Chronik in Stein

Es hämmert. In meinem Kopf. Und das ganz gewaltig. Wahrscheinlich tut es dies heute in noch mehreren Köpfen.
„Gestern Abend haben wir alle ein bisserl anders ausg’schaut“, sagt Gudrun nach dem Frühstück, als jeder dabei ist, sein Leiden zu beklagen. Die einen mehr, die anderen weniger. Jörg scheint’s überhaupt am Geringsten getroffen zu haben. Er ist der Einzige, der in der Frühe den verwegenen, wein- und schnapsseeligen nächtlich gefassten Beschluss, morgens gemeinsam Laufen zu gehen, in die Tat umgesetzt hat …

Wir sind also mal wieder umgezogen. Nach einer innigen Verabschiedung von Linda und Alexander haben wir es irgendwie geschafft, den Wohnwagen aus deren Garten zu befreien. Oder umgekehrt. Beziehungsweise Jörg hat es geschafft, während ich immerzu gerufen habe: „Es langt nicht! Es langt nicht!“
„Oh, he’s a perfect driver“, meint Linda.
„If you would like to know, if your are a perfect driver, come to Albania!“, lacht sie, als Jörg den Wohnwagen an ein paar Autos vorbei zum Gartentor hinausmanövriert. Wenn sich dabei noch ein Blatt Papier zwischen zwei Fahrzeuge schieben lässt, ist es perfekt. Diesen Papier-Test hat er längst bestanden.

Saranda irgendwie auf recht chaotische Weise durchschifft, sind wir Richtung Gjirokastra weiter gefahren. Mit der Route hatten wir uns zuvor nie beschäftigt, da eigentlich nicht eingeplant. Aber wie gesagt, Routen ändern sich auf so einer Reise ständig. Den Muzina-Pass zwar nicht locker, aber irgendwie gepackt (und man gewöhnt sich ja an alles), sind wir nun hier bei Zhanisa und Julian gelandet. Eigentlich wollten wir uns nur Gjirokastra, „die Stadt in Stein“ anschauen und morgen weiter in Richtung Berat fahren. Eigentlich …
„Dieser Platz ist sehr gefährlich“, meint Stephan (mit PH, worauf er großen Wert legt), als wir den Wohnwagen abstellen.
Warum dieser Platz denn so gefährlich sei, frage ich.
„Weil ihr hier erstens zu Alkoholikern werdet und zweitens nicht mehr von hier weg kommt“.

Und er sollte recht behalten. Dieser Platz strahlt einen Zauber aus, der einen unmittelbar bei der Ankunft umfängt. Und das, obwohl es hier rein gar nichts gibt. Kein Meer, keinen See, keinen Fluss, noch nicht mal ein richtiges Dorf. Wir befinden uns, umgeben von endlosen Gebirgszügen, mitten in der albanischen Pampa. Dass es hier überhaupt einen Campingplatz gäbe, davon sind wir gar nicht ausgegangen. Erwartet hatten wir gestern morgen bei Abfahrt, irgendwo in der Wildnis zu nächtigen. Jetzt stehen wir zwar auch in der Wildnis, aber betreut von dermaßen zuvorkommenden und herzlichen Gastgebern, wie wir sie zwar hier schon oft erlebt haben, uns diese Herzlichkeit aber immer wieder beinah die Sprache verschlägt. Somit gibt es von dieser Warte aus betrachtet, einfach alles. Sogar ein paar hundert Meter weiter ein Pishina, also ein Schwimmbad – direkt in the middle of nowhere.
Vor elf Tagen erst haben Zhanisa und Julian dieses „Camp“ ebenfalls in ihrem Garten eröffnet und wir sind damit sozusagen die Probanden. Wir hatten über diesen Platz noch keinerlei Info, auch gibt es aktuell keinerlei Beschilderung, die auf irgendetwas derartiges hinweisen könnte. Außer einer dahingekritzelten Skizze von Alexander und für den Notfall eine Telefonnummer, hatten wir nichts in der Hand.
Und tatsächlich haben wir diesen Platz bei Gjirokastra gefunden und uns nun hier unter Quitten- und Granatapfelbäumen auf jüngst ausgelegtem Rollrasen und umgeben von Weinbergen installiert.
Zhanisa und Julian wohnen hier zusammen mit Julians Eltern. Julian ist Geschäftsführer einer Bank in Gjirokastra, Zhanisa ist Ärztin, und der Vater ist Winzer und Schnapsbrenner. Und da liegt er also: der Hase im Pfeffer – oder im Rotwein.
Mit uns lagern hier Gudrun und Frank aus Franken, zwei nette Bayern aus Rosenheim, deren Namen ich nach zu viel Wein vergessen habe und eben Stephan mit PH, der noch bis morgen ohne Heidi ist, die für ein paar Tage in Griechenland war und ansonsten aus Hannover kommt. Stephan ist mittlerweile Rentner, hat bis vor kurzem zusammen mit Heidi eine Heidschnuckenschäferei in Nienburg und einen Bio-Bauernhof betrieben. Jetzt betreibt Stephan einen 7,5-Tonner, mit dem er und Heidi durch die Welt ziehen. „Big Blue“ nennt er seinen Wohn-LKW und dieses damit verbundene Abenteuer, das nicht nur tagesaktuell im Internet auf www.hofschwarzesmoor.de zu verfolgen ist, sondern bereits vom NDR dokumentiert wurde. Wie auch seine „Schäferidyllen“ in einer ZDF-Serie ausgestrahlt wurden.

Oberstes Gebot auf diesem Platz lautet: Am Abend wird zusammen gesessen auf ein Glas Wein. Stephan und Heidi wollten hier nur kurz Station machen auf ihrem Weg aus dem Hochgebirge an’s Meer. Auch Frank und Gudrun wollten eigentlich nur über Nacht bleiben. Aus dieser einen Nacht wurden fünf. Und aus dem Glas Wein gestern Abend wurden dann ziemlich schnell ziemlich viele. Darunter mischte sich immer wieder mal ein Raki, Zhanisa servierte von Zeit zu Zeit Albanische Köstlichkeiten, es wurde erzählt von den bestandenen Abenteuern, von Franks und Gudruns Wohnwagenreisen mit ihrem „hobbymäßig“ vergleichsweise riesigen Fendt und von kleinen wie größeren Pleiten und Pannen, vom neuen Reisen der beiden Bayern mit ihren zwei kleinen Kindern und einem alten ausgeliehen Allrad-Gefährt. Von unseren immer mal wieder Beinah-Katastophen, von meinen Panikausbrüchen und natürlich von Stephans Touren mit „Big Blue“, dem Pottwal auf Rädern.
Dass dabei das eine oder andere Glas zu viel dieses überaus süffigen Weines die erzählenden Kehlen hinunter rann, war wenig wunderlich. Der Krug war immer wieder wie von Zauberhand aufgefüllt … und wir alle langsam abgefüllt. Julian sorgte sich rührend um seine Gäste, und die Gäste sorgten dafür, das Verständnis für den Tourismus in Albanien zu sensibilisieren. Denn so geht das einfach nicht …
Dass die beiden, Julian und Zhanisa (wie aber auch beispielsweise Linda und Alexander) sich rund um die Uhr derart um das Wohl ihrer Gäste bemühen, sich pausenlos um das leibliche Wohl kümmern, morgens Brot und Marmelade vor den Wohnwagen stellen, mittags Obst vorbeibringen, den lieben langen Tag putzen und gießen und ständig nachfragen, ob es uns an irgendetwas mangele, ist das Eine – und das, was jeden, der hier herkommt, dazu verleitet, einfach zu bleiben. Dass sie dafür allerdings kein Geld, beziehungsweise viel zu wenig Geld verlangen, ist das Andere. 14 Euro haben Gudrun und Frank heute morgen für jeden Tag, den sie hier gestanden haben, bezahlt.
„Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte, als mir Zhanisa noch ein paar kleine Geschenke in die Hand drückte“, sagt Gudrun heute morgen vor der Abfahrt. „Mir fehlten einfach die Worte.“ Danke ist eigentlich viel zu wenig. Aber ein anderes Wort gibt des dafür (noch) nicht …

Dass mit dem Tourismus hier Geld zu verdienen ist, macht Hoffnung. Den Menschen und dem ganzen Land. Man sieht das an allen Ecken und man spürt das an jedem Einzelnen. Nur: solange es an der professionellen Vermarktung dieses Landes fehlt, ist etwas anderes auch zu spüren, das vermutlich etwas Einzigartiges ist. Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit, die unbezahlbar ist.

Heute Abend will Julian ein Barbecue veranstalten. Das erste für ihn und seine Gäste. Für uns, für Stephan, für die Rosenheimer und eben für alle, die am Abend noch ankommen werden. Für eine Nacht …
„Wir werden alle zusammen an der neuen Grillstelle kochen“, sagt er. Jeder würde etwas auf seine Weise zubereiten. Er und Zhansia auf traditionell albanische Art.
„Wie wär’s mit einem schwäbischen Kartoffelsalat?“, schlägt Jörg vor.
„Ich koch dann mal Kartoffeln …“ Was daraus wird, werden wir sehen …

Aber zuvor wollen wir in die Stadt radeln zu einem albanischen Volksfest. Nicht nur für die Touristen, sondern für die Menschen, die hier leben. Und ihre polyphonen Gesänge zum Besten geben, traditionelle Tänze aufführen und ihr Handwerk vorstellen.
„Och nee, nicht schon wieder“, maulen die Kinder, die schon gestern ihr Fahrrad die steilen Gassen hochgeschoben haben. Vermutlich ist dies die steilste Stadt der Welt. Eine Stadt, in der alle Gesetze der Architektur und des Städtebaus buchstäblich über den Haufen geworfen sind. Eine Stadt, in der die Mauern des einen Hauses auf das Dach eines anderen gebaut zu sein scheinen. Eine Stadt, wo man im Vorrübergehen den Arm ausstrecken und seine Mütze über den Kamin eines Hauses stülpen kann. Eine Stadt aus Stein, wo jeder dieser Steine eine lange, lange Geschichte erzählt. Geburtsstadt des albanischen Diktators Enver Hoxha sowie des weltberühmten Schriftstellers Ismail Kadare. Gjirokastra, eine Stadt wie im Märchen. Eine Stadt, die langsam zerfällt, wenn nicht endlich das UNESCO-Gesuch erhört wird. Eine Chronik in Stein, die hoffentlich noch lange weitergeschrieben wird.

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One thought on “Chronik in Stein

  1. Wie war das mit dem zuviel Wein? War da nicht auch noch Raki im Spiel. Und ein gewisses Freibad?

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