Aufbauarbeiten

Viele werden sich bei unseren Erzählungen fragen: Wie hält man das aus; vor allem aber: Warum macht man so etwas? Etwas, das mit Urlaub aber auch rein gar nichts zu tun hat? Der Frage angeschlossen und nach dem Semikolon gleich die nächste Suche nach einer Antwort: Macht sowas denn Spaß, oder ist das nicht einfach Dauerstress auf fünf Wochen verteilt und der herbeigesehnte Alltag wohlverdiente Auszeit?
Klar gibt es diese Zauderer und Zögerer, die Reinen-Urlaub-Macher wie die All-Inclusive-Maker. Und ich werde einen Teufel tun, darüber in irgendeiner Weise zu urteilen. Denn in der Tat hat dieses Reisen, wie wir es praktizieren, mit Urlaub wenig gemein, wenngleich es für mich – und ich möchte mal behaupten auch für Jörg und die Kinder – zur expansiven Horizonterweiterung und intensiven Alltagsflucht mehr als förderlich ist.
Wir haben also in den vergangen drei Tagen zweimal ab- und einmal neu aufgebaut. Die „Küchenzeile“ ist seit Tagen dabei, sich selbstständig zu machen und mit gelösten Schrauben durch den Wohnwagen zu wandern, was aktuell einige „Bauarbeiten“ erfordert.

Irgendwie ist so ein Umzug jedes Mal ein bisschen, als ob man sein Haus an einer neuen Stelle errichtet. Man ist auf der Durchreise, wobei nicht die Fahrt und die daraus resultierende Destination, sondern immer der Weg das Ziel ist. Irgendwann beschließt man, just an dem Ort, wo’s einem gefällt, seine Zelte aufzuschlagen – oder eben an dieser Stelle ein Heim auf Zeit zu errichten. Alle paar Tage wieder. Und jedesmal ist Heimat ein anderer Ort.
So waren wir gestern ab Nachmittag und nach Überqueren der Bucht von Koter per Fähre bei Uroš und seiner Familie beheimatet, wo wir bereits im vergangenen Jahr zwei Tage verbracht hatten. Von diesen Tagen freilich hatte ich damals recht wenig mitbekommen, war ich doch von einer fiebrigen Angina außer Gefecht gesetzt. Jetzt wollte ich diesen Ort einfach nochmals besuchen.
Und was soll ich sagen? So, wie in meiner Erinnerung, trotz meines einstigen Fieber-Deliriums heute als Reinzeichnung wahrgenommen, hat dieser Platz nichts von seinem Charme verloren. Die Kai-Mauer an der so wuseligen wie familiären Strandpromenade ist für mich immer noch „Best Place to be“ am Abend, wenn die großen Kreuzfahrtschiffe die „Boka Kotorska“ verlassen und die kleinen Fischerdörfer, die längst keine mehr sind, sondern von einer großen Zukunft träumen, endlich wieder zur Ruhe kommen und zu sich selbst finden – und der Rotwein sein Übriges dazu tut.

„Hey, was macht denn ihr hier?“, ruft’s von unten am frühen Abend, wie wir oben auf unserem warmen Steinmäuerchen unter der Bougainvillea sitzen und dem munteren Treiben zuschauen.
Elisabeth ist heftig am Winken und freut sich sichtlich, uns wieder zu treffen. Ich hab sie noch nicht einmal gleich erkannt, beziehungsweise konnte ich sie nicht unmittelbar einem Ort und einer Begegnung zuordnen, so viele Begegnungen und Orte sind uns auf dieser Reise buchstäblich widerfahren oder wir ihnen.
„Ja klar, Lake Shkodra bei Nico!“, fällt es mir wieder ein. Und klar scheint sie zusammen mit ihrem Freund auf den Spuren unsere letztjährigen Reise zu sein. Viel weiter aber seien sie noch gereist. Ebenso wie wir bis nach Südalbanien. Ob sie auf den Spuren unserer diesjährigen Route waren, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Immerhin aber wussten sie von unserem neuen Blog …

Von Uroš heute morgen herzlich verabschiedet, sind war also zurück in Bosnien angekommen. Die Fahrt hinauf ins Orjen-Gebirge war atemberaubend schön, und hinter jeder Kurve habe ich mich ungläubig geäußert: „Sind wir nicht falsch? Oder hat das der alte Golf letztes Jahr tatsächlich geschafft?“
Jetzt schaffte es der Mitschuh, und zwar locker mit dem Wohnwagen im Schlepptau, wenngleich andere Strecken – selbst in neuen Bergschuhen – den Golf vor eine nicht bezwingbare Herausforderung gestellt hätten. Wie etwa der Llogara-Pass.
Der Grenzübertritt von Montenegro nach Bosnien verlief zum allerersten Mal erstaunlich flink, und die darauf folgende Bergstrecke wurde von nichts mehr unterbrochen als von Einsamkeit, Landschaft, Wildnis und Weite. Und diese Landschaft hält hier ihre Lieblingsrede: Ohne Menschen kein Müll! Reine Luft, reine Weite. Und lediglich verirrte Kühe lungern hier im Weg rum.
„Brauchen die auch einen Pass“, fragt Jörg.
Ich zucke die Schultern.
Wie ohnehin das Schulterzucken ob dieser Landschaft die trefflichste und gleichzeitig unterwürfigste Geste ist. Entweder man benötigt hier starke Nerven oder einen Jeep. Ich habe weder das eine, noch das andere. Was aber nichts ausmacht und irgendwie auch geht … weil Jörg starke Nerven hat und obendrein über Fahrkünste verfügt, die ich andauernd anzweifle. (Hier an dieser Stelle möchte ich mich einmal bedanken für seine Langmut, für seine Nerven, was hauptsächlich meine Anwesenheit anbelangt, vor allem aber für seine Gelassenheit auf dieser Reise.)
Der Süden Bosniens ist ein Landstrich, der mit einer faszinierenden Kulisse aufwartet. Weiße Berge, die suggerieren, trotz unbarmherziger Hitze Schnee auf ihrem Haupt zu tragen. „Bijelasnica“ ist nur ein Name dieser Bergriesen. Und „Bijela“ bedeutet „weiß“. Der Himmel blau, das Land mit staubtrockenem Ocker gepudert, trutzhafte Krüppelgewächse in steinerner Flanke kauernd in kräftiges Dunkelgrün getunkt, Felsausbrüche so weiß wie Schnee … Und die gelegentlichen Minen-Warnschilder so rot wie Blut.
Blut wurde in diesem Land genug vergossen, und dennoch herrscht immer noch nicht wirklich Frieden und Einigkeit auf Balkanien. Keiner weiß wirklich, warum. Auch nicht, worum es jemals ging. Alles scheint irgendwie im Aufbruch und immer noch im Neuaufbau zu sein.

Auch Gaga zeigt sich im Aufbaufieber. Aber nicht auf den ersten Blick. Denn auf den ersten Blick ist hier am River Camp kurz vor Mostar und kurz nach drei alles beim Alten. „Help yourself“ steht nach wie vor auf dem Schild am Eingang, und Gaga glänzt mit Abwesenheit. Auch scheint sich sonst nichts verändert zu haben. Wir helfen uns also selbst und installieren uns direkt am Ufer der Buna (eine andere Buna, als die albanische. Aber scheinbar hören hier viele Flüsse auf diesen Namen).
Die Zeltnachbarn nebenan erzählen von ihren Reisen, während wir erzählen, dass „Gaga“ bei uns so etwas wie „verrückt“ bedeutet.
„Oh yes, he’s such a crazy guy“, lacht der Belgier von Nebenan. Aber ebenso gastfreundlich sei er und seine Familie.
Deswegen sind wir hier. Kurze Zeit später, nachdem die Mama das gröbste „Wildcampen“ geregelt hat, taucht Gaga auf.
„We are back“, sagt Jörg.
„Welcome back“, sagt Gaga. Und lacht. Ein Lachen, das so tief von Herzen kommt, wie der Blick, der aus diesen unsäglich flauschigen Vogel-Strauß-Augen all seine Empathie für dieses „Camping-Geschäft“, vor allem aber für seine Gäste preis gibt.
Etwas verändern müsse er sich und den Platz nichtsdestotrotz, blinzelt er plüschig zwischen seinen ebenso tierischen Segelohren hindurch.
Das Wort „Tourismus“ scheint auch hier angekommen zu sein. Endlich. Denn dadurch erschließt sich ein neuer Wirtschaftszweig. Und das tut diesem Land gut. Anders als in Albanien, scheint Bosnien nach wie vor in einer Art Dornröschenschlaf zu schlummern. Dornenbewehrt, von Minen gespickt, von Vorurteilen gezeichnet. Gegen die Vorurteile ist anzukommen, die Dornen lassen sich roden; nur die Minen, die „bezeichnen“ dieses Land noch für viele, viele Jahre. Sagt Peter von der EUFOR.
Gott sei Dank gibt es exakte Minenverzeichnisse, und tatsächlich waren wir heute auf der Suche nach einem Minen-Warnschild für Marlenes Kinderzimmer.
Nur wenn zwei unmittelbar nebeneinder stünden und eines überflüssig erschiene, könnten wir eines mitnehmen. Auch das sagt Peter. Ansonsten läuft ein anderer Gefahr, buchstäblich aufzufliegen …
Demgemäß beließen wir alle Schilder an Ort und Stelle, und Marlenes Zimmer bleibt somit Zone innerfamiliärer Detonationen.

Der Wind bläst von der Neretva hoch. Das Wasser der Buna verströmt einen unvergleichlichen Sommerduft. Die Grillen zirpen. Die Kinder haben ihr „Flussbett“ aufgeschlagen.
Panta rhei.

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Urlaub auf Balkanien














































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Jetzt reicht’s! Gefühlt muss ich einem panierten Cevapčiči gleichen, braungebrannt, in Sand gerollt, gut gebraten und von einer gleichmäßigen Speckschicht durchzogen. An Ajvar fehlt es gewiss nicht, zumindest nicht optisch. Ich habe Sonnenbrand! Nur die mittlerweile fast schneeweißen Haaren mögen nicht so recht in dieses Balkanien-Bild passen …
Planschen im Meer war schön und gut, Liegen und Dösen am Strand noch besser, der Mini-Haushalt im Wohnwagen ist gemacht, die Betten vom Sande befreit, das Geschirr gespült, ein Buch eben mal angelesen, und ich bin fertig! Mit meinem Urlaub. Ein halber Tag muss genügen.
Und weil ich eben kein „Urlaubs-Mensch“ bin, habe ich heute – der Rundungen wegen – doch noch beschlossen, ein bissle mit meinem Allrad rumzukurven. Jörg und Helmut waren – des Windes wegen – noch einmal bei den coolen Jungs von Kite-Loop, wo sich einmal mehr auf dem Wasser Rang und Namen abgelaufen, ergo abgeflogen wurde. Und die Kinder sowieso glücklich über den Umstand, zusammen mit dem hiesigen Hunde-Quintett Herrinnen über das mobile Heim zu sein.

Was mir hier auf meinen Erkundungstouren letztes Jahr in meiner Bilanz noch fehlte, war der kleine Šasko Jezero kurz vor der Grenze zu Albanien. Verlässt man die Strände und die Küstenstraße und biegt ins Hinterland ab, ist nicht nur der Trubel schnurstracks vorbei, sondern auch Montenegro faktisch zu Ende; und nur eine einzige Straße schlägt diesen Weg ein, wo zu Zeiten der völligen Isolation des Nachbarstaates das Land in einer Sackgasse endete. Noch immer steht hier ein Sackgassenschild. Auch weist an dieser Stelle ein anderes Schild in allen möglichen Sprachen darauf hin, im hintersten Zipfel angekommen zu sein: „Achtung! Das grenzgebiet“. Achtung! Orthographie ist wo anders. Aber Ornitologie zumindest ist hier vorzufinden …
Ein kleiner Pfad führte dennoch weiter, und so kam ich in meiner Neugier nicht umhin, einfach noch ein Stück weiter zu radeln. Bereits auf dem Weg dorthin, als ich mich mehrmals verfahren hatte, fielen mir weitaus mehr entgeisterte Blicke zu als hilfreiche Hinweise. Ob ich mit dem Fahrrad nach Albanien wolle, wurde ich gefragt und für dieses vermeintliche Vorhaben fast für verrückt erklärt. Die Straße aber, nein, die war keinem bekannt. Ich solle doch gefälligst die große rote Hauptstraße der Küste entlang nehmen. Da fahren nämlich alle. Alle, die hier Urlaub machen.
Jetzt bin ich erstens nicht alle und zweitens mache ich auch nicht (mehr) Urlaub. Und drittens war ich endlich mutterseelenallein. Um mich herum Sumpflandschaft, Salinen, Wildnis, immer wieder mal ein bäuerliches Gehöft, Orangenplantagen, Granatapfelbäume und ganze Feigenwälder. Die letzte behauste Bastion in der montenegrinischen Grenzregion erreicht, war dann wirklich Schluss. Kein Weg mehr, nur noch ein Bergrücken vor mir, und der Grenzfluss Buna (oder Bojana, wie sie in Montenegro heißt) dazwischen. Den See „entdeckte“ ich auf diesem Wege nicht, dafür das Flussufer.
Dass hier unmittelbar an der Grenze zu Albanien längst nicht mehr scharf geschossen wird, davon ging ich jetzt einfach mal aus. Dass mich aber womöglich die albanische Grenzpolizei von irgendeiner Warte aus beobachtete, wie ich mit meinem Allrad und meinem großen Rucksack einen Trampelpfad an’s Wasser suchte, das konnte ich mir durchaus vorstellen.
Egal. Es war einfach zu schön, um umzukehren. Das gefrierfachkalte Nickšičko-Pivo am Ufer aus dem Rucksack ausgepackt, das zwar nach längerer Fahrt in größter Hitze seine allerletzten Eiskristalle schon lange zuvor eingebüßt hatte, war trotzdem an diesem Ort das Beste, was mir passieren konnte. Es passierte ja sonst nichts. Außer vielleicht die vielen Eisvögel, die sich so akrobatisch wie flink über die Wasseroberfläche katapultierten, oder die alligatorgroßen Eidechsen in ihrem giftgrünen Flecktarn, die regelmäßig über den Weg liefen.
Bis eine leere Patronenhülse im Wasser an mir vorbei trieb. Zeit, aufzubrechen. Man soll Fortuna nicht herausfordern …
Von Albanien trennten mich zirka 200 Meter Wasserweg durch langsam dahinströmendes klares Blau. Durch diesen Strom entleert sich der Liqeni i Shokdrës, der Shkodra-See, ins Meer, der unsere erste Station in diesem fremden Land war. Nun saß ich auf der anderen Seite, sah dem Fluss beim Fließen zu und fand, um es mal nicht zu pathetisch auszudrücken, dass auf dieser Reise bis jetzt alles ganz schön im Fluss war und sich hier an dieser Stelle der Kreis wieder schloss.

Albanien wird ab morgen nur noch eine ferne Ahnung sein. Wir werden weiter heimwärts ziehen und unsere Zelte in der Bucht von Kotor aufschlagen.

„Mama, gehen wir heute noch in die Stadt zum Shoppen?“, fragten mich die Kinder, als ich wieder zurück war.
„Oh nein. Ich bin ziemlich erledigt, das war für heute Nachmittag einfach zu viel“, räumte ich erschöpft ein.
Das kommt davon, wenn man mal einen halben Tag Urlaub macht …

 

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Hi, Albania!

„Welcome back!“, sagt Nico, als wir aus dem Auto steigen und auf ihn zugehen. Und dies mit einem Selbstverständnis, als ob er nur darauf gewartet hätte, dass wir endlich wieder hier aufkreuzen würden. „Everything the same“, sagt er auch. Und in der Tat hat sich hier scheinbar gar nichts verändert, seitdem wir diesen Platz im vergangen Jahr verlassen haben. Die Holzstühle vor seinem Häusle stehen so da, wie „immer“. Er lacht uns an, wie wir es gewohnt sind, die Preise sind exakt dieselben wie letztes Jahr (worauf er ausdrücklich hinweist), der Kellner aus der Strandbar hilft uns beim Rangieren. Auch er war letztes Jahr schon da. Irgendwie ist das wie Heimkommen. Und alles ist irgendwie beim Alten. Bis auf den Müll. Dieses Problem scheint sich in der Tat ein klein wenig verringert zu haben. Und Neues scheint in Gang zu geraten.
Aber der Reihe nach …
Ich habe letzte Nacht geschlafen wie ein Stein. Weder vom Gewitter, noch vom Sturm und auch nichts vom Regen habe ich mitbekommen. Allein die Tatsache, dass mein Bett ein weiteres mal nass war, ließ mit dem weit offen stehenden Fenster den Verdacht aufkommen, dass ein Wetter über die Berge gezogen sein musste. „Es hat geblitzt, dass hier alles taghell war“, klärte mich Jörg am Morgen auf. „Und gedonnert hat es, dass der ganze Wohnwagen gewackelt hat.“ Wie man so tief schlafen kann, war mir bislang schleierhaft. Gestern konnte ich. Ich musste wohl zu erschöpft gewesen sein. Und hatte noch nicht einmal mitbekommen, wie Marlene gekotzt hat. Nicht aus der Hängematte, aber mehrmals aus der Wohnwagentür.
Entsprechend vorsichtig galt es heute morgen, aus der Tür zu treten. Davor tat sich nicht nur wiedergekäutes Forellen-Chutney sowie recyceltes Kartoffel-Crumble auf, sondern vor allem Felsen- wie Wolkengebirge, und ein heftiger Sturm fegte durch die Piva-Schlucht. Es war einfach zauberhaft schön! Bis auf Marlenes Zustand, aber der schien gar nicht so unschön zu sein.
Während der Autofahrt hat sie geschlafen, Handy-Zocke war nicht nötig und auch nach Nintendo wurde nicht verlangt. Ida auch noch etwas wackelig auf den Beinen, verlief die Fahrt von Pluzine über Nicksic und Podgorica absolut entspannt und landschaftlich überwältigend.
Bis auf das letzte Stück ab Podgorica. Im Ranking der hässlichsten Städte Montenegros bereits im vergangenen Jahr auf Platz 1 gewählt, konnte uns nichts mehr schocken. Und der Regen schien irgendwie alles sauberer und grüner gemacht zu haben.
„Sauber!“, äußerte sich Jörg analog, als ich mich mal wieder gegen das Navi entschieden hatte und partout meinen Kopf durchsetzen musste. Wir landeten mitten im Grünen. Oder im Braun-Grau-Grünen. Zunächst führte die Straße noch gerade aus, und auf dem Wegweiser war auch ausdrücklich „Carina“ zu lesen. „Hier steht Tranzit, und das sagt auch das Navi“, wandte Jörg ein. „Blödsinn, ich weiß doch, was Carina heißt. Los, gerade aus, da geht’s zur Grenze!“, war mein „Vorschlag“. Gelinde gesagt.
Wenn ich mich selbst als Beifahrerin hätte, wäre ich schon längst ausgeflippt. Denn wir landeten nicht am Zoll, sondern die Straße irgendwo im Nirgendwo. Abkuppeln oder mit dem ganzen Gespann umdrehen lautete hier die Frage. Die Antwort: „Noch einmal, und du kannst selber fahren! Wenn ich fahre, bestimme ich!“ Und der Fahrer hatte, wenngleich recht holprig und mit mehrmaligem Aufsetzen, die Kurve gekriegt.
Von da an hielt ich mich (zumindest für heute) an Jörgs eisernen Beifahrer-Grundsatz: Si tacuisses, philosophus mansisses.
Um kurz nach zwölf waren wir über die albanische Grenze, und eine halbe Stunde später am Lake Shkodra Holiday Resort.

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150 Pferde und ein Glücksschwein

Gut, dass es immer schlimmer kommen kann. Denn dann ist das vermeintlich Schlimmste gar nicht mehr so schlimm. Wie unsere gestrige Etappe durch die bosnische und später montenegrinische Bergwelt.
Nach der Nachricht von Verena und Hendrik stand für uns also endgültig fest, dass wir den langen Weg über die Treskavica nicht nehmen würden. Als Alternative blieb die Bergetappe zurück über Konjic nach Sarajevo. Die Route „sicherheitshalber“ einmal ohne Wohnwagen abgefahren und jede Ausweichbucht und sämtliche Steigungen gecheckt, waren wir immerhin zuversichtlich, dass dieses Unterfangen nicht ganz hoffnungslos sei.
„Fahrt morgens ganz früh oder abends ganz spät“, war der Rat der beiden Tramper, die wir Tags zuvor mit runter ins Tal genommen haben. Dass Samstag morgens um sieben nicht mehr ganz früh sein sollte, stellten wir schnell fest. Denn es gab vor uns frühere Vögel …
Während Marlene noch schlief, hing Ida ziemlich in den Seilen. Das Gute daran, in den Seilen zu hängen, ist, dass man in diesem Fall einfach den Kopf aus der Hängematte recken muss, wenn einem zum Kotzen ist. Ida war zum Kotzen. Und das schon die ganze Nacht. Entsprechend sah es unter der Hängematte aus … Und entsprechend groß war meine Sorge, dass das Kind ernsthaft krank sein könnte. Das Kraxelmanöver mit dem Wohnwagen über dieser Sorge beinahe vergessen, tuckerten wir also morgens um sieben am Boracko Jezero los.
Kind gut im Wohnwagen gebettet und mit einer großen Spuckschüssel ausgestattet, lief es ganz gut an. Die 150 Pferde unter der Motorhaube ackerten auf Hochtouren, während das Glücksschwein in seinem Blechdösle sein Übriges tat. Es kamen nur wenige Autos entgegen, und wir kamen nicht aus dem Schwung. Nichtsdestotrotz: Ich war ein Nervenbündel. Und ergo nervte ich wohl gewaltig. „Sei endlich still!“, herrschte Jörg mich an. „Du hast jetzt nur eine einzige Aufgabe: nämlich als Gewicht auf der Vorderachse zu dienen.“ Klar, dazu war ich mal wieder recht … 🙂
„Ich muss kotzen“, winselte eine verzweifelte Ida von der Rückbank. „Halt sofort an, sonst verleert sie die Schüssel im Auto“, zeigte ich mich etwas überreizt. Irgendwie haben wir den Scheitelpunkt noch erreicht und auch eine Haltebucht gefunden. Die ganze Fahrerei ließ mich plötzlich ziemlich kalt.
Serpentine um Serpentine wieder bergabwärts dann ein noch größeres Dilemma, das mit dem Magen-Darm-Infekt einherging und einen unplanmäßigen Waschtag auf halber Höhe erforderte, wo eine Quelle aus dem Berg floss …
Irgendwie sind wir unten in Konjic angekommen. Ziemlich fertig, aber gar nicht so sehr wegen der Steigung und der einspurigen Straße. Wir hatten ja genügend Pferde … Und viel Glück.
Es konnte also weitergehen, nur Sarajevo wurde aufgrund des Regens als Besichtigungs-Hotspot ersatzlos gekürzt. Die Stadt mussten wir dennoch passieren, was relativ unkompliziert war, und so haben wir uns Kilometer um Kilometer dem bosnischen Grenzübergang und somit Montenegro von seinem hintersten Zipfel genähert.
Gut zu wissen, dass das „Monte“ in Montenegro nicht von ungefähr kommt. Denn es herrschen überwiegend Berge vor. Und diese Berge lassen kein Bergsportlerauge trocken. Alle anderen heulen vor Glück über diese Naturschönheit. So fürstlich erigiert wie einsam stehen diese Berge da. Sieht man einmal vom Durmitor ab, denn da ist mächtig was los. Bis wir allerdings in diese einsamen Berge gelangen sollten, bedurfte es an Geduld. An sehr viel Geduld.
An Foça im Südosten Bosniens vorbei, waren es „eigentlich“ nur noch zirka zwanzig Kilometer an der Drina entlang bis zur Grenze. Die Landschaft zeigte sich trotz des Regens von ihrer eindrucksvollsten Seite, und die Drina … ja, die Drina, die erzählt voller Anmut ihre eigenen Geschichten und kann ein Lied von Krieg und Frieden singen. Längst reingewachsen fließt sie türkisblau dahin, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte. Dennoch lässt sie die vielen Toten, die einst von Visegrads Brücke in den Fluss gestoßen wurden und sanft gebettet von ihrem Strom davon getragen wurden, zu Wort kommen, um sie niemals in Vergessenheit geraten zu lassen.
„Das können die doch nicht machen!“, bin ich aus meinem Gedankenfluss erwacht. „Was können die nicht machen?“, fragte Jörg. „Die können doch nicht so eine Straße auf der Landkarte als eine rote kennzeichnen, und jetzt hat die noch nicht mal mehr einen Fahrbahnbelag!“
Doch, das können die. Sehr gut sogar. So, wie die noch viel mehr können. Oder eben nicht. Denn von Fahrbahn konnte längst nicht mehr die Rede sein. Ich wurde mal wieder leicht panisch. Zwar wurde ich das leicht, aber irgendwann fassten die Kinder den Beschluss, mir in der nächsten Apotheke Valium zu besorgen. „Halt jetzt die Klappe und halte einfach die Kamera zum Fenster raus, um das hier zu filmen. Das glaubt uns sonst keiner“, kommandierte Jörg mich ab. Ach, war doch eh grad alles egal, denn ein Zurück gab es nicht. Wohin denn auch? Und ich war wenigstens beschäftigt. Solange, bis schließlich gar nichts mehr ging. Und das ging ziemlich lange. Mindestens zwei Stunden am Grenzübergang Sçepan Polje gewartet, bis wir endlich an der Reihe waren, stellten wir fest, dass die einzige Möglichkeit, nach Montenegro zu gelangen, über eine zirka drei Meter breite, recht baufällig wirkende Holzbrücke führte. Alle Mann im Einsatz, wurden wir direkt ab Zollstation irgendwie auf diese Brücke raufbugsiert. Glücklicherweise hielt sie auch, und so erreichten wir völlig entnervt und ziemlich adrenalingeladen des montenegrinische Bergland.
Wo die vielen Autos geblieben waren, die mit uns an der Grenze auf die Abfertigung warten, wusste keiner. Denn außer uns war scheinbar niemand mehr unterwegs. „Ich glaub’s ja nicht, da kommt ein Wohnwagen!“, zeigte sich Jörg ziemlich entgeistert. „Es gibt also noch mehr, die nicht ganz dicht sind.“ Die Fenster runtergekurbelt, ein großes Hallo … Die Sprache? Egal. Es waren andere Menschen genauso unterwegs wie wir. Die beiden älteren Polen strahlten übers ganze Gesicht. „No problem!“ sagte er und zeigte mit dem Daumen nach oben. „A lot of serpentines“, sagte sie und beschrieb eine verwegenen Kurvenlinie. „Good luck and good journey“, wünschten wir zurück.
Bis nach Albanien würden wir es heute wohl nicht mehr schaffen, und ein weiterer Grenzübertritt kam nicht in Frage. Pluzine am Piva-Stausee sollte also unser Übernachtungssplatz werden. Eine gute Idee, eine grandiose Kulisse, ein fantastisches und unglaublich billiges Abendessen in der Konoba nebenan, ein gewaltiges Gebirgsgewitter und ein äußerst gemütlicher Film-Abend im Wohnwagen …

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