Bye, bye, Albania

Ein zweites Mal haben wir uns gestern Morgen von Heidi und Stephan verabschiedet. Vermutlich auf dieser Reise das letzte mal. Während die beiden noch ein bis zwei Tag in Berat verweilen wollen, haben wir uns auch endgültig, zumindest für diesen Sommer, von diesem Land verabschiedet. Es fällt schwer, dieses Land zu verlassen, obwohl sich langsam so etwas wie Heimweh einstellt. Und es fällt noch viel schwerer, diese Menschen zu verlassen. Es ist ein Land voller Gegensätze. Armut und Reichtum in einem unausgewogenen Verhältnis. Korruption immer noch an allen Ecken und Enden, obwohl eine großangelegte Kampagne zumindest darauf aufmerksam machen soll. Und an diesem buchstäblichen Brennpunkt stinkt immer noch und immer wieder etwas gewaltig zum Himmel. Und wenn es nur eine in Brand gesteckte „illegale“ Mülldeponie ist. Es ist ein Land, in dem nach wie vor politische Uneinigkeit herrscht, in dem noch vielerorts eigene Gesetze gelten. Wie etwa hoch oben im nördlichen Bergland der Kanun immer noch über allen Gesetzen steht und nichts und niemand dagegen ankommt. Auch ist dies ein Land, das nach wie vor großen Drogenproblemen gegenübergestellt ist. Es sei zwar nicht wirklich legal, Cannabis im großen Stil anzupflanzen, sagt Zhanisa, aber zumindest wird es nicht konsequent geahndet. Gerade das berüchtigte Dorf nur ein paar Kilometer weiter entfernt von ihrem Wohnhaus – Lazart – erlangte selbst in den deutschen Medien erschütternde Berühmtheit durch den von der internationalen Mafia kontrollierten Hanf-Anbau. Zwar sei dieses Dorf und seine dubiosen Machenschaft seit geraumer Zeit ausgehoben, fügt Zhanisa an, dennoch wird jeder Neugierige davor gewarnt, sich auch nur in die Nähe zu wagen. Es könne durchaus passieren, dass ohne Vorwarnung scharf geschossen würde.
„Ich wusste nicht so recht, wo ich mich gerade befinde“, sagt Jörg etwas konsterniert, als er vom Laufen zurück kam. „Ich hab dann ziemlich Gas gegeben.“ Denn den Namen des Dorfes hatte er vergessen, nur wusste er, dass es sich hier ganz in der Nähe befinden musste.
„Nein“, lacht Zhanisa. Lazart läge auf der anderen Tal-Seite. Hier sei er sicher. „Only the dogs are dangerous“, ergänzt sie und ist sichtlich erstaunt, dass es Menschen gibt, die hier durch diese Dörfer joggen.

Erstaunt ist das passende Wort, wenn man an die Dörfer denkt. Aber wenn man die Landschaft vor Augen hat, reicht dieses Wort nicht aus, um das Er-Staunen darüber zu beschreiben. So klein dieses Land ist, so gewaltigen ist seine landschaftliche Vielfalt. Den Norden dominieren die Albanischen Alpen mit ihren schroffen und nur beschwerlich zu erreichenden Hochebenen. Tiefebenen prägen die nördlichen Küstengebiete, die mit ausgedehnten Lagunen und einer Artenvielfalt an Tieren aufwarten, die mit der Arche Noah vergleichbar sind. Die südliche Küste wiederum übertrifft mit ihrer mediterranen Schönheit, mit den Stränden und dem türkisfarbenen Wasser alles, was ich bisher an Küsten gesehen habe. Zwischen den vielen Gebirgszügen befinden sich endlos scheinende, fast menschenleere Steppenlandschaften, durch welche die großen Flüsse wie Devoll, Drinos, Osum, Shkumbin, Vjosa ihr breites, zerwühltes Bett aufgeschlagen haben und sich darin ungestört und ungebändigt wälzen. Auch ist dies ein Land, das auf eine lange Geschichte zurück blickt. Die Illyrer, die Griechen, die Römer, die Osmanen, Slawen, Bulgaren, Aromuren, Walachen … Ali Pascha Teplena, König Zogu und natürlich der große Nationalheld Skanderbeg … Alle hatten ein bisschen mitgemischt und ihre Spuren hinterlassen. Spürbar ist das nicht nur an den imposanten Kulturschätzen dieses Landes, sondern eben auch an der Küche. Selten haben wir besser gegessen, nie sind wir fürstlicher bewirtet worden. Die Küche ist denkbar einfach und ungekünstelt. Ohne Schischi und ohne jegliche Arroganz (von was man in unseren Sterne-Restaurants oftmals und durchaus sprechen kann). Es wird das zubereitet, was die Erde bereithält. „Das Schwein ist vom Nachbar“, sagt Julian am Abend unseres Barbecues. Der verhängnisvolle Wein indes war der eigene. Das Gemüse kommt aus dem Garten, der Käse von den Schafen und Ziegen. Und die Sterne, die gibt’s gratis dazu in fünfmillionenfacher Ausführung am Himmel.
„Oh no! Never! The chicken are all the pride of my mother“, fügt er entsetzt an, als wir ihm beim abendlichen Zusammensitzen vorschlagen, den Hang hinter dem Haus als zusätzliche Zeltwiese zu nutzen. Aber dann könnte er doch wenigstens die Eier an seine Camping-Gäste verkaufen, denken wir uns gleich ein Marketingkonzept aus. Nein, die Eier würden sie alle selber verwenden. Aber selbstverständlich könnten wir jederzeit welche bekommen. Nicht für Geld. Einfach so.
Alles in allem bietet nicht nur die albanische Küche, sondern vor allem die unterschiedlichen Menschen eine wunderbare Mischung sämtlicher Kulturen und ihrer vielen Köche, die den Brei nicht verderben, sondern auf’s Allerbeste bereichern und verfeinern. So, wie unser Barbecue in dieser klaren Sternennacht.

Nun sind wir also hin und weg. Gut fünf Stunden haben wir für die knapp 200 Kilometer benötigt, bis wir den Grenzübergang Muriqan nach Montenegro erreicht hatten. Das klingt wenig an Strecke, ist aber ganz schön viel, wenn man mit Straßenverhältnissen und Fahrweise vertraut ist. Es kann sein, da läuft es mal ganz gut, bis dann abrupt der Straßenbelag wieder endet und es über eine holprige Schotterpiste nur noch im Schritttempo weitergeht. Auch ist das Fahren auf der sogenannten Autobahn ein echtes Erlebnis. Da wird alle paar Meter Gemüse angeboten, Mais gegrillt, da warten Menschen darauf, mitgenommen zu werden, während Eselskarren, Fahrräder und Ziegenherden gegen die Fahrtrichtung fahren, laufen, blöcken und im Weg rumstehen.

Auch wir standen gegen 14 Uhr im Weg rum. Nämlich an der Grenze. Mit dem wehmütigen Blick zurück, der übrigens sehr, sehr lange andauerte, waren wir nach einer Stunde Wartezeit zurück in Montenegro. Ein Stück näher Richtung Heimat. Wenngleich immer noch verdammt weit weg.
Das ist das Schöne daran, irgendwo anzukommen, wo man schon einmal war und sich auskennt. Das „Safari-Camp“ in Ulcinj ist also für die nächsten ein, zwei Tage unsere Heimat auf Zeit. Und ganz langsam wird es auch Zeit, dass ich einfach mal Urlaub mache. Ich kenne den Ort hier, kenne die Gegend und die Landschaft, habe im vergangen Jahr sowohl die Stadt, als auch die Umgebung mit dem Fahrrad erkundet. Jetzt stehen wir direkt am Strand, der Wind bläst. Jörg war gestern Abend zum ersten Mal mit dem Kite auf dem Wasser; der Trubel der vergangene Tage, begleitet von so vielen schönen Begegnung, gemeinsamen Abenden, spannenden Erzählungen und wundervollen Bekanntschaften verlangt nun in der Tat nach etwas Ruhe. Ich werde also jetzt damit beginnen, einmal nichts zu tun …

„Ich hab doch gleich den Kiteschirm und die Figur auf dem Surfbrett erkannt.“
Das gibt’s doch nicht! „Wo kommt ihr denn her?“
Wir sind völlig perplex, als Helmut und Tilli aus Fürstenfeld am frühen Abend vor uns stehen.
„Vor zwei Stunden sind wir hier angekommen“, lacht Helmut.
Aus mit der Ruhe! Letztes Jahr sind wir uns zufällig im Surfurlaub in der Toskana begegnet, dann haben die beiden sich uns angeschlossen und sind mit uns weiter zum Idrosee gezogen. Eine ganze Zeitlang war man noch über Windverhältnisse und Kitespots per Whats App in Kontakt. Der hat sich irgendwann in Luft aufgelöst.
Jetzt herrscht hier ganz schöne Bise, die Männer und auch Tilli sind zum nächsten Kitespot mit Rescue aufgebrochen (denn der Wind ist ablandig und das bedarf eventuell eines Rettungsbootes), und ich mache mich gleich mit meinem Allrad auf und fahre hinterher …
Der Urlaub muss warten!

 

… auch die Bilder. Vorbei die Zeiten des schnellen WLANS 🙁

 

image

image

image

image

image

image

image

image

image

image

Dieser Beitrag wurde in Albanien veröffentlicht.
Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.