Das Husten der Ziegen

Heidi ist unbehelligt gestern Nacht aus Athen zurück gekehrt. Und wir sind gestern Morgen ein Stück weiter nordwärts gezogen. Denn schließlich sollten wir bis in zwei Wochen langsam wieder in unseren Heimathafen einlaufen. Die Hitze scheint mit uns gezogen zu sein, während „Big Blue“ und seine Besatzung noch einen Tag länger bei Zhanisa und Julian vor Anker bleiben wird.
Unpünktlich nachts um zwei Uhr erreichte der Athener Bus Gjirokastra und Heidi anschließend mit dem Taxi das Zentrum von „The middle of nowhere“, bis sie vor dem verschlossenen Tor des „Campingplatzes ohne Namen“ stand. Scheinbar kannte noch nicht einmal der Taxifahrer diesen zauberhaften Ort; aber gesucht – und gefunden …
Mitsamt Gepäck des nächtens über den Zaun geklettert, denn schlafende Hunde sollte man nicht wecken, und weder Lara, die Labradordame an Stephans Seite, noch Rex, der albanische Deutsche Schäferhund und Herr des Hauses, ließen sich aus der Nachtruhe bringen, als Heidi sich bei dieser Aktion obendrein die Hose zerriss.
Morgens um sieben, als die Welt noch in Ordnung war (was sie hier übrigens abends um sieben immer noch ist), hat sich Heidi uns vorgestellt. Und irgendwie schien es, als kannten wir uns schon lange …

Wie man sich hier scheinbar überall und selbstverständlich kennt. Am Abend zuvor etwa war es Elisa, die unmittelbar beim Anblick der Kinder beide Mädels einmal fest in die Arme schloss und uns mit einem herzlichen „Miresevine!“ begrüßte. Elisa war unsere „Fremdenführerin“ durch Gjirokastra. Eigentlich und im Alltag ist das zwar nicht so mein Ding, mich von anderen Menschen führen und leiten zu lassen. Aber das war hier genau das richtige Ding. Und an dieser Stelle möchte ich nur jedem an’s Herz legen, sich in einer völlig fremden und unvertrauten Stadt, die mit einer Geschichte und einer „Chronik“ aufwartet, die mal so auf die Schnelle einfach nicht erzählt oder im Reiseführer zu erlesen ist, an die Hand nehmen zu lassen und sich blindlings leiten und die Augen öffnen zu lassen. Dabei heraus kommen erstaunliche Einblicke und Ausblicke mit einer ganz anderen Sicht auf die Dinge, die einem ansonsten vermutlich immer verschlossen bleiben würden.
Elisa also war sozusagen unser Eye-Opener für diese Stadt, die nicht in Stein gemeißelt ist, sondern in der einfach das Leben stattfindet. Denn hier wird nicht für die Touristen gelebt (klar, zwar auch ein bisschen), aber hauptsächlich kommunizieren diese geschichtsträchtigen Mauern miteinander und mit ihren Bewohnern. So auch gestern Abend.
Auch war und ist Elisa gebürtige Gjirokastrin (ich glaube, das heißt nicht so, aber andere Modifizierungen dieses Namenswortes klängen irgendwie noch blöder 🙂 ). Elisa war auch nicht wirklich Fremdenführerin, sondern nur so aus der Not heraus. Hier in ihrer Heimatstadt hat sie studiert. Economy, wie sie sagt.
„Ich spreche fünf Sprachen“, sagt sie außerdem. Sie sagt auch, dass sich hier mit einem Wirtschaftsstudium kein Geld verdienen ließe und sie keine Arbeit fände.
„I do this for about six months. But in winter season there aren’t any tourists in Gjirokastër. It’s so cold as in summer hot. Because of the stones“, erklärt sie eher sich selbst den Job hier. Aus Tirana kämen die meisten Besucher mit Bussen professioneller Unternehmen, die das Komplettpaket anböten und am Abend wieder aus der Stadt verschwunden wären.
„There is not much money to earn, neither for the city, nor for the hotels“, fügt sie etwas resigniert hinzu. Aber diese Resignation ist auch gleich wieder aus ihrem Blick verschwunden. Spätestens dann, wenn sie zu erzählen beginnt von der Geschichte dieser Stadt, vor allem aber, wenn sie spüren lässt, dass sie mit dieser Geschichte tief verwurzelt ist.

Bester Beweis dafür war abends das traditionelle albanische Volksfest rund um die historische und allererste Schule Albaniens. Zunächst hatten wir sie noch nicht einmal erkannt, als sie in ihrer albanischen Tracht auf uns zu kam und die Kinder in die Arme schloss. Aber ihr Lachen war einfach unverkennbar. Und mitreißend: Elisa im echten Leben in einer Tracht, die ein Teil dieses Lebens ausmacht.
Wir alle (gut, Jörg und Stephan nicht) sind in albanischen Ringtänzen um den Obelisk getanzt, haben uns redlich oder vielmehr „beinlich“ bemüht, die Schrittfolge dieser traditionellen Tänze irgendwie „auf die Reihe“ zu kriegen. Elisa mit Ida an der Hand, Marlene im Schlepptau und ich mit irgendwelchen Menschen, die mich einfach mitgerissen haben …

„Mama, das klingt, wie wenn Ziegen husten“, waren Marlenes Worte, als einmal mehr die schneidigen Männer des albanischen Polyphonie-Chors in fescher Tracht zu einer weiteren Darbietung ansetzten.
Mag sein, dass diese Art von Musik nicht unmittelbar unserem Gehör schmeichelt. Aber sie schmeichelt unserem Herzen. Nicht im melodischen Sinne, im Gegenteil – und da ist der Vergleich mit den hustenden Ziegen gar nicht so weit her geholt. Aber Menschen, die so stolz sind auf ihre weit zurückliegende Vergangenheit und so sehr um den Erhalt ihrer Traditionen bemüht sind, trifft man selten an. So selten, wie man Menschen antrifft, die alles Neue und alles Unbekannte vorbehaltlos in ihrem Kreis auf- und an die Hand nehmen. So selten, wie hier in Albanien.

Wir hatten zu wenig Zeit, diesem Treiben und Feiern und Singen und Tanzen zuzuschauen und beizuwohnen, zuzuhören und mitzumachen. Julian wartete mit dem angekündigten Barbecue auf uns. Diese abendliche Verabredung war denkbar ungünstig. Für beides bleib zu wenig Zeit.
Das Volksfest hätte noch lange andauern können; das Barbecue tat es dann auch. Allerdings zu fortgeschrittener Stunde ohne mich. Denn irgendwie fühlte ich mich nach dem vorhergegangenen Abend immer noch rekonvaleszent …

Nach langer und tränendrüsenbelastender Verabschiedung von Zhanisa und Julian, von seinen Eltern und Verwandten, von Petra aus Rosenheim samt Familie und natürlich von Stephan und Heidi, sind wir also gestern Nachmittag am Caravan Camping Berat angekommen, und einmal mehr geht es auch hier darum, wer kennt hier wen? Scheinbar eben jeder jeden. Es ist schon lustig, wie sich alles rumspricht und wie sich immer wieder die Wege kreuzen. Auch Christel und Thomas aus Heidelberg, die mit uns in Ksamil waren, haben wir hier wieder getroffen. Oft sind es aber „Wiederholungstäter“, die man hier antrifft. Denn dieses Land einmal bereist und diese Menschen kennengelernt, kommt man immer wieder hier her.
„Seid ihr Max irgendwo begegnet? Würd mich interessieren, wo der sich gerade rumtreibt“, fragt uns der Vogtländer Rolf, der seit Mai mit Anita unterwegs ist, bei unserer Ankunft.
„Klar sind wir Max begegnet. Bei Deniz am Camping Kranea“, sagen wir. Denn wer kommt schon an Max vorbei mit seinem riesigen LKW und seinem gewaltigen Rauschebart.
„Wie? Ihr habt letztes Jahr Klaus und Rita getroffen?“, fragt Rolf belustigt weiter, als wir von unserem Durmitor-Dilemma berichteten. Klar hätten wir, und Klaus hat uns den Berg hochgezogen, als wir mit unserem alten Golf stecken geblieben sind.
„Ach, den Mercedes hat er immer noch?“
Aber nun hätten wir die letzten beiden Tage mit Stephan und „Big Blue“ verbracht, erzählen wir weiter.
„Ach, den kennen wir gut. Wir sind uns letzte Woche erst in Farma Sotira begegnet“, schmunzelt Rolf.
Farma Sotira ist ein recht alternatives Camp mitten in den Bergen und in der Nähe Albaniens höchstgelegener Stadt. Mühsam zu erreichen über eine teilweise unbefestigte Bergstrecke. Landschaftlich großartig, aber man benötigt viel, viel Zeit dafür. Diese Zeit geht uns erstens langsam aus, und ehrlich gesagt mit ihr auch langsam die Nerven. Petra und die Rosenheimer sind gestern mit ihrem geliehenen Allrad dorthin aufgebrochen. Nur wir werden diesen Ort in diesem Jahr mit unserem Wohnwagen nicht mehr erreichen. Ein Ort, wo die einen sich treffen, weil sie von den anderen davon gehört haben. Ein Ort, wo Menschen nach alten Traditionen leben und Gäste bewirten. Ein Ort, wo die Ziegen husten. Wir nennen das Flüsterpost 🙂

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