Gegrüßet seist du, Maria …

Sonntagmorgen in der Herzegovina. Die Glocken wollen überhaupt nicht mehr aufhören zu läuten, viertelstündlich wird zur Messe gerufen, ganze Melodien elektronischer Hochgesänge fallen wie von Übelkeit geplagt bröckelnd vom Kirchturm herunter, die Massen strömen, die Menschen stehen vor geöffneten Türen, weil kein Platz mehr im Inneren ist …
Mostar und die Taten gottlosen Greuels haben wir bereits im vergangen Jahr besucht, heuer wollten wir uns ein bisschen esoterischer der Vergangenheit dieses Landes annähern. Die Frage, ob Gott überhaupt an irgendeinem Ort auf dieser Welt wohnt, wenn nicht in jedem Menschen selbst – und ganz gleich, ob Gott oder Allah Insasse der menschlichen Seele ist – lässt sich in diesem Land nur schwer beurteilen, geschweige denn, verifizieren. Es scheint längst ein Wettrüsten eingesetzt zu haben. Und da werden wirklich schwere Geschütze aufgefahren. Zahllose Minarette zeigen mit ihren spitzen Finger-Zinnen scheinbar spöttisch auf all die Kruzifixe, die in der Herzegovina haushoch den Halbmond-Lanzetten überlegen sind. Jeden Hügel ziert eines dieser gewaltigen Golgotha-Gedenk-Mäler; Kirchtürme schießen wie träge Geschosse kreuzfeuernder Katapulte meist sogar als Twin-Towers aus der glutheißen Erde. Überall wird an Gott, den Allmächtigen erinnert und in so kultischer wie kompromittierender Manier auf seiner Existenz beharrt, ja, geradezu jeden von dieser Tatsache überzeugt und zu dieser Meinung verdonnert. Mohammed scheint hier tatsächlich nur ein kleiner Prophet zu sein. Die Hosen an hat aber an einem ganz bestimmten Ort jemand ganz anderes: die Mutter Gottes höchstpersönlich.

„Medugorje müssen wir uns unbedingt anschauen, wenn wir schon einmal hier sind“, sagt Jörg mit einem leicht spöttischen Unterton. „Denn dieses Spektakel dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“ (Dazu muss gesagt sein, dass das „d“ in Medugorje bezeichnenderweise von einem Querstrich „gekreuzt“ ist, was dieses „d“ zu einem „dsch“ macht, aber meiner Tastatur reichlich egal ist. Tsss …)
Ich hab mich zuvor leider viel zu wenig mit diesem vermeintlich spirituellen Ort beschäftigt, wusste, dass dies in etwa dem „Lourdes des kleinen Mannes“ gleichkommt, dafür aber ein Riesen-Brimborium darum gemacht wird. Ganze Bus-Karawanen reisen Tag für Tag in dieses kleine Dorf in den bosnischen Bergen – anstatt den Zielort an der Windschutzscheibe deklariert, lediglich mit einem schmachtend dreinblickenden Marienbild versehen – vornehmlich Italiener, Polen und Kroaten. Aber selbst Araber sind uns gestern scharenweise begegnet, und klar, auch an vielen deutschen Autos prangt nach dem Erlebnis der Erscheinung nicht nur der geschwungene zweibögige Fisch am blechernen VW-Passat, sondern baumelt auch der Rosenkranz symbolschwanger vom Rückspiegel.
Rosenkränze und Aluminium-Marienamulette werden hier übrigens zum Kilopreis feilgeboten. Wie Erbsen im Supermarkt sind sie hübsch in Plastiktüten abgepackt; die Amulette dagegen kommen wie im Bioladen mit der Schaufelkelle in die Tüte. Dazu gibt es Plastikrosen, deren auf Knopfdruck zu öffnender „Kopf“ Maria und das Kreuz preisgibt. Mutter-Gottes-Bilder in einem Ausmaß, das den Louvre zum Platzen brächte und Kunststoff-Marien-Statuen, von denen Disney-Land nur träumen kann. Weihwasserflaschen „to go“ mit praktischer Spritz-Vorrichtung, heilige Hüte, geweihte Talare mit grauenhaft-kitschigen Stickereien für den heimlichen Hausgebrauch, Nippes, Nippes, Nippes … Weiß Gott wofür …

Weil sechs Kindern am 24. Juni 1981 auf einem Berg oberhalb des kleinen Kaffs inmitten der bosnischen Provinz abends um 18.40 Uhr die Heilige Maria in Fleisch und Blut erschienen sein soll. Auf einer Wolke schwebend, das Jesuskindlein auf dem Arm tragend. Fürderhin tat sie dies, also das tragende Erscheinen jeden Abend zur selben Stunde. Sprach weise Worte und wies von nun an den Weg. Und fürderhin ist das Dorf auf einem guten Weg, mitsamt des scheinschwangeren Marienkultes Jahr für Jahr zu expandieren.
Ein Wunder! Ein Wunder! Und so schnell wurde aus dem Ort eine ebenso verwunderliche Versammlungsstätte für noch wundersamere Gäste aus aller Welt. Und Hotels und Pensionen konnten sich vor deren Ansturm gar nicht retten. Die Elternpaare der vier „Vidioci“, der sogenannten Seher (der ersten Generation, später gabe es noch weitere…), waren fein raus – und mitten im Geschäft.
Längst wird hier gehuldigt, was das Zeug hält, und gebüßt, was die Knie aushalten. Aber Halt! Auch im Büßergeschäft hat der Fortschritt Einzug gehalten, und es lassen sich mittlerweile recht komfortable Kniekissen aus Schaumstoff erwerben. Ich kenne diese Dinger nur aus dem Gartencenter als Unkrautjäthilfe. Aber Unkraut vergeht nicht, und lustig ist der Anblick der ganzen Rucksacktouristen allemal, an deren Backpack diese Bußhilfen unbefangen im Wind baumeln, bevor es gilt, den Erscheinungs-Hügel knielings hochzurobben.

Bevor wir uns allerdings die Überspitzung des christlichen Gedankens vor Augen führen wollten, waren wir in der sommerlichen Hitze zunächst darauf aus, zum mittäglichen Picknick an den Kravnica-Wasserfällen ein so kühles Bad wie Bier zu nehmen. Alleine waren wir an diesem zauberhaften Ort gewiss nicht, und es schien, die Reise-Routen glichen sich alle. Den Meisten der „Wasserfall-Pilger“ war zwar nicht ins Gesicht, dafür auf ihre umgehängte Chipkarte geschrieben, dass sie zu irgendeiner dieser Medugorje-Reisegruppen zählten. Es hatte aber alles noch Zeit. Denn die Erscheinungszeit war erst auf 18.40 Uhr festgesetzt. Man muss sich das in etwa so vorstellen, wie eine Daily-Soap auf RTL. SZGZ auf Bosnisch. Schlechte Zeiten, gute Zeiten. Tag ein, Tag aus. Und alles floß. Nicht nur der Wasserfall, auch der Schweiß.

Die Kinder im Wasser, Jörg und ich „im Urlaub“ beim Mittagschlaf am Beach. Noch ein paar Fotos, bevor es galt, zusammenzupacken und weiterzufahren. Schließlich wollten wir die Maria nicht verpassen.
Dazu gesagt sein sollte, dass mein Foto seit Ulcinj und dem Strandleben mit ein paar Sandkörnern in seinem Getriebe mal mehr, mal weniger gut zurecht kam. In den letzten Tagen eher weniger. Aber nach Gut-Zureden ging’s dann immer wieder.
„Einmal noch Handstand im Wasser“, forderte ich Marlene dazu auf, vor der Kamera zu posieren und war positiv gestimmt, dass die Kamera kaum mehr Zicken machte.
„Auf die Plätze, fertig, los!“
„Mach, Mama! Ich kipp gleich um!“
Marlene kippte, aber es klickte nicht. Die Blende wollte sich partout nicht mehr öffnen. Auch nicht nach langem Probieren, Schrauben und Gut-Zureden.

Ich war nicht nur genervt, ich war verzweifelt. Was sollte ich jetzt tun ohne Fotoapparat? Wer glaubt mir schon, was ich hier so schreibe, ohne „Beweise“ dafür abliefern zu können. Und wie sollte ich um Gottes Willen den Moment festhalten?
Handy geht für mich gar nicht, denn das hat mit Fotografie rein gar nichts gemein. Denn wenn ich all die Handy-Knipser beobachte, frage ich mich, warum Orte besucht und bereist werden. Orte, wo von „erleben“ niemals die Rede sein kann. Code eingeben, idealerweise Fingerprint; wischen, tippen. „Klick“ als elektronisch generiertes Geräusch. Weiter geht’s. Der Rest lässt sich zuhause anschauen … Oder auf Facebook und Instagramm posten, damit auch die „Freunde“ dabei waren und ihren Kommentar dazu abgeben.

Ohne Fotoapparat (oder mit Fotoapparat in Verweigerungshaltung) also nach Medugorje.
„Bitte, bitte, liebe Maria, jetzt hast Du eine echte Chance, Deine Wunder zu beweisen. Und dann glaub ich auch an Dich“, murmelte ich mantramäßig vor mich hin. Immer wieder schaltete ich den Foto ein und wieder aus und vergewisserte mich, dass das Objektiv nicht (oder doch!) funktionierte.
„So läuft das nicht“, sagte Jörg schmunzelnd. „Die lässt sich nicht erpressen. Erst mal musst Du an sie glauben. Die macht nur auf Vorkasse.“
Mittlerweile glaube ich, dass sie eine ganz schöne Ulknudel ist, die Maria. Und mittlerweile glaube ich auch, dass die weiterhin geschlossene Blende an meinem Fotoapparat zu diesem Zeitpunkt zwar ein Zufall ist, mir diese Tatsacht aber dennoch die Augen geöffnet hat. Denn kann es nicht sein, dass man viele Dinge erst hinter geschlossenen Augen sieht und sie dadurch umso klarer und deutlicher wahrnimmt? Und somit erst zum wahren „Seher“ wird?

Die Maria um 18.40 Uhr haben wir verpasst. Es war einfach zu heiß mittags um drei. Wir wollten zum Baden. „Heim“ zum Wohnwagen, der im Schatten an der kühlen Buna stand.
Ich glaube, Gott und die Welt hat Verständnis dafür.

image

image

image

image

20160827_151245.jpg

20160827_175956.jpg

 

Dieser Beitrag wurde in Bosnien veröffentlicht.
Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.