … Es war ein Chaos, wie ich es nie zuvor erlebt hatte.
„Tsss, du warst noch nie in Indien“, war einzig Jörgs schmunzelnder Kommentar.
„Wie denn auch? Mit dem Wohnwagen!“, konterte ich.
Aber eigentlich war es nicht zum Lachen, sondern einfach zum Luftanhalten. Nicht nur der Enge wegen, sondern auch des Gestankes.

Noch ein ganzes Stück am Meer entlang, dann endlich rein ins Gebirge, das sich unmittelbar vor uns gewaltig auftürmte. „Heiliger Strohsack! Da müssen wir irgendwie hoch und auf der anderen Seite wieder runter“, sagte ich mehr zu mir selbst. Meine Nerven lagen ohnehin schon blank, ich befürchtete allerdings, dass diese Etappe nicht unbedingt zu meiner Entspannung beitragen würde. Und wie recht ich doch haben sollte …
Der Anstieg zum Llogara-Pass lief zunächst gut an, die Steigung war machbar, die Straße breit genug. Abenteuerlich schraubten sich die Serpentinen nach oben. Jetzt bloß nicht aus dem Schwung kommen … Bis ein LKW im Schneckentempo vor uns her kroch und uns ausbremste. Der Rest lässt sich bildlich ausmalen, und ich will auch gar nicht weiter ausführen, wie’s dann weiter ging. Eben gar nicht mehr!

Komischerweise – und wenn ich auch sonst unglaublich nervig sein kann – in echten Krisensituationen bewahre ich einen erstaunlich kühlen Kopf. Also raus aus dem Auto, das in einer engen Kurve am Berg hing und nicht mehr von der Stelle kam (zumindest nicht nach oben), den Verkehr von unten aufgehalten, die oberen durchgewunken, dann oben „abgesperrt“, die unteren vorbeigewunken, dann auch unten „abgesperrt“, und Jörg konnte mit dem ganzen Gespann ein weites Stück zurückrollen und großzügig ausholen, um nochmals Anlauf zu nehmen. Und siehe da … es klappte! Ich hab mich schließlich zu einer albanischen Familie ins Auto gezwängt (albanische Autos sind grundsätzlich mit zu vielen Personen „bemannt“) und Anweisungen erteilt, es gelte nun den Wohnwagen zu verfolgen, der nicht mehr anhalten könne, bevor nicht die Passhöhe erreicht sei.

Puh! Rauf ging ja noch … Aber runter! Noch nie habe ich die Wohnwagenbremse so winseln gehört, und mich selbst so jammern … Ich war ziemlich am Ende. Da konnte die atemberaubende Aussicht aufs Ionische Meer auch nichts mehr ausrichten. Über Berg und Tal sind wir weiter der Küste entlang gejuckelt, stets mit der bangen Frage: Packt auch diese Steigung der Mitschuh noch? Und zum ersten Mal haben wir an Kapitulation gedacht. „Glaubst Du, wir sollten zurück die Fähre von Igoumenitsa nehmen?“, fragte ich Jörg. Zumindest zog auch er diese Überlegung zum ersten Mal in Betracht. Aber nur für einen ganz kurzen Moment im Zustand seiner sichtbaren Erschöpfung.
„Etzt losst erst amoi dös Bier sock’n, dann sicht die Woid scho wieda onders aus“, meinte der Österreicher, den wir vor zwei Tagen schon am Kamping Ohne Namen getroffen hatten, als wir endlich am Camping namens „Kranea“ am Livadh Beach angekommen sind.
Nicht nur das Bier, sondern dieser Platz und diese Landschaft entschädigen für alles und lassen jede Anstrengung sofort vergessen …

Um mich meinem lieben Kollegen Holger anzuschließen, die Albanische Riviera sei im Ranking der sehenswertesten Reiseziele ganz weit vorne in den Top-Ten, kann ich nur sagen: Stimmt unbestritten! Aber: Ey Läudde! Schmeißt einfach das Zelt in den Kofferraum und lasst um Gottes Willen den Wohnwagen daheim! Es sei denn, ihr seid verrückt oder so camping-fanatisch wie wir; mit Kind und Kegel unterwegs, Surfbretter und Kiteschirme im Gepäck, die Fahrräder auf dem Dach, beziehungsweise auf der Deichsel. Und es sei denn, ihr möchtet ein Stück Heimat mit in die Fremde nehmen oder aber einfach oben auf dem Llogara-Pass angekommen einmal ganz laut „Yes, we can!“ rufen.
Und wenn es denn so sei, dass ihr das Abenteuer genauso liebt, wie wir, dann fahrt in Gottes Namen mit dem Caravan los! Das wird schon! Es braucht Zeit, Geduld, Langmut, viel Zuversicht, eine Hochdosis Glück und Nerven ohne Ende. Aber es wird. So gut, dass auch euch der „Shën Dyshek Kashte“ überall hin begleiten wird. Und wenn es nur aus jenem Grund ist, dass dieses Abenteuer endlich einen neuen Namen bekommt.

 

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Albanisches Hexenblut

„Mjeku“ heißt auf Albanisch Doktor. Und in diesem Fall ist einfach nichts zu erreichen mit Englisch, Italienisch, Französisch. Das wissen wir jetzt auch. Dass „Farmacji“ Apotheke heißt, ist dagegen eine einfach Übung. Und deshalb haben wir uns auch für diese Lösung entschieden. Denn das nächste Krankenhaus, das übrigens einfach nur „Spitali“ heißt, wäre in Tirana gewesen. Und dieser Aufwand wäre dem Grund gemäß verhältnismäßig übertrieben gewesen.
Mein „bosnischer Fuß“ war also „Corpus hinkus” unserer Suche, was bedeutete, die Verletzung an meiner Ferse, die auf einen missglückten Sprungversuch von einem Baumstamm zurückzuführen war, war dabei, sich immer weiter auszubreiten, zu entzünden und immer größere Schmerzen zu verursachen. Ich war am Hinken, und das seit Tagen. Nur über dem 24-Stunden-Virus hatte ich das mal für kurze Zeit vergessen.

Durchaus ein Erlebnis ist das vormittägliche Fahren und Schlendern durch eine albanische Kleinstadt. Wohlgemerkt an einem ganz gewöhnlichen Wochentag. Unter dem Dorf-Rapi, also der Dorflinde (oder anderen Bäumen) sitzen so zahllose wie zahnlose Männer und spielen. Stundenlang. Ach was, vermutlich tage-, jahrelang. Schon immer. Schach, Domino, Back Gammon, Karten, alles, was sich dazu eignet, die Zeit zu vertreiben. Nebenbei wird Handel betrieben; altes Klumpp wartet liebevoll sortiert und ausgebreitet am Straßenrand auf neue Besitzer. Auch das vermutlich schon ein oder mehrere Leben lang. Aber diese Besitzer wollen sich partout nicht einfinden. Denn wer will schon einen Bleistiftspitzer aus Zeiten des Kommunismus kaufen samt eines stumpfen Bleistiftes, der rein optisch schon zum Aufzeichnen feindlicher Übergriffe zu Zeiten Enver Hoxhas gedient haben musste. Wo sich noch nicht einmal der Feind einfinden wollte … Aber wen kümmert’s? Es wird gegrüßt, es wird gewunken, und wo wir zunächst nur aus der Ferne beobachtet wurden, rief man uns alsbald freundlich herbei. Neben dem Dorf-Rapi scheinen grundsätzlich auch mehrere Apotheken zu grünen …
Apotheken sind also schnell gefunden, so schnell, wie Ärzte langsam oder gar nicht. Und war die Ferse des Anstoßes erst einmal eingängig beäugt, waren auch schnell probate Mittelchen, Anweisungen und Ratschläge gefunden wie getroffen. Eine Anweisung davon lautete: Fuß hochlegen und einfach mal ausruhen. Jetzt leg dich mal hin, nachdem du bereits vor zwei Tagen schon einen ganzen Tag lang gelegen hast, weil schlichtweg ausgeknockt von einem K&K-Virus. Nicht mit mir! Ich war ja schließlich nicht krank! Den Fuß also nach sprachlich absolut inkompatibler aber unglaublich bemühter und rhetorisch grandios untermalter Anweisung der Apothekerin von Jörg verarztet mit dem albanischen „Hexenblut“ – Salbe und Pflaster dick drauf und drüber … und eigentlich wollte ich nur an den Strand „ums Eck“ radeln (denn laufen war ja „verboten“), der war nämlich viel einsamer, als der am Kamping. Und weil diese Ruhe und Einsamkeit, obendrein die phantastische Kulisse der „morschen Lehmberge“ eine scheinbar magische Anziehungskraft zu haben schienen, sind wir am Strand entlang immer weiter und weiter und weiter geradelt. Über Stock und Stein und über kilometerlange menschenleere Strände. Baden war natürlich obligatorisch. Der Verband würde schon halten …

Die Kinder indes wollten alleine mit dem Fahrrad ins Dorf zum „Einkehren“. Weil es dort Eis gab. Zumindest gestern. Heute gab es kein Eis mehr, also haben die beiden beschlossen, in der Straßenbar eine Cola zu trinken. Und da mir nicht ganz geheuer war, dass die beiden mutterseelenallein über staubige Schotterpisten kreuz und quer durch das rurale Albanien radelten, wollte ich zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Wären die „lehmigen Berge“ nicht so verlockend gewesen … Irgendwo am Strand sind wir auf einen einsamen österreichischen Offroadler aus Gmunden getroffen. Und nur mal so am Rande: Wenn wir das, was wir bis jetzt erlebt haben, bereits als Abenteuer bezeichnen, dann muss vermutlich für das, was der uns erzählt hat, erst noch ein Wort gefunden werden.
„Wenn er da runter gekommen ist, dann kommen wir da auch irgendwie hoch“, zeigte sich Jörg zuversichtlich, und ich war, trotz meiner Abneigung gegen die modernen Navigationsmöglichkeiten, ein klein bissle froh, GPS-Daten auf dem Handy zu haben. In Sandalen, in Badehose und Bikini, mit lehmig-klitschigen Füßen haben wir also zu dieser unplanmäßigen Bergetappe angesetzt. Grandiose Aussichten, schweißtreibende Steigungen, völlig falsches „Material“ 🙂 , Wildnis, Wildnis, Wildnis … Und wir wollten doch eigentlich nur an den Strand …
Der Fuß schmerzt heute Abend gewaltig (wen wundert’s); Jörg hat ihn neu verarztet, das albanische „Hexenblut“ wird hoffentlich helfen; morgen brechen wir auf zu einer weiteren Etappe an’s Ionische Meer. Mehr Worte will ich darüber noch gar nicht verlieren, bin eher ganz kleinlaut, wenn ich an diese gewagte Mission denke. Und wer weiß, ob wir sechs, ergo wir vier, der Mitschuh und der Wohnwagen diesem Trip überhaupt gewachsen sind. Das Glücksschwein ist gesattelt und für unser „Abenteuer“ werden wir schon noch ein neues Wort finden …

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Kamping mit Nebenwirkungen

Langsam werden wir zu echten Off-Roadlern. Zumindest dachte ich das, als ich heute Nachmittag die holprige Naturpiste mit meinem Centurion-All-Rad hochgestrampelt bin, die wir zwei Stunden zuvor mit unserem Gespann hochgeschnaubt und gejuckelt sind. Beziehungsweise musste ich ab der Mitte schieben …
„Hätte das der Golf auch gepackt?“, fragte ich Jörg. Hätte er vermutlich nicht! Denn wenn nicht am Boracko Jezero, dann wären wir spätestens hier hängen geblieben. (Aber ich glaube, ohne den Mitschuh wären wir so weit erst gar nicht gekommen …)
Nun stehen wir also hier direkt am Meer (sauschön!!!) am Kamping Pa Emer, was soviel heißt wie Camping Ohne Namen, an einem Ort, dessen Namen wir nicht wirklich aussprechen können, wie überhaupt die Namen der meisten Orte. Und von dem Leben wir auch wenig bis gar nichts verstehen. Von daher scheint der Name gerade passend.
Namen sind ohnehin Schall und Rauch, und so haben wir uns heute Nachmittag einfach irgendwo im Nirgendwo mitten in diesem Dorf am Straßenrand auf ein paar Stühlen niedergelassen und voller Staunen dem albanischen Weltenlauf im Kleinen bei seinem Fortschreiten zugeschaut.
Jeder freute sich an uns, allseits wurde mit einem freundlichen und ebenso neugierigen „Hello!“ gegrüßt. Der Schafshirte mit seinen acht Schafen ebenso wie der Junge mit seiner einzigen Kuh. Die Buben auf ihren alten Fahrrädern, die Dorfjugend mit dem Handy in der Hand, und auch der vorbeifahrende Mercedesfahrer winkte uns aus seinem Auto zu. Und eigentlich waren wir nur auf der Suche nach einem Laden ohne Namen …

Wir sind ein Stück weiter südwärts gezogen und nach erstaunlich entspannter, wenngleich längst gewohnt chaotischer Fahrt durch Tiranas Hafenstadt am Meer gelandet. Nach kurzfristiger Routenänderung haben wir beschlossen, unsere Tour anders rum anzugehen. Das Wetter hat uns gewissermaßen dazu gezwungen, beziehungsweise trauten wir dem Frieden in den Bergen und in Mazedonien noch nicht so ganz, hatte doch das Unwetter am Sonntag in Skopje 14 Todesopfer gefordert und die Gebirgsgewitterlage war immer noch nicht ganz gebannt. Also erst Meer, dann Berge, dann Ohridsee. Aber auch das steht noch in den Sternen nach den heutigen Erzählungen einer Tschechischen Motorradfahrergruppe, die sämtliche Strecken bereits abgefahren sind und uns die Straßenzustände eindrücklich beschrieben haben …
Heute morgen also haben wir uns von Nico am Shkodra-See verabschiedet, nachdem wir am gestrigen Tag (also Jörg und ich) der Maladie der Kinder erlegen sind. Um nicht zu sagen, wir haben gek… wie die R… Also einfach einen Tag lang Liegestuhl und dösen und schlafen.
In diesem dösenden Dämmerzustand trat am Nachmittag ein Mädel zu mir an mein „Krankenbett am Strand“, schätzungsweise 25 Jahre alt.
„Gell, du hast den Blog geschrieben?“, sagte sie überzeugt.
„Hä?“, zeigte ich mich zunächst völlig konsterniert. „Woher weißt du von diesem Blog?“, richtete ich mich langsam halb wachend, halb träumend aus meiner Liegestatt auf.
„Wir haben dein Buch mit dabei. Und einzig aus diesem Grund sind wir hier. Hi! Ich bin Elisabeth.“
Wie sie von diesem Buch erfahren hätten, fragte ich. Und wie sie überhaupt darauf gestoßen seien.
„Ach, das haben wir im Buchladen bestellt, als wir darüber im Internet erfahren haben. Und jetzt sind wir von Nürnberg aus hierher gefahren.“
Auf die Frage, warum sie denn so sicher gewesen wären, dass wir das sein mussten, sagte Elisabeth:
„Es waren die beiden Kinder, die uns so bekannt vorgekommen sind. Und dann war da der Wohnwagen. Der einzige hier. Mit Friedrichshafener Kennzeichen. Nur das Auto stimmte nicht.“
Jetzt musste ich echt lachen und klärte sie über das neue Zugfahrzeug auf. So, wie ich sie auch darüber aufklärte, heute nicht in Bestform zu sein, da rekonvaleszent.
„Aber ihr wart doch auch letztes Jahr schon alle krank“, gab Elisabeth zum Besten.
Nun, solche „Nebenwirkungen“ bringt halt die Sache des Publishings so mit sich … 🙂

 

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