Albanisches Hexenblut

„Mjeku“ heißt auf Albanisch Doktor. Und in diesem Fall ist einfach nichts zu erreichen mit Englisch, Italienisch, Französisch. Das wissen wir jetzt auch. Dass „Farmacji“ Apotheke heißt, ist dagegen eine einfach Übung. Und deshalb haben wir uns auch für diese Lösung entschieden. Denn das nächste Krankenhaus, das übrigens einfach nur „Spitali“ heißt, wäre in Tirana gewesen. Und dieser Aufwand wäre dem Grund gemäß verhältnismäßig übertrieben gewesen.
Mein „bosnischer Fuß“ war also „Corpus hinkus” unserer Suche, was bedeutete, die Verletzung an meiner Ferse, die auf einen missglückten Sprungversuch von einem Baumstamm zurückzuführen war, war dabei, sich immer weiter auszubreiten, zu entzünden und immer größere Schmerzen zu verursachen. Ich war am Hinken, und das seit Tagen. Nur über dem 24-Stunden-Virus hatte ich das mal für kurze Zeit vergessen.

Durchaus ein Erlebnis ist das vormittägliche Fahren und Schlendern durch eine albanische Kleinstadt. Wohlgemerkt an einem ganz gewöhnlichen Wochentag. Unter dem Dorf-Rapi, also der Dorflinde (oder anderen Bäumen) sitzen so zahllose wie zahnlose Männer und spielen. Stundenlang. Ach was, vermutlich tage-, jahrelang. Schon immer. Schach, Domino, Back Gammon, Karten, alles, was sich dazu eignet, die Zeit zu vertreiben. Nebenbei wird Handel betrieben; altes Klumpp wartet liebevoll sortiert und ausgebreitet am Straßenrand auf neue Besitzer. Auch das vermutlich schon ein oder mehrere Leben lang. Aber diese Besitzer wollen sich partout nicht einfinden. Denn wer will schon einen Bleistiftspitzer aus Zeiten des Kommunismus kaufen samt eines stumpfen Bleistiftes, der rein optisch schon zum Aufzeichnen feindlicher Übergriffe zu Zeiten Enver Hoxhas gedient haben musste. Wo sich noch nicht einmal der Feind einfinden wollte … Aber wen kümmert’s? Es wird gegrüßt, es wird gewunken, und wo wir zunächst nur aus der Ferne beobachtet wurden, rief man uns alsbald freundlich herbei. Neben dem Dorf-Rapi scheinen grundsätzlich auch mehrere Apotheken zu grünen …
Apotheken sind also schnell gefunden, so schnell, wie Ärzte langsam oder gar nicht. Und war die Ferse des Anstoßes erst einmal eingängig beäugt, waren auch schnell probate Mittelchen, Anweisungen und Ratschläge gefunden wie getroffen. Eine Anweisung davon lautete: Fuß hochlegen und einfach mal ausruhen. Jetzt leg dich mal hin, nachdem du bereits vor zwei Tagen schon einen ganzen Tag lang gelegen hast, weil schlichtweg ausgeknockt von einem K&K-Virus. Nicht mit mir! Ich war ja schließlich nicht krank! Den Fuß also nach sprachlich absolut inkompatibler aber unglaublich bemühter und rhetorisch grandios untermalter Anweisung der Apothekerin von Jörg verarztet mit dem albanischen „Hexenblut“ – Salbe und Pflaster dick drauf und drüber … und eigentlich wollte ich nur an den Strand „ums Eck“ radeln (denn laufen war ja „verboten“), der war nämlich viel einsamer, als der am Kamping. Und weil diese Ruhe und Einsamkeit, obendrein die phantastische Kulisse der „morschen Lehmberge“ eine scheinbar magische Anziehungskraft zu haben schienen, sind wir am Strand entlang immer weiter und weiter und weiter geradelt. Über Stock und Stein und über kilometerlange menschenleere Strände. Baden war natürlich obligatorisch. Der Verband würde schon halten …

Die Kinder indes wollten alleine mit dem Fahrrad ins Dorf zum „Einkehren“. Weil es dort Eis gab. Zumindest gestern. Heute gab es kein Eis mehr, also haben die beiden beschlossen, in der Straßenbar eine Cola zu trinken. Und da mir nicht ganz geheuer war, dass die beiden mutterseelenallein über staubige Schotterpisten kreuz und quer durch das rurale Albanien radelten, wollte ich zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Wären die „lehmigen Berge“ nicht so verlockend gewesen … Irgendwo am Strand sind wir auf einen einsamen österreichischen Offroadler aus Gmunden getroffen. Und nur mal so am Rande: Wenn wir das, was wir bis jetzt erlebt haben, bereits als Abenteuer bezeichnen, dann muss vermutlich für das, was der uns erzählt hat, erst noch ein Wort gefunden werden.
„Wenn er da runter gekommen ist, dann kommen wir da auch irgendwie hoch“, zeigte sich Jörg zuversichtlich, und ich war, trotz meiner Abneigung gegen die modernen Navigationsmöglichkeiten, ein klein bissle froh, GPS-Daten auf dem Handy zu haben. In Sandalen, in Badehose und Bikini, mit lehmig-klitschigen Füßen haben wir also zu dieser unplanmäßigen Bergetappe angesetzt. Grandiose Aussichten, schweißtreibende Steigungen, völlig falsches „Material“ 🙂 , Wildnis, Wildnis, Wildnis … Und wir wollten doch eigentlich nur an den Strand …
Der Fuß schmerzt heute Abend gewaltig (wen wundert’s); Jörg hat ihn neu verarztet, das albanische „Hexenblut“ wird hoffentlich helfen; morgen brechen wir auf zu einer weiteren Etappe an’s Ionische Meer. Mehr Worte will ich darüber noch gar nicht verlieren, bin eher ganz kleinlaut, wenn ich an diese gewagte Mission denke. Und wer weiß, ob wir sechs, ergo wir vier, der Mitschuh und der Wohnwagen diesem Trip überhaupt gewachsen sind. Das Glücksschwein ist gesattelt und für unser „Abenteuer“ werden wir schon noch ein neues Wort finden …

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