Der kleine Puck

Was dem Albaner fehlt, sind nicht allein vernünftige Straßen, auch ist das Defizit nicht mit ein paar mangelnden Verkehrsregularien zu benennen. Weder gilt die Infrastruktur als schwerwiegendes Manko noch das vermeintlich verbrecherische Klischee. Alles Fehlanzeige! Nein, es sind die Worte, die fehlen. Und das, obwohl diese Sprache mehr als blumig daherkommt und onomatopoetisch von recht leicht verständlichem Klang ist. Da heißt etwa „Autowäsche“ einfach „Lavazh“ (wobei das „zh“ als „sch“ ausgesprochen wird, unser Auto aber leider immer noch davor „verzhont“ blieb), „Plage“ (also Strand) heißt „Plazh“ und „Dusche“ heißt „Duzh“. Für manchen Ausdruck und manche Eigenschaft indes wurde bislang noch kein Wort gefunden. Wie eben auch für „Wandern“. Heute aber waren wir beim Schnorcheln. Also beim „Wasser-Wandern“ von Höhle zu Höhle.
Was diesen „Wasser-Wanderweg“ ausmacht, ist nicht nur seine badewannenwarme Temperatur, sondern vor allem seine Farbe. Eine Wasserfarbe, die ich nie zuvor in dieser Brillanz und Klarheit gesehen habe. Und auch nicht in so vielen chargierenden Farbtönen. Würde mich jemand nach einer Beschreibung für dieses Blau fragen, würde ich zunächst die Schultern zucken, wie sie auch Jörg gezuckt hat.
„Vermutlich ist es der Himmel“, mutmaßt der Physiker ins Blaue hinein. Denn der Himmel würde sich bekanntlich im Wasser spiegeln. Wer hätt’s gedacht …? 🙂
„Aber der Himmel ist anderswo auch so blau und spiegelt sich“, sage ich.
„Dann ist es halt die Klarheit des Wassers“, ergänzt er.
„Klar ist Wasser eigentlich immer“, kontere ich besserwisserisch.
„Dann ist es eben der Grund, der das Licht reflektiert“, gibt er zurück, langsam entnervt. Schließlich hat er Ferien, und damit hat das Wasser einfach gefälligst nur blau zu sein!
So habe ich die Frage nach dem Grund des blauen Wassers irgendwann aufgegeben und mir insgeheim Wörter dafür überlegt.
„Glestscherspalten-Blau“ am Rand, bevor’s tief wird. Mit einem Anflug von „Eisguetzle-Blau“. In etwa ein luzides 60-Cyan-15-Yellow-Blau. Schwimmt man weiter hinaus, verändert das Blau seine prozentualen Farbanteile, nimmt langsam an Tiefe und Sättigung zu. Heraus kommt dabei zunächst ein konzentriertes Spülmaschinen-Klarspüler-Blau, das – immer grundloser werdend – sich ins dunkle, durchsichtige WC-Reiniger-Domestos-Blau verwandelt … bis es sich schließlich in ein Tintenpatronen-im-Wasserglas-Blau ergießt.
Jetzt nenn dieses Blau mal beim Namen! Mir fällt keiner ein …
Der Plazh, an dem wir heute waren zumindest hatte einen: Gijepe-Plazh. Paradies ist nur ein anderes Wort für diesen Ort, um einmal so richtig Blau zu machen. Aber es gibt vermutlich noch tausende weitere. Und jeden Tag werden neue Worte für diesen Strand „grundlos“ geschöpft.

Was dem Albaner nicht fehlt, sind freundliche Worte, davon er mehr als genug hat. Und Hände hat er, die grüßen und welche die unseren schütteln. Eine Geste ist ihm eigen, die zum Bleiben auffordert, und eine Mimik ist ihm ins Gesicht geschrieben, die unmittelbare Resonanz erzeugt.
Wir sind also im Fluß mit dem hiesigen Leben.
„Langsam gewöhnt man sich an alles“, sinniert Jörg.
Und ja, wir gewöhnen uns an sämtliche Zustände. An die Aggregatzustände des Kühlschranks ebenso wie an die Verkehrszustände mittags um zwölf. An die Müllzustände um’s Eck wie an die Straßenzustände der „Nebenstrecken“. An die Gastfreundschaft so sehr wie an das Hierbleiben-Wollen. Auch an den schlechten Wein sowie an das gute Bier. An das einfache aber fantastische Essen zwar auch, wenngleich die unglaublich günstigen Preise niemals zur Gewohnheit werden. An die atemberaubenden Ausblicke auf’s Meer und die sich unmittelbar dahinter auftürmenden Berge; vor allem aber an dieses unbeschreiblich gelassene Easy-breasy-chilly-willy …

Was aber uns im Vergleich zum Mercedes-motorisierten Albaner fehlt, ist das locker-flockige Über-den-Berg-Kommen, ergo ein leichterer Wohnwagen. Und das wurde uns in den letzten paar Tagen erst klar. Den Ohridsee werden wir dieses Jahr wohl nicht mehr schaffen, was zwar auf der einen Seite daran liegen mag, dass wir hier an diesem paradiesischen Ort zu viel Zeit „vertrödelt“ haben, auf der anderen Seite aber ganz klar in die Kategorie „fehlender Mut hinsichtlich einer (zu) anspruchsvollen Bergetappe über eine unbefestigte Piste und zu erwartender „überhöhter“ Steigung“ einzuordnen ist. Mit unserem „Hobby“ stoßen wir hier einfach an unsere Grenzen. Auch wenn der Mitschuh sein Bestes gibt und morgen vor eine weitere Herausforderung gestellt wird.
Sämtliche Allradler mit Anhängerkupplung auf dem Campingplatz sind über unser Overload-Dilemma informiert; Handy-Nummern sind ausgetauscht, und der Berliner Landi-Fahrer meint: „Det is eene meiner leichtesten Übung und nich der erste Wohnwagen, den ick irjendwo hochjezogen hätte. Ick rechne morjn ab acht Uhr mit euch!“ Und wir können getrost mit ihm rechnen …

Plan P lautet also für die nächste Reise: „Eriba Puck“ als Zweit-Wohnwagen. Denn den „Hobby“ werden wir gewiss niemals aus unseren Händen geben, nachdem, was der alles mit uns mitgemacht hat, und sofern wir ihn wieder sicher nach Hause bringen. Also muss ein Balkanien-Sommerwohnwagen her. Dieser Klassiker von Hymer ist klitzeklein, wiegt „fast nix“, hat wenig Innenleben, aber immerhin Küche und Bett … und die Kinder schlafen ohnehin jede Nacht im Freien. Längst haben wir festgestellt, dass man zum Glück gar nicht so viel Ballast benötigt …

Mit was die Kinder aber für die nächste Reise rechnen, und auch sämtliche Bedingung daran knüpfen, um mit „diesen grauenhaften Eltern“ ein weiteres Mal nach Albanien zu reisen, ist ein Hund als treuer Weggefährte. Längst sind sie auf der Suche nach einem Namen für das neue Familienmitglied. Ich weiß noch nicht recht … Aber wie wär’s mit: „Der kleine Puck“?

 

image

image

image

image

image

image

image

image

image

Dieser Beitrag wurde in Albanien veröffentlicht.
Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.