Aufbauarbeiten

Viele werden sich bei unseren Erzählungen fragen: Wie hält man das aus; vor allem aber: Warum macht man so etwas? Etwas, das mit Urlaub aber auch rein gar nichts zu tun hat? Der Frage angeschlossen und nach dem Semikolon gleich die nächste Suche nach einer Antwort: Macht sowas denn Spaß, oder ist das nicht einfach Dauerstress auf fünf Wochen verteilt und der herbeigesehnte Alltag wohlverdiente Auszeit?
Klar gibt es diese Zauderer und Zögerer, die Reinen-Urlaub-Macher wie die All-Inclusive-Maker. Und ich werde einen Teufel tun, darüber in irgendeiner Weise zu urteilen. Denn in der Tat hat dieses Reisen, wie wir es praktizieren, mit Urlaub wenig gemein, wenngleich es für mich – und ich möchte mal behaupten auch für Jörg und die Kinder – zur expansiven Horizonterweiterung und intensiven Alltagsflucht mehr als förderlich ist.
Wir haben also in den vergangen drei Tagen zweimal ab- und einmal neu aufgebaut. Die „Küchenzeile“ ist seit Tagen dabei, sich selbstständig zu machen und mit gelösten Schrauben durch den Wohnwagen zu wandern, was aktuell einige „Bauarbeiten“ erfordert.

Irgendwie ist so ein Umzug jedes Mal ein bisschen, als ob man sein Haus an einer neuen Stelle errichtet. Man ist auf der Durchreise, wobei nicht die Fahrt und die daraus resultierende Destination, sondern immer der Weg das Ziel ist. Irgendwann beschließt man, just an dem Ort, wo’s einem gefällt, seine Zelte aufzuschlagen – oder eben an dieser Stelle ein Heim auf Zeit zu errichten. Alle paar Tage wieder. Und jedesmal ist Heimat ein anderer Ort.
So waren wir gestern ab Nachmittag und nach Überqueren der Bucht von Koter per Fähre bei Uroš und seiner Familie beheimatet, wo wir bereits im vergangenen Jahr zwei Tage verbracht hatten. Von diesen Tagen freilich hatte ich damals recht wenig mitbekommen, war ich doch von einer fiebrigen Angina außer Gefecht gesetzt. Jetzt wollte ich diesen Ort einfach nochmals besuchen.
Und was soll ich sagen? So, wie in meiner Erinnerung, trotz meines einstigen Fieber-Deliriums heute als Reinzeichnung wahrgenommen, hat dieser Platz nichts von seinem Charme verloren. Die Kai-Mauer an der so wuseligen wie familiären Strandpromenade ist für mich immer noch „Best Place to be“ am Abend, wenn die großen Kreuzfahrtschiffe die „Boka Kotorska“ verlassen und die kleinen Fischerdörfer, die längst keine mehr sind, sondern von einer großen Zukunft träumen, endlich wieder zur Ruhe kommen und zu sich selbst finden – und der Rotwein sein Übriges dazu tut.

„Hey, was macht denn ihr hier?“, ruft’s von unten am frühen Abend, wie wir oben auf unserem warmen Steinmäuerchen unter der Bougainvillea sitzen und dem munteren Treiben zuschauen.
Elisabeth ist heftig am Winken und freut sich sichtlich, uns wieder zu treffen. Ich hab sie noch nicht einmal gleich erkannt, beziehungsweise konnte ich sie nicht unmittelbar einem Ort und einer Begegnung zuordnen, so viele Begegnungen und Orte sind uns auf dieser Reise buchstäblich widerfahren oder wir ihnen.
„Ja klar, Lake Shkodra bei Nico!“, fällt es mir wieder ein. Und klar scheint sie zusammen mit ihrem Freund auf den Spuren unsere letztjährigen Reise zu sein. Viel weiter aber seien sie noch gereist. Ebenso wie wir bis nach Südalbanien. Ob sie auf den Spuren unserer diesjährigen Route waren, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Immerhin aber wussten sie von unserem neuen Blog …

Von Uroš heute morgen herzlich verabschiedet, sind war also zurück in Bosnien angekommen. Die Fahrt hinauf ins Orjen-Gebirge war atemberaubend schön, und hinter jeder Kurve habe ich mich ungläubig geäußert: „Sind wir nicht falsch? Oder hat das der alte Golf letztes Jahr tatsächlich geschafft?“
Jetzt schaffte es der Mitschuh, und zwar locker mit dem Wohnwagen im Schlepptau, wenngleich andere Strecken – selbst in neuen Bergschuhen – den Golf vor eine nicht bezwingbare Herausforderung gestellt hätten. Wie etwa der Llogara-Pass.
Der Grenzübertritt von Montenegro nach Bosnien verlief zum allerersten Mal erstaunlich flink, und die darauf folgende Bergstrecke wurde von nichts mehr unterbrochen als von Einsamkeit, Landschaft, Wildnis und Weite. Und diese Landschaft hält hier ihre Lieblingsrede: Ohne Menschen kein Müll! Reine Luft, reine Weite. Und lediglich verirrte Kühe lungern hier im Weg rum.
„Brauchen die auch einen Pass“, fragt Jörg.
Ich zucke die Schultern.
Wie ohnehin das Schulterzucken ob dieser Landschaft die trefflichste und gleichzeitig unterwürfigste Geste ist. Entweder man benötigt hier starke Nerven oder einen Jeep. Ich habe weder das eine, noch das andere. Was aber nichts ausmacht und irgendwie auch geht … weil Jörg starke Nerven hat und obendrein über Fahrkünste verfügt, die ich andauernd anzweifle. (Hier an dieser Stelle möchte ich mich einmal bedanken für seine Langmut, für seine Nerven, was hauptsächlich meine Anwesenheit anbelangt, vor allem aber für seine Gelassenheit auf dieser Reise.)
Der Süden Bosniens ist ein Landstrich, der mit einer faszinierenden Kulisse aufwartet. Weiße Berge, die suggerieren, trotz unbarmherziger Hitze Schnee auf ihrem Haupt zu tragen. „Bijelasnica“ ist nur ein Name dieser Bergriesen. Und „Bijela“ bedeutet „weiß“. Der Himmel blau, das Land mit staubtrockenem Ocker gepudert, trutzhafte Krüppelgewächse in steinerner Flanke kauernd in kräftiges Dunkelgrün getunkt, Felsausbrüche so weiß wie Schnee … Und die gelegentlichen Minen-Warnschilder so rot wie Blut.
Blut wurde in diesem Land genug vergossen, und dennoch herrscht immer noch nicht wirklich Frieden und Einigkeit auf Balkanien. Keiner weiß wirklich, warum. Auch nicht, worum es jemals ging. Alles scheint irgendwie im Aufbruch und immer noch im Neuaufbau zu sein.

Auch Gaga zeigt sich im Aufbaufieber. Aber nicht auf den ersten Blick. Denn auf den ersten Blick ist hier am River Camp kurz vor Mostar und kurz nach drei alles beim Alten. „Help yourself“ steht nach wie vor auf dem Schild am Eingang, und Gaga glänzt mit Abwesenheit. Auch scheint sich sonst nichts verändert zu haben. Wir helfen uns also selbst und installieren uns direkt am Ufer der Buna (eine andere Buna, als die albanische. Aber scheinbar hören hier viele Flüsse auf diesen Namen).
Die Zeltnachbarn nebenan erzählen von ihren Reisen, während wir erzählen, dass „Gaga“ bei uns so etwas wie „verrückt“ bedeutet.
„Oh yes, he’s such a crazy guy“, lacht der Belgier von Nebenan. Aber ebenso gastfreundlich sei er und seine Familie.
Deswegen sind wir hier. Kurze Zeit später, nachdem die Mama das gröbste „Wildcampen“ geregelt hat, taucht Gaga auf.
„We are back“, sagt Jörg.
„Welcome back“, sagt Gaga. Und lacht. Ein Lachen, das so tief von Herzen kommt, wie der Blick, der aus diesen unsäglich flauschigen Vogel-Strauß-Augen all seine Empathie für dieses „Camping-Geschäft“, vor allem aber für seine Gäste preis gibt.
Etwas verändern müsse er sich und den Platz nichtsdestotrotz, blinzelt er plüschig zwischen seinen ebenso tierischen Segelohren hindurch.
Das Wort „Tourismus“ scheint auch hier angekommen zu sein. Endlich. Denn dadurch erschließt sich ein neuer Wirtschaftszweig. Und das tut diesem Land gut. Anders als in Albanien, scheint Bosnien nach wie vor in einer Art Dornröschenschlaf zu schlummern. Dornenbewehrt, von Minen gespickt, von Vorurteilen gezeichnet. Gegen die Vorurteile ist anzukommen, die Dornen lassen sich roden; nur die Minen, die „bezeichnen“ dieses Land noch für viele, viele Jahre. Sagt Peter von der EUFOR.
Gott sei Dank gibt es exakte Minenverzeichnisse, und tatsächlich waren wir heute auf der Suche nach einem Minen-Warnschild für Marlenes Kinderzimmer.
Nur wenn zwei unmittelbar nebeneinder stünden und eines überflüssig erschiene, könnten wir eines mitnehmen. Auch das sagt Peter. Ansonsten läuft ein anderer Gefahr, buchstäblich aufzufliegen …
Demgemäß beließen wir alle Schilder an Ort und Stelle, und Marlenes Zimmer bleibt somit Zone innerfamiliärer Detonationen.

Der Wind bläst von der Neretva hoch. Das Wasser der Buna verströmt einen unvergleichlichen Sommerduft. Die Grillen zirpen. Die Kinder haben ihr „Flussbett“ aufgeschlagen.
Panta rhei.

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