150 Pferde und ein Glücksschwein

Gut, dass es immer schlimmer kommen kann. Denn dann ist das vermeintlich Schlimmste gar nicht mehr so schlimm. Wie unsere gestrige Etappe durch die bosnische und später montenegrinische Bergwelt.
Nach der Nachricht von Verena und Hendrik stand für uns also endgültig fest, dass wir den langen Weg über die Treskavica nicht nehmen würden. Als Alternative blieb die Bergetappe zurück über Konjic nach Sarajevo. Die Route „sicherheitshalber“ einmal ohne Wohnwagen abgefahren und jede Ausweichbucht und sämtliche Steigungen gecheckt, waren wir immerhin zuversichtlich, dass dieses Unterfangen nicht ganz hoffnungslos sei.
„Fahrt morgens ganz früh oder abends ganz spät“, war der Rat der beiden Tramper, die wir Tags zuvor mit runter ins Tal genommen haben. Dass Samstag morgens um sieben nicht mehr ganz früh sein sollte, stellten wir schnell fest. Denn es gab vor uns frühere Vögel …
Während Marlene noch schlief, hing Ida ziemlich in den Seilen. Das Gute daran, in den Seilen zu hängen, ist, dass man in diesem Fall einfach den Kopf aus der Hängematte recken muss, wenn einem zum Kotzen ist. Ida war zum Kotzen. Und das schon die ganze Nacht. Entsprechend sah es unter der Hängematte aus … Und entsprechend groß war meine Sorge, dass das Kind ernsthaft krank sein könnte. Das Kraxelmanöver mit dem Wohnwagen über dieser Sorge beinahe vergessen, tuckerten wir also morgens um sieben am Boracko Jezero los.
Kind gut im Wohnwagen gebettet und mit einer großen Spuckschüssel ausgestattet, lief es ganz gut an. Die 150 Pferde unter der Motorhaube ackerten auf Hochtouren, während das Glücksschwein in seinem Blechdösle sein Übriges tat. Es kamen nur wenige Autos entgegen, und wir kamen nicht aus dem Schwung. Nichtsdestotrotz: Ich war ein Nervenbündel. Und ergo nervte ich wohl gewaltig. „Sei endlich still!“, herrschte Jörg mich an. „Du hast jetzt nur eine einzige Aufgabe: nämlich als Gewicht auf der Vorderachse zu dienen.“ Klar, dazu war ich mal wieder recht … 🙂
„Ich muss kotzen“, winselte eine verzweifelte Ida von der Rückbank. „Halt sofort an, sonst verleert sie die Schüssel im Auto“, zeigte ich mich etwas überreizt. Irgendwie haben wir den Scheitelpunkt noch erreicht und auch eine Haltebucht gefunden. Die ganze Fahrerei ließ mich plötzlich ziemlich kalt.
Serpentine um Serpentine wieder bergabwärts dann ein noch größeres Dilemma, das mit dem Magen-Darm-Infekt einherging und einen unplanmäßigen Waschtag auf halber Höhe erforderte, wo eine Quelle aus dem Berg floss …
Irgendwie sind wir unten in Konjic angekommen. Ziemlich fertig, aber gar nicht so sehr wegen der Steigung und der einspurigen Straße. Wir hatten ja genügend Pferde … Und viel Glück.
Es konnte also weitergehen, nur Sarajevo wurde aufgrund des Regens als Besichtigungs-Hotspot ersatzlos gekürzt. Die Stadt mussten wir dennoch passieren, was relativ unkompliziert war, und so haben wir uns Kilometer um Kilometer dem bosnischen Grenzübergang und somit Montenegro von seinem hintersten Zipfel genähert.
Gut zu wissen, dass das „Monte“ in Montenegro nicht von ungefähr kommt. Denn es herrschen überwiegend Berge vor. Und diese Berge lassen kein Bergsportlerauge trocken. Alle anderen heulen vor Glück über diese Naturschönheit. So fürstlich erigiert wie einsam stehen diese Berge da. Sieht man einmal vom Durmitor ab, denn da ist mächtig was los. Bis wir allerdings in diese einsamen Berge gelangen sollten, bedurfte es an Geduld. An sehr viel Geduld.
An Foça im Südosten Bosniens vorbei, waren es „eigentlich“ nur noch zirka zwanzig Kilometer an der Drina entlang bis zur Grenze. Die Landschaft zeigte sich trotz des Regens von ihrer eindrucksvollsten Seite, und die Drina … ja, die Drina, die erzählt voller Anmut ihre eigenen Geschichten und kann ein Lied von Krieg und Frieden singen. Längst reingewachsen fließt sie türkisblau dahin, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte. Dennoch lässt sie die vielen Toten, die einst von Visegrads Brücke in den Fluss gestoßen wurden und sanft gebettet von ihrem Strom davon getragen wurden, zu Wort kommen, um sie niemals in Vergessenheit geraten zu lassen.
„Das können die doch nicht machen!“, bin ich aus meinem Gedankenfluss erwacht. „Was können die nicht machen?“, fragte Jörg. „Die können doch nicht so eine Straße auf der Landkarte als eine rote kennzeichnen, und jetzt hat die noch nicht mal mehr einen Fahrbahnbelag!“
Doch, das können die. Sehr gut sogar. So, wie die noch viel mehr können. Oder eben nicht. Denn von Fahrbahn konnte längst nicht mehr die Rede sein. Ich wurde mal wieder leicht panisch. Zwar wurde ich das leicht, aber irgendwann fassten die Kinder den Beschluss, mir in der nächsten Apotheke Valium zu besorgen. „Halt jetzt die Klappe und halte einfach die Kamera zum Fenster raus, um das hier zu filmen. Das glaubt uns sonst keiner“, kommandierte Jörg mich ab. Ach, war doch eh grad alles egal, denn ein Zurück gab es nicht. Wohin denn auch? Und ich war wenigstens beschäftigt. Solange, bis schließlich gar nichts mehr ging. Und das ging ziemlich lange. Mindestens zwei Stunden am Grenzübergang Sçepan Polje gewartet, bis wir endlich an der Reihe waren, stellten wir fest, dass die einzige Möglichkeit, nach Montenegro zu gelangen, über eine zirka drei Meter breite, recht baufällig wirkende Holzbrücke führte. Alle Mann im Einsatz, wurden wir direkt ab Zollstation irgendwie auf diese Brücke raufbugsiert. Glücklicherweise hielt sie auch, und so erreichten wir völlig entnervt und ziemlich adrenalingeladen des montenegrinische Bergland.
Wo die vielen Autos geblieben waren, die mit uns an der Grenze auf die Abfertigung warten, wusste keiner. Denn außer uns war scheinbar niemand mehr unterwegs. „Ich glaub’s ja nicht, da kommt ein Wohnwagen!“, zeigte sich Jörg ziemlich entgeistert. „Es gibt also noch mehr, die nicht ganz dicht sind.“ Die Fenster runtergekurbelt, ein großes Hallo … Die Sprache? Egal. Es waren andere Menschen genauso unterwegs wie wir. Die beiden älteren Polen strahlten übers ganze Gesicht. „No problem!“ sagte er und zeigte mit dem Daumen nach oben. „A lot of serpentines“, sagte sie und beschrieb eine verwegenen Kurvenlinie. „Good luck and good journey“, wünschten wir zurück.
Bis nach Albanien würden wir es heute wohl nicht mehr schaffen, und ein weiterer Grenzübertritt kam nicht in Frage. Pluzine am Piva-Stausee sollte also unser Übernachtungssplatz werden. Eine gute Idee, eine grandiose Kulisse, ein fantastisches und unglaublich billiges Abendessen in der Konoba nebenan, ein gewaltiges Gebirgsgewitter und ein äußerst gemütlicher Film-Abend im Wohnwagen …

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