Anagrammatik im Neverland

„I need dringend a watercock!“. Man kann mit manch sprachlicher Verballhornung kokettieren, man kann sich aber auch den allergrößten Blödsinn angewöhnen. Wie eben den „ausdrücklichen“ Wasserhahn, den ich heute auf meiner Radtour ganz dringend benötigt hätte, oder die gestrigen Oliven, von denen „only a handvoll“ gelangt hätte. „Des langt“ klingt ziemlich albanisch, und „Deslangt“ hat die Marktfrau dann auch ganz schnell in ihren Sprachschatz aufgenommen. Wir waren uns also einig.
„Oh, he brings se after-table“, waren Stephans überraschte Worte, als Julian nach dem Barbecue eine Schüssel Melonenschnitze auf den Tisch stellte und nachdem es als „before-table“ „scrumbled eggs wiss Wurscht“ gab.
Man versteht sich. Und das, obwohl der eine die Sprache des anderen nicht versteht. Englisch ist der größte gemeinsame Nenner, aber unterm Strich bleibt dabei ganz schön viel auf der Strecke, was letzten Endes nur mit Händen und Füßen zu erklären ist.
Gestern Abend zum Beispiel war es der Imam in der Xhamia Mmbret, Berats Königsmoschee, der mir einmal den Koran rauf und runter erklärt hat, was ich anschließend an die Kinder genauso weitergegeben habe.
„Mama, was hat der eigentlich für eine Sprache gesprochen?“, fragte mich Ida.
„Ich glaube Italienisch.“
„Seit wann kannst du denn Italienisch?“
„Weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich Koran kann. Aber so viel habe ich verstanden, dass der Mufti in etwa das darstellt, was bei uns der Mini ist. Und dass es Großmuftis und Oberminis gibt.“

Es ist faszinierend, wie sich alle Sprachen, alle Kulturen und alle Religionen hier mischen. Und wie sich die Worte mischen. Sogar die Buchstaben mischen sich in diesem Land … zu einem neuen Begriff.
Lange habe ich nach diesen Bergen gesucht, in denen der Schriftzug „ENVER“ aus kommunistischer Zeit gleich einem riesigen Tattoo in einen gewaltigen Bergrücken eingraviert ist. Nichts Genaues wusste ich nicht, nur dass diese Berge sich irgendwo in der Nähe von Berat befinden mussten.
Zu Zeiten, als es galt, dem großen Diktator alle Ehre zu erweisen, wurde zu propagandistischen Zwecken sein Name in die Flanke des Berges Shpirag geschlagen. Immer noch dominieren die 100 Meter hohen und 60 Meter breiten Lettern die Skyline nördlich von Berat, Albaniens Ältester und geschichtsträchtigster Stadt. Nach dem endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus 1994 mit Napalm bombardiert, um die letzten Spuren dieser düsteren Vergangenheit völlig zu verwischen, ließen sich die imposanten Versalien dennoch nicht gänzlich ausradieren. Und somit wurde im Rahmen eines groß angelegten Projektes aus den beiden ersten Lettern mit Zuhilfenahme gewaltiger Weiß-Wasch-Pumpen und ganz gehörig viel Menpower ein symbolisches Anagramm geschaffen, das diese Berge, zumindest aber diese düstere Epoche der völligen Isolation unter der Diktatur Enver Hoxhas, in ein anderes Licht, ergo in eine andere Begrifflichkeit rückten. ENVER – NEVER.

„Schau mal, da steht es ja!“, rief Jörg gestern Abend begeistert, als wir auf der Kabelbrücke über dem Osum gestanden haben.
Wenn man wollte und nur genau hinschaute, konnte man den Schriftzug tatsächlich erkennen. Nur war das dämmrige Abendlicht dermaßen schlecht, dass selbst der beste Fotoapparat an seine Grenzen gestoßen wäre. Und der meinige war nicht nur an seine qualitativen Grenzen, sondern vor allem an seine „akkustischen“ Grenzen gestoßen. Also musste ich heute Mittag noch einmal los, nachdem der Akku frisch aufgeladen war. Frisch aufgeladen war auch die Sonne, und die tat ihr Bestes, damit ich mit meinem Centurion Allrad nach zirka 15 Kilometern Hauptstraße schweißgebadet und völlig dehydriert Berats Altstadt erreichte. Der „Watercock“ war nur das Wenigste, was ich benötigte. Auch benötigte ich einen Abstellplatz für mein Fahrrad …
Der dagegen war so schnell gefunden, wie ein launiges Gespräch über den Zaun gebrochen, welcher wiederum nicht die geringste Barriere darzustellen schien. Noch nicht einmal eine Sprachbarriere hielt mich von der Verständigung mit einem alten Mann ab, der nicht nur sein Gemüse vehement verteidigte und in seinem klitzekleinen Laden anpries, sondern fürderhin auch mein Fahrrad. „German?“, wollte er interessiert wissen. Als ich diese Frage bejahte, fing er unmittelbar damit an, mein Hightech-Vehikel genauer unter die Lupe zu nehmen. Strich über das Reifenprofil, kontrollierte den Luftdruck und war sichtlich beeindruckt von Schaltung und Technik. „German good!“
Selbstverständlich würde er dieses Gefährt bewachen, solange, bis ich wiederkäme. Würde ich erst morgen wieder kommen, bin ich mir sicher, würde er die ganze Nacht vor seinem Laden sitzen und aufpassen, damit dem Rad nichts passierte.

Noch etwas habe ich außer dieses Ehrenkodexes der Albaner heute auf meiner Expedition in Erfahrung gebracht. Hoch oben auf dem Berg außerhalb der Burgmauern: Eine kleine unscheinbare Scheunenkirche. Von Natursteinmauern umfriedet bin ich unter einem Zaun hindurchgeschlüpft. Vor mir stand, oder ich vor ihm, ein Gebäude, das so ganz und gar nicht an eine Kirche erinnerte. Nicht umsonst tragen diese Kirchen in allen Teilen der Welt den Namen „Scheunenkirche“. Nichts durfte jemals daran erinnern, dass Christus in dieses Haus eingezogen sein könnte. Nicht unter der Herrschaft der Osmanen, nicht im Zweiten Weltkrieg, nicht im Kommunismus. Und nichts durfte Hinweis darauf geben, dass all die Christen sich unter dem Deckmantel der vermeintlichen Scheune vor ihren Widersachern versteckten.
Als einen magischen Ort empfand ich diesen heimlichen Platz auf Berats höchster Höhe heute. Über der Kalaja gelegen, mit dem Tomorri, dem heiligen Berg der Bektaschi im Blick, den Osum zu Füßen und nichts über mir, außer das Blau des Himmels, das sich göttlich zu erkennen gab in den beiden Türen zu diesem vermeintlichen Stall.

Es ist wenig, was einen bewegen kann, um den Blickwinkel zu verändern. Ein Funken Hoffnung. Ein kleines Blau. Oder Big Blue.
Stephan und Heidi sind wieder hier!

image

image

image

image

image

image

Dieser Beitrag wurde in Albanien veröffentlicht.
Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.