Griaß di, Gallusstraß!

Am Sonntag, den 31. Juli sind wir gegen 16 Uhr Ortszeit für fünf Wochen aufgebrochen in das Abenteuer Balkanien 2.0. Mit geringfügiger Verspätung sind wir also nun am 4. September um 18 Uhr 02 allesamt wieder wohlbehalten in Markdorf in der Unteren Gallusstraße in den sicheren Hafen der Heimat eingelaufen. Mit dem neuen Glücksschwein war natürlich auch das alte „Notfall-Büchle für Albanien-Reisen“ mit an Bord. Das Glücksschwein hat uns treue Dienste geleistet und uns viel Zuversicht und Freude beschert. Und auch das Notfall-Büchle hatte am letzten Tag tatsächlich seinen ersten wirklichen Einsatz. Ein echter Notfall, die Mautstation vor dem Tauerntunnel! Alles Geld bis auf den letzten Cent, Lek, Fening, Kuna aufgebraucht. Schreckschock! „Wir können den Tunnel nicht bezahlen“, ruft Jörg entsetzt. „Doch! Hinten im Notfallbüchle stecken immer noch die zwanzig Euro von Bine“, fällt es mir wieder ein! Elf Euro achtzig hat der Tunnel gekostet. Bleibt sogar noch was übrig für weitere Notfälle …

Und jetzt?
Jetzt fragt man sich erst mal, was man alles vermisst hat in dieser langen Zeit. Fragt man die Kinder, sind es zunächst die Freunde und die buchstäbliche „Freizeit“; es ist aber auch der Garten, die Erbsen, der Salat, der See, die Katzen, das Grün der Wiesen, der stetige Wechsel des Wetters. Vor allem aber ist es das Vertraute, das Heimische, das Gewohnte, das Liebgewonnene, das in weiter Ferne hinterm Horizont verschwunden ist und gedanklich doch so nah war.
Fragt man mich, muss ich mich den Kindern in manchen Vermissens-Angelegenheiten anschließen. Fragt man aber weiter, was wir auf dieser Reise gewonnen haben, so erstrahlt nicht nur das Grün der Wiesen durch diese neuen Welt- wie Weitblicke grüner, ist nicht nur der See blauer und das Wetter niemals mehr schlecht (denn nur des Regens wegen sind die Wiesen so grün), und dem Liebgewonnenen und Vertrauten gedeiht eine ganz neue, beinah sakrosankte Bedeutung an.
Wir haben die Fremde und die Weite kennengelernt. Und Nähe „erfahren“. Im wahrsten Sinne des Wortes. Je weiter wir uns Kilometer um Kilometer von Zuhause entfernt haben, waren wir angewiesen auf andere Menschen, auf deren Hilfe und deren Gastfreundschaft. Denn so autark, wie wir immer taten, waren wir gar nicht. Auch wenn uns der Wohnwagen immer ein Dach über dem Kopf geboten hat und uns stets ein Stück Heimat war, war es nichtsdestotrotz ein gutes Gefühl, unter dem Schutz und dem behütenden Auge fremder Menschen zu stehen. Klar, der Mitschuh hat Höchstleistungen vollbracht und sich echt einen Orden verdient, denn mit dem alten Golf wäre diese Reise zum regelrechten Himmelfahrtskommando geworden. Dennoch sind wir hin und wieder an unsere Grenzen geraten. Sei es auf einer bosnischen Gebirgsstraße mit „überhöhter“ Steigung, zu vielen zu engen Kurven und einem fetten LKW gewesen; sei es die beinah unüberwindbare Hürde des Llogara-Passes gewesen; vor allem aber war es mit dem Erreichen unseres Zieles, der Lagune von Butrint, das Gefühl, verdammt weit weg von daheim zu sein. Nicht, dass sich diese Distanz mit dem Flieger nicht gut überbrücken ließe, aber mit dem Wohnwagen im Schlepptau und den verkehrstechnischen Herausforderungen war mit einer mehrtägigen oder auch mehrwöchigen Reise durchaus zu rechnen. Manchmal lag es aber einfach an meinen Selbstzweifeln. Und da muss ich immer wieder an die beiden Polen zurückdenken, die uns am hanebüchenen Holzbrücken-Grenzübergang von Bosnien nach Montenegro mit ihrem Wohnwagen entgegengekommen sind. Da war ich mal kurzzeitig und hinsichtlich der Straßen-, Steigungs-, Brücken- und Zollverhältnisse ziemlich am Ende meiner nervlichen Belastbarkeit (denn kein Mensch fährt hier mit einem Wohnwagen entlang!). Daumen hoch, Lachen im Gesicht, Optimismus und Zuversicht ausstrahlend zogen sie an uns vorbei, winkten aus den offenen Fenstern: „No problem!“ In diesem Moment tat das ganz schön gut! Anything goes. Panta rhei. Sogar im zähfließenden Grenzübergangsverkehr. Und die Brücke? Die wird schon halten und breit genug sein! Schließlich kamen die beiden da auch rüber …

Von der Sprache verstanden wir reichlich wenig, was aber gar nichts ausmachte. Denn Albanisch unterscheidet sich so ganz und gar vom Slawischen, wozu wir hierzulande ja bereits jahrzehntelange Gelegenheit hatten, dieses weiche Zungenstoßen in unseren touristisch-relevanten Sprachschatz aufzunehmen. Die Grammatik des Albanischen indes erschloss sich mir erst nach und nach beim Studieren der Ortsschilder und Landkarten bezüglich seiner bestimmten und unbestimmten Form, vor allem aber durch Nachfragen, was wie heißt und weshalb was so oder so geschrieben wird. Kommunikation war selbstredend, Englisch der kleinste gemeinsame Nenner. Die wichtigsten Begriffe waren mir besonders wichtig: Guten Tag. Auf Wiedersehen. Bitte. Danke. Alles andere ergab sich von allein. Was sich mir aber nicht erschloss, war das Verkehrsverhalten der Albaner. Nicht, dass dies ein aggressives Verkehrsverhalten gewesen war, ganz im Gegenteil. Es war und ist dies von einem selbstverständlichen Chaos geprägt, dass es schon wieder seiner eigenen Ordnung gehorcht und auf das jeder mit ebenso großem Selbstverständnis reagiert. Mein verkehrsregelnder „Einsatz“ am Llogra-Pass sei da nur als ein Beispiel angeführt. Wie schnell man sich solche Gepflogenheiten doch aneignet … Warnblinker an, Motor aus. Egal wo man steht und fährt. Aussteigen. Alle anhalten. Das läuft immer! Jeder fährt drum rum oder wartet stoisch ab, keiner hupt (höchstens zum Überholen, was übrigens eine gute Sache ist). Den Vogel übrigens zeigt auch keiner, einzig vielleicht in den 24 Federn des Wappentieres am Wimpel, auf den die Albaner besonders stolz sind und der für die 24 geschlagenen Schlachten Gjergj Kastriot Skanderbegs gegen die Osmanen allerorts im Winde weht.
Kastrio heißt auch jede zweite Tankstelle und versucht namentlich auf ätherische Weise dem Nationalhelden nahe zu kommen. Wenig heldenhaft, denn der Verbrauch war mit Wohnwagen ziemlich hoch, haben wir haufen-, ja hektoliterweise Benzin verfahren und in den Städten die Abgase der alten Mercedesse eingeatmet. Der Mathematiker unter uns hat noch Urlaub, ich dagegen kann’s nicht mal grob umreißen. Was ich ungefähr abschätzen kann, ist eine gefahrene Strecke von knapp 5.000 Kilometern.
Auf 5.000 Kilometern passiert viel, und man passiert viel. Keinen Kilometer davon möchte ich missen. Nicht jene zäh dahinfließenden auf dem Autoput und auch nicht jene „kurzen“ 15 zum Boracko Jezero, welche gefühlt die längsten Kilometer meines Lebens waren. Denn das gehört zu einer Reise so sehr dazu, wie zum ganzen Leben. Gute wie schlechte Zeiten. Höhen und Tiefen und manche Steigung, die es zu überwinden gilt.
So vieles möchte ich nicht missen, das mir unser Leben hier im mäßig begünstigten Sommer dadurch umso wertvoller erscheinen lässt. Aber einiges werde ich vermutlich mein Leben lang vermissen. Sofern ich dieses Land Albanien, überhaupt ganz Balkanien, nicht wieder bereisen werde(n würde …)
Vermissen würde ich vor allem die vielen unerwarteten und zufälligen Begegnungen. Von solchen Begegnung bleibt ganz schön viel hängen. Auch wenn man sich vielleicht nie wieder im Leben begegnen wird. Mit Stephan und Heidi werden wir vielleicht über unsere Blogs in Verbindung bleiben; Gudrun und Frank sind ein wunderbarer Beweis, dass man auch mit einem großen, schweren Fendt-Wohnwagen so eine Reise wagen kann; Verena und Hendrick sind wir ewig in Dankbarkeit verbunden, da sie uns die einsturzgefährdete Brücke erspart und uns vielleicht vor einer Katastrophe bewahrt haben. Elisabeth und ihr Freund aus Nürnberg „verfolgen“ uns weiterhin und werden im Winter vielleicht auf das neue Buch stoßen, und auch mit Zhanisa und Julian bleibe ich über Facebook in Kontakt. Man sollte sich aber niemals vornehmen, sich wieder zu treffen oder Kontakte zwanghaft aufrechtzuerhalten. Aus Erfahrung klappt so etwas nie! Umso größer ist dann die Freude, wenn man sich irgendwann zufällig an einem völlig unerwarteten Ort über den Weg läuft. Wie Helmut und Tilli aus Fürstenfeld in Ulcinj …

Was haben wir noch gelernt?
Außer einem erweiterten Wortschatz und einem daraus resultierenden lustigen Kauderwelsch haben wir einige Buchstaben aus einem imaginären verstaubten Scrabble-Säckchen herausgekramt und zu zwei in Vergessenheit geratenen Wörtern zusammengestückelt. „Demut“ und „Dankbarkeit“ kam dabei heraus. Das ist zunächst gar nicht so einfach, diese beiden Begriffe in unseren Sprachschatz zu integrieren. Denn diese Twin-Terms haben wir längst ersetzt durch „Geschäft“ und „Kaufkraft“ oder „Leistung“ und „Gegenleistung“. Bezahlt wird mit barer Münze oder Kreditkarte, der Deal besteht in einem angemessenen Produkt oder einer entsprechenden Dienstleistung. Da ist ein „Danke“ nicht vonnöten, handelt es sich doch lediglich um einen wirtschaftlichen Handel. „Ich gebe dir Geld, du bietest mir Nachtquartier und Logis.“ Wenn hierbei nun aber etwas ins Ungleichgewicht gerät, geraten wir schnell an die Grenzen unseres Sprachschatzes. Es fehlen uns schlichtweg die Worte. „Das können wir nicht annehmen“, stammeln wir beschämt ein paar Phrasen und wollen unmittelbar ein monetäres Gegengeschäft abschließen. Man würde sich dadurch gleich besser fühlen, denn so viel Gastfreundschaft und so viel unvoreingenommene Herzlichkeit sind wir nicht gewohnt.
Für den Albaner indes wäre es beschämend, wenn wir diese Gastfreundschaft nicht annehmen würden oder für all die aufgetragenen Speisen und Getränke mit Geld bezahlen wollten. Manche Dinge sind schlichtweg unbezahlbar. Und dann ist mit einem einfachen „Danke!“ mehr gesagt als mit tausend Worten. Faleminderit!

Und zuhause?
Die Tomaten sind von den Nachbarn gegessen (zum Glück der Kinder), der Zuckermais ist reif (Yippiehh!), die Karotten sind in diesem Jahr (mal wieder) klein und krumm geraten, aber lecker; die beiden Kater Karle und Konrad laufen sich vor dem Sofa Rang und Namen ab; der Wohnwagen ist geputzt, der „wandernde Küchenblock“ wieder fixiert und auch sonst einige gelöste Schrauben nachgezogen; der Beschluss ist gefasst, der Hobby packt das nochmals; der Mitschuh wird noch diese Woche gewaschen, damit er wieder aussieht, wie ein ordentlicher Mensch; das Gras ist gewachsen … So hoch, dass der Rasenmäher an seine Grenzen gerät und so viel, um über der ganzen düsteren Geschichte Albaniens einem gesunden Flor auf einem fruchtbaren Nährboden beim Wachsen zuhören zu können.

Idas Freundin Nina hat für unser Haus ein Plakat gemalt: „H  E  R  Z   L  I  C  H    W  I  L  L  K  OmmeninderUnterenGallusstraße!“ (Der Platz wurde knapp!) Auf albanisch heißt das „Miresevini“ (also nicht: „Der Platz wurde knapp!“, sondern „Herzlich willkommen!“)
Denn Platz für „Willkommen!“ ist an jedem Ort und in jedem Haus.