Urlaub auf Balkanien














































.

Jetzt reicht’s! Gefühlt muss ich einem panierten Cevapčiči gleichen, braungebrannt, in Sand gerollt, gut gebraten und von einer gleichmäßigen Speckschicht durchzogen. An Ajvar fehlt es gewiss nicht, zumindest nicht optisch. Ich habe Sonnenbrand! Nur die mittlerweile fast schneeweißen Haaren mögen nicht so recht in dieses Balkanien-Bild passen …
Planschen im Meer war schön und gut, Liegen und Dösen am Strand noch besser, der Mini-Haushalt im Wohnwagen ist gemacht, die Betten vom Sande befreit, das Geschirr gespült, ein Buch eben mal angelesen, und ich bin fertig! Mit meinem Urlaub. Ein halber Tag muss genügen.
Und weil ich eben kein „Urlaubs-Mensch“ bin, habe ich heute – der Rundungen wegen – doch noch beschlossen, ein bissle mit meinem Allrad rumzukurven. Jörg und Helmut waren – des Windes wegen – noch einmal bei den coolen Jungs von Kite-Loop, wo sich einmal mehr auf dem Wasser Rang und Namen abgelaufen, ergo abgeflogen wurde. Und die Kinder sowieso glücklich über den Umstand, zusammen mit dem hiesigen Hunde-Quintett Herrinnen über das mobile Heim zu sein.

Was mir hier auf meinen Erkundungstouren letztes Jahr in meiner Bilanz noch fehlte, war der kleine Šasko Jezero kurz vor der Grenze zu Albanien. Verlässt man die Strände und die Küstenstraße und biegt ins Hinterland ab, ist nicht nur der Trubel schnurstracks vorbei, sondern auch Montenegro faktisch zu Ende; und nur eine einzige Straße schlägt diesen Weg ein, wo zu Zeiten der völligen Isolation des Nachbarstaates das Land in einer Sackgasse endete. Noch immer steht hier ein Sackgassenschild. Auch weist an dieser Stelle ein anderes Schild in allen möglichen Sprachen darauf hin, im hintersten Zipfel angekommen zu sein: „Achtung! Das grenzgebiet“. Achtung! Orthographie ist wo anders. Aber Ornitologie zumindest ist hier vorzufinden …
Ein kleiner Pfad führte dennoch weiter, und so kam ich in meiner Neugier nicht umhin, einfach noch ein Stück weiter zu radeln. Bereits auf dem Weg dorthin, als ich mich mehrmals verfahren hatte, fielen mir weitaus mehr entgeisterte Blicke zu als hilfreiche Hinweise. Ob ich mit dem Fahrrad nach Albanien wolle, wurde ich gefragt und für dieses vermeintliche Vorhaben fast für verrückt erklärt. Die Straße aber, nein, die war keinem bekannt. Ich solle doch gefälligst die große rote Hauptstraße der Küste entlang nehmen. Da fahren nämlich alle. Alle, die hier Urlaub machen.
Jetzt bin ich erstens nicht alle und zweitens mache ich auch nicht (mehr) Urlaub. Und drittens war ich endlich mutterseelenallein. Um mich herum Sumpflandschaft, Salinen, Wildnis, immer wieder mal ein bäuerliches Gehöft, Orangenplantagen, Granatapfelbäume und ganze Feigenwälder. Die letzte behauste Bastion in der montenegrinischen Grenzregion erreicht, war dann wirklich Schluss. Kein Weg mehr, nur noch ein Bergrücken vor mir, und der Grenzfluss Buna (oder Bojana, wie sie in Montenegro heißt) dazwischen. Den See „entdeckte“ ich auf diesem Wege nicht, dafür das Flussufer.
Dass hier unmittelbar an der Grenze zu Albanien längst nicht mehr scharf geschossen wird, davon ging ich jetzt einfach mal aus. Dass mich aber womöglich die albanische Grenzpolizei von irgendeiner Warte aus beobachtete, wie ich mit meinem Allrad und meinem großen Rucksack einen Trampelpfad an’s Wasser suchte, das konnte ich mir durchaus vorstellen.
Egal. Es war einfach zu schön, um umzukehren. Das gefrierfachkalte Nickšičko-Pivo am Ufer aus dem Rucksack ausgepackt, das zwar nach längerer Fahrt in größter Hitze seine allerletzten Eiskristalle schon lange zuvor eingebüßt hatte, war trotzdem an diesem Ort das Beste, was mir passieren konnte. Es passierte ja sonst nichts. Außer vielleicht die vielen Eisvögel, die sich so akrobatisch wie flink über die Wasseroberfläche katapultierten, oder die alligatorgroßen Eidechsen in ihrem giftgrünen Flecktarn, die regelmäßig über den Weg liefen.
Bis eine leere Patronenhülse im Wasser an mir vorbei trieb. Zeit, aufzubrechen. Man soll Fortuna nicht herausfordern …
Von Albanien trennten mich zirka 200 Meter Wasserweg durch langsam dahinströmendes klares Blau. Durch diesen Strom entleert sich der Liqeni i Shokdrës, der Shkodra-See, ins Meer, der unsere erste Station in diesem fremden Land war. Nun saß ich auf der anderen Seite, sah dem Fluss beim Fließen zu und fand, um es mal nicht zu pathetisch auszudrücken, dass auf dieser Reise bis jetzt alles ganz schön im Fluss war und sich hier an dieser Stelle der Kreis wieder schloss.

Albanien wird ab morgen nur noch eine ferne Ahnung sein. Wir werden weiter heimwärts ziehen und unsere Zelte in der Bucht von Kotor aufschlagen.

„Mama, gehen wir heute noch in die Stadt zum Shoppen?“, fragten mich die Kinder, als ich wieder zurück war.
„Oh nein. Ich bin ziemlich erledigt, das war für heute Nachmittag einfach zu viel“, räumte ich erschöpft ein.
Das kommt davon, wenn man mal einen halben Tag Urlaub macht …

 

image

image

image

image

image