Fahr- und Geschichtsstunden

„Können wir das schaffen?“ „Jou! Wir schaffen das!“ Wie Baumeister Bob in der Geschichte, klingen Tag für Tag Jörg und die Kinder, wenn es darum geht, Engstellen durch- und steile Berge hochzufahren. Während ich stetig dazwischen rufe: „Das reicht nicht!“ und „Wir kommen da niemals hoch!“ Bislang kamen wir durch und hoch und auch wieder runter und haben es also tatsächlich geschafft! Auch wenn dieser „Baumeister“ einst ein recht exzentrischer Typ gewesen sein musste. Was hat der Kerl sich hier doch alles einfallen lassen? Stein auf Stein hat er geschichtet, Brocken auf Brocken gehievt, und wo das göttliche Werk noch nicht zur vollsten Zufriedenheit vollbracht war, haben die Menschen einfach nachgeholfen. Nur die Straßen, die wurden dabei nicht so recht berücksichtigt und ziemlich schluderig in dieses Landschaftszenario gesetzt …

Nach gut zweiwöchiger Reise sind wir trotz aller Unwägbarkeiten auf dieser abenteuerlichen Reise quer über Balkanien tatsächlich im südlichsten Zipfel Albaniens an der Griechischen Grenze angekommen. In Butrint. Nicht immer führte diese Reise auf geplanter Route, und das wird sie auch weiterhin nicht tun. Und nicht immer haben wir daran geglaubt, überhaupt jemals hier anzukommen. Jetzt ist der Scheitelpunkt erreicht, und ab morgen begeben wir uns somit auf die Heimreise.
Auch diese Route wird uns nicht unsere geplanten Wege entlang führen, und das ist das Schöne an dieser Art, zu reisen. Vielen Menschen sind wir bislang begegnet, viele Hände haben wir geschüttelt, Gastfreundschaft genossen, Freundlichkeit erfahren und jede Menge Tipps bekommen. Von Einheimischen sowie von anderen verrückten „Mitreisenden“.
Nach der gestrigen Etappe und der frühmorgendlich gemeisterten Hürde vom Camping Kranea die steilen Serpentinen hoch, gemütlich die Albanische Riviera entlang, beziehungsweise auf und ab getuckert, wollten wir auf halber Strecke den Wohnwagen sowie den Mitschuh einmal in den Genuss einer ordentlichen Lavazh kommen lassen. Denn erstens sahen beide aus wie Sau und zweitens hatte das Gespann eine gründliche Wäsche mehr als verdient. Während der Wohni von Hand schamponiert, geschrubbt und gefeudelt wurde, sahen wir bei Kaffee und Frühstück dem morgendlichen Dorf-Geschehen zu. Da schaut der Esel mal an der Kaffeetafel vorbei und blickt neugierig drein, dann linst die Kuh um’s Eck, während die Ziegen immer wieder die Straße kreuzen. Dazwischen Kinder, Hühner, Männer unterm Dorf-Rrapi, Mercedesse, Milchlaster, sprich schwer beladene Pferdefuhrwerke … Bis das Wasser versiegt ist. Dem Auto-, ergo Wohnwagenwäscher tat das schrecklich leid, aber es kam schlichtweg kein einziger Tropfen mehr aus seinem Gartenschlauch. Für den Hobby hat’s gereicht, und er polierte noch lange an den Fenstern rum; der Mitschuh hingegen ist immer noch mit der Patina des gesamten Balkans überzogen … Ich glaube, man nennt das Vintage-Look 🙂

Am frühen Nachmittag sind wir schließlich in Ksamil angekommen. Linda und Alexander haben uns nach meinem Anruf bereits erwartet, und wir konnten unseren Wohnwagen zu fünf weiteren Wohnmobilen in ihrem Garten abstellen. Was die beiden aus diesem Gärtchen auf steinigem, trockenem Boden unter dieser unbarmherzigen Sonne gemacht haben, ist zauberhaft. Da wachsen Sonnenblumen und blühen Rosen, und unter schattenspendenden Weintraubenpergolen lässt sich’s gut aushalten. Auch ist es rührend, wie sehr sie um ihre Gäste bemüht sind, stets bewirten sie und kümmern sich den ganzen Tag über.
„Den Wohnwagen stellen wir nachher gemeinsam auf, erst gibt’s mal Eiscafé und Milchshake“, lud Alexander uns ein und zeigte uns den Platz, den er für uns vorgesehen hatte. Platz hat’s hier zwar kaum, aber da ihr Wohnhaus nur aus Erdgeschoss besteht und immer noch ein Dach fehlt, und weil das in Albanien so üblich ist, immer wieder mal – wenn etwas Geld übrig ist – ein zusätzliches Geschoss auf’s Haus zu setzen, bietet das üppig mit Teppichen (es regnet hier ja nie!) ausgelegte „Oberdeck“ weiteren Platz für kleine und größere Zelte. Einem bunten und quirligen Lagerleben sozusagen „upside-down“ gleicht das hier, wenngleich der Ort selbst sich von einer dermaßen „bunten“ Seite präsentiert, dass uns der hiesige Sommerferien-Trubel der Albaner doch etwas zu turbulent ist und wir morgen weiter ziehen wollen.

Heute aber zu früher Morgenstunde haben wir das sechs Kilometer entfernte Butrint besucht. Ein magischer Ort – dieses antike Buthronum. Solange man noch fast alleine ist. Sobald aber all die Italiener, die Griechen und sämtliche Urlaubsgäste vom nahen Korfu die antiken Stadtmauern stürmen, ist’s ganz schnell vorbei mit der Ruhe. Und da kann es durchaus passieren, dass am Parkplatz die heißblütigen Italienierinnen sich im Wrestling mit den kaltschnäuzigen Griechinnen üben. Wir befanden uns also schon im Aufbruch, als sich hier der große Einbruch ereignete. Und wir das muntere Treiben und Schieben der Karossen mit Schmunzeln beobachteten. Nix wie weg hier!
Mit der kleinen Holzfähre, die eigentlich gar keine Fähre ist, sondern ein baufälliges Floß an Seilen, haben wir so schnell es eben ging in diesem Seilwinden-Tempo, das Weite, oder das nahe andere Ufer gesucht und glücklich angelandet einmal die Lagune von Butrint umrundet.

Sobald man sich von den touristischen Hotspots beziehungsweise von den Stränden entfernt, an denen der Mercedes des Albaners nicht parken kann, ist man allein auf weiter Flur. Und diese Fluren sind ganz schön weit. Schafe über Schafe, Kühe auf ihren Weidegründen, Macchia durchstreifende Ziegenherden. Und keine Menschenseele, die dieses zauberhafte Bild über die Lagune von Butrint und die umliegenden Berge stören könnte. „Et in arcadia ego“, wusste schon Goethe schmachtend zu stöhnen, und auch der Romantiker Claude Lorrain hatte seine dahingepinselten Schäferidyllen gleichermaßen schwülstig tituliert. Auch in Arkadien waren wir. Wenngleich dieses Arkadien weitaus heißer und trockener daher kommt. Da ist nichts mit lieblichen Auenwäldern, kein grünes Gras, kein kühler Schatten; da herrscht Dürre, und die unerbittliche Sonne hat hier das sommerlange Sagen.

Es ist dies ein erstaunliches Land. Von einer landschaftlichen Schönheit gezeichnet, die nicht mit „lieblich“ zu umschreiben ist. Eine Landschaft, die schier den Atem nimmt, oftmals aber auch der Hitze wegen. Eine Landschaft, die sich hinter jeder Kehre verändert. Und Kurven und Kehren gibt es hier mehr als genug. Eine Landschaft, vor deren Kulisse man ständig „Oh“ und „Ui“ und „Hach“ und „Boah!“ rufen möchte. Es ist dies auch ein Land, das mit einer Geschichte aufwartet, die weit, ganz weit in die Vergangenheit reicht und von guten, geradezu paradiesischen Zeiten kündet. Aber auch und gerade die schlechten Zeiten machen die Geschichte dieses Landes aus.
Und diese Geschichte(n) macht die Menschen aus. Wo Wahrheit und Wahrscheinlichkeit sich treffen, entstehen Mythen. Butrint etwa bewahrt diesen Mythos. Und das Land in heutiger Zeit behütet seine Geschichte mit dem zornlosen Blick auf seine jüngste Vergangenheit. Und der Blick auf die Zukunft macht Mut und ist vielversprechend.

 

Bilder hochzuladen scheint hier unmöglich. Schlechtestes WLAN ever …

Sobald wir wieder vernünftig mit der Welt verbunden sind, gibt’s uns „Live und in Farbe“ 🙂

 

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