Kommt keiner!

Am Abend kamen Verena und Hendrik. Beide waren sie junge 19 Jahre alt und mit dem kleinen Bus von Verenas Papa unterwegs, den sie auch immer wieder telefonisch konsultieren mussten, wenn’s mal wieder eine kleine Delle gab. „Nee! Ne?“, zeigte sich Hendrik auf westfälische Weise völlig entgeistert. „Ihr seid mit dem Wohnwagen echt hier hoch und wieder runter gefahren? Das hatten wir ja schon mit dem Bus schier nicht geschafft. Voll krass!“ Wie wir weiter kommen werden, wollte er wissen. Die Frage ist durchaus berechtigt, denn noch sind wir hier, weil das erstens soooo ein schöner Platz ist und weil wir einfach noch keinen Plan haben. Auf jeden Fall wollen wir die Strecke nicht mehr zurück, wäre doch die Steigung in die andere Richtung vermutlich nicht besser fahrbar. Die Alternative ist eine gelbe sehr enge Schlangenlinie auf der Landkarte, die sich über sehr viele Höhenlinien windet und eine Länge von geschätzten 70 Kilometer zu haben scheint.
„Die nehmen wir! Alles ist besser als der Rückweg“, war sich Jörg heute sicher. Ich mir nicht so. Aber immerhin besser, eine Route erst gar nicht zu kennen und einfach auf gut Glück loszufahren, als zu wissen, was auf einen zukommt. Damit das Unterfangen nicht gänzlich zum Himmelfahrtskommando werden würde, sind Verena und Hendrik heute schon mal vorausgefahren. Denn auch sie wollen über Foca nach Montenegro in den Durmitor. Die beiden haben unsere Handy-Nummern, und jetzt warten wir darauf, dass sie grünes Licht geben.
Sicherheitshalber die Strecke heute Vormittag die ersten 15 Kilometer abgeradelt, haben wir tatsächlich festgestellt, dass die Straße erstens breit genug ist, und zweitens hier fast keiner fährt. Denn das geht hier mitten durch die Berge und eine sehr dünn besiedelte Gegend zwischen Neretva und Hochgebirge.
Nach mittäglichem Badestopp am Ufer der zirka zwölf Grad kalten grünen Schönen haben wir das auffordernde Angebot der kleinen Bar In The Middle of Nowhere durstig angenommen. „Kann ich euch helfen?“, fragte der Wirt, nachdem er schon länger unsere eifrigen Versuche der Kartenauslegung beobachtet hatte. Oh ja, und wie er konnte. Und er konnte auch hervorragendes Deutsch. In Oberhausen sei er aufgewachsen. „Aber irgendwann hat es mich nach Hause gezogen“, sagt er und macht trotz der recht aussichtslosen Lage (sieht man einmal vom grandiosen Blick auf die Neretva ab) einen sehr zufriedenen Eindruck. „Nein, es verirrt sich nur selten einer hier her“, sagt er. „Aber ich will auch nicht reich werden. Fünfzig bis hundert Mark am Tag genügen.“ Mit seiner Frau lebt er hier oben in den Bergen. „Die ist grad unten im Dorf“, erzählt er weiter. Und wenn heute einer kommen würde und etwas zu essen bestellen würde, könnte er zumindest den Stromausfall vorschieben, der seit zwei Stunden mal wieder alles lahm legt – nur um nichts kochen zu müssen. „Ich kann nur Spiegeleier“, gibt er schmunzelnd zu. Aber es kommt ja eh keiner. Gut, dass wir nur ein Bier bestellen.
Die Straße, ja, die sei gut befahrbar. „Solange die gelb ist auf der Landkarte, hat die wohl Asphalt.“ Sagt der Wirt, ist sich aber auch nicht ganz sicher, denn soweit kommt er hier gar nicht weg. Zumindest aber die Steigung sei seines Wissens nach geringer, als jene von Konjic hoch. Und Verkehr gibt’s hier eh kaum.
So sitzen wir noch eine ganze Weile, betrachten verträumt die grüne Neretva, lauschen den unverständlichen Gesprächen zwischen Wirt und seinem einzigen Gast, was ohnehin die perfekte Symbiose abzugeben scheint und nach viel mehr nicht verlangt. Wir starren auf die Straße, die flimmernde Hitze auf dem welligen Asphalt und sind einfach glücklich, dass sich hier kaum ein Auto her verirrt.
„Kommt keiner.“ Sagt Jörg nach einer Weile in fast philosophischem Tonfall. „Ja, kommt keiner.“ High Noon im Hochgebirge … Und auch ich bin mir langsam sicher, dass wir zumindest den Versuch wagen sollten, den Weg über die Berge nach Foca zu nehmen. Mal gespannt, was Verena und Hendrik sagen …

Die SMS kam gerade eben. „Zirka 20 Kilometer mittendrin unbefestigte Piste, obendrein eine stark einsturzgefährdete Holzbrücke. Das packt ihr mit dem Wohnwagen niemals! Wir sind endlich im Durmitor. Viele Grüße und eine gute Weiterreise, Vreni und Hendrik“

Entsprechend ist die Ernüchterung und auch eine gewisse Panik ist momentan nicht zu leugnen. Wie kommen wir hier jemals wieder weg? ADAC ist Marlenes Vorschlag, was ich übrigens noch nicht mal als den schlechtesten Einfall erachte (lohnt sich diese Mitgliedschaft dann endlich!). Jörg meint, das käme ungefähr einer Kapitulation gleich und ist dafür, entweder die Strecke morgen mit dem Auto abfahren und Lage checken (hey, das geht einmal komplett über die Treskavica, also Mountain Adventure!), oder mit dem Auto die 15 Kilometer zurück und sich jede Serpentine einprägen, um im entsprechenden Moment bloß nicht stehen zu bleiben. Peter, der Bataillonsführer der EUFOR-Truppe aus Sarajevo, die uns heute den ganzen Nachmittag an unserem Platz unmittelbar am See Gesellschaft geleistet und uns mit österreichischem Gösser-Bier versorgt haben, meint, man könne den Wohnwagen durchaus per Hubschrauber ausfliegen, aber 1.400 Kilo seien einfach zu schwer. Und einen größeren Hubschrauber hätten sie nicht mehr zur Verfügung, denn auch hier würde längst eingespart. Aber das ist eine andere Geschichte … Jetzt bin ich erst mal gespannt, wie diese Geschichte hier ausgeht.

 

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