Another Hero?

Gestern sind wir ein Stück weiter südwärts gezogen, was unseren Wohnwagen beziehungsweise den Mitschuh zum ersten Mal an seine Grenzen gebracht hat. Die Fahrt verlief zunächst völlig reibungslos, denn mit einem langsamen Vorankommen war bereits vor Abfahrt zu rechnen. So tuckerten wir gemütlich über die bosnische Landstraße in Richtung Sarajevo. Verkehr gab es wenig, staunende und winkende Menschen viele, so, wie sie uns im vergangenen Jahr bereits begegnet waren.
Manche Dinge bemerkt man auf solchen Fahrten erst auf den zweiten Blick, wenn man ihn abwendet von der Landschaft und den Menschen, die hier leben. Zum ersten Mal fielen uns die unzähligen Friedhöfe auf, die fast flächendeckend das ganze Land überziehen. Am Eindrücklichsten sind davon gewiss die muslimischen „Gottes“äcker, denn die nehmen gewaltige Ausmaße in Anspruch. Fast kommt es einem vor, als würden hier Flächennutzungspläne unter einem ganz anderen Aspekt betrachtet. Diese Felder ziehen sich hügelan, hügelab über’s ganze Land hinweg. Immer wieder unterbrochen von christlichen oder orthodoxen Friedhöfen. Aber in der Summe überwiegen ganz klar die muslimischen Gräberfelder.
„Was hier für ein Totenkult betreiben wird, ist schon gewaltig“, fasst Jörg das sich daraus ergebende Flickwerk in der Landschaft zusammen. „In diesem Land wird für die Toten mehr getan als für die Lebenden.“ Das kann man wohl so auf den Punkt bringen. Und diese Friedhöfe werden auch nie wieder aus diesem Bild verschwinden. Sie wachsen und wachsen und wachsen. Wie die Moscheen auch. Da gilt es scheinbar vor allem, Zeichen zu setzen, was in der Summe irgendwie ein erschreckendes Bild abgibt. Einen Liegeplatz hat man hier auf „Lebzeiten“ im Reich der Toten. Da wird nicht etwa nach 100 Jahren das Feld geräumt, um dem Nächsten Platz zu machen …

So führte unsere Route weiter durch Dörfer, vorbei an Flüssen und Seen und vielen, vielen Poljes. Bis sich die Straße aufbäumte und zu einer ersten sportlichen Bergetappe über den Makljen aufforderte. Locker die Serpentinen gepackt, denn Mitschuh als auch Wohnwagen hatten beide neue Schuhe bekommen, offenbarte sich oben auf der Passhöhe ein gewaltiger Blick über das Land.
„Los, wir halten hier an, irgendwo wird das schon möglich sein. Ich möchte ein Foto machen“, war meine befehlende Bitte 🙂
„Ne, Mama, echt nicht, wir wollen heute noch ankommen und endlich zum Baden“, maulten die Kinder aus der hinteren Reihe. „Das kannst du dir alles nachher auf Google Earth anschauen“, war Marlenes ernst gemeinter Vorschlag.
Ja, und ich muss zugeben, das tue ich auch oft. Aber jetzt wollte ich das Panorama halt Live und in Echtzeit haben. Also Stühle raus und Picknick gerichtet!
Etwas abenteuerlicher gestaltete sich dann die Abfahrt. Wo letztes Jahr noch Straße war, war dieses Jahr keine mehr. Dafür jede Menge Schotter, erdrutschgezeichnetes Gelände und Bagger, Laster, Bauarbeiter. Irgendwie kamen wir durch, oder vielmehr hüpften wir mit unserem Gespann über Stock und Stein, wichen herabkrachenden Felsbrocken aus, befanden uns aber bald schon wieder auf dem Asphalt. (Gruß an Bine und Dreas: Die stibitzten langstieligen Campari-Gläser aus der Maremma haben’s übrigens überlebt ;-))
War ja halb so schlimm! Ganz schlimm sollte es nämlich erst noch kommen …

Konjic war unser Ziel, zumindest jenes, welches das Navi noch verstanden hatte. Denn für die letzte Etappe waren keine Karten mehr verfügbar.
„Kinder, jetzt sind wir gleich da! Es sind gerade mal noch 15 Kilometer.“ Und mit der grandiosen Kulisse, dem grün-blauen Wasser der Neretva, dem Anblick des herrlichen Jablanicko-Jezeros und des blitzblauen Himmels stieg auch meine Vorfreude auf den Boracko Jezero. Dass sich dieser See nicht umsonst als einer der schönsten Bergseen Bosniens bezeichnet, hat wohl einen Grund, und dieser Grund heißt schlichtweg: Berg!
Ich will jetzt gar nicht mehr weiter ausführen, wie sich diese letzten „kurzen“ 15 Kilometer nicht nur in die Länge, sondern vor allem in die Höhe gezogen haben … Am Anfang war’s kein Problem. Auch die kleine Fußgängerzone unten im Dorf ließ sich locker durchkreuzen. Das Lastwagenverbots-Schild gab zum Einen Beruhigung, zum Anderen aber warf es doch die heimliche Frage auf, weshalb hier Lastwagen nicht fahren dürfen … Aber ach was. Es ging ja! „Gell, da kommt jetzt keiner, wenn da ein Verbots-Schild steht?“, richtete ich mehr verzweifelt und mich an einen dünnen Strohhalm klammernd meine Frage an Jörg, so, wie wenn man ein Kind fragen würde „Gell, du isst nichts von der Schokolade auf dem Tisch, wenn ich nicht hingucke?“ Oder so ähnlich …
Noch war Jörg guter Dinge. Schmunzelte über meine Panik und kurbelte Kurve um Kurve die Serpetinen hoch. Auch noch, als die Straße enger und enger wurde und schließlich in einen Singletrail überging, ließ seine Zuversicht nicht nach. „Das ist schon mal ein guter Vorgeschmack für den Llogara-Pass. Du wolltest doch noch ganz andere Straßen fahren“, kamen immer wieder kleine, süffisante Seitenhiebe.
„Da kommt einer!!!!“, brüllte ich wie vom Blitz getroffen. „Nein, gleich zwei!!!!“
Jetzt wurde es nicht nur saueng, sondern auch Jörg ziemlich blass. Zwei große Lastwagen von oben, zirka zehn Autos hinter uns und eine einspurige Piste mit geschätzten 15 Prozent Steigung vor uns. Die Notlage war schnell erkannt, die beiden Lastwagen mussten nach oben zurücksetzen. Was uns dazu brachte, in einer geschotterten Ausweichstelle erst einmal kurz Luft zu holen, um nach dem Passieren der beiden LKWs im Geröll anfahren zu müssen. Vorbelastet vom letzten Jahr, steckte uns immer noch das Durmitor-Desaster in den Knochen … Ein Scharren der Räder, ein Fauchen, ein Qualmen, viel Gummi … „Ich dreh jetzt gleich durch!“, waren meine verzweifelten Töne, die ich halb wimmernd, halb schreiend von mir gab. Die Reifen taten es mir gleich! Bis der Mitschuh gerade noch die Kurve gekriegt hat und mit dem Wohnwagen im Schlepptau ins Rollen kam.
Irgendwie haben wir es mit viel Glück ohne ein weiteres Mal anhalten zu müssen nach oben geschafft. Puh!
„Hätte man sich das nicht mal auf Google Earth anschauen können, bevor man so eine Strecke fährt?“ Klar, hätte „man“, Frau hat’s eben nicht getan. Ich laß mich doch nicht von Google Earth dominieren!
Jörg zeigte sich zum ersten Mal und mit Schweißperlen auf der Stirn etwas angesäuert, während Tina Turner aus dem Radio röhrte: „all the children say: we don’t need another hero!“ Wie recht sie doch hatte: Denn wir hatten ja einen 🙂
„Boah, ist das ein toller Blick nach unten“, fand ich schnell meine Worte wieder. „Siehst du da unten den See?“ Klar sah Jörg den See und zeigte sich auch wenig verwundert, dass der sich nicht ganz oben auf dem Pass befand. Wie’s weiter ging, will keiner wirklich wissen, sowenig, wie wir wissen wollen, wie wir hier jemals wieder weg kommen werden.
Den zauberhaften Platz am noch zauberhafteren Boracko Jezero nach den längsten 15 Kilometer unseres Lebens erreicht, schien sich auch der Wirt dieses „Eko Selos“ zu wundern, wie wir hier überhaupt her gekommen sind. Zumindest war er völlig konsterniert, als es darum ging, eine Rechnung für Auto UND Wohnwagen ausstellen zu müssen.

 

 

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