Kleine Bunkerkunde

Ein paranoider Diktator, vier geklaute russische U-Boote, siebenhundertfünfzigtausend kleine und mittelgroße sowie ein riesiger U-Boot-Bunker. Alle davon freilich konnten wir in den letzten zwei Tagen nicht zu Gesicht bekommen; den einen nicht, weil der seit 1984 tot ist, die hunderttausend nicht, weil die gegen Ende des kommunistischen Regimes unter Enver Hoxha nicht mehr fertiggestellt wurden. Aber unmittelbar vor dem Eingang des größten und schauderhaftesten sind wir gestern gestanden; und unzählige putzige kleine haben wir heute beäugt, besessen und belagert.

Die Albaner nennen sie liebevoll „Bunkeri“, und längst wird sich auch der letzte zur Sentimentalität neigende Retro-Kommunist, der noch einen winzigen Funken Sympathie für den gescheiterten Arbeiter- und Bauernstaat hegte, mit der im Keim erstickten Tatsache abgefunden haben, dass diese kleinen Pilzköpfe in der Landschaft zu nichts anderem mehr dienen, als dem Land irgendwie ein pickeliges Gesicht zu verleihen. Aber ach was – sie hatten noch nie zu etwas anderem gedient. Denn der Feind, vor dem man sich fürchtete, kam einfach nicht. Vielmehr war man erst mal gut Freund. Zunächst mit der UdSSR, dann mit China … bis das „Spiel“ eben kippte und man nicht mehr miteinander „spielen“ und partizipieren wollte. Und Albanien in völliger Isolation und einer Art Steinzeitkommunismus gestrandet ist und wirtschaftlich am Abgrund stand.

In Zeiten der Freundschaft indes baute das kommunistische Regime mit Hilfe der Russen Porto Palermo zu einem geheimen U-Boot-Hafen aus. Bis eben der Freund zum vermeintlichen Feind wurde, dem noch schnell vier U-Boot geklaut und sicher im neuen Bunker verwahrt wurden …

Wir haben uns also gestern und heute mit der albanischen Vergangenheit beschäftigt. Zunächst war diese Vergangenheit weit, weit zurückliegend. Nämlich in der Zeit der schillerndsten aller albanischen Herrscherfiguren: Ali Pascha und seine Burg in Porto Palermo. In selbigem „Porto“, der seit der Belagerung der Italiener im 2. Weltkrieg diesen Namen trägt und einen so gewaltigen wie tiefen Naturhafen in einer geschützten Bucht darstellt, entstand in den 1970er Jahren dieser geheime U-Boot-Bunker. Ein 650 Meter tief in den meerseitigen Berg gesprengter Schlund sollte Platz bieten für diese vier U-Boote, die somit unbehelligt verschwinden konnten. Das ganze Gelände ringsum war bis 1997 weitläufig als militärisches Sperrgebiet ausgewiesen. Die „Straße“, führte im großen Bogen über die Berge, die umliegenden Gebirgshänge waren und sind immer noch von zahllosen kleinen „Pickelchen“ übersät. Mal global betrachtet …

Wie es heute innerhalb dieses Höllenschlundes aussieht, darüber lässt sich rein gar nichts erfahren (auch nicht im Internet), und scheinbar wird das auch immer noch geheim gehalten.
„Wir könnten eigentlich unten rein tauchen“, war Jörgs Vorschlag, als wir direkt vor dem martialischen Portal standen. Wieso wir da überhaupt standen, mag sich Mancher fragen; und wir uns im Nachhinein auch.
„Komm, wir klettern da runter, da kommt man irgendwie hin“, forderte ich zu dieser Expedition auf, als wir von oben auf den fast menschenleeren Strand blickten.
„Warum hat’s hier keine Touristen? Das ist ja doch ein ziemliches Spektakel“, warf ich die verwunderte Frage auf. Am Strand unten lagerten ein paar Männer, die uns recht interessiert musterten, als wir schnurstracks losmarschierten, bis wir vor dem gewaltigen Gate standen davor zwei Boote der Albanischen Navy „parkten“. Alles in allem war die Atmosphäre so schaurig-gruselig wie faszinierend-fesselnd zugleich.
„Ui, schau mal, hier ist Fotografieren strengstens verboten“, entdeckte Jörg eine Tafel (nachdem die Speicherkarte schon am Dampfen war).
„Pfffff, das haben wir einfach nicht gesehen …“ Klick, klick, klick …

Auf dem Rückweg kamen uns zwei dieser „Beachboys“ entgegen, die sich recht schnell zum Albanischen Militär zugehörig erwiesen und uns überaus freundlich darauf aufmerksam machten, dass dies hier eine Militär-Basis sei.
Wir würden uns sofort vom Acker machen, sagte ich erschrocken.
„Oh, it’s not a problem, don’t hurry“, hielten sie uns von einem übereilten Aufbruch ab …

Deshalb also keine Menschen, die diesen Ort besichtigen wollten 🙂
Heute gingen wir die Bunker-Erkundung etwas gezielter an, vor allem aber im Kleineren. Um nicht zu sagen, im ganz Kleinen. Der Bunker des kleinen Mannes misst gerade mal eine Höhe von 1,80 Meter und sieht in der Landschaft aus wie ein Schildkrötenpanzer. Das Standard-Modell, behauptet Jörg, sei der schlichte Ein-Mann-Bunker. Reihenweise liegen diese „Schildkröten“ in der Landschaft herum, und waren doch einfach für die Katz. Vornehmlich exponierte Gebirgshänge gelten als „Lebensraum“ dieser Spezies an Kriechtieren; aber auch direkt am Meer, am Strand, in der Stadt, einfach überall sind diese Betonmonster zu finden. Wir suchten sie heute in den Bergen. Und dieser Weg führte uns über die alte „Umgehungsstraße“ hinter Porto Palermo mitten in die albanische Gebirgswelt.
Grundsätzlich wandert der Albaner nicht, noch nicht einmal gibt es im albanischen Wortschatz einen Ausdruck dafür. Wir mussten tatsächlich ein merkwürdiges Bild abgegeben haben, als wir nach sehr abenteuerlicher Fahrt über Stock in Stein in dem klitzekleinen Bergdorf am Dorfplatz das Auto abgestellt haben. Die Männer um den Dorf-Rrapi grüßten uns neugierig, freuten sich, dass wir den Weg hier hochgefunden haben.
Ob uns ihr Dorf denn gefiele, fragten sie interessiert, und waren sichtlich glücklich darüber, dass wir ihrem Anger, den sie gerade im Begriff waren, zu pflastern, unsere Ehre erwiesen. Rucksackbewehrt und mit schwerem Schuhwerk wanderten wir los über eine zauberhafte Hochebene voll archaischer Anmut. Schafherden, wilde Macchia, Salbei, Eisenkraut, ausgedehnte Farnwälder, Kork- und Steineichen, Olivenhaine, Ackerflächen, immer wieder tief ins Erdreich gemauerte Zisternen, die von einer jahrhundertealten Kulturlandschaft zeugen. Und dazwischen Bunker, Bunker und nochmals Bunker. Als ob sie über die Jahrhunderte der Siedlungsgeschichte einfach so mitgewachsen wären …

Den obersten mit der schönsten Aussicht weit über Korfu hinaus auf all die kleinen griechischen Insel-Trabanten wählten wir aus, um unser Lager aufzuschlagen – und damit eine neue Seite in unserem Lehrbuch über dieses Land, das mit einer landschaftlichen Schönheit aufwartet, wie wir sie noch nie gesehen haben, uns mit einer Geschichte und Kultur konfrontiert, die uns bislang völlig verschlossen war und von Menschen bewohnt ist, die unvoreingenommen jeden mit „Miresevini!“ begrüßen. „Herzlich willkommen!“

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