Schau, schau, Schoschonen!

Als morgens um sechs alles noch schlief und auch die Sonne selig in den ewigen Jagdgründen der noch nicht ganz in Vergessenheit geratenen Nacht ruhte, erwachte Schnarchender Schakal.
„Los, Tranige Tüte, lass uns aufbrechen. Der Tag ist noch jung, und unser Weg ist weit.“
„Och nee, Schakal, schnarch noch ein bisschen weiter. Oder lass uns den jungfräulichen Tag geruhsamer angehen und später das große Wasser überqueren.“
„Nein, kommt gar nicht in die Tüte, wir müssen aufbrechen, bevor es der Wind uns gleichtut, und du weißt, der Große Manitu ist unerbittlich, wenn jemand gegen die Naturgewalten aufbegehrt.“
Also schälten sich zwei zerknitterte Rothäute aus ihrem weißgetünchten windschiefen Tipi, schlüpften in ihr Kostüm, was aus Bikini und Badehose bestand, auf Kopfschmuck und Kriegsbemalung wurde großzügig verzichtet – schließlich waren sie in friedlicher Absicht unterwegs – sie machten den Transportsack mit der notwendigen Trinkwasserversorgung sowie die moderne Technik zwecks dokumentarischer Reproduktion startklar und stachen mit den beiden am Ufer vertäuten Kanus, die heutzutage auf den Namen „SUP“ hören, ins Novigrader Meer.
Es wehte bereits zu dieser frühen Stunde eine leichte Brise. Schlechtes Vorzeichen für solch verwegene Mission.
Aber langsam …

Wir haben uns von Gaga, der Buna und Bosnien verabschiedet; der Abschied fiel schwer, in jeglicher Hinsicht. Die Abschiedsgeschenke fielen größer aus, als der kleine Preis, den Gaga für die zwei Tage verlangte. Man kommt sich dabei fast beschämt vor, aber vielleicht sollten wir langsam anfangen, diese Gastfreundschaft einfach für bare Münze zu nehmen und ein bisschen was davon ins eigene Säckel stecken, um es bei Gelegenheit an andere – mir nichts, dir nichts – weiter zu geben. Den Raki in Teilen – oder Schlucken – in Marias Weihwasserfläschchen gefüllt, kann keiner behaupten, dass dieses „Feuerwasser“ nicht heilsame Wirkung bei gleichzeitig seherischen Kräften haben wird.
Jetzt sind wir also zurück in Kroatien. Fast vermissen wir die buckeligen Pisten, die unasphaltierten Pfade, das langsame Durch-die-Geged-Tuckern … Aber nach so langer Zeit abenteuerlichen Offroad-Reisens ist so eine kroatische Autobahn schon ganz schön geil.
Auf Höhe von Zadar am Novigrader Meer haben wir nun unsere Zelte aufgeschlagen. Dieses Meerstück ist so etwas wie eine fjordartige Aus- oder Einbuchtung, die in ein so phantastisches wie traumhaft schönes Meerchen mündet …

Es war einmal ein Indianer, Häuptling der Apachen. Und es wehte also eine leichte Brise.
„Sag mal, Schnarchender Schakal, glaubst du nicht, wir sollten dieses Vorhaben vertagen?“, fragte verunsichert Tranige Tüte.
„Ach was, der Große Manitu ist uns gut gesonnen, und schließlich wollen wir das Pueblo am Rio Pecos noch vor Mittag erreicht haben. Gieriger Durst wartet mit einem kühlen Karlovačko im Saloon auf uns.“
Viele Kilometer eines beschwerlichen Wasserweges lagen nun zu dieser frühen Morgenstunde vor den beiden Rothäuten. Die Sonne schickte sich langsam an, mit einem verhaltenen Gähnen zaghaft über die Berge zu blinzeln, ihre Strahlen blendeten die beiden Paddler auf eine Weise, die sie von göttlicher Eingebungen zu streifen schienen. Der Wind blies vom Land her. Sie kamen zügig voran. Nach gut einer Stunde den Canyon des Rio Pecos erreicht, frischte der Wind zunehmend auf; die Böen aus den Tiefen der Schlucht trieben tosende Wellen gegen ihre beiden SUPs. Entschlossen, das Pueblo bis Mittag zu erreichen, paddelten die emsigen Wetteiferer weiter flussaufwärts. Das Wasser peitschte gegen den Bug, das Paddeln wurde zusehends schwerer, der Wind immer stärker.
„Die Luft scheint mir etwas zu rein zu sein. Los, lass uns von hier verschwinden, Tranige Tüte. Wir trehen um!“, tönte Schnarchender Schakal, schon die Buchstaben verdrehend, so ohnmächtig taumelten seine Worte im Wind.
„Aber was ist mit Gieriger Durst, der unsere Ankunft erwartet?“, tutete Tüte ein markiges Seezeichen in seine Richtung.
„Dem schicken wir eine SMS, wir seien zurück im Tipi bei Dampfender Kaffee.“

Und so traten die beiden Rothäute kleinlaut und unverrichteter Dinge den Rückzug an und zogen flußabwärts wieder hinaus aufs weite Meer. Mit ihnen tat das auch der Wind, der frühmorgens noch für perfekte Rückendeckung sorgte.
„Wenigstens ist der Große Manitu auf unserer Seite“, stellte Schnarchender Schakal sachlich fest, jetzt aber alles andere als verschlafen, als aus dem Wind ein regelrechter Sturm wurde und mit peitschenden Hieben den beiden Rothäuten nun doch noch zu ihrer Kriegsbemalung verhalf. Der Schakal also, im weiteren Verlauf als Fuchtelnder Albatros bezeichnet und Tranige Tüte als Paddelnde Ente mit einem weitaus authentischeren Gefieder ausgestattet, nahmen die Fahrt mit dem Wind auf.

Auf dem Wasser spielten sich nun dramatische Szenen ab. So dramatisch, dass Karl May diese Einstellung unmittelbar abgebrochen und „Aus!“ gerufen hätte. Aber an Ausstieg war nicht zu denken. Während Fuchtelnder Albatros recht gut die Richtung halten konnte, trieb Paddelnde Ente immer weiter ab. Der Sturm blies von der Seite; das sichere Fort mit den heimischen Tipis befand sich auf der anderen. Das SUP samt Ente flog über die tosende See, Gischt schäumte um den Bug, wie Flocken von Schnee …
„Ich kann nicht mehr! Ich bin am Ente!“, schnatterte verzweifelt das Federvieh.
„Halt entlich den Schnabel, Ente! Und paddle!“, argumentierte Albatros völlig vergeblich gegen den Wind.
„Ich werde ertrinken, wenn mir der Sturm das Brett unter dem Hintern wegreißt!“
„Eine Ente ertrinkt nicht! Mime jetzt bloß nicht die Diva.“ Fuchtelnder Albatros war genervt aber so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er alle Nerven für sich und sein SUP in Anspruch nehmen musste.
Bis eben Paddelnde Ente ihre Waffen, ergo ihr Paddel streckte und direkt auf ein Riff aufprallte.
„Ich hab doch gesagt, du sollst Abstand halten, denn die scharfkantigen Felsen zerfetzen bei diesem Sturm und bei dieser Wucht sofort das Brett!“ Fuchtelnder Albatros war am Fuchteln. Vergeblich. Und auch die Ente war nicht mehr am Paddeln, sondern quakte – zwischen den Felsen hin und her gespült – nur noch um Hilfe.

Die beiden Rothäute Fuchtelnder Albatros mit Nicht-mehr-paddelnder-Ente im Schlepptau erreichten schließlich irgendwann und eher an zwei erschöpfte Bleichgesichter erinnernd das Fort mit Müh und Not.
Die Ente lebt! Pierre Brice ist tot.

Der Plot:
Ich wollte unbedingt in den Zrmanja-Canyon, der ins Novigrader Meer mündet und Schauplatz fast aller Winnetou-Filme war. Jörg wollte das zwar auch, aber bloß nicht mit einem dieser Touristen-Tucker-Kähne und schon gar nicht auf einer organisierten Kanu-Safari.
„Dann paddeln wir da frühmorgens hin, solange es noch keinen Wind hat“, war sein Vorschlag. Der sportliche Aspekt sollte dabei natürlich nicht zu kurz kommen.
Am Abend zuvor bei Meeresrauschen, Sternschnuppen und reichlich Wein, fand diese Idee durchaus Anklang bei mir … und ich kam mir sowas von sportlich vor …
„Wie weit ist das denn?“, wollte ich dann doch wissen.
„Vier Kilometer hin, vier zurück und vielleicht noch einen Kilometer rein und wieder raus.“ Ist machbar!
Bei optimalen Bedingungen. Und damit fing’s heute morgen schon an …

Jetzt begebe ich mich in den Liegestuhl und lecke meine Wunden. Die Blasen an den Füßen von den ripsenden Teva-Sandalen, die Schwielen an den Händen vom bis zur Erschöpfung betriebenen Paddeln, die gezerrte Schulter von der Schräglage, der hängende Arm von der einseitigen Überlastung …
Aber ich hör ja schon auf zu jammern … Denn ein Indianer kennt keinen Schmerz!

 

(Diese Mar beschreibt übrigens das Szenario verhältnismäßig beschönigt und harmlos …)

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