Shën Dyshek Kashte

„Shën“ heißt auf albanisch heilig, und die ganze Litanei aller mir bekannten Heiligen habe ich gestern zitiert und flehentlich um Hilfe gebeten. Der meist gerufene unter meinen gestrigen Heiligen war „Shën Dyshek Kashte“, auch als „Heiliger Strohsack!“ bekannt. Mein heimlicher Lieblingsheiliger aber war ganz klar „Shën Christophoro“, der Heilige Christophorus. Denn mit jedem Höhenmeter, den wir zurückgelegt haben, wurde der Wohnwagen schwerer und schwerer, und der Mitschuh ist ganz schön in die Knie gegangen. Bis er eben (beinah) nicht mehr konnte …

Als morgens um sieben die Welt noch in Ordnung war und wir damit begonnen hatten, unseren ganzen Kruscht und Krempel wieder reisefest zu machen, wussten wir zwar, dass es diese Etappe in sich haben würde, aber wir wussten nicht, wie sehr. Zugegeben, es war dies die Königsdisziplin im Wohnwagenreisen … wenn da mal nicht noch die kaiserliche Variante folgen wird …

180 Kilometer schienen zunächst nichts Außergewöhnliches an sich zu haben. Eigentlich ein Klacks bei unserem gewohnten Reiseverhalten. Drei, vier Stunden, den Straßenzuständen zufolge nochmals eine Stunde Zugabe eingeräumt.
„Albanien ist so ein kleines Land, da kommt man locker in zwei Tagen durch“, sagte ich tags zuvor noch launisch zu Jörg. Das sagt aber nur derjenige, der dieses Land lediglich auf der Landkarte abgefahren ist. Teilstücke indes immerhin auf Google Earth. In Echt ist das nur dummerweise (oder zum Glück!) anders.
Folgt man Tourismus-Studien und -Umfragen, „erkundet“ die Mehrzahl der potentiellen Gäste eine Urlaubsdestination zunächst aus der Luft, sprich: auf Google Earth. Verbringt der „Gast“ zu viel Zeit in diesem vermeintlichen „Holiday-Cyberspace“, erliegt er der Illusion, diesen Ort bereits bereist zu haben. Und hakt ihn ab unter der Kategorie: „Gesehen und erlebt“.
Auch mir passiert das. Zwangsläufig. Aber weder der Llogara-Pass noch der ganze albanische Süden ist topografisch noch geografisch eruierbar. Straßenverläufe auf der Karte lassen sich zwar „nachvollziehen“, aber niemals wirklich nachvollführen. Zumindest nicht für ein Wohnwagengespann. Und so sind wir also fern jeglichen touristischen „Sachverstands” losgezogen, um das Serpentinenfahren zu lehren.
Es fing harmlos, oder vielmehr sehr zäh an …

Nach Fier, was zumindest als verkehrsstrategisches Vorzimmer zum Fegefeuer gelten konnte, erreichte mit dem zähen Lavastrom erhitzter albanischer Karossen der Verkehrsfluss die wahre Wirkungsstätte des trafik-terministischen albanischen Beelzebubs: Vlora. Gut, ich hab’s geschwollen formuliert 🙂 Wolfgang Petri würde populistisch grölen: Hölle! Hölle! Hölle!
So was habe ich echt noch nie erlebt! Chaos ist gelinde ausgedrückt, aber alles floss. Was mitunter den unzähligen Verkehrsreglern und Polizisten geschuldet und gedankt sein musste. Erstaunlich, wie es das konnte. Dreispurig, vierspurig, dann instantan wieder einspurig; durch Baustellen, innerstädtisches Gewusel, Engpässe, Kreisverkehre … Hupen, pfeifen, winken, fuchteln … Es war ein Chaos, wie ich es nie zuvor erlebt hatte.
„Tsss, du warst noch nie in Indien“, war einzig Jörgs schmunzelnder Kommentar.
„Wie denn auch? Mit dem Wohnwagen!“, konterte ich.
Aber eigentlich war es nicht zum Lachen, sondern einfach zum Luftanhalten. Nicht nur der Enge wegen, sondern auch des Gestankes.

Noch ein ganzes Stück am Meer entlang, dann endlich rein ins Gebirge, das sich unmittelbar vor uns gewaltig auftürmte. „Heiliger Strohsack! Da müssen wir irgendwie hoch und auf der anderen Seite wieder runter“, sagte ich mehr zu mir selbst. Meine Nerven lagen ohnehin schon blank, ich befürchtete allerdings, dass diese Etappe nicht unbedingt zu meiner Entspannung beitragen würde. Und wie recht ich doch haben sollte …
Der Anstieg zum Llogara-Pass lief zunächst gut an, die Steigung war machbar, die Straße breit genug. Abenteuerlich schraubten sich die Serpentinen nach oben. Jetzt bloß nicht aus dem Schwung kommen … Bis ein LKW im Schneckentempo vor uns her kroch und uns ausbremste. Der Rest lässt sich bildlich ausmalen, und ich will auch gar nicht weiter ausführen, wie’s dann weiter ging. Eben gar nicht mehr!

Komischerweise – und wenn ich auch sonst unglaublich nervig sein kann – in echten Krisensituationen bewahre ich einen erstaunlich kühlen Kopf. Also raus aus dem Auto, das in einer engen Kurve am Berg hing und nicht mehr von der Stelle kam (zumindest nicht nach oben), den Verkehr von unten aufgehalten, die oberen durchgewunken, dann oben „abgesperrt“, die unteren vorbeigewunken, dann auch unten „abgesperrt“, und Jörg konnte mit dem ganzen Gespann ein weites Stück zurückrollen und großzügig ausholen, um nochmals Anlauf zu nehmen. Und siehe da … es klappte! Ich hab mich schließlich zu einer albanischen Familie ins Auto gezwängt (albanische Autos sind grundsätzlich mit zu vielen Personen „bemannt“) und Anweisungen erteilt, es gelte nun den Wohnwagen zu verfolgen, der nicht mehr anhalten könne, bevor nicht die Passhöhe erreicht sei.

Puh! Rauf ging ja noch … Aber runter! Noch nie habe ich die Wohnwagenbremse so winseln gehört, und mich selbst so jammern … Ich war ziemlich am Ende. Da konnte die atemberaubende Aussicht aufs Ionische Meer auch nichts mehr ausrichten. Über Berg und Tal sind wir weiter der Küste entlang gejuckelt, stets mit der bangen Frage: Packt auch diese Steigung der Mitschuh noch? Und zum ersten Mal haben wir an Kapitulation gedacht. „Glaubst Du, wir sollten zurück die Fähre von Igoumenitsa nehmen?“, fragte ich Jörg. Zumindest zog auch er diese Überlegung zum ersten Mal in Betracht. Aber nur für einen ganz kurzen Moment im Zustand seiner sichtbaren Erschöpfung.
„Etzt losst erst amoi dös Bier sock’n, dann sicht die Woid scho wieda onders aus“, meinte der Österreicher, den wir vor zwei Tagen schon am Kamping Ohne Namen getroffen hatten, als wir endlich am Camping namens „Kranea“ am Livadh Beach angekommen sind.
Nicht nur das Bier, sondern dieser Platz und diese Landschaft entschädigen für alles und lassen jede Anstrengung sofort vergessen …

Um mich meinem lieben Kollegen Holger anzuschließen, die Albanische Riviera sei im Ranking der sehenswertesten Reiseziele ganz weit vorne in den Top-Ten, kann ich nur sagen: Stimmt unbestritten! Aber: Ey Läudde! Schmeißt einfach das Zelt in den Kofferraum und lasst um Gottes Willen den Wohnwagen daheim! Es sei denn, ihr seid verrückt oder so camping-fanatisch wie wir; mit Kind und Kegel unterwegs, Surfbretter und Kiteschirme im Gepäck, die Fahrräder auf dem Dach, beziehungsweise auf der Deichsel. Und es sei denn, ihr möchtet ein Stück Heimat mit in die Fremde nehmen oder aber einfach oben auf dem Llogara-Pass angekommen einmal ganz laut „Yes, we can!“ rufen.
Und wenn es denn so sei, dass ihr das Abenteuer genauso liebt, wie wir, dann fahrt in Gottes Namen mit dem Caravan los! Das wird schon! Es braucht Zeit, Geduld, Langmut, viel Zuversicht, eine Hochdosis Glück und Nerven ohne Ende. Aber es wird. So gut, dass auch euch der „Shën Dyshek Kashte“ überall hin begleiten wird. Und wenn es nur aus jenem Grund ist, dass dieses Abenteuer endlich einen neuen Namen bekommt.

 

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