„Du, entschuldige, i kenn di …“

„Gott gebe allen, die mich kennen, noch zehn mal mehr als sie mir gönnen.“ Mit dieser Inschrift am Hof der Familie Neubauer sind wir heute am späten Nachmittag in Kärnten begrüßt worden.
Wir haben also endgültig Abschied genommen von Balkanien. Nach fast fünf Wochen wurde das auch langsam Zeit. Denn nicht nur das Heimweh hat in den letzten Tagen an uns gezehrt. Auch fingen wir schon an, im staubigen Hitze-Delirium von gemähten Wiesen, grünen Almen, alpenländischer Gemütlichkeit und Allgäuer Kühen zu phantasieren. Tomaten, Paprika, Gurken, Weißkraut, Zwiebeln, Cevapcici … irgendwann hat man genug davon und ist vermutlich noch lange am Widerkäuen. Dann sehnt man sich nach Gewittern und Regen, nach Spätzle mit Soß, nach kühlen Abenden nicht im Bikini, sondern in Rumlümmel-Jogginghosen und Daheimrum-Socken, nach fallenden Blättern und fallendem Obst.

Der Herbst scheint hier eingekehrt zu sein. Nicht auf den ersten Blick, denn tagsüber hat immer noch die Sonne Oberwasser. Aber die Abende sind gekennzeichnet vom ermatteten Sommer mit seinem müden Blick zurück auf ausgelassene Zeiten unbeschwerten Easy Goings.
Jetzt sitze ich hier an den Gestaaden des Millstätter Sees unter einem imposanten Apfelbaum, ständig schweben rotbraun-gefärbte Blätter auf meine Tastatur, und hin und wieder purzelt ein Apfel auf meinen Kopf.
„Autsch!“
Marlene lacht und freut sich: „Das fühlt sich hier wieder an, wie daheim. Ob wohl unser Mais reif ist und alles, was sonst noch im Garten wächst?“

Vieles fühlt sich wieder an wie daheim. Da empfinde ich die Inschrift am Neubauer-Hof nur als eine symbolische Geste, die das Leben hier ausdrückt und dennoch so ganz und gar nicht in den Kontext der imaginären Inschrift eines jeden albanischen Hauses passt. Irgendwie umfängt mich ein befremdliches Gefühl, denn in dieser Fremde habe ich tatsächlich ein Stück Heimat erfahren. In all den Begegnungen auf unserer weiten Reise in den tiefen Süden Albaniens hatte das Wort „Gönnen“ zu keiner Zeit jedwede Bedeutung. Ich bin mir sicher – und so sehr die Albaner in ihrer wortarmen Diaspora noch als Entwicklungsland gelten – existiert dieses Wort überhaupt nicht im albanischen Wortschatz. Denn dem Wort „Gönnen“ gehört – um es überhaupt zur Geltung zu bringen – ein anderes Wort entgegen gesetzt, nämlich „Neiden“. Und Neid ist in Albanien buchstäblich ein Fremdwort. Grundsätzlich und in allen Sprachen.

„Ihr hobt’s viellächt Nöavn, den Wohnwogn offen steng loss’n!“
Unser Münchner Wohnwagennachbar (die bayerische Flagge übrigens über dem Sulzemoos-Aufkleber stolz gehisst) tritt zu uns an den Tisch, als wir nach fünf Wochen nichts weiter wollen, als uns demütig einem kalten „Sturz-Wäßbia“ in der Wirtschaft hinzugeben.
„I hob bä äch ois drum rum zua gmocht.“
„Warum? Der Wohnwagen und auch das Auto standen die letzen fünf Wochen Tag und Nacht offen?“, versuchen wir unsere innere Gesinnung auf das Vertrauen und die Gastfreundschaft der Menschen setzend unsere Gewohnheit zu erklären.
„Ihr hobt’s vergess’n, ihr säd’s zruck in Österreich“, fügte er mit der Attitüde eines Franz Josef Wanningers samt seiner unlauteren Methoden hinzu.
Eins zu Null.
Wir sind also zurück in Österreich.

Ich hasse aufgesetzte Freundlichkeit. Ich hasse österreichische Gemütlichkeit. Zumindest dann, wenn sie ein Alleinunterhalter immer nur donnerstags zum Besten gibt. Ein blöder Tag, um anzureisen …

„Du, entschuldige, i kenn di …“
Zum Glück ist nicht jeden Tag Donnerstag, und zum Glück herrscht hier am Campingplatz ein tägliches Kommen und Gehen …

One thought on “„Du, entschuldige, i kenn di …“

  1. Dreas sagt:

    Hi
    Ihr vermisst Edelstoff!
    Nette Nachbarn Kinder!
    Schule , Beruf …….
    Richtig Sport machen!
    Eiweiß Shakes und Helene
    Gruß die Schöttkes

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